Simon Kolbe: Foodcamp – Ein Beitrag zum Kompetenzerwerb in der inklusiven Praxis. (Abschnitt über LdL)

In: Pithan, Annebelle/ Wuckelt, Agnes: Miteinander am Tisch – Tische als Ort sozialer Utopien, Forum für Heil- und Religionspädagogik Band 10. Münster 2019, 170-184.

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3.LdL – Via Lernen durch Lehren zum Kompetenzerwerb
Eine relevante Möglichkeit Kompetenzlernfelder zu erschließen und Kompetenzerwerb zu ermöglichen, ist der Ansatz „Lernen durch Lehren“ (LDL nach Martin) aus dem Jahre 1985. Geprägt durch den Didaktiker Jean-Pol Martin wird hierbei das Phänomen beschrieben, dass Kinder durch eigene Lehrtätigkeiten einen effektiveren Kompetenzerwerb erleben können (Kelchner/ Martin 1998; Martin 2002; 2018). Primär für die Unterrichtsoptimierung gedacht, kann dieser Ansatz auch in diversen (in-)formellen Lern- und Lehr-Settings von Bedeutung sein. Der reziproke Ansatz des LdL beinhaltet Hilfestellung und Hilfekonzeption von Kindern beim Wissenstransfer durch eigenständige Wissensvermittlung an die Peergroup. Er verknüpft dabei den kommunikativen und lehrenden Perspektivenwechsel und die Option, eigenes Wissen, Fertigkeiten und Erkenntnisse anderen Gleichaltrigen oder Erwachsenen zu vermitteln. Im Ergebnis ist ein Zustand von Erfolgserlebnissen zu beobachten (Flow) und vor allem ein vertiefter, alternierender Kompetenzerwerb. Den Kindern werden Freiräume geschaffen, exploratives Verhalten auszuleben und damit verbundene Bedürfnisse nach neuen Lernfeldern zu erfüllen. Dabei lernen die Kinder möglichst autonom relevante Inhalte zu differenzieren und erarbeiten sich kommunikative Kompetenzen. Die internationalen Vertreter des LdL fordern im Hinblick auf die digitalisierte und vernetzte (Wissens-)Gesellschaft einen pädagogischen und didaktischen Paradigmenwechsel, der die Autonomie und Reflexionsfähigkeit der Lernenden fokussiert (Martin 2002; Steen 2012; Berger u.a. 2015; Martin 2018). Auch Zimpel (2012; 2014) reklamiert, mit Blick auf die Kompetenzentwicklung, eine Veränderung der Lernkultur in inklusiven Settings. Er verortet sie auf den Ebenen Perspektivenwechsel, Teilhabe und Unterricht. Zusätzlich empfiehlt er dafür eine Überwindung der Defizitorientierung und die Ausrichtung von pädagogischen Prozessen in Form von individueller defizitunabhängiger Hilfestellung und Hilfekonzeption als Kompetenzformat (Zimpel 2012; 2014). Im Praxisbeispiel Foodcamp finden die o.g. Perspektivenwechsel und autonomen Lehr- und Lernprozesse primär durch die partizipativen Elemente der Veranstaltung statt. Kinder, die bereits Vorkenntnisse und -erfahrung haben, übernehmen eigenständig Lehrfunktionen bei anderen Kindern. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich punktuell auf spezifische Anforderungen vorzubereiten. Zu diesem Zwecke wird für die Kinder eine Bibliothek mit Koch- und Sachbüchern zur Verfügung gestellt und eine Sammlung von Küchengeräten präsentiert (z.B. Saftpresse oder Räucherofen). Das individuell Erlernte wird wiederum anderen Teilnehmern_innen vermittelt, den Pädagogen_innen und auch Besuchern präsentiert. Die kontinuierliche „Erfolgskontrolle“ erfolgt durch gemeinsames Abschmecken der Produkte in der Kleingruppe und in der gemeinsamen Mahlzeit, bei der auch Gäste bewirtet werden. Das unmittelbare, niederschwellige und temporär gestaffelte Feedback kann so starke Flow-Momente generieren.
4.Handlungsimplikationen und Ausblick
Das Foodcamp skizziert ein inklusives sozialpädagogisches außerschulisches Angebot aus der Kinder- und Jugendarbeit. Mit dem Versuch, gleichwertige Zugangs- und Anforderungsbedingungen für eine vielfältige und teilweise schwer erreichbare Zielgruppe zu schaffen, kann das Foodcamp als niederschwellig beschrieben werden (Mayrhofer 2012). Dabei bietet es kindlichen Kompetenzerwerb in (in-)formellen Lernfeldern (Thole/ Höblich 2008). Durch das gemeinsame Kochen und Essen können die Kinder vielschichtige Kompetenzen explorieren, entwickeln und vertiefen. Das unmittelbare Feedback und die konkrete pädagogische Begleitung von positiven Erfolgserlebnissen bieten Raum für Teilhabegerechtigkeit und damit Wohlbefinden und Lebensqualität (Morisse u.a. 2013; Wild u.a. 2015). Daher sollte den Erlebnissen des gemeinsamen Mahls und der gemeinsamen Zubereitung von Speisen nicht nur aus (über-)lebenspraktischen Gründen eine höhere Aufmerksamkeit in der Kinder- und Jugendarbeit – respektive den pädagogischen Disziplinen – geschenkt werden.Inklusive Settings implizieren dabei die Notwendigkeit, angepasste Kommunikationsstrategien zu finden. Herausforderungen sind dabei die körperlichen oder kognitiven Charakteristika der Beteiligten und die interkulturellen Konstellationen (Crotty/ Doody 2016). Wichtige Lösungsoptionen sind die Schaffung von interkulturellen (und inklusiven) Lernumgebungen und vor allem Kommunikations- und Visualisierungsformate wie leichte, verständliche oder vereinfachte Sprache (Schwarzer u.a. 2008; Springer 2014; Ebert/ Hörenberg 2017; Ebert u.a. 2017). Das pädagogische Handeln der beteiligten Fachkräfte erfordert eineZuwendung auf die Diversität und die spezifischen Bedürfnisse der Kinder. Geeignete Strategien beinhalten eine angepasste Methoden-Mischung, die sich an den Bedürfnissen und Kompetenzen aller am Lernprozess beteiligten Kinder orientieren (Hemmeter/ Grisham-Brown 2006) und die Defizitorientierung überwinden (Zimpel 2012, 2014; Heimlich 2013). Der LdL-Ansatz von Martin (1998, 2002, 2018) erscheint daher in inklusiven Konstellationen als relevante Option des effektiven Kompetenzerwerbes (Martin 2002; 2018).
5.Ausblick: Inklusive Forschung und inklusive Kompetenzen
Orte der Inklusion sind u.a. Schule, Familie und Umfeld, sowie die Gesellschaft und ihre Institutionen. Die Akteur_innen dieser Systeme stellen abhängige Instanzen für die Qualität inklusiver Prozesse dar. Verantwortliche in diesen Prozessen ermöglichen oder verhindern inklusive Erfahrungen (Rodrigues u.a. 2015; Simplican u.a. 2015; Arndt und Werning 2016; Brokamp 2016). In der pädagogischen Frühförderung fungiert Inklusion als handlungsleitende Maxime und Zielvorgabe (Weiß 2013). Die Verbände der Kinder- und Jugendarbeit übernehmen in diesem Spektrum eine wichtige Rolle für positive Inklusions- und Integrationsarbeit und bieten Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb (Harring 2008; Thole und Höblich 2008; Bayerischer Jugendring 2015b; 2015a).Das Konstrukt „Inklusive Kompetenzen“ kann eine Lücke in der inklusiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen schließen. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich grundsätzlich mit der Komplexität und den anspruchsvollen gesellschaftlichen, organisatorischen und (fach-)disziplinären Aufgaben der Thematik. Ein Großteil der Untersuchungen erarbeitet jedoch hauptsächlich deskriptiv-empirisch Phänomene von Ausgrenzung oder Integration. Dabei werden teilweise inkongruente Befunde und Erkenntnisse abgebildet (siehe u.a. Ellinger u.a. 2012; Krull u.a. 2014; Klemm 2015; Dedering 2016). Die Kompetenz-Forschung scheint sich zwar weitgehend mit der Thematik auseinander zu setzen, aber ein konkreter konzeptioneller Ansatz, der „inklusive Kompetenzen“ herausarbeitet ist bisher nicht hinreichend publiziert. Dies wurde schon von anderen Autoren partiell als Desiderat oder Forschungsfeld erkannt (Embse u.a. 2011; Ziemen 2013). Dabei ist diese Problematik rekurrent im Sinne der Aspekte von Inklusionsforschung, die sich den Erfolgsfaktoren bzw. den Grenzen von Inklusion widmen.
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NM: Programm

Programm der Wählerliste „Neue Menschenrechte“

(im Aufbau)

Motto: Ressourcenorientierung und Partizipation -> Bürgerbeteiligung   (Wegweiser Bürgergesellschaft)  –  Bürgerwissen   (Leitlinien Bürgerbeteiligung)

Theoretische Basis

Das Programm steht auf einer bedürfnistheoretisch und kognitionspsychologisch fundierten wissenschaftlichen Grundlage. Es stützt sich auf ein exakt definiertes Menschenbild mit den sich daraus ergebenden 6 Menschenrechten. Diese stellen die Leitlinie für alles politische Handeln. Alle politischen Entscheidungen sollen darauf ausgerichtet sein.

Inhalte

Sofern angebracht bediene ich mich bei allen Parteien, Bürgerinitiativen und Petitionen von einzelnen Bürgern. Die Qualität meiner Vorschläge liegt an der unterschiedlichen Priorisierung. Die Priorisierung nehme ich aufgrund meiner spezifischen Zielsetzung vor.

1.Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung)

1.1. Agile Strukturen

Es wird angestrebt, agile Strukturen in Verwaltungen, Unternehmen, Schulen und Hochschulen  in Ingolstadt zu verbreiten:

Entwicklung der Agilität

Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, die Menschen schon sehr früh erwerben sollen, die Kompetenz zur Konzeptualisierung. Damit meine ich, dass man sich aktiv in Handlungsfelder begibt, Probleme identifiziert, qualifizierte Partner zur Problemlösung sucht, gemeinsam Informationen sammelt und sortiert (was im Netz geschieht), und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet (Konzeptualisierung).
Der Hauptakteur hat also die Aufgabe, sich permanent einen Überblick über die aus einem bestimmten Feld stammenden Informationen zu verschaffen, ein Problem identifizieren, Partner zu suchen und die kollektive Reflexion zu organisieren bis eine Lösung gefunden wurde. (…)“ (JP.Martin, zitiert von Margret Ruep, 2020)

1.2. Bürgerbeteiligung

– Bürgerbeteiligungsrat:  (Antrag der Grünen (April 2018) zusammen mit der BGI und der ÖDP)

Compliance-Richtlinien:   (Anträge der BGI)

1.3. Einsatz von KI bei der Vorbereitung von politischen Entscheidungen

2. Gesundheit

2.1 Grünring  (SPD-Antrag)  Grünring (Grüne-Antrag)

2.2. Radverkehr (BGI-Anträge)  Radverkehr (ÖDP-Antrag)

2.2. Petition C02 in Ingolstadt  (LINKE/Christian-Linus Pauling)

Wir fordern den Oberbürgermeister dazu auf, 2035 als Frist für die CO2-Neutralität der Stadt festzulegen. Ingolstadt soll in Bayern eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Klimawandel einnehmen und zum grünen Herzen des Bundeslandes werden. (…)“

3. Sicherheit

3.1. Arbeit

3.2. Wohnen

3.3. Integration

4. Soziale Einbindung

4.1. Petition Heilig Geist Spital  (Bernd Rachner)

Die Heilig Geist Spital Stiftung wurde vor nunmehr 700 Jahren gegründet. Kurz vor dem Jahrestag scheint die Stiftung in einem maroden finanziellen Zustand zu sein. Wir, die Freunde der Heilig Geist Spital Stiftung, die betroffenen Bewohner und Angehörige, aber auch alle interessierten Bürger der Stadt fordern Sie auf (…)“

4.2. ÖPNV  (BGI-Programm, siehe S.19ff)

4.3. Integration/Asyl:  Ankerzentren   (Antrag Grüne-BGI-SPD-ÖDP)

4.4. Kulturpolitik: Kammerspiele und die 6 Bedürfnisse, insbesondere soziale Integration und Partizipation

5. Selbstverwirklichung und Partizipation

5.1. Bürgerbeteiligung  (Wegweiser Bürgergesellschaft)

6.Sinn

Der Sinn ergibt sich aus der Möglichkeit zur Teilhabe an 1-5 gemäß den persönlichen Lebensumständen und Zielsetzungen jedes Einzelnen.

 

Beispiele für Bürgerbeteiligung

Thema 1: Die Situation der Flüchtlinge in Ingolstadt. Deutschunterricht und berufliche Integration

Organisation:  Verwaltung, Stadträte, Bürgergesellschaft (Ehrenamtliche, Experten)

1. Ziel der Bürgerbeteiligung

Das Thema Asyl wird uns lange begleiten. Es ist emotional besetzt und birgt  Konfliktpotenziale. Die Bürgerbeteiligung soll zu einer rationaleren Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Ingolstädter Bevölkerung beitragen.

– Es werden Informationen über die  bisher erzielten Erfolge gesammelt und es werden die noch vorhandenen Defizite aufgezeigt

– Ideen und Ressourcen aus der Bevölkerung werden mobilisiert, um eventuellen Defiziten zu begegnen.

2. Methode: das Bürgerpanel

Ein Bürgerpanel besteht in seinem Kern aus einer regelmäßig (3-4 mal jährlich) stattfindenden, repräsentativen Befragung von Bürgerinnen und Bürgern. In einem ersten Schritt wird eine repräsentative Gruppe von 500 bis 1000 Bürgerinnen und Bürgern, die sich einverstanden erklärt haben, über einen Zeitraum von 3 bis 4 Jahren regelmäßig an 3 bis 4 jährlichen Befragungen zu kommunalen Themen teilzunehmen, für den sog. Befragtenpool rekrutiert und befragt.“

3. Ablauf in Ingolstadt

– Ein erstes Treffen mit Experten und Ehrenamtlichen wird im Juni 2019 stattfinden. Daraus soll die Steuerungsgruppe entstehen.

-Es werden Informationsmaterialien und Fragebögen für die beteiligten Bürger erstellt.

-Das Bürgerbeteiligungskonzept wird der Stadt Ingolstadt vorgelegt.

Thema 2: Verkehrskonzept in Ingolstadt – ÖPNV

Organisation:  Verwaltung, Stadträte, Experten, Bürgergesellschaft

1. Ziel der Bürgerbeteiligung

Das aktuelle Verkehrskonzept weist ehrhebliche Defizite auf. Die verschiedenen Parteien haben zum Teil sehr unterschiedliche Vorschläge. Die große Sachkompetenz der Bürger als Benutzer sollte nachhaltig mobilisiert werden.

2. Methode: Planungszelle

Durch die Methode erhalten zufällig ausgewählte Bürger/innen eine Gutachterrolle, in der sie – unterstützt durch den Input von Experten und Interessenvertretern – verschiedene Lösungsansätze für eine vorgegebene Fragestellung diskutieren und abwägen. Gemeinsam treffen die Bürgergutachter/innen informierte Entscheidungen, die dem Auftraggeber in einem Bürgergutachten als Empfehlung vorgelegt werden.

3. Ablauf in Ingolstadt

(im Aufbau)

Wissenscontainer: Ankerzentren. Mai 2019

Diskussionen in Facebook (oder in anderen socialmedien) sind sehr wertvolle Ressourcen. Sie sind eine Art Vorraum zur Bürgerbeteiligung im eigentlichen Sinn. Hier habe ich wesentliche Auszüge aus einer Diskussion zum Thema afrikanische Kinder in den Ingolstädter Ankerzentren und Unterkünften zusammengestellt.

Augsgangspost

Jean-Pol Martin:

Ich weiß nicht, ob euch die vielen afrikanischen Frauen – nicht selten schwanger – mit Kleinkindern in der Innenstadt aufgefallen sind. Viele sind in den Unterkünften und Ankerzentren untergebracht. Was wird aus diesen Kindern? Was tun wir, um Problemen vorzubeugen?

Antworten

H.R. Es geht der Glaube um, dass Personen mit Schwangerschaft oder Kleinkindern größere Bleibewahrscheinlichkeit in Deutschland haben und dadurch eher vor Rückführung sicher sind.
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A.K.  Viele Frauen sind schwanger, wenn sie im Ankerzentrum ankommen. Sie wurden in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht vergewaltigt, werden Opfer von Menschenhandel, zu Prostitution gezwungen.

H.R. wie kommen Sie eigentlich zu der Aussage, es gehe darum, Zeit zu gewinnen und nicht darum, für immer hier zu bleiben. Hat Ihnen das irgend eine Betroffene gesagt? Wohl kaum!
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C.S. Ich denke, Flüchtlinge müssten auf alle Länder, die als sicher gelten, anteilig verteilt werden, egal, welches sie selber bevorzugen. Wer suggeriert denn, dass sie hier die besten Chancen haben? Woher kommt das?
H.R. ich finde, wenn man sich in die Betroffenen hinein denkt, und dann überlegt, wohin man aus dem eigenen Chaos entfliehen will, dann kommt doch sofort Europa und natürlich Deutschland in den Sinn. Amerika ist zu weit, ebenso Asien. Und TV empfängt man überall.
A.S. es gab diesbezüglich bis vor einigen Jahren hahnebüchende „Werbefilme“, von der Bundesregierung selbst. Inzwischen sind sie nicht mehr im Netz zu finden. Da war dargestellt wie leicht und einfach due Ankunft und Aufnahme ist, die tolle Unterbringung in sauberen menschenleeren Unterkünften, viel Arbeitsmöglichkeiten. Jugendliche aus Syrien und Somalia sagten mir (vor 3-4 Jahren), dass, wenn man nach Deutschland kommt, jeder vin Merkel ein Haus und freies Einkommen bekommt. Mit diesen Aussagen, hohlen Versprechungen, locken Schlepper die Menschen, oft die ältesten Söhne einer Familie, mit der Hoffnung und Gewissheit, dass, wenn das Kind/junger Mann nur mal Deutschland erreicht hat, auch die ganze Familie nachkommen kann.

S.N.  Wir haben hier das Glück, dass unser Helferkreis einen Sozialraum in ein Spiel- und Lernzimmer für die Kinder einrichten durfte. Das hilft sehr. Auch die Integration in die Betreuungsangebote und Schulen klappt hier gut. Wir hatten aber damals auch genug Vorlaufzeit, um Überzeugungsarbeit leisten zu können.

J.P. M. Sehr gut! Aber was ich über die Situation im Ankerzentrum höre klingt ganz anders. Auch was die Einstellung der Bewohner in Bezug auf das Kinder zeugen betrifft, so scheint es, dass sehr pragmatische Aspekte nicht selten im Vordergrund stehen. Siehe u.a. den Kommentar von H.R.
S.N. da gibt es auch wirklich riesige Unterschiede. Wir sind hier im Landkreis so eine Art Insel der Glückseligen. Wir haben hier halt Norbert Elias gelesen. Und verstanden, dass man als aufnehmende Gruppe etwas tun muss, um die Neuhinzukommenden auch in die Gemeinschaft aufzunehmen. Also genau das Gegenteil von der Ablehnung, die Elias damals beschrieben hatte. Ich weiß, dass es kaum irgendwo so gut klappt wie hier. Wir nennen uns selbstironisch „Streberclique“. Aber nur so funktioniert es.
L.H.-G. bei Euch handelt es sich dann wohl um eine Gemeinschaftsunterkunft und nicht um ein Anker-Zentrum, oder?
S.N. Stimmt, es ist eine Gemeinschaftsunterkunft. Natürlich ist ein Ankerzentrum schlimmer hoch 10. Aber manche Probleme hat man hier wie dort. Ankerzentren gäbe es nicht, wenn ich das zu bestimmen hätte.
H.R. Habe mich mit einem Nigerianer dort eng befreundet. Hole ihn öfter von dort ab, aber ich war dort noch nicht drin und werde wohl sicher auch nicht reingelassen. Aber der Zaun und die patroullierenden 2-Gruppen von Sekurities finde ich bedrückend und beängstigend. Ist wie Gefängnis oder damals militärisches Sperrgebiet.
Ist länger wie 3 Monate nicht zu akzeptieren. Leider dauern die Verfahren immer noch länger.
Z.B. das stimmt nicht ganz so. Auch Frauen mit Kindern und schwangere Frauen können abgeschoben werden. Der Ansatz diese Frauen diesbezüglich zu informieren wäre richtig. Und das in englischer Sprache. Aber entgegen Behauptungen bei dem Treffen der wichtigen beteiligten Engagierten, ist es nicht so dass diesen Frauen und Männern unsere Gesetze in englischer Sprache vermittelt werden.
J.P.M. Ich kenne persönlich 11 jährige, die unbedingt fleißig lernen wollen, aber durch die Bedingungen, die auch von den Erwachsenen zu verantworten sind, daran gehindert werden.
S.K. Das mit den Kindern hat vielfältige Gründe. Wir untersuchen zur Zeit, warum das so ist und wo man ansetzen kann. Die hier geäußerten Vermutungen sind zwar oft naheliegend, bilden aber das komplexe Konstrukt aus kulturellen, religiösen, bleibeoptionalen und bildungsproblematischen Gründen nicht unbedingt ab. H.R. hat mitunter Recht, aber es stimmt auch, dass Kinder unter Umständen vor einer Abschiebung schützen. Da sonst wenig Perspektiven und Alternativen gegeben sind, sind Kinder oft das Ergebnis der Situation und bedingen wiederum die andere Lage, die wiederum Kinder als Ergebnis haben. Zwangsprostitution spielt übrigens auch noch eine massive Rolle.
C.S. Die negativen und abweisenden Haltungen sind, so kommt es mir jedenfalls vor, nicht von Anfang an dagewesen. 2015 war die Willkommenskultur noch der große Trend.
Ich habe seither bei vielen meiner FB-„Freunde“ (ich habe da ein breites Spektrum an politischen und religiösen Ausrichtungen, weil ich nicht im eigenen Saft schmoren will) einen deutlichen Rechtsruck beobachten müssen. Die wenigsten von ihnen würde ich als Rassisten oder grundsätzlich fremdenfeindlich einstufen. Islamkritisch passt schon eher, kann ich aber gut nachvollziehen. Religionen sind schließlich keine Rassen, sondern Indern Ideologien und müssen als solche unbedingt angreifbar bleiben, diesen großen Verdienst, den wir der Aufklärung verdanken, dürfen nicht relativieren und lockern. Nun, die Leute, die zunehmend negativ und abweisend gegenüber unserer Migrationspolitik geworden sind, beziehen sich dabei meist auf Statistiken (Gewaltdelikte und vor allem Sexualstrafdelikte, sowie Messer-Angriffe). Es fällt ihnen schwer, zu verstehen, wieso Gäste ihre Gastgeber attackieren, was ja häufig in den Zeitungen zu lesen ist. Dass die Mehrzahl der Angriffe und Morddelikte, sowie die Mehrzahl aller frauenfeindlichen Übergriffe innerhalb der Migrantegruppen selber passieren, wird oft ignoriert – die Meldungen, in denen sich eine Deutsche mit einem muslimischen Migranten einließ, der sie daraufhin als seinen Besitz ansah und ermordete, sobald sie es anders sah, prägten sich halt stärker ein. Oder auch die umstrittene Kika-Reportage, in der die Beziehung zwischen einem jungen, sehr sympathischen Syrer mit einer deutschen Schülerin gezeigt wurde, in der er gewisse Forderungen äußerte, die auf moderne Frauen und Männer doch sehr beunruhigend wirkten, (sie soll KT tragen, sie soll zum Islam konvertieren, sie soll sich nicht mehr für gay rights einsetzen), die sie noch nicht erfüllte, während sie anderen Bedürfnissen seinersetzs seinerseits bereits nachgegeben hatte: Sie isst kein Schwein mehr (was ich ok finde, wenn sie zusammen kochen) , trägt keine freizügige Kleidung mehr, keine kurzen Röcke und so. Nicht gut. Und soll ihre männlichen Freunde nicht mehr umarmen dürfen. Sie muss ihn auch heiraten, wenn sie mit ihm zusammenziehen will Der junge Mann wirkte aber bereits äußerst integriert! Ich weiß nicht, wie ich selber das einschätzen soll, kenne zu wenig Flüchtlinge, aber viele haben den Eindruck, dass da zwei Wertesysteme aufeinandertreffen, die einfach inkompatibel sind. Und dass die Integration nur bis zu einem bestimmten Level klappen wird, das uns immer noch vor viele Probleme stellen wird. Mich würde interessieren, was diejenigen hier, die offensichtlich mehr Einblick haben als ich, das sehen. Ich möchte nicht, dass wir auf eine Zukunft steuern, in der an Volkshochschulen Nacktfotos abgehängt werden müssen, oder auf Theaterinszenierungen, die sich über Religionsstifter lustig machen, aus Angst vor Anschlägen verzichtet werden muss.
S.K.  ich stimme Ihnen in den meisten Punkten zu. Jedoch sehe ich die Aussagen zum Islam und zu Daten und Taten von Geflohenen differenziert: die Kriminalität von Asylbewerbern/innen wird medial und politisch intensiver reproduziert und problematisiert als das statistisch tatsächlich eine massive Bedrohung besteht. Das schliesst natürlich nicht aus, dass es dort auch Handlungbedarf gibt. Den „Islam“ gibt es nicht, und Religion an sich kann auch positive Faktoren in der Resilienz darstellen. Auch was an negativen Einstellungen und Delinquenz von Geflohenen wahrgenommen wird, kann nicht in deren Religion begründet werden. Es gibt zu viele Faktoren, die Menschen zum dem machen, als das sie wahrgenommen werden. Durch die Geflohenen ist unsere offene Gesellschaft nicht in Gefahr – es ist die Aufgabe der offenen und sozialen Gesellschaft sich deutlich abzugrenzen, aber für Teilhabe offen zu sein. Integration ist nicht die Aufgabe der Ankommenden alleine, genauso, wie unsere Gesellschaft mit Nichten unfehlbar ist.
C.S.Den „Islam“ gibt es nicht, und Religion an sich kann auch positive Faktoren in der Resilienz darstellen“.Nun, es gibt etliche Strömungen im Islam und darunter auch liberale, die aber eher nicht den Haltungen des Mainstream-Islam entsprechen. Im Gegenteil, Seyran Ates z.B. die in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat, hat es nicht nur mit den hiesigen großen Islamverbänden zu tun (die alles andere als tolerant oder gar liberal sind) und zusätzlich mit Morddrohungen. Fakt ist auch, dass ausnahmslos jeder Islam-Kritiker, sofern es sich um einen Ex-Moslem handelt, unter Polizeischutz steht. Eine Islamwissenschaftlerin hatte kürzlich an der Goethe-Universität Gäste zu einem Symposium unter dem Titel „Das Kopftuch im Islam – Symbol der Würde oder der Unterdrückung“ eingeladen – zum Teil Leute, die das KT ablehnen , zum Teil aber auch Personen, die selber eines tragen. Sie wurde von einer Gruppe islam(ist)ischer sicher Studenten heftig attackiert wegen angeblichen „antimuslimischem Rassismus“. Die schreckten nicht mal vor der Forderung zurück, die Dozentin müsse entlassen werden.

Sicher, Religion kann auch positive Faktoren enthalten – aber das sollte dann als Privatangelegenheit stattfinden. Jedweden politischeb politischen Einfluss halte ich für brandgefährlich. Und ich habe von vielen Islamkennern gehört, dass der Islam nunmal eine sehr politische Religion sei. Dem dürfen wir nicht nachgeben. Niemals. Daher verstehe ich die Sorgen derjenigen, die inzwischen nicht mehr so „willkommensbereit“ sind wie zu Beginn der Flüchtlingskrise, als es noch keine Silvesternacht Nacht in Köln gab, keine aufsehenerregenden Mordfälle, die wie Hinrichtungen in aller Öffentlichkeit und sogar bei Tageslicht zelebriert wurden. Ich bin immer noch jemand, der versucht, die reale Gefahr als sehr gering einzustufen, die Deutschland als sehr sicher empfindet, aber ich kann eben all jene verstehen, die das nicht mehr ganz so sehen wie ich. „Auch was an negativen Einstellungen und Delinquenz von Geflohenen wahrgenommen wird, kann nicht in deren Religion begründet werden“ In der Religion alleine nicht, auf deren Konto gehen nur die klar in ihrem Namen verübten Attentate. Einzelne Beziehungstaten, Moralvorstellungen, die noch nicht im Hier und erst recht nicht im Heute angekommen sind, kann man evtl. eher der Kultur der Herkunftsländer zuschreiben. Dabei lässt es sich aber kaum leugnen, dass es sich in diesen Kulturen eben um solche handelt, in der islamische Moralvorstellungen (die nunmal nicht mit unseren kompatibel sind, jedenfalls nicht mit meinen!) sehr viel Einfluß haben. Die Religion spielt dort eine sehr große Rolle und das leider nicht im positiven Sinn. Ich hoffe sehr, dass mit einer gelungenen Integration auch eine gute Säkularisierung einhergehen kann. Nur wenn DAS gelingt, können wir überhaupt von Intergration sprechen. Gestern kam irgendwo die Meldung, es sei an ieiner Schule gelungen, dass Muslime es jetzt tolerieren, dass die nichtmuslimischen Kinder während des Ramadans essen. Na prima! Wenn man das als „Integration“ versteht, sehe ich schwarz. Sie müssen auch lernen, dass auch jeder Moslem das Recht hat, auf den Ramadan zu pfeifen, wenn er will und auch jedes Mädchen das Recht hat, einen westlichen Lebenswandel zu führen. Hoffen wir, dass das gelingt! 🙂

S.K. Sie haben bei ihren Beispielen recht, und die Dinge, die sie beschreiben sollten wirklich nicht passieren. Sie werden auch nicht in einem höheren Ausmaß passieren, wenn man klare Bedingungen der Integration stellt, aber eben einen transparenten Diskurs auf Augenhöhe führt, der Perspektiven, Sicherheit, Vertrauen und Anerkennung beinhaltet. Die beschriebenen Straftaten haben die Flüchtlingen nicht erfunden und nicht ins Land gebracht. Sexualisierte Gewalt und Verbrechen sind schon seit langem Teil unserer Gesellschaft und christliche und nichtchristliche weise Europäer missbrauchen genau in diesem Moment Kinder in Thailand, Nigerianerinnen, Osteuropäerinnen und Asiatinnen in Europa, die Frauenhäuser in Deutschland sind voll, die Skandale bei Lehrern und Priestern bekannt. Dabei spielen Geflohene und Muslime eine untergeordnete Rolle. Integration bedeutet nicht, den Menschen ihren Glauben zu verbieten. Glaubensfreiheit garantiert das Grundgesetz bis zu dem Punkt, an dem das Wohl und die Rechte anderer betroffen sind. Das ist auch gut so, darum fliehen ebenfalls viele Menschen hier her. Warum Religion und Spiritualität aber relevant sind, ist wissenschaftlich erwiesen. Gerne sende ich Ihnen dazu eine Literaturliste und einen Aufsatz von mir. Als nächsten Post ebenfalls eine kleine Auswahl von Quellen, die sich mit der medial verschobenen Wahrnehmung von Migranten als Straftäter beschäftigen.

Diese Liste hat Prof. Meier von der KU zusammengestellt: Zu den Nachwirkungen der Silvesternacht zum Beispiel:

Florian Arendt, Hans-Bernd Brosius & Patricia Hauck: Die Auswirkung des Schlüsselereignisses „Silvesternacht in Köln“ auf die Kriminalitätsberichterstattung. In: Publizistik, Heft 2/2017, S. 135-152.

Behrendes, Udo (2016). Die Kölner Silvesternacht 2015/2016 und ihre Folgen: Wahrnehmungsperspektiven, Erkenntnisse und Instrumentalisierungen. Neue Kriminalpolitik, 28, 322–343.

Dürr, S., Märkl, D., Schiavone, M., & Verhovnik, M. (2016). Die Kölner Silvesternacht in Medien und Öffentlichkeit. Sexuelle Gewalt in der öffentlichen Debatte. Communicatio Socialis, 49, 283–296.

zur Berichterstattung früher zum Beispiel:

Hömberg, W., & Schlemmer, S. (1995). Fremde als Objekte. Asylberichterstattung in deutschen Tageszeitungen. Media Perspektiven, 26, 11–20.

Brosius, Hans-Bernd & Eps, P. (1993). Verändern Schlüsselereignisse journalistische Selektionskriterien? Framing am Beispiel der Berichterstattung über Anschläge gegen Ausländer und Asylanten. Rundfunk und Fernsehen, 41, 512–530.

Ruhrmann, G. (1998). Mediendarstellung von Fremden. Images, Resonanzen und Probleme. In S. Quandt & W. Gast (Hrsg.), Deutschland im Dialog der Kulturen: Medien – Images – Verständigung (S. 35–50). Konstanz: UVK.

Delgado, M. (1972). Die „Gastarbeiter“ in der Presse. Eine inhaltsanalytische Studie. Opladen: Leske.

Fishman, M. (1978). Crime waves as ideology. Social Problems, 25, 531–543.

zur Wirkung von Stereotype zum Beispiel:

Arendt, Florian (2013). Dose-dependent media priming effects of stereotypic newspaper articles on implicit and explicit stereotypes. Journal of Communication, 63, 830–851.

Mastro, D. (2009). Effects of racial and ethnic stereotyping. In J. Bryant & M. B. Oliver (Hrsg.), Media effects: advances in theory and research (S. 325–341). New York: Taylor & Francis.

Esser, F., & Brosius, H. B. (1995). Eskalation durch Berichterstattung? Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Thiele, M. (2015). Medien und Stereotype: Konturen eines Forschungsfeldes. Bielefeld: transcript.

M.R.-H.D ann viel Erfolg. Nach meinen Erfahrungen, kannst du Jahrzehntelange Sozialisation und Bildungsdefizite, kulturelle Grundlagen und Geschlechterrollen dieser Menschen nicht so einfach von heute auf morgen verändern. Du kannst auch nicht nach Multiplikatoren suchen, weil die Flüchtlinge sehr heterogen sind. Und die Unterschiede in den Camps gross sind. Zu viele Nationalitäten.

H.R.  wie kann man bei diesen hauptsächlich jungen Menschen von jahrzehntelanger Sozialisation sprechen.Und auch die Bildungsunterschiede zu betonen, finde ich nicht angebracht. Wenn ich ehrlich bin, klingt es sehr arrogant und fern von persönlichen Erfahrungen.Ich habe aus persönlichen Gründen sehr viel mit Eritreern und Äthiopiern zu tun und habe hier für das Alter erstaunliche Einsichten und hohe Intelligenz und Wissbegier festgestellt, dies im Vergleich zu einigen jungen Türken und auch Deutschen, die hier bereits geboren wurden, aber aus sozial schwachen Familien kommen. Ich habe mir abgewöhnt, solche allgemeinen Vorurteile zu verbreiten. Das ist nicht gerechtfertigt.

M.R.-H. ich habe eben meine Erfahrungen, und die jungen Erwachsenen sind durch ihre Eltern und Umgebung sozialisiert, wenn sie 20 Sind sind das 2 Jahrzehnte. Und es ist Anmaßung hier von Arroganz zu sprechen, wenn jemand seine Erfahrungen beschreibt.

S.K. das gilt für die Gesellschaft außerhalb der Lager auch. Leider meinen aber einige von uns, dass das wegsperren in Lagern, die Schaffung von Verzweiflung, Angst und Perspektivlosigkeit, Repressalien, hygienische, rechtliche und humanitäre Unterversorgung usw. zu Ruhe und Entspannung führen.
M.R-H. Und es gibt eben auch andere Nationalitäten, genau das ist das Problem bei der Diskussion. Die einen sehen nur weiß die anderen nur schwarz….dazwischen liegt Differenzierung.
H.R. ich maße mir nicht an, Sie zu beurteilen, da ich Sie nicht kenne. Ich kann nur das beurteilen, was Sie schreiben, und das klingt arrogant. Menschen im Alter unter 30ä Jahren können sich in kürzester Zeit an unsere Lebensweise anpassen und unsere Werte übernehmen, wenn sie sie verstehen und wir sie ihnen erklären. Das ist meine persönliche Erfahrung. Im Übrigen sind auch die Werte in anderen Kulturkreisen nicht so differierend zu unseren Werten, wie hier im Internet oft glauben gemacht werden soll.
M.R. Das ist meine Erfahrung (leider) nicht – und ich habe seit Jahrzehnten mit Migranten vieler Nationalitäten gearbeitet. Ein großes Problem ist die Religion, wenn sie mit sehr archaischen Traditionen verknüpft ist (Frauenbild im Islam ist unsäglich – davon kommen die Männer insbesondere so schnell nicht weg). Wenn man sich mit Kulturmustern und kulturellem Lernen beschäftigt und mit Studien zu Kultur bedingtem Verhalten, sieht man, wie Erziehung gerade auch in den ersten Jahren nachhaltig prägt. Natürlich kommt es dann auf den Bildungsgrad an. Es gibt zwischenzeitlich auch Studien zur Integration, aus denen hervorgeht, dass eines der Hauptprobleme die Erwartungen der Familie darstellt: Sie erwarten von ihren Kindern, in dieser Gesellschaft erfolgreich zu sein, zugleich aber die traditionellen Werte hochzuhalten. Daraus entsteht oft eine Dilemmasituation für die Betroffenen, die am besten bewältigt wird, wenn es eine Vertrauensperson aus dem „neuen“ System gibt, die sozusagen vermittelt. Wir haben in unserer Familie über 10 Jahre zwei äthiopische Mädchen gehabt – das hat am Ende wunderbar funktioniert. Dennoch ist das nicht einfach – und nicht jeder Flüchtling hat diese Chance, so begleitet zu werden. Und manche sehen sich zur Kleinkriminalität gezwungen und werden dazu verführt, weil ihre Familien zu Hause Geldzuwendungen erwarten. Deshalb müssen sie möglichst schnell arbeiten dürfen – anstatt Haß und Ressentiments aufzubauen. Ein weites Feld – aber ich finde, naiv und blauäugig dürfen wir nicht sein.
M.R.-H. Aber emotional stark betroffen, durch ihre familiäre Erfahrung. Das ist eben der Unterschied zum beruflichen agieren.und es ist auch gut so.
M.R. Auch wenn man persönlich betroffen ist, muss man immer wieder einen Schritt in die sachlich-professionelle Distanz gehen, um nicht die Emotion allein zum bestimmenden Moment zu machen (vor allem, wenn man ein Urteil über den Sachverhalt fällt). Dazu verhilft mir immer wieder die wissenschaftliche Denkweise – und auch dann kann man immer noch einem Irrtum unterliegen.
M.R.-H. Dazu hat man ja auch seine Ausbildung gemacht. Logisch.
M.R. Ist aber nicht wirklich sehr verbreitet (nach meiner Erfahrung) – denn es ist immer wieder sehr anstrengend. Viele bleiben nach der Ausbildung stehen – lesen auf jeden Fall dann viel zu wenig, wie gesagt, das sehe ich häufig, Theoriewissen wird oft auch abgelehnt – oft auch nicht wirklich verstanden. Der Umgang mit Komplexität ist nicht so einfach, weil das immer Unsicherheit erzeugt. Das Aushalten von Unsicherheit (Ambiguitätstoleranz) ist schwierig und kollidiert mit dem Sicherheitsbedürfnis. In sozialen Gruppen sind laut Studien nicht mehr als bis 2 % Menschen Innovationstypen, die sich gern sofort in ein unsicheres Feld begeben – die meisten fürchten das eher und gehen erst mit, wenn einige Pioniere das Feld bereitet haben. Deshalb werden Innovationen zunächst abgelehnt oder als verrückt bezeichnet. Genau deshalb ist der Ansatz von LdL nahezu genial, weil er von dieser Prämisse (Bedürfnisse) ausgeht und das Wesen des Menschen als Basis annimmt, um dann genau das zu trainieren, was man benötigt, um mit Unsicherheit umzugehen und immer wieder aufzuklären – nämlich exploratives Verhalten, das nicht per se vorhanden ist, sondern erlernt werden muss.
M.R.-H. Ja und das kann auf Facebook hier nicht beurteilt werden, hier wird anhand des Geschriebenen der Mensch dahinter beurteilt, seine Haltung usw..ohne tatsächlichen Bezug. Hier werden, politische Zuordnungen, Abwertungen der Person und und und . getätigt,meist ist dies amüsant und ungewollte Selbstoffenbarung.
M.R. Insoweit ist FB wirklich nicht das beste Kommunikationsmittel – ich bin hier nur noch wegen der Gruppen mit Jean-Pol – ansonsten hätte ich mich längst abgemeldet, weil der Austausch ansonsten meist nicht fundiert ist und oft mit zu viel vor allem negativen Emotionen angereichert ist, meist auch mit einer miserablen Sprache verbunden.
J.-P.M Verstehe. Dennoch gibt es keine andere Plattform, mit der ich soviele Menschen erreichen kann. Und hier finde ich trotz all den Mängeln hervorragende BegleiterInnen. Um nur einen zu nennen Andreas Broszio, dem ich unzählige Lektüretipps verdanke.
H.R. das Frauenbild in der katholischen Kirche, im Christentum, unterscheidet sich nicht großartig vom Frauenbild im Islam.
M.R. aber die Religion dominiert nicht das staatliche Recht.
H.R. doch, in vielen Ländern schon.

D.L.  Ankerzentren abschaffen, Frauen und Kinder gehören in kleine Unterkünfte mitten in die Dörfer. Gleich nach der Einreise sollte jede Frau in ihrer Landessprache (oder Englisch) über ihre Rechte im Asylverfahren UND ihre Rechte als Frau, egal welcher Herkunft, aufgeklärt werden. Sofortiger Zugang zu Sprachkursen. Beispie aus eigener Erfahrungl: Die 18jährige N. aus Syrien besucht fleißig den Sprachkurs, legt ihr Kopftuch ab, lackiert sich die Füßnägel und sitzt gerne mit uns Deutschen in einem Cafe, möchte Kosmetikerin oder Friseurin lernen. Von einigen Syren wird sie für ihr Verhalten bespuckt und als Sch….. bezeichnet. Das steckt sie weg, weil sie große Ziele hat. DANN meldet sich erbost über ihr Verhalten ihre Familie aus Syrien, vermittelt N. einen Ehemann in Leipzig. Man kommt an N. nicht mehr dran. Sie sagt, sie muss tun was ihre Eltern sagen. N. ist inzwischen schwanger mit dem 2. Kind und ist alles andere als glücklich. Übrigens sind auch für die oft sehr jungen Frauen die vielen Schwangerschaften belastend. Mehrmals bekommt man ein leises „ich bin schon wieder schwanger“zu hören. Vielleicht würde von Anfang an hier eine reine Frauenberatung (ohne beisein der Ehemänner) Abhilfe schaffen. Man macht sich wirklich Gedanken, wie die Frauen /Familien sich um ihren reichen Kindersegen kümmern werden / könneH.R.

H.R. so wie ich Seehofer verstanden have, dienen die Ankerzentren, für schnelle Klärung des Asylstatus und anschließende Rückführung der neu eingetroffenen Flüchtlinge. Da geht es weder um Sprachunterricht noch um Aufklärung.

Wenn Bleibewahrscheinlichkeit gegeben ist, werden diese Menschen sofort dezentral untergebracht und entsprechend gefördert. So ist es vom Innenministerium gedacht. Eine Verweildauer über mehr als 3 Monate halte ich aber für unzumutbar.
D.L. Und vom Ankerzentrum geht es für Anerkannte dann oft in trostlose Container. Auch das ist kein förderlicher Ort für Kinder. Wohnungen sind schwer zu finden, gerade für kinderreiche Familien. Nicht wenige negative Bescheide vom BAMF sind falsch und die Asylberatung rät zur Klage und das auch sehr oft mit Erfolg, nur verlängert sich somit der Aufenthalt soweit ich informiert bin. Und mal ehrlich, wie viele Rückführungen gibt es tatsächlich und wie viele dürfen aus welchem Grund auch immer hier bleiben? Zumindest ein Grundkurs “ Leben in Deutschland “ und eine Aufklärung der Frauen und Männer wäre eventuell doch von der Ankunft an förderlich. Anerkannte Frauen nehmen Schwangerschaft und kleine Kinder auch mal als Grund, dass sie keinen Sprachkurs besuchen müssen und das zieht sich über Jahre , egal ob sie ein Angebot zum Kurs nützen dürfen oder nicht und das ist nicht gut für die Integration der Kinder. Es liegt also vieles im Argen. Wer von Anfang an in eine dezentrale Unterkunft darf, fühlt sich sicher eher willkommen. Gerade Kinder gehen ja ganz wunderbar offen aufeinander zu. Und wie du schreibst, sind mehr als 3 Monate zu viel. Sogar jeder einzelne Tag in diesen Lagern ist zuviel und setzt sich fest in den Köpfen und Seelen der Menschen. 😢
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D.L. Flüchtlinge brauchen sicher keinen Ponyhof. Es reicht Menschlichkeit und eine Hand die man reicht. Auch meine Kinder mussten während der Ausbildung ihren Führerschein selbst bezahlen und konnten sich nur ein gebrauchtes Auto leisten. Von nichts kommt nichts, das sag ich auch zu den Flüchtlingen. Ich bin kein Mensch, der alles rosarot sieht und auch mal eine Ansage macht oder Hilfe verweigert wenn nichts zurück kommt. Zugegeben erhalten Flüchtlinge hier sehr gute Leistungen vom Staat, was aber auch eine Investition in die Zukunft sein kann. Ich bin ehrenamtlich tätig für eine Gruppe junger Syrer und für Familien und davon waren viele bisher dankbar für die Starthilfe vom Staat, sind aber inzwischen in Ausbildung, Arbeit und sogar einer im Bundesfreiwilligendienst. Es war bisher ein langer , aber im Durchschnitt erfolgreicher Weg. Übrigens kenne ich viele , die z. B.ihren Führerschein duch eigene Arbeit finaniert haben, einer sogar innerhalb von einem Jahr für Auto und Motorrad. Ist ist eben so, dass die Menschen einen Wegweiser brauchen, jemand der mal tröstend in den Arm nimmt , der sich bei jedem erfolgreichen Schritt mitfreut und weiter motiviert , aber auch mal in den Hintern tritt. So ist das bei allen Menschen
(…)
Jedes Kind sollte in einer behaglichen Umgebung leben dürfen . Natürlich wäre es auch mein Wunsch , dass Flüchtlinge jede Chance auf Bildung nutzen, dann auf eigenen Beinen stehen und dann erst an Kinder denken. So sind wir es gewohnt, Menschen aus anderen Kulturen haben da eine gabz andere Vorstellung und Lebensplanung. Daher hilft nur Aufklärung und aufeinander zugehen. Oft ist es schwer manches aus anderen Kulturen zu verstehen oder ist unverständlich. Daher liebe ich gerade die langen Gespräche über die Kulturen mit den Flüchtlingen . Man versteht dann so einiges und kann erklären, wie das so bei uns läuft. Lieber Herr Rieger, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend
H.R. eigentlich wollte ich keinen weiteren Kommentar dazu abgeben. Mir ist aber nun doch noch zweierlei eingefallen.
Erstens: Warum werden immer Kinder hervorgehoben. Jugendliche und auch Erwachsene leiden doch eher mehr unter diesen Umständen in den Ankerzentren, weil der Kopf das hinterfragt und bewertet.
Zweitens: Unsere Gesellschaft ist in den Flüchtlingfragen sowieso schon gespalten. Übermäßige Forderungen, die die Flüchtlinge besser stellen sollen als den bei uns bereits angehängten Teil der hier lebenden Bevölkerung, führt doch insgesamt zu mehr Spaltung und zu mehr Ablehnung in der Bevölkerung. Dadurch erreicht man insgesamt weniger, als man mit angemessenen Forderungen erreicht.
L.H.-G. bei Bleibewahrscheinlichkeit werden die Menschen sofort dezentral untergebracht? Das ist mir neu. (…) ländliche Umgebung ist wegen der kaum vorhandenen Infrastruktur für bestimmte Gruppierungen gänzlich ungeeignet, weil sie finanziell nicht in der Lage sind sich ein eigenes Auto zu leisten. Ohne dieses kommen sie aber nirgends hin; weder zu den Ämtern, Schulen, Ärzten usw.
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D.L.  Nicht alle werden eine Wohnung mit Bahnhof und Supermarkt vor der Haustür finden. Ab 2015 haben wir in den Dörfern eine Vielzahl von Flüchtlingen versorgt, Helferkreise gebildet, uns im Landkreis organisiert und mit den Hauptamtlichen Hand in Hand gearbeitet. Fährt mal kein Bus, dann findet sich ein Helfer oder Nachbar zum Fahren. Nicht wenige Anerkannte sind in den Dörfern geblieben, weil sie neue Freunde, Wohnung und Arbeit / Ausbildung gefunden haben, hier in Ruhe leben können. Eine Unterkunft für Familien liegt bei uns direkt in einer Siedlung mit einheimischen Familien, die Kinder gehen also zusammen zu Schule und Kindergarten, treffen sich auf dem Spielplatz oder feiern zusammen Kindergeburtstag. Die Nachbarin hat ein Kind in der gleichen Klasse und die afrikanische Familie somit einen Ansprechpartner bei Fragen zu den Hausaufgaben. Leider ist da schon oft ein hohes Anspruchsdenken, auf dem Dorf werden Wohnungen für Anerkannte angeboten und keiner nimmt diese Angebote an, obwohl Wohnungen ja bekanntlich sehr schwer zu finden sind.Ich musste bisher leider schon 3 Vermietern absagen. Man sollte den Leuten auch klar machen, mit kleinen Schritten vorwärts zu kommen. Sie haben sich Deutschland als Ziel ausgesucht und sie sollten hier so gut wie nur möglich aufgenommen werden. Hier hat jeder die besten Möglichkeiten und Förderungen, sich ein Leben in Freiheit und Sicherheit aufzubauen ( diese Möglichkeit sollten auch abgelehnte Asylbewerber bekommen) Aber eben Schritt für Schritt, aller Anfang ist schwer. Wir können und müssen Verständis haben für jede persönliche Geschichte, aber in anderen Bereichen Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, Starthilfe leisten. Das Ziel sollte doch sein, dass jede(r) irgenwann auf eigenen Beinen steht, Stolz sein kann auf eigene Leistung und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt.

(…)

D.L. Angenommen die junge A. aus Nigeria verweilt im Ankerzentrum. Bescheid endgültig negativ. A. bekäme nun die Chance, nennen wir es Spurwechsel, durch eigene Bemühungen hier trotzdem ihr Leben zu gestalten. Sie macht den Integrations- und Orientierungskurs und beginnt eine Ausbildung usw. Oder aber A. ist nun jedes Jahr erneut schwanger um einer Abschiebung eventuell zu entgehen oder einer der Kindsväter hat bereits einen deutschen Pass und alle bleiben nun hier. Was bringt unserer Gesellschaft auf Dauer mehr und was ist die bessere Lösung für A.?

(…)

S. R.G. All das ändert nichts daran, dass die Kinder eine Zukunft brauchen. Sonst wächst eine verlorene Generation heran. Und dies würde auf unsere Gesellschaft zurückfallen.

S.K. nicht nur die Kinder sind verloren. Denken sie an die Menschen die über Jahre hinweg nicht wissen wohin, wofür und warum sie überhaupt leben. Die ständige Unsicherheit, abgeschoben zu werden, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Internierung, die verlorenen Hoffnungungen und Perspektiven. Die Minderjährigen und Erwachsenen, die gezwungen sind, ihre Körper zu verkaufen oder unterzutauchen. Durch die momentane gesellschaftlich vorherrschende Haltung und politisch-juristische Reglemtierung schaffen wir seit einigen Jahren eine traurige Schattenwelt aus Leid und Elend.

(…)
D.L. Und deshalb müssen wir dazu beitragen, dass die Eltern den Kindern ein Vorbild werden. Dass die Eltern unsere Sprache lernen (dürfen ), ihren Lebensunterhalt selbst verdienen (dürfen). Wir sollten hier auch mit Blick in die Zukunft dieser Generation die Eltern erreichen, die sich etwas schwerer tun mit der Integration. Hierzu braucht es aber auch eine Wende in der Asylpolitik. Die Menschen brauchen Sicherheit und eine langfristige Perspektive. Nur so können wir sie beim Planen ihrer Zukunft unterstützen und zur Integration motivieren. Und die nächste Generation wäre dann vielleicht noch etwas angepasster und hätte im Durchschnitt weniger Kinder.
(…)
S.K. dann müssen wir zumindest feststellen, dass eine Beschulung vor Ort entweder gar nicht oder unter massiven Veränderungen sinnvoll ist. Im Sinne von Teilhabegerechtigkeit und den besonderen Bedürfnissen und Ansprüchen wäre eine Beschulung und pädagogisch adäquate Versorgung außerhalb meines Erachtens besser.
(…)
Z.B. es wird keiner etwas gegen die Leistung der Lehrkräfte in den Unterkünften sagen. Nur ist es so, dass in Manching zwei Klassen gebildet wurden in denen der Lernstoff von der 1. bis zur 4. Klasse gemeinsam gelehrt wird. Wie sollen diese Kinder jemals in eine Regelschule ab der 5. Klasse einsteigen können. Das hat wohl mit Integration absolut nichts zu tun. Es wird sich so eine für immer benachteiligte Randgruppe bilden. Die Zuständigkeit, so hat Frau Demirel Gülseren erklärt, liegt bei der Kommune!

Bürgerbeteiligung zum Thema „Beschulung in Ankerzentren“

 

J.-P.M.:  Schau mal: siehst du den zweiten Teil (Beispiel für Bürgerbeteiligung)?
Unser Gespräch von gestern hat gefruchtet, oder? jeanpol.wordpress.com NM: Programm

R.P-K.  die Idee des Bürgerpanels gefällt mir im Grundsatz. Im Zitat wird freilich darauf hingewiesen, dass die Methode für kommunale Themen entwickelt wurde. Die Frage ist, ob es sich in diesem Fall überhaupt um ein kommunales Thema handelt. Für die Schulbildung sind zahlreiche Behörden zuständig, es gibt viele Entscheidungsebenen und viele Zuständigkeiten. Die meisten davon sind nicht auf kommunaler Ebene angesiedelt.

J.-P.M.: Doch, lieber R. Für die Beschulung der Ankerzentren sind die Kommunen zuständig.

R.P-K. Echt? Dachte die Regierung von Oberbayern. Jedenfalls lese ich das immer in der Zeitung.

Z.B. Frau Demirel Gülseren wies darauf hin, dass die Kommune für die Beschulung zuständig ist. Es müssen dazu Anträge an die Landesregierung gestellt werden. Es gäbe noch die Möglichkeit die Kinder im Ankerzentrum, in das auch die Schüler und Schülerinnen der anderen Unterkünfte gefahren werden, als Montessori Klassen zu führen. Der Nachteil dabei sind die Kosten und die Beschulung ausserhalb der allgemeinen Schulen. Dabei könnten die Schüler und Schülerinnen von Klasse 1- 4 in einer Klasse von max 25 von einer Lehrkraft zusammen mit einer/einem Sozialpädagogen/in mit Zusatzausbildung geführt werden. Der Vorteil wäre, die umliegenden Schulen und besorgten Eltern nicht in Unannehmlichkeiten zu stürzen. Und tatsächlich können auch die nächsten Klassen in einer Montessori Schule weiter unterrichtet werden. Die Kinder schaffen auch den Anschluss in weiterführende Schulen. Ein Gebäude wird auf dem Gelände hinten ausgebaut, ist aber scheinbar für Ämter vorgesehen oder anderes.

R.P-K. Schwer aus dieser allgemeinen Beschreibung etwas zu schliessen. Was bedeutet „Zuständigkeit“ im Falle der Beschulung konkret? Wer ist für was verantwortlich und welche Schnittstellen gibt es?

Z.B. ihre Ehefrau kennt die Schnittstellen. Schulamtsdirektorin Frau Radlinger wird die Zuständigkeiten und Voraussetzungen klären. Einige Informationen stammen aus ihrem Vortrag.

J.P.-M. Den Text habe ich verändert. Das Thema ist sehr sensibel und ich habe zwar noch eine ähnliche Thematik vorgeschlagen, aber ohne jede Wertung.

R.P-K. Liest sich jetzt wesentlich besser. Eine Anmerkung: Als Ziel gibst du an, die Diskussion „versachlichen“ zu wollen. Der „Bürgerschaft“ bescheinigst du „erhebliche Wissensdefizite“. Das klingt ziemlich elitär. Solltest du umformulieren. Ich würde das in einfachste und vor allem neutrale Formeln fassen: Flüchtlinge in Ingolstadt – Ideen und Ansätze. Was funktioniert? Was nicht?

J.-P.M. OK. Den ominösen Satz habe ich herausgenommen. Was deinen anderen Vorschlag angeht, da überlege ich noch. Eigentlich möchte ich wirklich die Frage des Deutschunterrichts und der beruflichen Integration angehen.

R.P-K. So analytisch wird man die Sache vermutlich nicht angehen können. Da ergibt sich eines aus dem anderen. Ich frage mich, warum nur Deutschunterricht und berufliche Integration? Es gibt doch auch Flüchtlinge, die ein Studium aufnehmen wollen. Ich arbeite zur Zeit in einem Projekt mit der LMU zu diesem Thema: https://vince.eucen.eu/de/

J.-P.M. Weil die Integration über den Deutschunterricht läuft. Und die berufliche Integration ist das, was die Flüchtlinge wünschen. Studieren ist zwar auch ein Wunsch, aber die Menschen, mit denen ich zu tun habe, wollen ihre Deutschprüfungen bestehen und einen Job finden. Wenn es ihnen nicht gelingt, sind sie weg. Aber wie bei allen anderen Vorschlägen von mir, es sind nur Vorlagen. Wir kommen zusammen im Juni und die Mitstreiter werden ihre Meinungen einbingen.

R.P-K. Ja, aber Integrations- und Deutschkurse werden auch von der Technischen Hochschule Ingolstadt angeboten. Da läuft schon seit längerem ein Projekt mit dem Titel „Integrationscampus“, in Zusammenarbeit mit der Stadt Ingolstadt und regionalen Unternehmen. Da gibt es auch ein Mentorenprogramm, an dem Ingolstädter Bürger als Mentoren teilnehmen. An der Uni Eichstätt gibt es auch interessante Initiativen. Es gibt also reichlich Erfahrung, auf die man zurückgreifen kann.

S.W.K. grundsätzlich sind die „Akademikerprogramme“ nicht schlecht per se. Jedoch sind diese Personen oft bereits privilegierter als die meisten anderen Personen. Daher ist es mir persönlich wichtig, auf die Benachteiligten zu achten.

J.-P.M. Sehe ich auch so!

S.W.K. ich möchte das Engagement und die Bemühungen von Uni, Ehrenamtlichen und anderen nicht missen. Es ist aber unabdingbar auf die besonders vulnerablen Gruppen zu achten. Ihre Situation, ihre Bedürfnisse und die notwendigen Ansätze bedürfen die Überwindung von mehr Hemmnissen und die realistische Akzeptanz von vielfältigen Problemkonstellationen und „unangepasstem“ oder „unerwünschtem“ Verhalten.

R.P-K. Kann man Benachteiligung am Bildungswunsch festmachen? Wäre mir neu.

S.W.K. Nein und ja. Zum Beispiel, wenn die Perspektiven, der Nutzen, der Sinn und die Angebote von Bildung unklar oder nicht angepasst auf eine bestimmte benachteiligte Gruppe sind, dann kann man unter anderem – wie unter anderem Aktive aus dem Ehrenamt oder Fachleuten aus den großen Camps berichten – beobachten, dass der Wunsch und der Wille nach Bildung rückgängig sind. Bei Akademikern oder anderen begünstigteren Gruppen ist das eher nicht so. Allein die Unterschiede im Asylverfahren und die Angebote/Zugänge an/zu Sprachkursen und Unterbringungsformen je nach Herkunftsländern bedingen diese Prozesse bereits. Exklusion bzw. Benachteiligung lassen sich grundsätzlich in den Ebenen Geschlecht, sozio-ökonomischer Status, Herkunft und (temporäre) Behinderung/Beeinträchtigung beobachten.

R.P-K.  Das ist jetzt ein bisschen „out of context“. Ich habe mich auf die Kommentare von Hr. Kolbe bezogen. Wie dem auch sei. Wie Sie selber richtig sagen, entstanden auf Initiative der Münchner Bürger Fachstellen. Warum sollten die Bürger an deren Einrichtung interessiert gewesen sein, wenn, wie Sie sagen, Bürgerwissen und Fachwissen letztlich austauschbar sind? Das erscheint mir nicht wirklich stringent. Damit nicht gesagt ist, dass Bürgerwissen von geringerem Wert ist. Im Gegenteil, ist meine Erfahrung, dass Bürger oft über Wissen verfügen, das sich qua beruflicher Fach- und Methodenkompetenz allein schwerlich erschliessen lässt. Könnten Sie erläutern, was Sie unter „große Camps“ verstehen. Wenn damit Ankerzentren gemeint sind liegt der Grund für die geringe Bildungsteilnahme auf der Hand. Die hier residierenden Flüchtlinge haben in der Regel keine Bleibeperspektive. Je schlechter aber die Perspektive, desto geringer die Bildungsmotivation. Dieser Zusammenhang konnte auch für die berufliche Fort- und Weiterbildung belegt werden. Je näher das Ende des Berufslebens rückt, desto geringer der Wunsch nach Fort- und Weiterbildung.

S.W.K. Der Begriff Akademiker war etwas zu vage. Ich meinte damit auch bereits Studierende. Ich bestätige ihre Erkenntnisse zu den Geflohenen und deren Wünschen oder externem Druck nach Bildungsaufstieg. Trotzdem ist die weitaus geringe Menge der Geflohenen an Universitäten und kann es mit den bisherigen Mechanismen auch nicht sein (ist ja auch nicht nötig). Trotzdem sind diese, die studieren können und dürfen absolut privilegiert. Sie haben entweder die nötigen Mittel (wie auch immer), haben die Hürden der Jobcenter genommen (die in der Regel kein Studium finanzieren) , ein Stipendium, einen ausreichend bezahlten Nebenjob und ihre Dokumente wurden anerkannt und kamen aus dem richtigen Land. Die weitaus größere Menge an Geflohenen sind aber nicht in der Lage oder Willens an den Universitäten zu studieren. Für diese müssen andere Konzepte und Maßnahmen gestartet werden, die ihre Situation besser beachten und ihren Bedürfnisse entsprechend ausgerichtet werden. Ich bin unter anderem Sozialpädagoge und mein Fokus in der Beratung liegt vor allem auf den vulnerablen Gruppen – zum Beispiel UMA, Nigerianerinnen als SOT, Homosexuelle, religiöse Minderheiten, Konvertiten usw. Das Klientel aus den Hochschulen ist vorhanden, aber die Hilfebedürftigkeit ist wenig bis nicht existenziell ausgeprägt. Bedeutet hier sind tatsächlich Bildung und Zugang zu Bildung als Bedürfnis beobachtbar, wohingegen bei anderen noch die Verfahren offen sind oder Ängste und Probleme die Frage nach Bildung überhaupt noch nicht zulassen.

R.P-K. Danke für die ausführliche Antwort. Der Begriff „Bürgerbeteiligung“ scheint mir allerdings dann nicht passend. Wie Sie selbst erwähnen geht es Ihnen um fachliche Konzepte und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von besonders bedürftigen Flüchtlingen, im engeren Sinne also um den Aufgabenbereich der Sozialarbeit und verwandter Berufe. Bürgerbeteiligung hingegen bezeichnet die Mitwirkung an politischen Entscheidungen und Planungsprozessen. Das sind völlig verschiedene Dinge. Auch das von Jean-Pol Martin vorgeschlagene Bürgerpanel macht in diesem Kontext keinen wirklichen Sinn, da bei ihrem Projektvorhaben nicht Bürgerwissen, sondern zuvörderst Fachwissen gefragt ist.

Z.B. www.bamf.de Aktuelle Zahlen zu Asyl Anhand dieser Stastik können sie die Aussage von ihnen: haben in der Regel keine Bleibeperspektive, überprüfen. Deswegen sollte eine Förderung der Bewohner in Sammelunterkünften für Asylbewerber nicht einfach pauschal abgelehnt werden. Können sie mir erklären warum Bürgerwissen nichts mit Fachwissen zu tun hat? Seit 2015 gibt es in München eine unglaublich starke Bürgerbewegung, die vor allem die Flüchtlingswelle damals bewältigt haben. In diesen 4 Jahren wurden so viele Informationen ausgetauscht mit dem Ergebnis viele Fachstellen zu installieren und viele Asylsuchende auch integriert haben. Dass sich Ingolstadt nun erst nach Jahren dafür stark machen möchte, heisst nicht, dass es noch kein Fachwissen gibt. Sorry

R.P-K. wg. Bleibeperspektive: bitte lesen Sie nochmal meinen Kommentar. Sollten Sie dort die Aussage finden, dass „Asylbewerber keine Bleibeperspektive haben“ erhalten Sie postwendend ein Like.

S.W.K. Danke für ihre Beiträge – eine aktive bürgerliche Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen ist für die Felder der sozialen Arbeit unabdingbar. Das zuvilgesellschaftliche Bemühen um und letztendlich auch gegen Geflohene hat auch Effekte auf die Politik bzw. die Gesetzgebung. Aktive Bürgerbeteiligung übernimmt schließt hier eine Versorgungslücke bzw. Lobbyfunktion (ähnlich den Tafeln). Als „Fachmann“ in der Arbeit mit Geflohenen ist es wichtig für mich, mit diesen Engagierten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam zu arbeiten. Aber Fachwissen und bestimmte Felder der Arbeit sind auch für gut Informierte riskant und belastend. Deswegen gibt es soziale Arbeit auch als Studium und als Beruf. Ehrenamt und Soziale Arbeit sind zwar miteinander verbunden, dennoch gibt es wichtige und gute Unterschiede zwischen beiden Tätigkeitsfeldern.
Ihre Äußerungen sind sehr hilfreich, haben sie die Untersuchung bei den Geflohenen publiziert? Das würde mich sehr interessieren.

Der Artikel von Margret Ruep: eine neue Emergenz im LdL-Projekt!

Skills für das 21. Jahrhundert.
Ich zitiere Margret Ruep, die wiederum mich zitiert:
„Auf meine Frage „Was halten Sie angesichts der globalisierten, informatisierten und technologisierten postmodernen Welt für die wichtigste Fähigkeit, die ein Mensch heute durch seinen Bildungsprozess erlernen bzw. sich aneignen sollte?“ hat Martin folgende Antwort gegeben (per E-Mail am 13. 09. 2016):
‚Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, die Menschen schon sehr früh erwerben sollen, die Kompetenz zur Konzeptualisierung. Damit meine ich, dass man sich aktiv in Handlungsfelder begibt, Probleme identifiziert, qualifizierte Partner zur Problemlösung sucht, gemeinsam Informationen sammelt und sortiert (was im Netz geschieht), und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet (Konzeptualisierung).
Der Hauptakteur hat also die Aufgabe, sich permanent einen Überblick über die aus einem bestimmten Feld stammenden Informationen zu verschaffen, ein Problem identifizieren, Partner zu suchen und die kollektive Reflexion zu organisieren bis eine Lösung gefunden wurde.
All das muss intensiv in der Schule trainiert werden. Das geschieht am besten, wenn der gesamte Unterricht zum Projekt gestaltet wird, wie es eben bei LdL der Fall ist.
Dabei ist die zentrale Kompetenz die Fähigkeit, sehr schnell Informationen zu sortieren (in Foren, Artikeln und sonstigen Informationsflüssen), zu bündeln, zu hierarchisieren und Handlungskonzepte zu entwerfen (Konzeptualisierung) und umzusetzen (Handeln). Dadurch entsteht eine neue Problemsituation und der Prozess setzt sich weiter fort.‘ “
978-3-658-26278-5
Der Ganze Abschnitt über „Lernen durch Lehren“

(…)

2          Lernen durch Lehren – ein Bildungskonzept in der globalisierten Welt

Der Eichstätter Didaktiker Jean-Pol Martin hat 1994 eine Habilitationsschrift vorgelegt, in der er den ‚Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht’ unterbreitet (vgl. Martin 1994). Mit dieser Arbeit entsteht zugleich ein pädagogisches Konzept, Lernen durch Lehren (LdL), dem Martin sich als Gymnasial- und Universitätslehrer widmet und es bis heute auch über die aktive Dienstzeit hinaus gemeinsam mit einem Netzwerk von Experten, etwa Joachim Grzega, weiterentwickelt hat. Für Martin ist das Prinzip von LdL, dass hier der Unterricht weitgehend von den Lernenden verantwortet wird (vgl. Martin 2002, S. 3-9). Er grenzt es ab von anderen Lernkonzeptionen wie Frontalunterricht, handlungsorientierten Unterricht oder dem Modell von Heinz Klippert und begründet die neue Qualität seines Ansatzes damit, dass es sich hier nicht um eine einseitige Methode handelt, sondern dass LdL vielmehr so angelegt ist, dass die in vorgegebenen Curricula angestrebten Lernziele in gewünschte Bildungsziele umgesetzt werden können. Grzega bezeichnet Lernen durch Lehren (LdL) ein in erster Linie „schülerzentriertes und schüleraktivierendes Konzept“, insbesondere „vor dem Hintergrund der Kernkompetenzen in einer globalen Wissensgesellschaft und den Bedingungen für erfolgreiches Lernen“ (Grzega in Berger u. a. 2011, S. 11). Jean-Pol Martin hat an einem Gymnasium im Französischunterricht mit diesem Konzept begonnen, hat es auf die Universitätslehre ausgeweitet, hat ein großes Netzwerk von Lehrkräften in Schulen und Hochschulen aufgebaut, wodurch LdL über alle Fächer erprobt und weiterentwickelt wurde. Es ist kein Zufall, dass dieses Konzept zunächst mit Bezug auf das Erlernen eine Fremdsprache entwickelt wurde und sich dabei hinsichtlich der erzielten Resultate als besonders erfolgreich erwies. Das zeigte sich auch in der Muttersprache in gleicher Weise. Wer in der Muttersprache zusammen mit einem Lernpartner spezifische Lernziele verfolgt, muss gleichermaßen die fachliche Seite, methodisches und soziales Vorgehen und das Verhalten der eigenen Person in den Blick nehmen. Die Sprache selbst wird dabei in ihrer Komplexität, Struktur und Semantik vertiefend erlernt und kann darüber hinaus auf andere Fachbereiche immer besser angewendet werden. Sich verständlich auszudrücken wird dabei zu einer dauerhaften Übung. Das gilt zunehmend auch für den Umgang mit moderner Technologie. Martin hat ab 2000 als Schlüsselqualifikationsmodul ‚Internet- und Projektkompetenz’ definiert (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Pol_Martin; Zugriff 12. 09. 2016). Damit wurde LdL in Beziehung gesetzt zur globalen Entwicklung mit ihren Ausprägungen und transkulturellen Herausforderungen (vgl. Oebel 2009).

Auf meine Frage „Was halten Sie angesichts der globalisierten, informatisierten und technologisierten postmodernen Welt für die wichtigste Fähigkeit, die ein Mensch heute durch seinen Bildungsprozess erlernen bzw. sich aneignen sollte?“ hat Martin folgende Antwort gegeben (per E-Mail am 13. 09. 2016):

„Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, die Menschen schon sehr früh erwerben sollen, die Kompetenz zur Konzeptualisierung. Damit meine ich, dass man sich aktiv in Handlungsfelder begibt, Probleme identifiziert, qualifizierte Partner zur Problemlösung sucht, gemeinsam Informationen sammelt und sortiert (was im Netz geschieht), und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet (Konzeptualisierung).

Der Hauptakteur hat also die Aufgabe, sich permanent einen Überblick über die aus einem bestimmten Feld stammenden Informationen zu verschaffen, ein Problem identifizieren, Partner zu suchen und die kollektive Reflexion zu organisieren bis eine Lösung gefunden wurde.

All das muss intensiv in der Schule trainiert werden. Das geschieht am besten, wenn der gesamte Unterricht zum Projekt gestaltet wird, wie es eben bei LdL der Fall ist.

Dabei ist die zentrale Kompetenz die Fähigkeit, sehr schnell Informationen zu sortieren (in Foren, Artikeln und sonstigen Informationsflüssen), zu bündeln, zu hierarchisieren und Handlungskonzepte zu entwerfen (Konzeptualisierung) und umzusetzen (Handeln). Dadurch entsteht eine neue Problemsituation und der Prozess setzt sich weiter fort.“ (vgl. dazu auch: https://jeanpol.wordpress.com/2013/06/02/konzeptualisieren-gluck/; Zugriff 14.09.2016)

Diese Antwort zeigt in ihrer Komplexität, wie Lernen und zugleich ein je individueller Bildungsprozess ablaufen sollte. Gleichermaßen wird deutlich, wie exzellent sich diese Vorgehensweise auch für Studierende an Hochschulen und Universitäten eignet, da sie in ihrer Eigenständigkeit und ihrer Selbstverantwortung für ihre eigene Entwicklung herausgefordert und bestärkt werden. Eben das sollte der Sinn eines Studiums sein, das im Ergebnis zu der Fähigkeit führt, sich immer wieder neu auf neue Sachverhalte und Situationen einzulassen und mit anderen gemeinsam die Welt zu einer besseren hin zunächst zu denken, dann (mit) zu gestalten.

2.1     Grundlagen des Konzepts Lernen durch Lehren (LdL)

Martin geht zunächst aus von der Bedürfnislage des Menschen, setzt diese dann in Beziehung zu seinen Dispositionen und entwickelt daraus ein Lernerkonstrukt, um schließlich zu einem Lehr-Lern-Konzept hinzuführen, das diesem Lernerkonstrukt am besten entspricht (vgl.  Berger u. a. 2011, S. 32 f.).

Für die Entwicklung des Lernerkonstrukts nutzt Martin Erkenntnisse über den Menschen aus verschiedenen  Forschungsfeldern wie Psychologie, Soziologie,  Kognitions- und Neurowissenschaften oder Systemtheorie (vgl. ebd). Ausgehend von Maslows Bedürfnisansatz sieht Martin den Menschen im Spannungsfeld einer antinomischen Bedürfnisstruktur, etwa zwischen Chaos und Ordnung, Einfachheit und Komplexität oder Zwang und Freiheit. Dabei geht es dem Menschen stets darum, in seinem Umfeld die Kontrolle zu erhalten, da diese das Grundbedürfnis nach Sicherheit befriedigt. Die zunehmende Komplexität und Dynamik in der globalisierten Welt generiert zunehmende Unsicherheit und erfordert entsprechende Fähigkeiten, um jeweils aus Unsicherheit Sicherheit zu machen. Martin erweitert die Bedürfnisse um das Grundbedürfnis  nach Informationsverarbeitung und sieht als Entsprechung beim Menschen auf der Grundlage der Informationstechnologie die Netzkompetenz und Netzsensibilität. Sie sind die Voraussetzung, um in der heutigen Welt Informationen angemessen zu verarbeiten (vgl. Martin 2009, S. 115-127).

Zur Netzkompetenz und –sensibilität gehört auch die Fähigkeit, sich mit anderen auf die unterschiedlichste Weise zu verbinden. Dialog und Partizipation sind dabei Grundprinzipien, wie sie etwa von Peter Senge als Fundament des Konzepts der Lernenden Organisation angenommen werden (vgl. Senge 1996a, 1996b, 2000; Ruep & Keller 2004). Die Lernende Organisation kann mit diesen Grundprinzipien und den fünf Disziplinen Personal Mastery, Gemeinsame Vision, Teamlernen, Mentale Modelle und Systemisches Denken als die Entsprechung des Lernkonzepts LdL auf Systemebene gelten (Ruep & Keller 2004, S. 26 f.).

Das sinnstiftende Ziel bei der Informationsverarbeitung ist nach Martin die Weltverbesserungskompetenz einerseits und das Streben nach wie das Erreichen von Glück andererseits. Hierbei greift Martin das Konzept des Flow nach Csikszentmyhalyi auf und schlussfolgert dass Lernen unter Beachtung dieser Grundlagen zu Flow-Erlebnissen führt und damit Glück erzeugt. (vgl. https://jeanpol.wordpress.com/2013/06/02/konzeptualisieren-gluck/; Zugriff 15.09.2016 und     https://
de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Menschenbild#2._Wie_man_sich_als_
Neuron_verhalten_soll_.28nach_Martin.2C_2011.29.5B6.5D; Zugriff 15.09.
2016).

Martin stellt die These auf, dass es pragmatisch ist, beim Informationsverarbeitungsprozess Gruppen von Menschen metaphorisch als Gehirne anzunehmen, bei dem die Einzelnen als Neuronen gelten können. „Bei entsprechender Kommunikationsarchitektur können Personen als Neuronen betrachtet werden, die mit anderen rasch und kontinuierlich interagieren und kollektiv Gedanken als Emergenzen hervorbringen“ (Martin in: Berger u. a. 2011, S. 21). Die Kommunikationsarchitektur kann ein Lehrender in allen Bildungsinstitutionen im Lehrkontext gemeinsam mit den Lernenden adäquat entwickeln. Hilfreich ist es, wenn die Institution sich selbst als Lernende Organisation versteht und entsprechend arbeitet (vgl. Ruep & Keller 2004). Es ist folgerichtig, dass Emergenzen – Neues im Sinne von weltverbessernden Ideen und Handlungen – nur in Lernenden Systemen (Individuen, Gruppen und Organisationen) entstehen können. Wenn dies so ist, sind Lernumgebungen, wie das Konzept Lernen durch Lehren sie vorgibt, nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Die hier zu erlangenden Ziele korrespondieren mit den Erfordernissen dessen, was die Informations- und Wissensgesellschaft den Menschen als Aufgabe stellt (vgl. auch Grzega in Berger u. a. 2011, S. 11f.):

  • Fragekompetenz: Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen (im traditionellen Unterricht oder der traditionellen Lehre bekommt man nicht selten die fertigen Antworten, ohne davor Fragen gestellt zu haben).
  • Unschärfekompetenz: Hier kommt es darauf an, mit Unsicherheit, Unbestimmtheit und Unvorhergesehenem souverän und spielerisch umgehen zu lernen (ebd. und Martin in Berger u. a. 2011, S. 32).
  • Vernetzungskompetenz: Es geht dabei um die Vernetzung von Informationen. Dazu gehört das Auffinden qualitativ hochwertiger Quellen und deren kreative Verbindung, woraus erst Neues entstehen kann. Gleichermaßen geht es um die Vernetzung der Menschen, die durch ihre jeweiligen Kompetenzen im Umgang mit den vielfältigen Informationen und zugleich im gegenseitigen Austausch zu einer Qualitätssteigerung beitragen.
  • Kommunikationskompetenz: „Man muss gelernt haben, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg mit Gleichgesinnten kommunizieren zu können, und zwar in einer Atmosphäre von Empathie, Toleranz und Kooperation“ (ebd., S. 12).
  • Sachkompetenz: Dazu gehören einerseits grundlegendes und vertieftes Wissen in einer spezifischen Domäne, aber auch zugleich eine kognitive Landkarte, die eine schnelle Verfügung neuen Wissens ermöglicht (‚gewusst wo’ ‚gewusst wie’ und ‚gewusst, mit wem’).

Es wird deutlich, dass Lernen in der heutigen Welt weit über Wissen als Sachkompetenz hinausgehen muss. Es kommt gleichermaßen darauf an, zunehmende Unsicherheit zu ertragen und dabei dennoch die richtigen Fragen zu finden. Dass dies leichter möglich ist, wenn man sich mit anderen verbindet und dazu eine angemessene Kommunikationsfähigkeit besitzt, ist offenkundig und konsequent. Es liegt auf der Hand, dass angesichts dieser Entwicklungen gerade die Sprachkompetenz und deren Kultivierung von herausragender Bedeutung ist. Und das dies in einer ganzheitlichen Lehr-Lern-Dramaturgie, wie LdL sie vorsieht, besser geschehen kann als in einseitigen anderen Methoden, liegt auf der Hand. Hinzu kommt, dass dieses Konzept in der Vorgehensweise zutiefst demokratisch ist und durch das partizipative Prinzip alle Beteiligten einlädt, für sich und die Welt verantwortlich zu handeln. Eingeübt werden nämlich notwendige Fragestellungen, das Lösen von Problemen sowie die friedliche Zusammenarbeit mit anderen auf der Grundlage der Berücksichtigung von bei allen gleichermaßen vorhandenen Bedürfnissen.

2.2     Bedingungen für erfolgreiches Lernen nach LdL

Unter Beachtung der Grundlagen von LdL gilt es, die dafür notwendigen Bedingungen zu schaffen. Günstig ist es, wenn die Bildungsinstitution selbst sich als Lernende Organisation versteht und wenn alle ihre Mitglieder die Kommunikation entsprechend gestalten. Nach Niklas Luhmann gehört die Kommunikation neben der Programmatik und den Personen zu den drei wesentlichen Entscheidungsprämissen von Organisationen (vgl. Luhmann 2000). Im Gegensatz zu bürokratischen Systemen achten Lernende Organisationen auf dialogische Gesprächsformen und partizipative Abläufe, auf Lernmöglichkeiten für Einzelne und vor allem auf Lernen in Teams, auf Transparenz hinsichtlich gemeinsamer Ziele und vorhandener mentaler Modelle, nicht zuletzt auf systemisches Denken als ein Bewusstsein von Komplexität und immanenter Unschärfe, die durch kreatives Problemlösen immer wieder geklärt werden muss (vgl. Ruep & Keller 2004; Ruep 2011, S. 119 ff.) . Die Bedingungen für das Lernen im Rahmen dieses Organisationskonzepts zeigt eine hohe Übereinstimmung mit dem Konzept Lernen durch Lehren (LdL) und arbeitet nach demokratischen Prinzipien.

Führt man die Bedingungen bezüglich organisationalen Lernens und des Lernens nach LdL (Grzega in Berger 2011, S. 12 f.) zusammen, ergeben sich folgende Übereinstimmungen:

Organisationslernen Individuelles Lernen
Aktiver Umgang mit neuen Lerngebieten, Themen, Techniken, globalen Bedingungen (exploratives Verhalten) Aktiver Umgang mit Lernstoff, handlungsorientiert
Lernmöglichkeiten anbieten (in vertrauter Sprache und Organisationsumgebung) Erklärungen in vertrauter Sprache
Autonomie hinsichtlich der Auswahl der zu lernenden Themen (Weiterbildungsmöglichkeiten zur Ausweitung der Personal Mastery) Autonomie im Sinne von Alternativen hinsichtlich der Auswahl relevanter Informationen
Teamlernen, Gemeinsame Vision (vielfältige Kompetenzen nutzen für organisationales Lernen) Gemeinschaft – Problemlösen mit anderen im dialogischen Diskurs
Partizipation am Ganzen als Sinnerfüllung, auch mit Blick auf die Möglichkeit, demokratische Strukturen und Kommunikationsweisen einzuüben. Sinnfindung als Bedürfniserfüllung und im partizipativen Modus

Es zeigt sich, dass die Bedingungen für diese Art des Lernens eine große Offenheit auf Seiten der Lehrenden bzw. Führungskräfte von Organisationen erfordert. Dazu gehört stets auch die Ambiguitätstoleranz hinsichtlich größerer Unsicherheit, Unbestimmtheit, Unschärfe und Kontrolle. Hier sind antinomische Spannungen  etwa zwischen Chaos und Ordnung oder zwischen Freiheit und Zwang auszuhalten. Es zeigt sich auch, dass es Sinn macht, Lernstoff, Themen, Forschungsgebiete nicht als abzufragendes Wissen zu präsentieren, sondern das Lernen in Projekten zu gestalten. Martin plädiert zum Beispiel für kreative und Interessen aktivierende Internetprojekte, die ein hohes Maß an Bedürfnisbefriedigung auslösen. Transparenz, Vernetzung mit anderen, Reaktionsschnelligkeit und Empathie sind dabei notwendige Grundregeln (Martin in Berger u. a. 2011, S.  35 ff.). Häufig malen die Analysen über die Globalisierung und die in ihr agierenden Gesellschaften ein düsteres Bild der Zukunft mit vielen Problemen ohne Lösungen, im schlimmsten Fall die Abkehr von demokratischen Systemen im Zuge einer Totalökonomisierung aller Lebensbereiche. Ein Bildungskonzept, das die menschlichen Bedürfnisse beachtet und dabei ein Lernumfeld gestaltet, in der Problemlösungen grundsätzlich mit dem Ziel von Weltverbesserung  und persönlichem Glück angegangen werden, ist ein Gegenmodell mit dem Ziel, ein Bewusstsein zu erlangen darüber, dass jeder durch sein Handeln die Welt beeinflussen und gestalten kann.

2.3     Überlegungen zur Realisierung von LdL mit Studierenden

Die folgenden Überlegungen basieren auf eigenen praktische Erfahrungen in der Lehre an Hochschulen und Universitäten (Pädagogische Hochschule Weingarten, Universitäten Tübingen, Heidelberg und Karlsruhe/KIT). LdL eignet sich besonders gut für die Arbeit mit Studierenden, da sie sich in einem Lernkontext befinden, in dem eine größtmögliche Eigenständigkeit erzielt werden sollte.

Traditionell ist es an Universitäten üblich, dass Studierende zum Semesterthema Referate anfertigen und diese präsentieren oder dass der Lehrende doziert.

Bei Lernen durch Lehren geht es weit darüber hinaus. Die Lehre wird studierendenzentriert und weitgehend von Studierenden verantwortet. Dazu ist es notwendig, die Studierenden von Anfang an einzubinden, also zwar ein Semesterthema anzubieten, dies aber inhaltlich so zu strukturieren, dass Studierende die Möglichkeit haben, eigene Einzelthemen oder Projektideen einzubringen. Zu Semesterbeginn habe ich deshalb zunächst immer die Erwartungen der Studierenden abgefragt und sie dann dazu aufgefordert, eigene Einzelthemen, möglichst kleinere Forschungsprojekte im Tandem zu bearbeiten. Wenn das Semesterthema zum Beispiel lautet „Bildungsinstitutionen als Lernende Systeme“ (durchgeführt im Wintersemester 2015/16 an der Universität Heidelberg und im Sommersemester 2016 am Karlsruher Institut für Technologie), lassen sich die unterschiedlichsten Einzelthemen oder kleinere Forschungsprojekte bearbeiten, die Studierende aufgrund ihres Vorwissens oder ihrer Erfahrung selbst festlegen können. Erfahrungsgemäß sind Studierende sehr gut in der Lage, sich über verschiedene Quellen Informationen zu beschaffen und sich mit Personen zu vernetzen, so zum Beispiel Interviews zu führen, sie auszuwerten und im Plenum zu präsentieren. Im besten Sinne wird hier exploratives Verhalten eingefordert, sowohl was die Wahl eines Themas anbelangt als auch, was die Umsetzung und die Präsentation angeht.

Im Kontext von Lernen durch Lehren kommt es auf die folgenden Dinge an:

  • Beteiligung der Studierenden an der Auswahl ihrer zu bearbeitenden Einzelthemen oder Forschungsprojekte,
  • Arbeit in Tandems,
  • Vertiefte Einarbeitung in das Thema, Aufbau eigenen Fachwissens,
  • Professioneller Umgang mit Sprache hinsichtlich der Klarheit in der Sache, der Genauigkeit im Ausdruck, auch hinsichtlich der Strukturiertheit der Sachverhalte, der sachgerechten Fragestellungen sowie in der Kommunikation,
  • Kommunikation wird durch dieses Konzept stetig eingeübt und dadurch verbessert,
  • Den Stoff so vorbereiten, dass die Teilnehmer als aktives Plenum verstanden werden und entsprechend einbezogen werden,
  • Bei der Einbeziehung des Plenums sicherstellen, dass die Lehre didaktisch so aufbereitet ist, dass das Verständnis bei allen sichergestellt wird,
  • Methodisch in einer Weise arbeiten, dass alle miteinander interagieren, dass also vielfältige Aktivitäten ermöglicht werden, dabei auf Genauigkeit der eigenen Sprache ebenso achten wie auf diejenige der Teilnehmenden,
  • Feedback geben und einholen, wertschätzend und sachgerecht.

Lernen Studierende, auf diese Weise zu arbeiten, lernen sie zugleich, die Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess wie für die Qualität des Lernens der ganzen Gruppe zu übernehmen. Sie erfahren darüber hinaus eine Arbeitsweise, die sie in allen späteren beruflichen Tätigkeiten gleichermaßen anwenden können. Und sie arbeiten in einer Weise, wie auch demokratische Strukturen und Handlungsmuster sie erfordern. Insoweit ist LdL ein ganzheitlicher Ansatz, der in idealer Weise die Auseinandersetzung mit der Welt und mit anderen Menschen erfahrbar macht, der zudem die Persönlichkeitsentwicklung fördert und mit der Problemlösekompetenz die Grundlage für (Welt-)Verbesserungen legt.

3.          Zusammenfassung und Bewertung

Lernen durch Lehren (LdL) ist also ein Lehr-Lern-Konzept, das den Menschen und seine Auseinandersetzung in und mit der Welt sowie mit allen anderen in der Welt in einen ganzheitlichen Zusammenhang stellt. Netz- und Vernetzungskompetenz ist deshalb hier von besonderer Bedeutung, und zwar sowohl im Bereich der Informationsverarbeitung und Wissensgenerierung als auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Im globalen Kontext gehört auch erweiterte Sprachkompetenz und transkulturelle Kompetenz dazu. Durch die je eigene Entscheidung für die Themen wird von Anfang an interessengeleitet gearbeitet. Die Zusammenarbeit mit anderen ermöglicht eine Mehrperspektivität im Denken. Die Vorbereitung eines Themas oder Projekts für eine größere Gruppe erzwingt eine Vertiefung in die Sache, um die es geht, somit um ein verstehensintensives Lernen, da gegebenenfalls Erklärungen erfolgen müssen. Die Einforderung einer aktiven Beteiligung der Großgruppe erfordert zudem didaktische und methodische Überlegungen, die im herkömmlichen Referat nicht gegeben sind. Insbesondere wird Sprache als wesentliche Grundlage der bei Lehr-Lern-Prozessen notwendigen Interaktion eingeübt und verbessert. Das jeweilige Feedback führt zur kritischen Reflexion sowohl hinsichtlich der Sache, der Sprache wie auch bezüglich der Vorgehensweise im Lern- und Arbeitsprozess. LdL schult somit das Lernen selbst, die sprachliche Kommunikation und die Herangehensweise an unbekanntes Terrain und nimmt somit die Angst vor Neuem. Exploratives Verhalten in einem ganzheitlichen Sinn wird trainiert. Zugleich wird das Selbstbewusstsein dahingehend gestärkt, dass man sich seiner eigenen Fähigkeit nicht nur bewusst wird, sondern dass man Situationen beeinflussen und bestimmen kann, dies alles unter Berücksichtigung der Interessen aller anderen, mit denen man zusammenarbeitet. Gerade angesichts der Tendenz zur Verschulung an Hochschulen und Universitäten ist LdL ein überzeugendes Verfahren, die Aktivität und Eigenständigkeit von Studierenden und somit ihren Bildungsprozess als dauerhaften Lernprozess in einer Weise zu prägen, dass sie sich auch in ihren Persönlichkeiten weiterentwickeln können.  Die Aussage Martins

„Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, die Menschen schon sehr früh erwerben sollen, die Kompetenz zur Konzeptualisierung. Damit meine ich, dass man sich aktiv in Handlungsfelder begibt, Probleme identifiziert, qualifizierte Partner zur Problemlösung sucht, gemeinsam Informationen sammelt und sortiert (was im Netz geschieht), und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet (Konzeptualisierung)“ entspricht dem, was Studierende in einem gelingenden Studium erwerben sollten, wenn es sie denn befähigen soll, in ihren beruflichen Aufgaben entsprechend professionell zu handeln. Ein besonderer Wert des Konzepts liegt auch in seinen zutiefst demokratischen Prinzipien und Handlungsmustern, was für die globalisierte Welt mit ihren Unsicherheiten und Unwägbarkeiten von herausragender Bedeutung ist. Insoweit trägt der Ansatz von LdL seinerseits zu einer Weltverbesserung bei.

Literatur 

Berger, Lutz & Grzega, Joachim & Spannagel, Christian (2011) (Hrsg.): Lernen durch Lehren im Fokus. Berlin: epubli GmbH.

Dürr, Hans-Peter & Fischbeck, Hans-Jürgen (2003) (Hrsg.): Wirklichkeit, Wahrheit, Werte und die Wissenschaft. Berlin: BWV.

Erpenbeck, John & Heyse, Volker (2007, 2. Aufl.): Die Kompetenzbiographie – Wege der Kompetenzentwicklung. Münster: Waxmann.

Erpenbeck, John (2010): Werte als Kompetenzkerne. In: Schweizer, Gert  (2010) (Hrsg): Wert und Werte im Management. Bielefeld: Bertelsmannverlag, S. 40-64.

Habermas, Jürgen (2013): Im Sog der Technokratie. Frankfurt: Suhrkamp.

Haettie, John (2013): Lernen sichtbar machen. Hohengehren: Schneider.

Höffe, Otfried (1999): Demokratie im Zeitalter der Globalisierung. München: C. H. Beck.

Luhmann, Niklas & Schorr, Karl Eberhard (1999, 2. Aufl.): Reflexionsprobleme im Erziehungssystem. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ders. (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Lyotard, Jean-François (2012, 7. Aufl.): Das postmoderne Wissen. Wien: Passagenverlag.

Martin, Jean-Pol (1994): Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht. Habilitationsschrift Universität Eichstätt. Tübingen: Narr.

Ders.: Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität in: Öbel,Guido (2009) (Hrsg): LdL (Lernen durch Lehren) goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik unter Berücksichtigung kulturspezifischer Lerntraditionen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, S.115-127.

Ders. (2002), in: Die Schulleitung – Zeitschrift für pädagogische Führung und Fortbildung in Bayern. Heft 4. Dezember 2002. 29. Jahrgang, S. 3-9.

Müller-Doohm, Stefan (2014): Jürgen Habermas. Berlin: Suhrkamp.

Oebel, Guido (2009) (Hrsg.): LdL – Lernen durch Lehren goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik und kulturspezifische Lerntraditionen. Hamburg: Dr. Kovac.

Rekus, Jürgen & Mikhail, Thomas (2013, 4. Aufl.): Neues Schulpädagogisches Wörterbuch. Weinheim und Basel: Beltz und Juventa.

Ruep, Margret (1991): Das Phänomen des teilnehmenden Interesses als Bestandteil von erzieherischem Unterricht bei Johann Friedrich Herbart: der Versuch einer Realisation auf der Grundlage des Bildungsplans für Realschulen in Baden-Württemberg in den Fächern Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde. Dissertation. Darmstadt: Dissertationsdruck 1991.

Dies. (2011): Die Einzelschule im Spannungsfeld zwischen zentralen Vorgaben und kontextgebundener Profilbildung. In: Ruep, Margret (Hrsg.) (2011): Bildungspolitische Trends und Perspektiven. Hohengehren: Schneider.

Ruep, Margret & Keller Gustav (2004): Lernende Organisation Schulverwaltung. Donauwörth: Auerverlag.

Senge, Peter: Die fünfte Disziplin. Stuttgart 1996a.

Ders.: Das Fieldbook zur fünften Disziplin. Stuttgart 1996b.

Ders.: The Dance of Change. Wien 2000.

Stiglitz, Joseph (2008): Die Chancen der Globalisierung. München: Siedler.

Internetadressen:

https://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Menschenbild#2._Wie_man_
sich_als_Neuron_verhalten_soll_.28nach_Martin.2C_2011.29.5B6.5D.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Pol_Martin.

https://jeanpol.wordpress.com/2013/06/02/konzeptualisieren-gluck/.

https://prezi.com/swkhf1ojkksx/jean-pol-martin-partizipationsfahigkeitnetzsensibilitat/Transkript von Jean-Pol Martin: Partizipationsfähigkeit/Netzsensibilität.

O-T(h)öne führte ein Interview mit Professor Jean-Pol Martin zur neuen Stadtratsliste

 

Eine neue Stadtratsliste in Ingolstadt für die Kommunalwahl 2020

Herr Professor Martin, Sie beabsichtigen, bei der Kommunalwahl im Jahr 2020, in Ingolstadt mit einer eigenen Stadtratsliste anzutreten, wie soll diese heißen?

Sie soll heißen „Neue Menschenrechte“.

Warum gerade dieser Name der Stadtratsliste?

Der Arbeitstitel „Neue Menschenrechte“ soll hervorheben, dass die Gruppe ein bestimmtes Menschenbild zur Grundlage politischer Entscheidungen heranziehen möchte. Im Fokus stehen die Grundbedürfnisse, im Wesentlichen von Abraham Maslow in den 50er Jahren herausgearbeitet. Dazu habe ich eigene Ergänzungen vorgenommen. Die „Neuen Menschenrechte“ sind also ein Instrument zur Bewertung politischer Vorschläge.

Was sind die Ziele der neuen Stadtratsliste im Stadtrat?

Die über die Liste gewählten Stadträte und Stadträtinnen sollen bei anstehenden Entscheidungen prüfen, welche Optionen aus ihrer Sicht den genannten Bedürfnissen der Bürger am besten entsprechen. Natürlich stellt sich die Frage, welche Bürger sie in den Blick nehmen. Als gewählte Vertreter und Vertreterinnen werden sie einen besonderen Akzent auf die Bedürfnisse der Bürger legen, die über keine Lobbys verfügen und weniger Beachtung finden.

Ist es denn nötig, zur Verwirklichung dieser Ziele, eine neue Stadtratsliste zu gründen? Könnten Sie Ihre Ziele nicht in bestehenden Parteien und Gruppierungen im Stadtrat verwirklichen?

Sehr gerne hätte ich meine Überlegungen in existierende Parteien eingebracht. Ich habe das auch immer wieder versucht. Aber Parteien sind keine philosophischen Seminare. Sie handeln pragmatisch und kämpfen um Wählerstimmen. Sie bieten keinen Raum für anthropologische Reflexionen und lassen sich nicht gerne auf Experimente ein.

Mit welchem Wahlprogramm wollen Sie die Wählerschaft überzeugen, Ihrer Liste die Stimme zu geben?

Als Wahlprogramm dienen die 6 aufgestellten „Neuen Menschenrechte“, die als Ziel aller unserer Bemühungen gelten werden: 1. Denken 2. Gesundheit 3. Sicherheit (Arbeit, Wohnen) 4.Soziale Einbindung 5. Selbstverwirklichung und Partizipation 6.Sinn.

Was wären Ihre ersten 5 Anträge im neuen Stadtrat zur Umsetzung Ihrer politischen Ideen?

Der erste Antrag wird der Einrichtung eines Bürgerbeteiligungsrates gewidmet. Auch in Ingolstadt ist die Stadtspitze bemüht, Bürgerbeteiligung zu etablieren, aber mit einer Behäbigkeit, die nicht angemessen ist. Nach Artikel 1 der „Neuen Menschenrechte“ ist das Denken zentrales Grundbedürfnis. Die Bürger wollen mitdenken. Sie sind intelligent und informiert, sie haben Lösungsvorschläge anzubieten. Ferner entspricht die Bürgerbeteiligung Artikel 4 (Soziale Einbindung), Artikel 5 (Selbstverwirklichung und Partizipation) und Artikel 6 (Sinn). Weitere Anträge werden die soziale Einbindung betreffen, beispielsweise den Erhalt des Stifts in der Fechtgasse an diesem Standort. Weitere Anträge möchte ich so früh nicht nennen, denn alle Schritte der Liste werden Ergebnis einer gemeinsamen Reflexion sein. Und wie die Situation in einem Jahr steht, können wir jetzt nicht prognostizieren.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie die 385 Unterstützerunterschriften, die im Rathaus persönlich geleistet werden müssen, zusammen bekommen, damit Sie überhaupt zur Kommunalwahl zugelassen werden?

Ich stehe ganz am Anfang und habe keine kommunalpolitische Erfahrung. Wir befinden uns mitten in einem Paradigmenwechsel in der Technik und folglich in der Gesellschaft. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und Überraschungen. Es sind Chancen. Wir brauchen einen anderen, einen präziseren Blick auf den Menschen, wenn wir Strukturen schaffen wollen, die dem Wohl der Bürger dienen. Mit meinem Modell liefere ich dieses Menschenbild als Entscheidungsgrundlage. Ob ich damit Bürger überzeugen kann, wird sich herausstellen.

Wie viele Stadtratssitze halten Sie für Ihre neue Stadtratsliste für möglich, wenn Sie zur Wahl zugelassen werden?

Diese Frage habe ich mir nicht gestellt. In einem Jahr werde ich leichter antworten können. Im Augenblick bin ich dabei, wenn Sie von Sitzen sprechen, mir einen Stuhl für den Stand in der Fußgängerzone auszusuchen.

Ist auch eine Kandidatur zur Oberbürgermeister/Innenwahl angedacht, um so auch mehr Stimmen für Ihre Liste zu bekommen?

Mein  Lebensmotto ist „no risk, no fun“ und mein wissenschaftliches Vorgehen  ist „trial and error“.

Wann und wo kann man mit Ihnen in Kontakt treten, um sich persönlich über Ihre Ziele und die der neuen Stadtratsliste zu informieren?

Ab Mitte Mai werde ich einen Stand am Samstag in der Fußgängerzone aufstellen. Wer auf Facebook aktiv ist, kann der Gruppe „Neue Menschenrechte“ beitreten.

Danke für das Gespräch.

Danke für das Interview!

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Macht Gefängnis Sinn? Mit Lydia Halbhuber-Gassner und weiteren Diskutanten

Auf der Grundlage der von mir aufgestellten „Neuen Menschenrechte“ wird deutlich, dass eine Gefängnisstrafe die Befriedigung praktisch aller Grundbedürfnisse verunmöglicht. Gibt es zu Gefängnisstrafen keine Alternativen?

Unten wird der Ablauf einer Diskussion zur Sinnhaftigkeit von Gefängnisstrafen in Facebook wiedergegeben. Ich habe während der Diskussion Lydia Halbhuber-Gassner, eine ausgewiesene Expertin in dem Bereich Haftprävention und Resozialisierung von Staftätern, gebeten ihre Meinung zu diesem Thema zu äußern.

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Hier der Link zu der Tagung: Macht Gefängnis Sinn?
Und nun die Meinung von Lydia Halbhuber-Gassner:
War eine interessante Fachtagung der evangelischen Kolleg*innen. Ich war auch als Referentin eingeladen. (…) Es gibt kein Patentrezept. Vor allem nicht, indem man Menschen einsperrt. Was soll auch dabei rauskommen, wenn man kriminelle Menschen auf engstem Raum für viele Jahre zusammen einsperrt? Es kommt ganz sicher bereits im Gefängnis wieder zur solchen Straftaten. Ich erinnere an den Fall in NRW, wo Jugendliche im Gefängnis einen Inhaftierten am Wochenende zur Tode gefoltert hatten. Sie konnten ihn über sehr viele Stunden so quälen ohne dass es die Justiz bemerkt hatte. Auch wenn das natürlich ein Extremfall ist, muss man sich fragen welche Besserung des Einzelnen erwartet man vom Gefängnis??? Nochmals es gibt kein Patentrezept, aber viele kleine: Menschen mit sog. Bagatelldelikten gehören nicht ins Gefängnis! Da gibt es bessere Alternative: gemeinnützige Arbeit, Täter-Opfer-Ausgleich. Bei Jugendlichen gibt es noch viele weitere Alternativen: Betreuungsweisungen, Sozialtraining usw. (Daher ist das Jugendstrafrecht mit seinem Erziehungsauftrag so wichtig). Bei schweren Taten gegen Körper und sexuelle Selbstbestimmung muss die Bevölkerung natürlich vor weiteren Taten geschützt werden. Wegsperren allein bringt nichts, denn irgendwann werden die meisten wieder entlassen. (Sicherungsverwahrung gibt es natürlich nicht sofort für jeden dieser Täter, dazu müssen weitere Bedingungen erfüllt sein). Wichtig ist Behandlungsvollzug, der natürlich Geld kostet. Aber eigentlich billiger als erneute schwere Straftat ist – nicht nur fiskalisch, sondern auch hinsichtlich weiterer Opfer. Auch wenn er nicht bei jedem Täter erfolgreich ist. Weit effektiver ist Prävention. Wir wissen, dass viele der Täter zuvor Opfer waren: Opfer von schwerer Vernachlässigung, körperlicher und/oder sexueller Misshandlung in der Familie, Einrichtung oder Heim waren. Da müssen wir viel früher reagieren und viel schneller Hinweisen nachgehen. Und Migranten/ Ausländer werden übrigens viel schneller inhaftiert. Sie kommen bereits viel bereits schneller in U-Haft weil sie mitunter keinen festen Wohnsitz haben oder es Fluchtgefahr besteht. Durch selektive Wahrnehmung werden sie auch schneller inhaftiert (Schleierfahndung, selektive Wahrnehmung) und haben weit seltener mit richterlicher Milde zu rechnen. Ist dies mal tatsächlich der Fall, dann macht es sofort bundesweit Schlagzeilen.
In FB ist es nicht möglich noch detaillierter auf alle Fragen eingehen.
(…)
Ich würde gerne mal mit euch über einen Perspektivwechsel sprechen. Ich sehe und spüre gerade die Gefühle eines Opfers einer Straftat. Es ist schwer genug, die seelischen Schäden mit ins weitere Leben zu nehmen. Und ich weiß, dass es die Art von Gerechtigkeit, die ich mir als Opfer wünsche, letztendlich nicht gibt. Mit welcher Art von Strafe für den Täter kann ich leben? Und dann erfahre ich, dass er nicht ins Gefängnis kommt, weil das „eine schlechte Behandlung“ ist. Wie wurde ich denn behandelt?
(…)
Fred Over das ist absolut verkürzt und so absolut unrichtig!
Es führt hier zu weit das zu diskutieren. Nur paar Hinweise: Täter-Opfer-Ausgleich hat Opfer im Blick. Die geforderte Prävention bei kindlichen Opfern hat Opfer im Blick. Gelungene Resozialisierung hat potentielle Opfer im Blick. Intensive Arbeit mit Tätern hat zum Ziel Empathie für Opfer und die Auswirkungen zu wecken. Nur paar Spotlights
Lydia Halbhuber-Gassner Richtig. Zu gering bemessen der Raum hier. Nur soviel noch: Ich unterstütze natürlich den Resozialiserungsgedanken des  Jugendstrafrechts. Und zu Jean-Pol Martin möchte ich sagen, dass ich im heutigen, modernen (?) Strafvollzug eine Misshandlung nicht sofort erkennen kann. Rechtssprechung vor Gericht kann – um der Opfer willen – nicht unbedingt schön für den/die Angeklagten sein.
(…)
Lieber Jean-Pol Martin , das ist übrigens auch sehr interessant. Geht man davon aus, dass die Kriminalitätsbelastung zumindest in Europa ungefähr gleich hoch sein dürfte, sieht man wie unterschiedlich die Länder mit Straftätern umgehen. Letztendlich muss man gar nicht so weit gehen. Die Gefangenenrate ist schon in Deutschland sehr unterschiedlich. Es gibt da ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle. Gefangenenraten im internationalen VergleichIm europäischen Vergleich variierten die Gefangenenraten im Jahr 2009 zwischen 44 pro 100.000 der Bevölkerung in Island und 618 in Russland. Man kann auf der einen Seite Länder unterscheiden mit sehr niedrigen Gefangenenraten (bis zu 80 pro 100.000 der Bevölkerung) wie Island (44), Slowenien (65), oder die Schweiz (76) und die skandinavischen Länder (Dänemark, 66; Finnland, 67; Norwegen, 70; Schweden, 74). Es folgt eine Gruppe von Ländern mit bis zu 100 Gefangenen pro 100.000 der Wohnbevölkerung. Hierunter fallen die meisten westeuropäischen Länder (Irland, 85; Deutschland, 90; Belgien, 94; Frankreich, 96; Italien, 97; Österreich, 99). Eine weitere Gruppe von Ländern mit einer Gefangenenrate zwischen 100 und 170 pro 100.000 der Bevölkerung bilden England/ Wales (154), die Niederlande (100), Portugal (105), Schottland (149) und Spanien (164) sowie einige wenige osteuropäische Länder: Bulgarien (124), die Slowakei (151) und Ungarn (152). Schließlich ist eine Ländergruppe auszumachen, die ausschließlich die mittel- und osteuropäischen Länder umfasst mit Gefangenenraten, die mehr als doppelt bis dreifach so hoch liegen wie der westeuropäische Durchschnitt. Hierunter fallen Tschechien mit 210, Polen mit 224, die baltischen Staaten mit 273 pro 100.000 der Bevölkerung in Estland, 319 in Lettland und 234 in Litauen sowie die Ukraine mit 314. „Spitzenreiter“ sind Weißrussland mit 385 und die Russische Föderation mit 618 Gefangenen pro 100.000 der Bevölkerung
(…)
Ich gestehe das ich als bekennender Humanist hier an meine Grenzen stoße. Wie soll ich denn auf Verbrecher reagieren? Wie soll ich den Bürger schützen? Und ich Rede von Verbrechen. Ich bin durchaus der Meinung das Wirtschaftsverbrechen mit Gefängnis zu bestrafen Max. Unsinnig ist. Aber es gibt genügend Verbrechen die meiner Meinung nach nicht anderes geandet werden können.
(…)
Holger Zirkelbach Deine Frage ist schon sehr differenziert: wie auf Verbrechen reagieren? Ich gehe davon aus, dass Du damit schwere Straftaten gegen die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung meinst und nicht jede Bagatelltat. Denn Containing fällt auch schon unter SCHWEREN Diebstahl. Es wäre doch schon viel gewonnen, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass die einfachen Straftäter (Diebstahl, Beförderungserschleichung, Verstoß gegen Betäubungsmittelgesetz usw.) eher nach Alternativen zum Gefängnis schreien. Dadurch wären die Gefängnisse von den Menschen „entlastet“, die meist viel Kräfte bündeln: Aufnahme, Aufnahmegespräch, Gesundheitscheck, Begleitung durch die ersten Tage…und alsbald dann Entlassungsvorbereitung usw. damit wären viel mehr Ressourcen für die Arbeit mit schwer Kriminellen. Und ja, es wird leider immer Täter geben, vor denen die Öffentlichkeit geschützt werden muss. Aber diese stellen nur einen kleinen Teil der Gefängnispopulation dar.
(…)
Lydia Halbhuber-Gassner genau so meine ich das. Eine Straftaten, usw. Hier ist Gefängnis Käse. Menschen die anderen Körperlichen Schaden zufügen usw. Da sehe ich keine Alternative
Holger Zirkelbach auch da muss man differenzieren. Körperlichen Schaden kann ich jemandem im Rahmen von Schlägerei zufügen. Gerade hitzige junge Männer, manchmal auch Frauen, wissen mit ihrer Wut, Frust, Ärger nicht anders umgehen, als sich zu kloppen; frei nach dem Motto wo Worte fehlen. Auch da sehe ich im Gefängnis keine Lösung. Hilfreicher ist Antigewalttrainig, Sozialtraining welche Konfliktlösungsstrategien helfen mir weiter.
Lydia Halbhuber-Gassner sicherlich gibt es hier Grauzonen. Auf der anderen Seite würde ich für Sexualdelikte, Mord die Strafen drastisch erhöhen, bzw. Die Mindeststrsfe erhöhen.
(…)

 

Ein von Lydia Halbhuber-Gassner herausgegebenes Buch:

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Neue Menschenrechte. Postkarten zum Downloaden.

Karte Menschenrechte- PdF

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