Top-down UND bottom-up!

Seit Beginn der Menschheit herrscht das Top-down-System, weil es der Natur des Menschen entspricht (Kontrollbedürfnis). Dessen Merkmale:

Top-down:

  • Von oben nach unten
  • Hochgradige Selbstreferenzialität
  • Eigene Mindsets und eigene Terminologie
  • Abschottung nach außen und Zugang nur über Insiderkontakte und gruppenkonformen Habitus
  • Hohe Affinität zur Autokratie/Oligarchie

Somit entsteht eine undurchdringliche Machtblase (Verwaltungen, wissenschaftliche communities, Unternehmen, Parteien, Vereine, stabile Gruppen…)

Inzwischen sieht man immer deutlicher die Nachteile eines solchen Musters: Die beschriebene Struktur verhindert Veränderungen und die permanenten Anpassungen, die zur Erhaltung des Systems notwendig sind. Der Veränderungsdruck kommt von innerhalb des Systems oder aus der Umwelt. Modernisiert sich das System nicht, so führt es zu dessen Auflösung.

Nun wird überall versucht, ein Bottom-up Komponente zu integrieren:

Merkmale einer Bottom-up Struktur:

  • Von unten nach oben
  • Gespeist aus allen möglichen Quellen
  • Verschiedene Mindsets und Terminologien
  • Offen nach außen und Zugang für jede/n
  • Hohe Affinität zur Demokratie. Starke Ressourcenorientierung.

Somit entsteht ein offenes System, das allerdings wenig kohärente und nachhaltige Identität aufweist.

Anzustreben ist also eine gute Mischung Top-down/Bottom-up. Das Problem ist, dass im Gegensatz zur Top-down-Struktur, die seit Jahrtausenden völlig internalisiert ist, die Bottom-up Komponente recht neu ist und sich gegen heftige Widerstände durchsetzen muss. Ferner ist noch viel trial-and-error notwendig, bis die Mischung Top-down/Bottom-up gut funktioniert.

Wie Isabelle LdL in Online-Fortbildungen einführt.

Es gelingt Isabelle Schuhladen Le Bourhis in ihren Online-Fortbildungen die anspruchsvolle LdL-Theorie, in der sie ihre Welt eingerichtet hat, faszinierend darzustellen. Sie erklärt, dass, wenn sie eine neue Klasse erhält, sie als erstes den sehr komplexen Aufsatz „Weltverbesserungskompetenz als Lernziel?“ in Abschnitten aufteilt und die Schüler*innen bittet, in kleinen Gruppen die Textpassagen zu verstehen und im Anschluss im Plenum der ganzen Klasse zu vermitteln. Dieser Prozess kann eine Woche oder länger dauern. Die Schüler*innen werden auf diese Weise mit der LdL-Theorie vertraut gemacht, die als Referenzbasis für den ganzen Unterricht dient. Zum Abschluss werden die Schüler*innen gefragt, ob sie nach dieser Methode arbeiten wollen.

In der Fortbildung selbst werden die TN also als erstes mit der LdL-Theorie konfrontiert, ohne zu wissen, was LdL genau ist und wie LdL funktioniert. Auf dem Hintegrund der Theorie erklärt Isabelle nun schrittweise, konkret welche Maßnahmen und Techniken LdL ausmachen. Also die Aufteilung des Lernstoffes auf Zweier- maximal Dreiergruppen. Jede Gruppe muss einen Abschnitt vermitteln, wobei der Stoff von den Schüler*innen didaktisiert wird, was LdL deutlich von einem traditionellen Projektunterricht unterscheidet. Die Schüler*innen prüfen, ob der Stoff verstanden und verinnerlicht wurde und verteilen Arbeitsaufträge in der Übungsphase.

Man erfährt auch, dass zu Beginn zwar mit dem Lehrwerk gearbeitet wird, denn es ist die Grundlage für den Wissenserwerb nach dem gültigen Lehrplan, aber dass nach der Lehrwerkphase die Schüler*innen selbst ihre Themen wählen, die Inhalte aus dem Netz heraussuchen und ihren Mitschüler*innen nach der LdL-Methode vermitteln.

Mit diesem Aufbau der Fortbildung lädt Isabelle also die TN ein, über den Weg der Theorie in ihre Alltagspraxis hineinzuschauen! Ein ganz origineller Zugang, der den Umweg über die etablierte „Wissenschaft“ erspart und dennoch zur Wissenschaft führt! Hervorragend!

Dr.Isabella Kreim interviewt Jean-Pol Martin: Kulturkanal Ingolstadt (25 Min.)

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„Neue Menschenrechte“? Rezension von Prof.Dr.Lutz Becker.

Zum Buch: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin und Margret Ruep (Hg.) (2020): “Neue Menschenrechte?” Bestandsaufnahme eines Bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Herne. Gabriele Schäfer Verlag.

Link auf den Blog von Lutz Becker.

„Über  Jean-Pol Martin bin ich erstmals vor knapp zwölf Jahren “gestolpert”. Meine damaligen Kolleg*innen und ich haben uns seinerzeit sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie Hochschullehre im 21. Jahrhundert gestaltet werden sollte. Kathederdidaktik passte nicht mehr in eine Welt, in der Steve Jobs kurz zuvor das iPhone vorgestellt hatte. Die klassische Hochschuldidaktik hatte keine Antworten, auf Komplexität, Diversität, veränderte Lebenswelten und die immer kürzeren Zyklen in den Wissensständen unserer Gesellschaft. Vor allem meine Fächer, die real existierende BWL und die VWL, waren und sind heute noch von erschütternder methodischer und didaktischer Tristesse geprägt. Es waren zwei Konzepte von Jean-Pol Martin, die mich damals hellhörig machten und fortan mein weiteres wissenschaftliches Leben prägen sollten: „Lernen durch Lehren“ und „Weltverbesserungskompetenz“.

Waren beides anfangs vielleicht noch didaktische Konzepte, entwickelte Jean-Pol mit seinen Apologeten, wenn man das so sagen darf, sie immer mehr in Richtung eines integrierten philosophischen Ansatzes, der die Bedürfnisse der Lernenden in den Mittelpunkt rückte. Doch die Entwicklung dieser Gedankenwelt, die ich seither vor allem im gemeinsamen Austausch über sozialen Medien verfolgen durfte,  endete nicht in dem geschützten Raum der Schule, oder wie bei uns an der Hochschule, sondern integrierte zunehmend gesamtgesellschaftliche  Fragestellungen bis hin zu den nun als Sammelband vorliegenden „Neuen Menschenrechten“

Es ist eine nur allzu konsequente Entwicklung: Wer, wie wir Lehrenden, junge Menschen auf Zukünfte vorbereiten soll, die weder sie noch wir kennen, muss sehr grundsätzliche Fragen stellen. Die Frage, wie wir Gesellschaft gestalten wollen, die Frage nach dem Menschenbild,  die Frage nach Kultur et cetera bilden in einer immer schnelleren, unsicheren und volatileren Welt stabile Anker, die helfen, die großen ungelösten Fragen bezüglich möglicher Zukünfte zu beantworten, oder die es erleichtern die „Wicked Problems“ im Zusammenwirken von technologischem und ökologischem Wandel auf der einen und eigensinnigen gesellschaftlichen Praktiken auf der anderen Seite zu lösen. Unser Studierenden im Master Sustainable Marketing & Leadership kennen diese Diskussionen nur zu gut.

Ende des 17. Jahrhunderts war es der junge Arzt John Locke, der vor dem Hintergrund der Pest in London und der eigenen Quarantäneerfahrung auf dem Land, den Dreiklang aus Life, Liberty and Estate –  die Frage nach einem gesunden und selbstverwirklichten Leben, nach Freiheit und Rechten – in den Mittelpunkt stellte. 1948 ist dann der Völkergemeinschaft ein weiterer großer Wurf gelungen, indem sie als Lehre aus den grausamen Völkermorden und Kriegen des 20. Jahrhunderts die Würde des Menschen – was für ein unglaublich kluges Bild – gemeinsam mit Rechten und Freiheiten in den Mittelpunkt der weltpolitischen Arbeit rückte. Nicht minder klug haben die Eltern des Grundgesetzes genau diesen Begriff der Menchenwürde ein Jahr später zum Leitbild der jungen Bundesrepublik gemacht. 2015 gelang es dann den Vereinten Nationen die Menschenwürde mit den 17 Sustainable Development Goals  weiter zu operationalisieren und für heutige und künftige Generationen greifbar zu machen. Jean-Pol Martin geht nun mit den Neuen Menschenrechten nochmals einen Schritt weiter, in dem er die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt der menschlichen Entwicklung stellt: Es geht im darum, wirtschaftliche, politische und ethische. Bedingungen für ein „Mehr an Glück aller Lebewesen“ zu schaffen.

Der von Simon W. Kolbe und Margret Ruep gemeinsam mit Jean-Pol Martin herausgegebene Sammelband greift die Idee der „Neuen Menschenrechte“ auf und stellt sie auf den Prüfstand. Herausgekommen ist ein facettenreicher und vielschichtiger Band mit zahlreichen klugen Anregungen und Ausflügen, nicht nur für Lehrende. 

Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin und Margret Ruep (Hg.) (2020): “Neue Menschenrechte?” Bestandsaufnahme eines Bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Herne. Gabriele Schäfer Verlag.

Siehe auch: Interview mit Jean-Pol Martin (2019): The Fourth Club mit Thomas Koch und Ralf Schwartz

Woher kommen unsere Mindsets?

Inventar der in der abendländischen Denktradition generierten Mindsets

Vorbemerkungen:

1. Ein zentraler Fehler, der dem idealistischen Strang inhärent ist, ist das teleologische Prinzip. Diesen Fehler findet man auch in materialistischen Konzepten, wie beispielsweise dem Marxismus.

2. Die totalitaristische Komponente ist dem idealistischen Modell nicht inhärent, aber sie bietet sich als Herrschaftsinstrument an. Man beobachtet bei idealistischen Modellen, dass sie in der Realisierung meist totalitaristisch sind.

3. Der Materialismus induziert eine Reflexion über glückgenerierende Strukturen. Und die Demokratie ist eine solche Struktur.

4. Um die Wirksamkeit eines Modells zu beurteilen, ist es unabdingbar zu prüfen, ob es sich in der Praxis bewährt (Empirie)

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I .Wissenschaftlicher Strang/Affinität zu Demokratie:

Fokus: reale Welt und Glück  über die Befriedigung der Grundbedürfnisse

II. Spekulativer Strang/Affinität zu Totalitarismus:

Fokus: Abwertung der realen Welt und Fixierung auf Forderungen einer konstruierten Transzendenz

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Chronologischer Ablauf

-Thales (624-546)

Empiriker: beobachtet die Natur. Hypothese: alles kommt vom Wasser

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-Xenophanes(570-470): Gott ist ewig. Wissen ist Vermutung, Wahrheit nicht erkennbar.

-Pythagoras (570-500)

Die Mathematik liefert die Weltformel. Sie ist göttlicher Natur. Nur eine Elite kann die Mathematik beherrschen. Pythagoras stellt sich als Guru dar, mit eigenen Riten und Gebräuchen, beispielsweise das Verbot, Bohnen zu essen. Der Zugang zu Gott und zur Wahrheit erfolgt nur über das Denken, nicht über die Sinne (Rationalismus).

-Parmenides (510-?): Gegner der Empirie: die Sinne täuschen uns. Nur das Denken führt uns zum „Sein“ (Ontologie).

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-Protagoras (490-411): Wahrheit gilt nur für den Wahrnehmenden (Sensualismus)

– Demokrit (460-370)

Atomist. Materialist (nur die Materie existiert, auch das Bewusstsein wird vom Organismus generiert (Gehirn).  Die Gegenstände strahlen winzige Atome aus, die über die Sinne an das Gehirn weitergeleitet werden. Die Gesellschaft soll demokratisch gestaltet werden. Nur das Leben im Diesseits zählt. Ein Jenseits gibt es nicht. Nach dem Tod lösen sich die Körper auf als Atome.

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– Platon (428-348)

Die Sinne täuschen uns. Das wahre Leben ist abstrakt und wahr ist nur die Welt der Ideen. Unser Leben auf der Erde ist nur eine unfertige Kopie der Welt der Ideen. Nur die Philosophen haben Zugang zu dieser Welt. Elitistische, hierarchische, totalitäre Welt. Die Seele: Vernunft – Mut – Begierde. Die Gerechtigkeit hält alles im Gleichgewicht.

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– Aristoteles (384-324)

Empirist, Wissenschaftler, der die Welt auf empirische Weise beschreibt. Die Seele (=eigentlich Nervenzentralsystem) enthält einen vegetativen Teil,  einen animalischen Teil (mittlere Cortex) et einen menschlichen Teil (=Frontalcortex). Angestrebt ist eine Gesellschaft der goldenen Mitte.

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– Epikur (342-271)

Atomist. Materialist. Ziel ist das Glück auf Erde. Nach dem Tod lösen sich die Körper auf als Atome. Genuss in Maßen.

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– Plotin (205-270)

Radikalisierung von Platon. Der Mensch und die Materie sind verachtenswert. Nur das „Eine“ existiert. Die Materie hat keine reale Existenz.

– Augustinus (354-430)

Kirchenvater. Begründet die Fundamente des Christentums zurückgreifend auf Plato und Plotin. Erbsünde. Prädestination. Sexualität ist schlecht, weil sie von Gott ablenkt.

– Christentum (etabliert sich gegen 400)

Totalitarismus und Hierarchie. Gott ist allmächtig und allgegenwärtig.

– Islam

600 Jahre nach Christus. Ähnlichkeiten mit dem Christentum in den Grundzügen. Weniger komplex zu verstehen. Leicht zu gebrauchen als totalitäres System.

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– Francis Bacon (1561-1626)

Wissenschaftstheorie. Kombination von empirischen Datenerhebungen und kognitive Verarbeitung der Daten (Spinne und Ameisen).

– Stuart Mill (1806-1873)

Utilitarist. Ziel ist die Befriedigung der Bedürfnisse. Das größte Glück für die größte Anzahl von Menschen. Erklärt, wie wir Informationen, die über die Sinne vermittelt werden,

verarbeiten. Kämpft für die Emanzipation der Frau und der Arbeiterklasse.

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-Sekulare Ideologien

Faschismus – Kommunismus

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-Bertrand Russell (1872-1970)

Logischer Atomismus – Materialismus

– Neurowissenschaften, Arbeiten über das Gehirn (verstärkt seit 2000).

Wiener Student*innen entdecken die Neuen Menschenrechte

Petra Kleine

(Ingolstdäter Bürgermeisterin)

„Überraschung des Tages – was Wiener Studierende aus Ingolstadt mitnehmen – oder der Max-Emmanuel-Park bei Etting und die „neuen Menschenrechten“ von Jean-Pol Martin …. Heute war ich den ganzen Tag in der Jury eines Wettbewerbes für den Max-Emmanuel-Park. Er soll zwischen Audi und Etting entstehen und auch die Landschaft dort erlebbar machen und aufwerten. 5 Teams aus Student*innen der Landschaftsarchitektur der Wiener Uni für Bodenkultur waren zum Wettbewerb geladen. Seit Montag waren sie in IN unterwegs und haben recherchiert, Stadt und Landschaft gelesen, interpretiert und beplant. Ein Team hatte zum Schluss die „neuen Menschenrechte“ eingebaut, die sie in einer Location „gefunden“ hatten (Vroni’s Ratschhaus?) und die sie faszinierend fanden, sogar zur Unterstützung ihrer eigenen Planungsidee und Präsentation gemacht. Ich habe das O.k. das Bild hier zu posten. Dachte es würde Dich freuen Jean-Pol, dass diese kleine Postkarte so stark wahrgenommen wird. Das Team war im übrigen dasjenige, das die Reste der Moorlandschaft bei Etting in Wert gesetzt hatte. Bald mehr dazu, wie es im Norden weitergehe könnte. Toll dass unsere Stadtplanung solche Wettbewerbe möglich macht.

Neubegründung und Reformulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte?

– ein „Neues Menschenbild für das 21.Jh.“

– davon abgeleitet ein Vorschlag für bedürfnistheoretisch begründete „Neue Menschenrechte“

– davon abgeleitet ein bedürfnistheoretisch begründetes „Politisches Programm“

Lesen:

„Neubegründung und Reformulierung der AEMR?“ (wird 2020 veröffentlicht)

Martin-Theorie in zwei Aufsätzen

Die LdL-Woche in Eichstätt hat gezeigt, dass die Theorie, die ich ab 1982 entwickelt und in meiner Dissertation und meiner Habilitationsschrift veröffentlicht habe, sich als Fundament nicht nur für LdL erweist sondern auch für ganz andere Vorhaben, wie das Formulieren von „Neuen Menschenrechten“.
Wer diese Theorie auf knappem Raum zusammengefasst sucht, findet sie in zwei Aufsätzen:

1. 2002 „Weltverbesserungskompetenz“ als Lernziel?  In: „Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog“, 6. Jahrgang, 2002, Heft 1, Seite 71-76

2. 2018 Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360. ISBN 978-3-556-07336-0.

Miriam Kirchleitners Lernkonzept

 

Miriam Kirchleitner

Wenn ich mir ein zeitgemäßes Lernkonzept stricken dürfte, wären die Zutaten:

– Nachhaltigkeit: Interessensbasiertes Lernen. Nachhaltig ist Lernen nur dort wo es auf den Interessen und Wünschen des Lernenden aufbaut.

– Komplexität: Steigerung der Komplexität des Lernens durch Kombination und Variation intentionalen und akzidentiellen Lernens.

– Varietät: Förderung unwahrscheinlicher Lernpartnerschaften zwischen „Ungleichem“.

– Offenheit: Grenzüberschreitende Lernprozesse, Hybride Lern-Settings und offene Lernlandschaften.

– Soziale Einbettung: Heterogenes Netzwerk an Lernpartnern.

– Relevanz: Lernen muss konkrete Möglichkeiten eröffnen – ökonomisch, qualifikatorisch, politisch-kulturell oder gesellschaftlich.

Zur Genese der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948

Entwurf zum Einleitungsaufsatz eines Sammelwerkes „Neue Menschenrechte“, das 2020 erscheinen wird.

Ausgangspunkt (Vorgeschichte): Wir brauchen neue Menschenrechte.

(…)

2.Zur Genese der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948

Die AEMR entstanden nach dem zweiten Weltkrieg im Rückgriff auf die Naturrechttradition deren Wurzeln bis in die griechische Antike zurückreichen. Die Naturphilosophie verstand Natur als ursprünglich und von absoluter, ewiger innerer Gesetzmäßigkeit. Der Naturrechtsansatz gründet auf der Hypothese, dass der Mensch sein Wesen den Göttern verdankt, oder der Natur und den ihr innewohnenden Gesetzen. Um das Wesen des Menschen zu erfassen, sind die Erschaffer der Menschenrechte auf die religiöse oder philosophische Tradition angewiesen. Nun verändern sich im Laufe der Geschichte die religiösen und philosophischen Vorstellungen und die entsprechenden Menschenbilder. Die AEMR beruht auf dem Stand, der 1948 in der politischen Philosophie herrschte. Letztere war durch das Menschenbild der Aufklärung geprägt. Daraus entstehen vielfältige Probleme bei der Begründung und bei der Akzeptanz der tradierten Menschenrechte. Am Anfang der Naturrechtskritik steht die Einsicht, dass schon das Wort Naturrecht vieldeutig ist. Aus einer gottgestifteten Seinsordnung – so die katholische Naturrechtslehre -, aus einem Ur- oder Idealzustand der menschlichen Gesellschaft oder aus der „Natur des Menschen“ lasse sich als Naturrecht nur das herauslesen, was man zuvor als theologische oder moralische Prämissen hineingelegt habe. Solches normativ aufgeladene Naturrecht beruht also auf einem Zirkelschluss. Inzwischen hat die Forschung sich intensiv mit der biologischen Konstitution des Menschen befasst, insbesondere mit  dem Gehirn, den Bedürfnissen und den Bedingungen, die für das Glück förderlich sind. Bezug sind nicht mehr die Religion und die politische Philosophie, sondern die Naturwissenschaften.

2.1.Die zentralen Begriffe der AEMR und ihre Geschichte

Die zentralen Begriffe aus der AEMR, wie Würde, Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit sind historisch zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden. Ihre Bedeutung hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert.  

2.1.1. Die Würde

Ursprünglich bedeutet Würde lediglich „Wert“. Die „Würdigkeit“ wird danach bemessen, was ein Mensch für die Gemeinschaft leistet und sie muss verdient werden. Bei Aristoteles wird im wesensähnlichen Begriff „humanum“ der Logos, also die dem Menschen eigene Vernunft hervorgehoben. Würde erhält der Mensch demnach, weil er im Gegensatz zum Tier vernünftig ist. Er muss sich diese Würde durch Triebbeherrschung bewahren. Fasst man die antike Auffassung von Menschenwürde zusammen, so lässt sie sich auf zwei Eigenschaften reduzieren, den Wert für die Gemeinschaft und die Vernunftbegabung. Im Christentum ist der Mensch Ebenbild Gottes. Seine Würde ist gottgegeben, er kann sie nicht verlieren. Dabei wird ein Modell eingeführt, bei dem ein Teil des Menschen, die Seele einer idealen Sphäre zugeordnet wird und dem Menschen einen besonderen Status verleiht. Durch die Seele wird der Mensch unsterblich und dieser Umstand verleiht ihm Würde. Für Pico della Mirandola gründet die Würde darauf, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier keine festgelegte Natur hat und die Freiheit hat, sein Wesen selbst zu schaffen. Auch Kant sieht die Würde des Menschen durch die Vernunft gegeben, die sich nur selbst ihr eigenes Gesetz für die Beurteilung des moralisch Guten gibt und darum „autonom“ heißt. Ferner hält die Würde einen Gestaltungsauftrag, der durch das Individuum und die Gesellschaft zu verwirklichen ist. Wie Cicero sieht Schiller die Würde in der Beherrschung der Triebe und in den freien Willen der ihn vom Tier unterscheidet. Er sieht die Würde nicht als idealistische Träumerei, sondern aufbauend auf der Befriedigung elementarer Bedürfnisse und der Überwindung materieller Not. „Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“ In der Weimarer Reichsverfassung muss die Ordnung des Wirtschaftslebens den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen.“ Wobei „menschenwürdiges Dasein“ nicht näher definiert wird. Im Grundgesetz erhält die Würde des Menschen den obersten Wert. Auch hier ohne nähere Definition. Franz Josef Wetz  sieht den wahren Gehalt menschlicher Würde in den verwirklichten Menschenrechten – einem Leben in körperlicher Unversehrtheit, freiheitlicher Selbstbestimmung und Selbstachtung sowie in sozialer Gerechtigkeit.

Fazit: Historisch wird hervorgehoben, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier vernunftbegabt ist. Diese Vernunft ermöglicht ihm, sich nicht von seinen Begierden ganz beherrschen zu lassen, sie gibt ihm also eine gewisse Freiheit. Dadurch hat der Mensch einen besonderen Wert. Bei Platon und im Christentum wird dieser Wert idealistisch überhöht, indem der Mensch eine Seele erhält, was zur Trennung zwischen Geist und Materie führt (Dualismus). Auf diese Weise werden die Begriffe Würde, Freiheit und Mensch in enger Verbindung zur Transzendenz gestellt. Schiller befreit diese Begriffe von ihrem ideologischen Gehalt, indem er Würde mit der Befriedigung von Grundbedürfnissen verbindet.

2.1.2. Die Freiheit

Für die griechisch-römische Antike war Freiheit kein Gut für alle Menschen, sondern ein Privileg der Oberschicht. In Israel wurde die Befreiung aus Sklaverei und fremder Oberherrschaft sehr früh zu einem politischen Thema gemacht: die  Freiheit wird zu einem politischen Grundrecht für alle Angehörigen des Volkes. Im Christentum wird die Freiheit vom Judentum übernommen aber zu einer Kategorie der „zukünftigen Welt“ gemacht.  Es geht darum, im stoischen Sinne „innerlich“ frei zu werden von den Zwängen der untergehenden Welt. Für die Aufklärung, die von Angehörigen des Bürgertums betrieben wird, spielt die Freiheit eine wichtige Rolle, denn die bürgerlichen Eliten wollen sich von der Unterdrückung durch den Adel befreien. Zunächst bezieht es sich auf die intellektuelle Befreiung von hergekommenen Dogmen und Vorurteilen also von Denkbarrieren. Freiheit ist nur durch Vernunft möglich. Nur durch sie ist der Mensch in der Lage, das Gute zu erkennen. Nach Kant ist nur der sich moralisch verhaltende Mensch frei. Für ihn sind freies Handeln und „moralisches Handeln“ Synonyme. Damit schließt Kants Freiheitsbegriff reine Lustentscheidungen vollständig aus dem Freiheitsbegriff aus. Hegel hat „Freiheit“ beschrieben als eine Phase ohne Zwang aber unter „Einsicht in die Notwendigkeit“. Man muss sich über den Grad der Unfreiheit durch Determiniertheit bewusst werden. Je mehr ein Mensch versteht, wie er selbst denkt und handelt, umso eher kann er sich von den ungewünschten Arten der Determiniertheit befreien. Bei Karl Marx erfährt das Reich der Notwendigkeit, das die menschliche Arbeit beinhaltet, seine dialektische Aufhebung in einem erstrebenswerten Reich der Freiheit.

Fazit:  Thematisiert in der Philosophie wird vor allem die innere Freiheit. Und die Freiheit des Denkens. Aber natürlich auch die politischen Freiheiten, die mit den ökonomischen zusammenhängen. Die politischen Freiheiten werden vom Bürgertum angestrebt, denn es verfügt über die kulturellen und materiellen Ressourcen, um sich zu entfalten, ihm wird aber die politische Macht vorenthalten. Während heute die Werte des Liberalismus, im Mittelpunkt die Freiheit, von Parteien getragen werden, die sich in die Tradition des Bürgertums einordnen, ist sie nicht der zentrale Begriff für das Proletariat. Für die nichtprivilegierten Schichten sind materielle Güter, über die sie subjektiv noch nicht ausreichend verfügen, bedeutsamer als Freiheit und Partizipation oder Selbstverwirklichung. Daher stellt sich heute die Frage, ob die aktuellen Menschenrechte nicht die Interessen des Bürgertums fördern und die Bedürfnisse der weniger Begüterten vernachlässigen.

2.1.3. Die Gleichheit

In der Antike gilt Ungleichheit als natürlich und entspricht dem göttlichen Willen. Dennoch findet sich das Recht auf Gleichheit unter dem Begriff isonomia im antiken Griechenland, der die Gleichheit vor dem Gesetz bezeichnete. Auch für die Sophisten sind die Menschen ungleich und es gibt ein natürliches Recht des Stärkeren. Platon und Aristoteles hielten an der These von der natürlichen Ungleichheit der Menschen fest. Soziale Gleichheit gilt für Platon und Aristoteles nur für freie Männer. Wer größere Verdienste hat, soll mehr bekommen. Die Stoiker führen erstmals die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen ein mit der Begründung, dass alle Menschen an einer gemeinsamen Vernunftnatur teilhaben. Im Christentum besteht die Gleichheit der Menschen vor Gott aber nicht auf Erden. Nach Thomas Hobbes leben die Menschen im Naturzustand egalitär. Jeder Mensch ist gleich und frei, und jeder hat das natürliche Recht und auch die gleiche Begabung, seine egoistische Natur, auch gegen den Widerstand anderer, durchzusetzen. In der amerikanische Unabhängigkeitserklärung wird Gleichheit zu einem wichtigen Recht, sowie das Recht auf Leben, auf Freiheit und das Streben nach Glück.  Abgeleitet werden diese Forderungen aus dem biblischen Schöpfungsglauben. Für Jean-Jacques Rousseau  müssen die dem Menschen angeborenen Gleichheit und Freiheit gesellschaftlich verwirklicht werden. Er lehnt das Privateigentum und die Teilung der Gesellschaft in Besitzende und Nicht-Besitzende ab. Kant leitete die Gleichheit unmittelbar aus der Freiheit ab. Er erklärte mit dem kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Die angeborene Gleichheit ist nach Kant „die Unabhängigkeit nicht zu Mehreren von Anderen verbunden zu werden, als wozu man sie wechselseitig auch verbinden kann; mithin die Qualität des Menschen, sein eigener Herr zu sein.“  John Rawls Grundsätze zur gesellschaftlichen Verteilungsgerechtigkeit. „Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen offenstehen; und zweitens müssen sie den am wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft den größten Vorteil bringen (Differenzprinzip).“

Fazit: Die Gleichheit entspricht dem Wunsch, nicht schlechter als andere Menschen behandelt zu werden. Dies bedeutet, dass Menschen gerechte Bedingungen wünschen bezüglich ihres Zugriffs auf die Ressourcen der Welt, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

2.1.4. Die Gerechtigkeit

Für Platon besteht Gerechtigkeit in einer immer gleich bleibenden Ordnung, die  Weisheit, Besonnenheit und Tapferkeit in einem ausgeglichenen Verhältnis hält und durch den Vorrang und die Herrschaft der Vernunft gekennzeichnet ist. „Jedem das Seine“ lautete der Gerechtigkeitsgrundsatz Platons, was heißt: „jeder an seinem Platz“. Im Mittelalter ist Gerechtigkeit keine menschliche, sondern eine göttliche Größe. Gerechtigkeit kann es nach dieser Auffassung nur im Himmel und nicht auf Erden geben. Allerdings halten Augustinus und Thomas von Aquin daran fest, dass  es eine der irdischen Gerechtigkeit übergeordnete, in Gott begründete Gerechtigkeit gibt, an der sich die politischen Verhältnisse messen lassen müssen. Es muss eine Ordnung sein, in der die Bedürfnisse der Menschen angemessen berücksichtigt werden. Ab der Renaissance hat die Philosophie versucht, den Gerechtigkeitsbegriff ohne Bezug auf Gott zu begründen. Die Renaissance stütz sich auf das Naturrecht. Die Gerechtigkeit ist in der Natur schon angelegt und der Mensch muss danach streben, diese Gerechtigkeit zu erkennen. Für Rousseau ist Gerechtigkeit eine Vertragsbeziehung zwischen Menschen. Entsprechend wird die personale Bestimmung der Gerechtigkeit durch eine institutionelle Gerechtigkeit verdrängt. Für Immanuel Kant sind eine göttliche oder naturgegebene Gerechtigkeit keine vernünftigen Kategorien, weil beide für den Menschen grundsätzlich nicht oder jedenfalls nicht vollständig erkennbar sind. Eine Erweiterung erfährt der Gerechtigkeitsbegriff unter sozialen Gesichtspunkten zur sozialen Gerechtigkeit. Dieser Begriff bezeichnet keine menschliche Tugend mehr, sondern den Zustand einer Gesellschaft. Jedem Mitglied wird die Teilhabe an der Gesellschaft durch die Gewährung von Rechten und materiellen Mitteln ermöglicht. Es gibt vielfältige Kriterien, nach denen das Maß der Gerechtigkeit beurteilt werden kann.

  • Bedürfnisprinzip: jeder nach seinen Bedürfnissen
  • Vertragsprinzip: dem Vereinbarten gerecht werden
  • Leistungsprinzip: wer viel für die Gemeinschaft leistet, dem steht auch mehr zu
  • Gleichheitsprinzip: jeder bekommt das Gleiche
  • Zufallsprinzip: jeder bekommt die gleiche Chance eingeräumt (Wahl durch Los)
  • Maximinprinzip: der Schlechtestgestellte erhält mindestens das, was der Schlechtestgestellte in einer anderen Verteilung erhalten hätte
  • Nachhaltigkeitsprinzip: nicht mehr verbrauchen, als an natürlichen Ressourcen nachwächst
  • Autoritäres Machtprinzip, das heißt jedem wird das Seine zwangsweise zugeordnet.

Die Frage der Gewichtung ist für viele praktische Lebensbereiche bedeutsam, wenn es darum geht, als ungerecht erachtete Verhältnisse zu korrigieren. Dies betrifft Bildungschancen ebenso wie die Mitbestimmung in Unternehmen, die Steuergerechtigkeit, einen gerechten Lohn oder die Bemessung gerechter Strafen.

2.1.5. Das Verhältnis zwischen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit

Während der Begriff der Gerechtigkeit in der Ethik und in der politischen Philosophie schon immer eine herausragende Rolle spielte, galten Freiheit und Gleichheit oft nur sehr eingeschränkt als politische Werte. Statt einer für alle geltenden politischen Freiheit sprach man von besonderen Freiheiten, die als Privilegien bestimmten Gruppen zugesprochen wurden. Der enge Zusammenhang zwischen diesen drei Begriffen wurde erst von der Philosophie der Aufklärung hergestellt. Die Gleichheit vor Gott wird nun auf die Gleichheit vor dem Gesetz übertragen. Es setzt sich die Vorstellung durch, dass die Menschen frei und gleich geboren sind und dass die politische Gerechtigkeit darin besteht, diese Tatsache zu respektieren. Auch Freiheit wurde als eine universale, für die Würde aller Menschen wesentliche Eigenschaft verstanden. Thomas Hobbes stellt einen Zusammenhang zwischen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Im Naturzustand sind die Menschen gleich und frei. Der Staat stellt Gerechtigkeit her, indem er die Freiheit aller gleichermaßen einschränkt und jeden vor den Übergriffen der anderen schützt. Für Locke ist  Gerechtigkeit erst dann hergestellt, wenn Freiheit und Gleichheit des Naturzustandes auch im Staat bewahrt werden. Doch waren die politischen Werte der Freiheit und Gleichheit auf die wohlhabenden Schichten beschränkt. Im 18. Jh. entfalteten die Forderung nach Freiheit und Gleichheit eine breite Wirkung. Jean-Jacques Rousseau behauptet, dass der Mensch frei geboren wurde aber überall in Ketten liegt. Für Kant besteht Gerechtigkeit in der Herstellung staatsbürgerlicher Gleichheit und Freiheit. Die Aufgabe ist es, die Freiheit des einen mit der Freiheit des anderen unter einem allgemeinen Gesetz zu vereinbaren. Die Sozialisten treten für eine soziale und materielle Gleichheit ein. Im 19. Jh. fanden die politischen Werte von Freiheit und Gleichheit als zentrale Bestandteile einer gerechten Ordnung schließlich allgemeine Anerkennung.

Fazit:  Während Freiheit und Würde sich hauptsächlich auf die Bedürfnisse von Einzelnen oder von Gruppen beziehen, betrifft Gerechtigkeit die Organisation der Gesellschaft und die Zuteilung und Verteilung der in ihr vorhandenen Ressourcen. Jeder nach seiner Leistung oder jeder nach seinen Bedürfnissen?  Bei Platon besteht die Ordnung bereits und die Einzelnen müssen sich fügen ohne Einfluss auf  die Ressourcenzuteilung nehmen zu können. In der gegenwärtigen Welt geht es um gerechte Chancenzuteilungen. Der Einzelne bemüht sich, durch Aktivitäten einen hohen Anteil zu erreichen und bemisst die Gerechtigkeit danach, ob die zugeteilten Ressourcen seinem Beitrag und seinen Bedürfnissen entsprechen.

2.2. Welche Motivationen liegen den Menschenrechten zugrunde?

Die französische „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ entstand im Aufbruch der Aufklärung und im Vertrauen auf die menschliche Natur und Vernunft. Sie wurde vom Bürgertum getragen, das ganz eigene Interessen verfolgte, die sich nicht mit den Bedürfnissen des gesamten Volkes deckten. Die gewählte Terminologie (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zeigt, dass es in erster Linie um die Emanzipation der ökonomischen und kulturellen Eliten ging, die sich gegen die Bevormundung und Eingrenzungen durch den Adel wehrten. Während es bei der Erklärung von 1789 um eine Befreiungsperspektive der Bürger im Namen aller Menschen vorherrschte, entstand die AEMR aus der Erschütterung des Zivilisationsbruchs des Nationalsozialismus und der Verbrechen im 2. Weltkrieg.  In der AEMR geht es vorrangig um eine Schutzperspektive für potentielle Opfer von Menschenrechtsverletzungen, nachdem „Akte der Barbarei“ und „Tyrannei“, die die Schutzbedürftigkeit der Menschen in bislang nicht gekannter Weise offenbart hatten. (Fritzsche)

->  Weiter zu Punkt 3: Grundbedürfnisse und Menschenrechte