Gießereigelände: Wissenscontainer!

Resume: Die Ingolstadtgeschichte ist einmalig! Wir haben die Chance, durch die entsprechende Gestaltung des Gießereigeländes einen Teil der Geschichte sichtbar zu machen, also die Lücke zwischen 1800 und 2015 zu schließen.

Dafür müssen wie die Ingolstädter Bevölkerung informieren und mobilisieren.

Das ist der Weg dahin:

I. Wissen aufbauen und verbreiten:

1. Präsentation und Verbreitung des Wissens über die Geistesgeschichte seit 806

2. Präsentation und Verbreitung des Wissens über die Geschichte des Gießereigeländes

a) als Teil der Festung seit dem Mittelalter

b) als Industrieareal seit 1880

II. Der Kampf um die Erhaltung dieses Areals für die Ingolstädter Bürger seit 2009:

1. Kein Koloss am Schloss

2. Ansprache gegen das Kongresshotel

3. Ingolstadt: 550 Jahre Innovationen

(Fortsetzung folgt)

Kongresshotel: der Kampf geht weiter!

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Randolph Preisinger-Kleine: LdL auf europäischer Ebene verbreiten…

Lieber Jean-Pol und LDL-Enthusiasten,

wir bauen gerade unter Mitwirkung der LMU München und Uni Glasgow eine europäische Wissens- und Praxisgemeinschaft zum Lebenslangen Lernen auf. Das wäre eine gute Gelegenheit, LDL auch auf europäischer Ebene zu verbreiten, mit Bildungsakteuren zu diskutieren oder gemeinsame Praxisprojekte zu initiieren. Momentan ist die Plattform nur in englischer Sprache verfügbar, in Kürze aber auch in deutsch.

www.discuss-community.eu

Wie Julia Reda mich 2010 zu meinem “Neuronenmodell” interviewte.

Architektur in Ingolstadt: historisierend vs. modern?

Dies ist die Fortsetzung von “Social media: kollektive Wissenskonstruktion am Beispiel von Ingolstadt“.

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Jean-Pol Martin Sigi Dengler wirklich ein toller Artikel! Er drückt alles, was ich denke, aus, natürlich viel besser und unendlich fachkompetenter!:-)
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Historisierendes Altstadtgebäude oder moderne, zeitgemässe Architektur? Wie soll das Haus aussehen, das künftig anstelle des DK-Gebäudes in der Donaustraße stehen wird?

Jean-Pol Martin Verstehe ich! Reduce und Reuce!

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Susanne Bauer Ein Freund von mir wohnt da. Die Wohnung ist auch von innen sehr schön.
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Tolles Beispiel für Integration historischer Elemente mit Modernität und Funktionalität. Entspricht nebenbei auch meiner Vorstellung von anthropologischen Konstanten, die in der Architektur unbedingt berücksichtig werden sollen (siehe auch Maslow). Danke an Stefan Höchstädter:
http://www.nbundm.de/projekt/4/stadthuser-griesbadgasse.html

nbundm* neuburger, bohnert und mitarbeiter | Architekten BDA und Stadtplaner | München und Ingolstadt
nbundm.de
Theresia Fladl Sigi Dengler, vielen Dank! “Da Baumaßnahmen im „Lebensprozess“ eines Gebäudes stets die größte Energie- und Umweltbelastung darstellen, ist es alles andere als nachhaltig, wenn ein Gebäude alle paar Jahre umgebaut werden muss, nur weilMehr anzeigen

Social media: kollektive Wissenskonstruktion am Beispiel Ingolstadt.

Auf Altstadt gemacht (spießig-retro) und gefällt mir trotzdem besser als das DK-Gebäude in Donaustrasse!

„Auf Altstadt gemacht (spießig-retro) und gefällt mir trotzdem besser als das DK-Gebäude in Donaustrasse!“
  • Jean-Pol Martin Ja, das glaube ich dir gerne!
  • Stefan Höchstädter auf “spießig-retro” könnten wir uns verständigen…
  • Jean-Pol Martin Sigi Dengler und Stefan Höchstädter sowie Michael Olma: Jedenfalls habe ich das lieber im Alltag als Gegenüber als das DK-Gebäude. Soweit ich das überblicken kann, habt Ihr drei von eurer Wohnungen aus eher Altstadtpanorama (echt oder nachgemacht) und nicht die quadratisch grau-triste DK-Gebäude-Ambiente. Es ist ein Unterschied, ob man ein depremierendes Gebäude als unmittelbare Umgebung erfährt oder beim Vorbeigehen als architektonische Kreation schnell einordnet und weiterläuft…
  • Paul Schönhuber Es ist wahrscheinlich eine persönliche Ansichtssache, ob man lieber auf ein architektonisch sauber entworfenes, modernes, aber technisch-kühl wirkendes Gebäude schaut, oder auf eines, das der Lehre nach nicht so perfekt ist, aber eine insgesamt gemütlichere Ausstrahlung hat.
  • Jean-Pol Martin Absolut: ich bin überzeugt, dass es so etwas wie anthropologische Konstanten gibt, die sich durch die ganze Geschichte der Menschheit durchziehen und bestimmen, in welcher Ambiente sich Menschen wohl fühlen oder nicht. Graue Quadrate kann man intellektuell schätzen. Zwischen grauen Quadraten zu leben, ist was anderes… Ich bin auch froh, dass ich nicht die Audi-Akademie vor der Nase habe, sondern den Blick auf das Zeughaus, auch wenn es leider noch nicht renoviert ist…
  • Lydia Halbhuber-Gassner Außerdem: was ist das Ziel einer Stadtarchitektur? Sollen sich die Menschen zum Verweilen eingeladen fühlen? Also sich da wohlfühlen ? Oder sollen sich irgendwelche Menschen da selbst verwirklichen, die ansonsten mit der Stadt selbst eher wenig bis nichts verbindet?
  • Stefan Höchstädter Ist m.E. sehr vom persönlichen Geschmack und Empfinden abhängig. Natürlich ist es außerhalb jeder Kritik oder auch nur Bewertung, dass Sie sich beim Anblick eines zwar modernen, aber traditionell aussehenden Gebäude wohler fühlen, als mit einem modernen Gebäude, das auch so aussieht. Ich schließe mich allerdings nicht einem Standpunkt an, wonach traditionelle Architekturanmutung (Beispiel Ihre Aussicht auf die Ludwigstraße) gewissermaßen wissenschaftlich (anthropologisch) erwiesen tendenziell besser gefällt, als moderne Anmutung. Wenn es so gemeint war. Vielleicht haben wir so etwas wie eine eingebaute Wahrnehmung für Formen und Proportionen, da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Aber ich glaube auch, dass man dieses Sensorium mit moderner und traditioneller Anmutung gleichermaßen positiv stimulieren kann.
  • Stefan Höchstädter Aber Lydia: die Gleichsetzung von moderner, zeitgemäßer Architektursprache mit der Selbstverwirklichung von Leuten, die mir der Stadt nichts verbindet, finde ich nicht in Ordnung. Der Umkehrschluss wäre, dass sich Stadtverbundenheit nur mit traditioneller Formensprache – wohlgemerkt bei neuen Gebäuden – ausdrücken ließe. Also Giebeldächer, rot ziegelgedeckt, Dachgauben, Erker usw. Da gibt es meiner Meinung nach auch keine stichhaltige Begründung dafür, jedenfalls ist es keineswegs zwingend oder “alternativlos”. Ich meine, das kommt stark auf den Einzelfall an, und reine Ansammlungen traditioneller oder historischer Zitate sollten vermieden werden. Das führt zu einer Architektur, die “so tut, als ob”, das erfüllt aus meiner Sicht aber nicht die architektonischen und städtebaulichen Ansprüche unserer Zeit.

  • Jean-Pol Martin Grau, quadratisch, ohne Formen, an denen sich die Phantasie, die Kreativität, die Sehnsucht nach “Höherem” festhalten und entfalten kann, nicht einmal das Bedürfnis nach Geborgenheit, auch nicht die Neugier zu erfahren, was sich hinter dieser ohnehin abweisenden Fassade verbirgt. All das sind anthropologische, zeitunabhängige Bedürfniskategorien. Oder?

    Jean-Pol Martins Foto.
  • Stefan Höchstädter Das ist zuallererst der Versuch, persönliches Nichtgefallen in den Rang eines -für dieses Objekt- allgemein anzuerkennenden architektonischen Defizits zu heben. Muss ich leider so deutlich sagen. Nichts für ungut.
  • Stefan Höchstädter PS: das Gebäude ist für mich ein ganz wichtiges Zeitzeugnis für die Stadt und ein wichtiges Exemplar der hiesigen Architekturgeschichte, die ja auch zur Stadtgeschichte und zur Identität gehört. Schade, dass die Tage dieses hiesigen Architektenwerks gezählt sind.
  • Michael Olma Die Sache ist recht komplex… Es kommt auch auf den “Inhalt” des Gebäudes und den persönlichen Bezug dazu an. Im DK-Gebäude, oberster Stock, war mein Opa ab den 50er Jahren mit Herrn Reissmüller in der Chefredaktion dabei, den DK groß zu machen…
  • Jean-Pol Martin Sehr einsichtig! Verstehe ich gut!
  • Jean-Pol Martin ich verstehe eure Argumente gut, glaube ich, bleibe dennoch (vorläufig) bei meiner Hypothese von anthropologischen Konstanten. Ich bleibe am Thema.
  • Veronika Peters Jean-Pol, sonst bin ich meistens Deiner Meinung.
  • Theresia Fladl Diese Gebäude für mich ist a bisserl schwierig. .. Post modern neo classical derivitive, 80’s Fast Architecture. Wie ist es damqls enstanden?
  • Jean-Pol Martin Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es permanent vor mir habe und mich darüber freue, dass es nicht dieses Gebäude ist:

    Jean-Pol Martins Foto.
  • Lydia Halbhuber-Gassner Stefan , zurück zu meiner Frage: was ist die Aufgabe der Stadtarchitektur ?
    Und weiter: was ist die Aufgabe des Beratungsgremiums um Prof. Wappner?
    Es gibt tolle moderne Architektur – aber leider nicht in IN! (Das geplante Hochhaus am Nordbahnhof könnte die Kriterien erfüllen und zwar sowohl vom Entwurf als auch vom Standort. Das ist an dieser Stelle stimmig)
    Auch denke ich nicht, dass es um eine Ansammlung pseudoantiken
    Bauten gehen sollte. Vielmehr sollte sich ein Gebäude harmonisch in seine Umgebung einfügen.
  • Stefan Höchstädter Von den 3 oben von Dir gestellten Fragen habe ich die dritte beantwortet, und daraus wird schon viel von meiner Denkart über die weiteren deutlich
  • Stefan Höchstädter I.Ü. stimme ich mit Deinem Beitrag gerade weitgehend überein.
  • Jean-Pol Martin Übrigens: auch ich plädiere nicht für eine “Ansammlung pseudoantiker Bauten”, sondern für eine Architektur, die die zentralen Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen versucht. Wie man sie definiert und wie man sie befriedigt ist ein spezielles Thema, aber meine Ausgangsthese war, dass die relativ niedrige Höhe, die helle Farbigkeit, die Anpassung an die Umgebung, die aufgelockerte Fassade des oben agebildeten Gebäudes unabhängig von dessen stilistischen Qualität meine Bedürfnisse (und ich meine hypothetisch auch die vieler anderen Menschen) besser befriedigt als dieses Gebäude:

    Jean-Pol Martins Foto.
  • Roland Scheuerer Ich werde das Gebäude sehr vermissen. Es ist m.E. ausgezeichnete Architektur mit klarer dezidierter Formensprache analog der sich zur Bauzeit entwickelnden Kunst. Zeitgemäße Materialien zeitgemäß in Szene gesetzt. Und eines der wenigen Gebäude in IN das den Intellekt stärker anspricht als die Emotionen.
  • Lydia Halbhuber-Gassner Lieber Roland, da bekanntlich die Emotionen für unser Handeln entscheidender als der Intellekt ist ……
  • Alois Finkenzeller Nur weil es immer heißt “Zeitgeschichte”! Dann hat die Sparkasse also schon die 3. und das neue Rathaus die 2. Zeitgeschichte hinter sich, während die Bauten der Vergangenheit schon Jahrhunderte stehen. Also mein Fazit, unsere jetzige Zeitgeschichte ist anscheinend auch den Bauherren und Architekten nicht viel wert, weil Wegwerfarchitektur
  • Roland Scheuerer Ja liebe Lydia, das gilt leider für die Mehrheit.
  • Jean-Pol Martin Roland Scheuerer Die Umgebung wirkt direkt auf unser Unterbewusstsein und unsere Gefühle. Nur sehr selten, wenn wir ein Gebäude bewusst betrachten und deren Struktur analysieren, schalten wir unseren Verstand ein.
  • Sigi Dengler Mir persönlich sind Äpfel auch meist lieber als Birnen.
    Viele Menschen neigen dem zu, dem Sie vertrauen, bzw. dem, was vertraut ist oder zumindest vertraut erscheint. Deswegen wird auch vielen eine, noch so schlechte Kopie eines Rembrandt, Dürer oder Spitzweg mehr zusagen, als zeitgenössisches. Bleibt es jedem selbst überlassen, ob man man sich in Galerien und Museen mit Formfindungs- und Welterklärungsversuchen auseinandersetzen möchte, ist es mit der Architektur der Stadt anders, dieser kann man sich nicht entziehen. Deshalb ist es auch legitim und mitunter auch wichtig sich darüber zu streiten. Warum finden die einen das Ingolstädter Stadttheater grandios, die anderen würden es dagegen liebend gerne abreißen, eine Fragestellung die banal erscheinen mag, aber doch lohnenswert wäre, ihr nachzugehen.
    Ich glaube, wir haben weitgehend verlernt hinzusehen, verlernt zu erkennen und zu verstehen. Was erzählen uns die beiden Gebäude, die so unterschiedlich sind und, würde man sie fragen, vermutlich nicht verglichen werden wollen würden (:-))?
    Nun, mir erzählt das ältere, dass es immer noch moderner wirkt. Es stammt aus einer Zeit, in der versucht wurde, die Blut- und Boden Architektur zu überwinden, versucht wurde, an die Moderne der Bauhauszeit und deren Freiheitsversprechen anzuknüpfen. Das Haus, das offensichtlich von einem einflussreichen Bauherrn, da leicht zu groß geraten, durchgesetzt wurde, berichtet davon, das es vielen Menschen einen Arbeitsplatz mitten in der Stadt bieten möchte, mit großen Fenstern zum Stadtraum, allen gleich viel Licht. Trotzdem versucht der Architekt durch Differenzierungen Bezüge zur Nachbarschaft herzustellen. Das Haus ist gut proportioniert, hat eine klassische Ordnung: Sockel, Zwischengeschosse, Mezzanin, Rhythmus, Spiel von Symmetrie und Asymmetrie. Ein Ausloten der statischen Möglichkeiten der Zeit. Eine städtebauliche Setzung, selbstbewusst. Nur im Erdgeschoss spürt man, das war ursprünglich anders gedacht, der gewollte Bezug zwischen öffentlichem Raum und Innenraum ist überformt und gestört.

    Haus 2, ungefähr 30 Jahre später erzählt mir: hier hatte jemand Sorge. Hier möchte jemand die Banalität eines Kaufhauses in historischer Kulisse verstecken. Willfährige, drittklassige Architekten, ängstliche Denkmalpfleger und ein Stadtbaurat, vermutlich kurz vor der Wiederwahl versuchen das schlimmste zu verhindern und einigen sich im Mittelmaß. Schlechte Proportionen, was ist eigentlich im Dach, welches fast so viel Masse und Fläche hat wie der Rest des Gebäudes? Wie sitzen die Fenster, für was sind sie eigentlich da? Ja, das Haus soll und möchte nicht all zu sehr auffallen, das ist gelungen dadurch, dass man sich am Formenkanon der Baugeschichte bedient hat. Kein Beitrag zur Weiterentwicklung der Ingolstädter Bautradition, eine schlechte Kopie einer schlechten Kopie einer schlechten Kopie eines beliebigen Hauses des 19 Jahrhunderts. Aber immerhin fühlt sich Jean-Pol weniger gestöhrt. Das ist ja auch schon was Wert und war genau so beabsichtigt.
    Ich denke, wir sollten uns wieder den Aufgaben der Gegenwart zuwenden.

  • Alois Finkenzeller Müssen wir wirklich alles erst analysieren? Soll Architektur ohne Erklärungsbedarf nicht von sich aus wirken? Also bin heute wieder am Volksbad in München vorbeigefahren. Steht da in voller Schöhnheit und Funktion, während das Hallenbad IN wieder kurz vor dem Abriß steht. Gibt mir mit meinem bescheidenen Intellekt zu denken
  • Alois Finkenzeller Und die Mehrheit besteht schon wieder aus Banausen
  • Stefan Höchstädter Chapeau @Sigi Dengler.
  • Stefan Höchstädter Auch schade ums alte Hallenbad übrigens!
  • Jean-Pol Martin Sigi Dengler ich fühle mich von dir nicht in die Banausenecke gestellt, und das ist schon mal gut für die Kommunikation. Die Frage, ob es so etwas wie anthropologische Konstanten gibt im Hinblick auf den Wohnraum oder die Umgebung, dazu zähle ich auch die Natur (Gärten usw…) beschäftigt mich schon lange, spätestens seitdem ich für ihre Architektur gerühmte Gebäude als gegen menschliche Grundbedürfnisse gravierend verstoßend empfand. Man kann kühne, technisch brillante, intellektuelle faszinierende Räume als Architekt entwerfen und realisieren. Als Mensch, der in diesen Räumen lebt, kann man in direkter Kausalität depressiv werden und bei allem intellektuellen Aufwand seine Gefühle nicht soweit bringen, dass sie dem Intellekt folgen. Ich habe ein ganz simples Instrument, um zu verstehen, warum ich mich in einer Umgebung glücklich fühle oder nicht. Es ist die Pyramide von Maslow. Befriedigt diese Umwelt meine physiologischen Bedürfnisse, meine Bedürfnisse nach Sicherheit, meine Bedürfnisse nach sozialen Kontakten, meine Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung, meine Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und meine Bedürfnisse nach Sinn? Deine Argumente für das DK-Gebäude haben, wenn überhaupt, nur mein Bedürfnis nach Sinn angesprochen. Und zwar nach dem Sinn des Gebäudes selbst, im Rahmen der Architekturgeschichte von Ingolstadt. Aber nicht das Bedürfnis nach einem Sinn des Gebäudes für mich und mein Leben.
  • Sigi Dengler Niemals würde ich dich als Banausen sehen! Zu Deiner Frage hat sich Gerd Selle in “die eigenen vier Wände, wohnen als erinnern” gute Gedanken gemacht
  • Jean-Pol Martin Ich sage ja: du stellst mich nicht in die Banausenecke. Gut dass ich mich zu anderen Kunstgegenständen nicht äußere. Ich will deine Geduld und Großmut nicht überstrapazieren!:-)
  • Jean-Pol Martin Beispiel für ein vielgerühmtes Gebäude in der Nähe von Paris, in dem zahlreiche Wohnungen untergebracht sind, in denen Menschen auffällig depressiv werden:

    Jean-Pol Martins Foto.
  • Stefan Höchstädter Bitte mal kurz innehalten – niemand stellt irgendjemanden in eine Banausenecke.
  • Jean-Pol Martin Klar, das werfe ich ja niemandem vor. Im Gegenteil, ich betone bewusst, dass ich hier nicht schlecht behandelt werde!
  • Sigi Dengler Ricardo Bofill, sozialer Wohnungsbau im postmodernen Kleid. Mochmals, es geht doch nicht um Banausentum, da wüsste ich schon andere. Aber. liebrer Jean-Pol, da Du dich so intensiv mit dem Thema befasst, kann ich dir meinen Text, den ich vor einigen Monaten im Rahmen eines Eiführungsvortrags gehalten habe, nicht ersparen Reihe Werkberichte im nm 2013/2014 “Wie wohnen?”
    Eröffnungsvortrag am 21.11.2013, Neues Museum Nürnberg
    Wohnen – mehr als ein Dach über dem Kopf?
    Wann haben Sie zuletzt gewohnt?
    Soweit wir zurückdenken können wird gewohnt. Wir alle wohnen. Ein archaischer Akt. Auch wenn sich die äußere Erscheinungsform ändert, überrascht doch die Konstanz des inneren Bildes unserer Wohnungen, wenn auch in den meisten Fällen der offene Kamin durch den Flachbildschirm ersetzt wurde.
    Wir wohnen täglich, Tag und Nacht, notfalls im Hotel, im Wohnwagen, im Zelt, im Auto, in einer Raumkapsel, im Krankenhaus, Seniorenheim, manche im Büro. Wohnen ist eine Tätigkeit, ohne die unser Dasein in der Welt kaum vorstellbar ist. Und selbst nach dem Tod wollen wir noch weiterwohnen, im Sarkophag, in der Pyramide, im Sarg, einer Urne, im Grab. In jeder Kultur gibt es Symboliken, durch welche das Wohnen den Tod negiert. Wir bauen Häuser für die Götter, damit sie bei uns wohnen können.
    Seit neuerem haben wir eine „homepage“, eine virtuelle Immobilie, um uns im digitalen Raum zu beheimaten. Und obwohl das Wohnen eine derart zentrale Rolle in unserem Leben einnimmt, denken wir doch erstaunlich wenig darüber nach, es vollzieht sich vielmehr selbstverständlich, wie von selbst. Erst wenn wir unsere Wohnung verlieren, durch Kündigung, Krieg, Vertreibung, Katastrophen, wird uns klar, welch große Bedeutung das Wohnen für uns Menschen hat.
    Was wohnen nun genau ist und was es bedeutet, das lässt sich nicht leicht definieren und nicht alle Sprachen kennen ein eigenständiges Wort hierfür. Im angelsächsischen Raum wird sprachlich nicht zwischen Wohnen und Leben (to live) unterschieden, auch Philosophen wie Martin Heidegger („Dinge verstatten Räume“) diskutieren den Begriff.2 Wohnen ist für Heidegger keine architekturwissenschaftliche oder sozialpsychologische Aktivität; es ist ein ontologisches Geschehen und berührt somit die Grundlagen unserer Existenz.3
    Das althochdeutsche Wort „wonen“, das mittelhochdeutsche wonunge, das für Unterkunft und Gewohnheit stand, beinhaltet viele Bedeutungen. Von „sein“, „bleiben“, „gewohnt sein“ bis hin zu „zufrieden sein“ fasste es ganz bestimmte Zustände des Menschseins unter diesen Begriff zusammen.
    1http://www.bda-bayern.de/aktuelles/veranstaltungen/artikel/2013/11/21/reihe-werkberichte-im-nm-20132014-wie-wohnen.html
    2 Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes , Reclam, Frankfurt am Main, 1960
    3 Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken (1951), in:) Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften, transcript Verlag, Bielefeld, 2013

    Höhle und Nest gelten als die Urbilder des Wohnens, der Hauptzweck der Wohnbehausung, der Schutz gegen die äußere Welt und dem Tot ist bis heute der gleiche geblieben. Die älteste nachgewiesene Schutzhütte entstand vor ca. 400.000 Jahren und wies eine durch Holzpfosten gebildete Dachkonstruktion und eine Feuerstelle auf, eine Grundform einer einfachen Behausung. Wer kein „Dach über dem Kopf“ hat, der ist den Widrigkeiten der Welt schutzlos ausgeliefert. Wohnen gehört neben Nahrung und Kleidung zu den Grundbedürfnissen des Menschen, die Wohnung als der persönliche Lebensbereich bildet einen Rückzugsraum gegenüber der öffentlichen und staatlichen Kontrolle, die Unverletzlichkeit der Wohnung ist in Artikel 13 des Grundgesetztes gesetzlich geregelt.
    Wann haben Sie das erste Mal bewusst gewohnt?
    Es geht beim „Wohnen“ auch um eine Form des Ausdrucks, und darum eine Kontrastwelt zum Alltag zu schaffen, in der man sich auf sich selbst besinnt und in der man Erholung, Ausgleich und Schutz sucht und sich in dieser Welt nach eigenen Vorstellungen einrichtet.
    Die Typologie der Bauformen hat sich im Laufe der Geschichte kaum verändert. Wände, Dach, Fenster, Türe, Stube, Küche, Kammer prägen bis heute die Grundformen unserer Wohnungen. Dennoch sind unsere Behausungen nie ausschließlich funktional zu erklären, sie sind vielmehr immer auch in erheblichem Maß symbolisch aufgeladen und ästhetisch determiniert.
    Der Kulturhistoriker Gert Selle, beschreibt das Wohnen in seiner Form als konservativ, die Menschen halten an das Gewohnte fest und leben über die Kulturgeschichte hinweg sehr unbewusst ohne zu wissen was sie wirklich und symbolisch tun. Erst das bewusste Hinsehen zeigt die geringe Veränderung im Verhalten des Wohnens auf und lässt die Beständigkeit der historisch tradierten Vorgaben erkennen. Trotz aller Veränderung über die Zeit ist der Raum der eigenen vier Wände jener Unterschlupf geblieben, den die Urhütte darstellte.
    Wohnen ist als zentrales Kulturereignis, Inszenierungsform des privaten Alltags schlechthin zu verstehen. Mehr als je zuvor wird heute in die eigenen vier Wände investiert, phantasievoll, frei und aufwendig und am liebsten in eine idyllische Landschaft ohne Rücksicht auf ökonomische oder ökologische Krisen. Wohnen soll ein Gefühl von Heimat vermitteln.
    In unserem Kulturkreis werden dem Wohnen insbesondere Funktionen zugeordnet, die dem öffentlichen Raum weitgehend entzogen werden: Schlafen, Kochen, Vorratshaltung, Erholung, Geselligkeit, Austausch von Zärtlichkeit, Sexualität, Aufbewahren von persönlichen Gegenständen und Erinnerungen. Damit sind, oder waren, die sozialpsychologischen Qualitäten des Wohnens abgesteckt.

    Die Frage wie wir wohnen hängt stark mit der eigenen Persönlichkeit und Lebenseinstellung zusammen. Verhaltensspuren nennen die Psychologen das… „sage mir wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist“. Neue Wohnformen, wie die Wohngemeinschaft sind entstanden. Interessant wird es dann, wenn man mit anderen zusammen wohnt und unterschiedlichste Vorstellungen aufeinander treffen.
    Wohnen, so wie wir es heute kennen, hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert, also im aufkommenden Bürgertum, die Wohnung wird zum Rückzugsort, die Industrialisierung trennt die Funktionen Wohnen und Arbeit ein einem vorher nicht gekanntem Maße. In der Biedermeierzeit entwickelt sich eine ästhetische Ausprägung der Wohnkultur, die teilweise bis heute wirkt.
    Walter Benjamin schrieb über die Wohnung im 19. Jahrhundert, dass sie den Menschen “mit all seinem Zubehör so tief in sie einbettete, dass man ans Innere eines Zirkelkasten denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatzteilen, in tiefe, meistens violette Sammethüllen gebettet, daliegt.” Benjamin beschreibt die Wohnungen als eher dunkel, mit Hüllen und Etuis für Alles und mit Vorhängen. Das Interieur bezeichnete er als das Etui des Privatmannes.
    Wohnen ist niemals voraussetzungslos, es ist immer eigebettet in einen historischen und kulturellen Kontext. Wir sind „eingewohnt“, haben uns an bestimmte Wohnmodelle gewöhnt. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein“4. Goethes Zitat bringt – wenn auch Heinrich Faust, der unglückliche Gelehrte, den Satz beim Osterspaziergang in der Menschenmenge fallen lässt, als er beobachtet, wie sich die Menschen aller Stände im feierlichen Trubel wohlfühlen – gut zum Ausdruck, welche Erwartungen wir an die eigenen vier Wände stellen.
    Dennoch ist Wohnen keine Insel des Privaten, sondern steht vielmehr im Zentrum des gesellschaftlichen Selbstverständnisses: es bildet die ökonomischen Verhältnisse ab, zeigt den gesellschaftlichen Status an, gibt Aufschluss über die sozialen Konventionen, die das Zusammenleben regeln, über die Geschlechterrollen, die Beziehung von Eltern und Kindern, der Generationen untereinander, es ist ein wesentlicher Indikator über die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Gruppen bzw. das Ausmaß an Individualisierung, es definiert über Lebensmodelle und Wohnstile kulturelle Zugehörigkeit und Identitäten, es oszilliert zwischen Selbstdarstellung und Selbstbeschneidung, es beinhaltet eine ideale Vorstellungswelt, aufgeladen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen, es unterliegt kommerziellen Einflüssen, Moden und ästhetischen Vorstellungen.
    Kurz: Im Wohnen verschränkt sich alles: historisches Erbe und aktuelle Entwicklung, ökonomische Umstände, soziale Gegebenheiten, kulturelle Gepflogenheiten,
    4 Johann Wolfgang Goethe, Faust Eine Tragödie: Erster und zweiter Teil Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997)

    psychologische Faktoren, persönliche Dispositionen und Neigungen und die natürlich die ganz banalen Anforderungen des täglichen Lebens.
    Wie werden wir künftig wohnen?
    Weiter wie gewohnt? Wohl kaum. Zu tiefgreifend sind der gesellschaftliche, der ökonomische, der soziale, der ökologische und der kulturelle Wandel, als das wir hiervon unbeeindruckt sein könnten.
    Aber unsere Vorstellungen vom Wohnen und unsere gesetzlichen Vorgaben, DIN-Normen und Förderbestimmungen stammen teilweise immer noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Drei Zimmer, Küche, Bad, Zentralheizung, die Idealform: das eigene Haus am Stadtrand. Zwei Drittel unseres Wohnungsbestandes sind nach diesem Modell erstellt worden, historisch gesehen aber handelt es sich um ein sehr junges Wohnmodell, aus dem die meisten Menschen sich längst schon wieder verabschiedet haben.
    Die Hintergründe dieses Modells, die Kleinfamilie, die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, die Selbstverständlichkeit des ökonomischen Wachstums in einer Industriegesellschaft sind historisch und verblassen zusehends in einer sich schnell ändernden Welt.6
    In westdeutschen Großstädten macht der ehemals klassische Haushaltstypus, die Familie mit Kindern, nur noch 10 bis 15 % der Haushalte aus. Neue Wohn- und Lebensformen entstehen und bestehen nebeneinander: Einpersonenhaushalt, (in Nürnberg zwischenzeitlich 50% aller Haushalte), Alleinerziehende mit Kind(ern), Wohngemeinschaften, Baugruppen, unverheiratet zusammenlebende Paare unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts, kinderlose Paare. Und die Lebenssituationen ändern sich in den jeweiligen Lebensphasen.
    Die großen Themen in der Stadtentwicklung sind die zunehmende (Re-) Urbanisierung, die demographische Entwicklung, der zunehmende Ressourcenverbrauch, der Strukturwandel, ein verändertes Mobilitätsverhalten, der Klimawandel, die Energiewende, der Wandel in der Informations- und Kommunikationstechnologie, Globalisierung der Märkte, eine verschärfte Einkommenspolarisierung, zunehmende Bildungsarmut, eine fragiler werdende Stadtgesellschaft, Entstehen von Parallelgesellschaften, wachsende Ansprüche der Bürger an Partizipation.
    5 Sabine Kraft, Julia von Mende, Simone Kläser, wer mit wem, wo, wie, warum. Wohnen. archplus 176/177). Aachen 2006 (u. a. zur Ökonomisierung des Wohnens, Anpassbarkeit räumlicher Konzepte an gesellschaftliche Veränderungen und zum selbstorganisierten Wohnen)
    6 Walter Siebel, Zukunft des Wohnens, archplus 176/177). Aachen 2006

    Die Studie „Die Zukunft des Bauens und Wohnens“ 7 des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung /IZT) gibt mit 10 Thesen folgende Antwort:
    1. Die Bevölkerung wird älter und schrumpft. Trotzdem wächst die Zahl kleiner Haushalte
    2. Energieeffiziente Sanierung, Flexibilisierung und altengerechter Umbau sind Wachstumsmärkte und die mit Abstand größten Betätigungsfelder der Bauwirtschaft
    3. Der Wohnungsneubau in Deutschland geht kontinuierlich zurück, auch wenn es regional zu Differenzierungen kommt. In vielen Regionen wird der Bedarf an Wohnraum aus dem Bestand heraus gedeckt
    4. Wir erleben eine „Renaissance der Stadt“. In vielen Städten besteht Bedarf an Mietwohnungsneubau. Der größte Anteil des Wohnungsneubaus entfällt aber auf den Eigenheimbereich, da politische und wirtschaftliche Impulse für den Mietwohnungsbau fehlen
    5. Der Anteil der Bürger im Erwerbsalter sinkt stetig – und damit auch die Zahl potentieller Immobilienkäufer
    6. Die Vielfalt der Lebensstile führt zu vielfältigen Bedarfen. Flexibilität ist das wesentliche Merkmal von guten Immobilien
    7. Bauformen, -prinzipien und –materialien ändern sich nicht fundamental. Es werden jedoch zunehmend funktionalere Baustoffe entwickelt und eingesetzt, die bessere Oberflächeneigenschaften und längere Lebensdauer haben
    8. „Intelligente Häuser“ bleiben die Ausnahme. Neue Gebäudetechnologien wirken im Hintergrund – und auch nur dann, wenn sie durch Einsparung von Ressourcen überzeugen oder selbstbestimmtes Wohnen unterstützen.
    9. Der Megatrend „Minderung des Energieverbrauchs“ führt zu bautechnischen Innovationen sowie zu Planungs- und Bauaufträgen
    10. Gebäude produzieren in Zukunft mehr Energie als sie verbrauchen – auch und dank zunehmender Verbreitung günstiger Fotovoltaik-Technik
    Welche Antworten auf die Fragen der Zeit haben Architekten gefunden. Müssen die neuen Anforderungen zwangsläufig zu Lasten der architektonischen Qualität gehen? Möglichketen und Spielräume soll die vom BDA KV Nürnberg, Mittel-/ Oberfranken veranstaltet Vortragsreihe aufzeigen und ausloten.
    Johann Wolfgang von Goethe schrieb in „ Was wir bringen / Vater“
    “Eine schlechte Wohnung macht brave Leute verächtlich.” –
    Siegfried Dengler, Architekt BDA, Stadtplaner, Leiter des Stadtplanungsamtes Nürnberg,
    7 https://www.izt.de/fileadmin/downloads/pdf/IZT_WB115.pdf

  • Lydia Halbhuber-Gassner Letztendlich müssen wir ja gar nicht um die Architektur des ehemaligen DK diskutieren, denn das Haus wird definitiv abgerissen. Es geht doch darum welche Anforderungen sind an Städtearchitektur zu stellen. Soll sie die Menschen durch “Freundlichkeit” Willkommen heißen? Sie zum Wohlfühlen ermuntern?
    Oder durch kühne Architektur abweisend wirken? So dass die Menschen da nicht heimisch werden (können oder gar sollen ) Hundertwasser spricht davon, dass die Wohnung die dritte Haut des Menschen ist. Was wenn er mit dieser dritten Haut fremdelt ? Depressiv wird?  Daher nochmals: für wen wird gebaut?
  • Jean-Pol Martin Sigi Dengler Vielen Dank, da bin ich gut beschäftigt. Ich werde deinen Text jetzt lesen. Und zur Entspannung, auch von Ricardo Bofill in der Nähe des anderen Gebäudes:

    Jean-Pol Martins Foto.
  • Stefan Höchstädter Achtung persönlicher Geschmack: die Postmoderne ist mein Ding nicht.
  • Jean-Pol Martin Letztlich ist mein Kriterium ganz einfach: fühle ich mich hier wohl oder nicht. Und wenn es postmodern sein soll, wo ich mich wohl fühle, dann mag ich eben dieses postmoderne Gebäude auch.
  • Jean-Pol Martin Sigi Dengler danke für den interessanter Eröffnunsgvortrag! Flexibilität und Diversität! Ich werde mir allerdings weiter überlegen müssen, warum ich lieber auf das historisierende Mittelmaß vor meinem Fenster blicke als auf das damals fortschrittliche DK-Gebäude, bei all dessen Qualität. Eine Intuition davon habe ich schon…

High Noon in Ingolstadt!

Groteske Fehleinschätzung

„High Noon“ hat das Wort: Die Napoleon-Ausstellung bringt das Neue Schloss endlich wieder in den Fokus – Doch Ingolstadt hätte lieber die Landesausstellung „500 Jahre Reinheitsgebot“ gehabt

Von Jean-Pol Martin

Nicht unser OB Christian Lösel verkündet das Ereignis, das nach langer Ignoranz einen wesentlichen Aspekt unserer Ingolstädter Geschichte ins Zentrum der Aufmerksamkeit weit über Bayern hinaus bringen wird: Die Ausstellung „Napoleon und Bayern“. Nein, das tut Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. Die Ingolstädter selbst hätten lieber die Landesausstellung „500 Jahre Reinheitsgebot“ erhalten. Wie kommt es zu dieser grotesken Fehleinschätzung?

Fragt man Menschen auf der Straße, auch gebildete Ingolstädter, was sie mit unserer Stadt verbinden, fällt ihnen sofort Audi ein. Die meisten fügen noch den FC 04 als Glanzstück dazu. Und mehr kommt nicht. Selbst aus Stadträten und sonstigen Amtsträgern ist nicht viel mehr herauszuholen. Und genau da liegt das Problem. Die Unwissenheit der Stadtväter und Stadtmütter bewirkt, dass sie die ideellen Ressourcen unseres Lebensraumes nicht erkennen und nicht nützen.

„Diese Ausstellung hat eine internationale Dimension. Napoleon ist eine Figur der Weltgeschichte. Wir suchen für unsere Landesaustellungen immer den authentischen Ort. Ingolstadt hat für die Napoleonische Zeit große Bedeutung, liegt an einer wichtigen Durchzugsstraße, ist ein historisches Monument. Im Bayerischen Armeemuseum hat man eine Wahnsinnssammlung für die Napoleonische Epoche. Hinzu kommt, dass das Neue Schloss ein ganz wichtiges Haus für Bayern ist und mit der Landesaustellung bringen wir das Schloss und das Armeemuseum endlich wieder in den Fokus!“.

Herr Loibl kommt nach Ingolstadt und erklärt uns, warum unsere Geschichte so spannend und wichtig ist! Und natürlich dehnt er seine Ausführungen nicht auf die anderen, wirklich bedeutsamen Gebäude unserer Stadt aus, das Münster und vor allem die Hohe Schule. In der Hohen Schule konzentrierte sich zwischen 1472 und 1800 – also 328 Jahre – die intellektuelle Elite Bayerns. Denn in Ingolstadt befand sich die einzige bayerische Universität. Humanismus, Reformation, Gegenreformation, Aufklärung, für alle geistesgeschichtlichen Bewegungen war Ingolstadt der Brennpunkt. Schade, dass die meisten Ingolstädter Bürger das nicht wissen. Die Identifikation mit dem Ort, an dem man lebt, ist eine wesentliche Dimension für das Wohlbefinden eines Menschen. Bedauerlich, dass man ihm diese Möglichkeit vorenthält!

Die Landesausstellung bietet einen hervorragenden Anlass, dieses Versäumnis zu beheben. Durch den Impuls von außen könnte die Stadtverwaltung motiviert werden, unsere Geschichte durch entsprechende Gestaltung der Altstadt lesbar zu machen. Bauliche Zeugnisse sollten wieder zur vollen Geltung gebracht werden, wie beispielsweise das sogenannte Fellermeyerhaus, eigentlich ein Barockpalais aus der Zeit der Aufklärung, in dem der berühmte Chirurg Leveling gewohnt hat, und das zur Zeit in direkter Nähe des Neuen Schlosses dem Verfall preisgegeben wird.

Vor allem aber sollte man diese Gelegenheit nutzen, um im Georgianum ein Haus der Ingolstädter Geistesgeschichte einzurichten. Unsere „Initiative Georgianum“ hat dazu ausführliche Vorschläge gemacht, die bisher von der Stadtverwaltung nicht wahrgenommen wurden.

Ja, danke Herr Loibl! Es ist nicht ausgeschlossen, dass unsere Bürgervertreter und Vertreterinnen durch Sie wachgeküsst werden. Immerhin wird im Gegensatz zur Napoleonischen Zeit heute geküsst, nicht mehr vergewaltigt.

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Sie fühlen sich verlassen, von allen guten Geistern. Abfinden aber wollen sie sich damit nicht. Paul Schönhuber, Jean-Pol Martin, Klaus Staffel und Joachim Hägel, vier streitbare Ingolstädter Geister, die es aus ernüchternder Erfahrung leid sind, die Politik sich selbst zu überlassen. Sie haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die sich den Namen „High Noon“ gegeben hat. In Anlehnung an den gleichnamigen Western mit Gary Cooper. In Vronis Ratschhaus treffen sie sich regelmäßig, in dieser Zentrale des bürgerlichen Widerstandes, um zu diskutieren, sich gemeinsam zu ärgern über manche lokalpolitische Entwicklung. Vor allem aber, um sich zu Wort zu melden zu allem, was aus ihrer Sicht falsch läuft in dieser Stadt.

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