LdL-Artikel 2016

  1. Sascha Stollhans: „Learning by teaching – developing transferable skills
  2. Sarah G. Hoffmann, Björn Kiehne: „Ideen für die Hochschullehre – ein Methodenreader
  3. Weng, Annegret; Pfeiffer, Anke: „Lernen durch Lehren“ in der Mathematik – Videotutorials und Apps im Praxistest

In der Wissenschaft rezipiert: auf XING entdeckt!

Vor einigen Jahren hatte ich mir auf XING einen account zugelegt. Da meine Adressaten hauptsächlich Lehrer sind und ich sie auf Facebook wunderbar erreiche, hatte ich die XING-Plattform vergessen. Um die Rezeption meiner Arbeit in der Wissenschaft zu verfolgen, prüfe ich auf Google-Scholar, ob Artikel über LdL publiziert werden oder ob LdL zitiert wird. Im Jahre 2016 waren es immerhin 11 Treffer. Darunter ein Aufsatz von Annegret Weng und Anke Pfeiffer, „ ‚Lernen durch Lehren‘ in der Mathematik – Videotutorials und Apps im Praxistest„. Und in diesem Artikel stand ein Satz, der mich elektrisierte: „Martin hat sich aus konstruktivistischer Perspektive bereits früh für einen Paradigmenwechsel in Lernprozessen eingesetzt und kann damit heute als ein Vorläufer für den viel zitierten ’shift from teaching to learning‘ gesehen werden.“

Offensichtlich hatte jemand erkannt, dass die umfangreiche Theorie, die ich ab 1982 entwickelt hatte (insbesondere Bedürfnistheorie und Informationsverarbeitung), die Basis eines Paradigmenwechsels legte. So richtete sich mein Interesse plötzlich auf die Plattform XING, auf der sich Wissenschaftler bewegen. Ganz nach dem Motto „Neuronenverhalten“ schickte ich auf XING Kontaktanfragen ohne meinen Kontaktwunsch zu begründen. Das wäre ja altes Paradigma!

Und prompt kamen viele Antworten nach dem Muster: „Schön, dass Sie Kontakt aufnehmen. Ich fühle mich geehrt. Habe viel von Ihnen gelesen.“ Ein Adressatenfeld eröffnete sich also, das ich gar nicht vermutet hatte! Und ein berühmter, medial sehr präsenter Kollege antwortete auf meine Frage, ob er mich kenne: „Na, ‚jeder‘ kennt Sie doch? Sie werden eben bei so vielen Konferenzen zitiert und haben viele Jünger.“

Jetzt bin ich natürlich sehr gespannt, wie es weitergeht!

Durchbruch?

Nachdem ich von einem sehr prominenten Kollegen erfahren habe, dass LdL in Konferenzen viel zitiert wird, heisst es, die Opportunity voll auszuschöpfen, bis zur nächsten Windstille. Das wirklich Neue an LdL ist, dass durch das Unterrichtsarrangement die Lerner sich intensiv und ungestört mit dem Stoff befassen. Es wird hochgradig Information verarbeitet und hochgradig konzeptualisiert. Die Intentionalität des Denkens wird auf die Vermittlung gerichtet, nicht auf die Memorierung und gewinnt dadurch eine völlig neue Dimension. Die Belohnung dieses intensiven Denkens ist der Dauerflow…
Begonnen hat diese Entwicklung bei mir im Jahre 1977, als wir am Lehrwerk „A bientôt“ gearbeitet haben und einen Paradigmenwechsel vom Behaviorismus zum Kognitivismus (über den kommunikativen Ansatz) vollzogen haben.

Basics abendländischer Philosophie.

Dieses Blatt teile ich aus in meinem VHS-Kurs (dauert nur 90 Minuten)

Basics abendländischer Philosophie

Zentraler Unterscheidungsmerkmal: Materialismus vs Idealismus

  • Das Sein bestimmt das Bewusstsein
  • Umwelt vs Gene
  • Aristoteles: Glück als Sinn des Lebens – Selbstoptimierung
  • Dialektik: These – Antithese – Synthese

Vorsokratiker

  1. Thales
  2. Pythagoras
  3. Xenophanes
  4. Heraklit
  5. Parmenides
  6. Demokrit

Klassiker

  1. Sokrates
  2. Platon
  3. Aristoteles

Hellenismus und Spätantike

  1. Epikur
  2. Stoa

Neuplatoniker

  1. Plotin

Christen/Scholastiker

  1. Augustinus
  2. Thomas von Aquin

Wissenschaft

  1. Francis Bacon
  2. Thomas Hobbes

Rationalisten

  1. Descartes

Empiristen

  1. Locke
  2. Hume

Idealisten

  1. Kant
  2. Hegel

Utilitaristen

  1. Stuart Mill

Existentialisten

  1. Heidegger

Linguisten

  1. Bertrand Russell
  2. Wittgenstein

New scientists

  1. Karl Popper
  2. John Rawls

Begriffe

  1. Idealismus– Materialismus
  2. A priori – a posteriori
  3. Kognition – Emotion
  4. Induktion – Deduktion
  5. Determinismus – Freiheit
  6. Dualismus – Monismus
  7. Empirismus – Rationalismus
  8. Universalismus – Relativismus

Antinomische Bedürfnisstruktur

Kontrolle Unbestimmtheit
Ordnung Chaos
Klarheit Unschärfe
Einfachheit Komplexität
Integration Differenzierung
Gesellschaft Individuum
Zwang Freiheit
Konkretion Abstraktion
Linearität Nicht-Linearität
Zentralisierung Dezentralisierung

Shift from teaching to learning. Bericht von Isabelle Schuhladen:

Isabelle:

Ich habe heute einen wunderschönen Vortrag zum Thema „Junge in der Realschule“ genießen dürfen. Die Schlussworte der Referentin: „Jungs müssen Verantwortung bekommen, persönlichkeitsfördernde Aufgaben. Man soll für eine tragfähige Beziehung zwischen L-S sorgen. Warum nicht die Rollen austauschen?“

Ich habe innerlich gelacht, sie hat von mir Applaus und Lob bekommen. Sofort habe ich an Jean-Pol Martin denken müssen, der seit ein paar Wochen für einen „neuen“ aktuellen Begriff wirbt (Siehe Aufsatz – LdL in Mathematik), sofort hatte ich meine Jungs aus den LdL-Klassen vor Augen: Die „Hormonenvulkane“ blühen trotz Pubertät, erleben Erfolg, zeigen eine enorme Motivation, sind flexibel !!!!
Für mich wieder ein Beweis (die Referentin hat das Ganze auch biologisch begründet), dass LdL top aktuell ist! Anschließend habe ich mit ihr gesprochen (über LdL natürlich 😉 )!

Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia (2006)

Martin, Jean-Pol (2006): „Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia“, In: Klebl, Michael, & Köck, Michael (Hgg.): Projekte und Perspektiven im Studium Digitale. Medienpädagogik, 3. Berlin: LIT Verlag, 157-164

Die Probleme, die wir zu bewältigen haben, werden immer komplexer und schwerer zu lösen. Genügte es vor 50 Jahren noch, die intellektuellen Problemlösekapazitäten einer kleinen Elite zu mobilisieren, um Krisen zu meistern, so brauchen wir heute immer mehr Intelligenzressourcen. Und da kommt das Internet gerade recht, um bei der Bewältigung der auftretenden Probleme das Abrufen von weltweit vorhandenen Denkkapazitäten zu erleichtern.

1. Das Gehirn als Modell

Zum besseren Verständnis meiner Ausführungen möchte ich für die Beschreibung des Prozesses kollektiver Wissenskonstruktion die Gehirnmetapher bemühen. Man könnte die einzelnen Menschen als Neurone bezeichnen, die über eine geeignete Kommunikationsstruktur intensiv interagieren, sowie Neurone im Nervensystem. Bei geeigneter Kommunikationsarchitektur können Problemlösungen kollektiv erzeugt werden, wie dies im einzelnen Organismus durch das Gehirn geleistet wird. Die Frage stellt sich nun, wie man Menschen dazu bringen kann, intensiv problembezogen miteinander zu kommunizieren.

2. Anthropologische Überlegungen:

Bedürfnispyramide nach Maslow (1954)

Transzendenz
Selbstverwirklichung
Soziale Anerkennung
Liebe und Zugehörigkeit
Sicherheitsbedürfnis
Physiologische Bedürfnisse (Hunger, Durst, Schlaf, Sexualität)

Ein Blick auf die vor fünfzig Jahren von Maslow aufgestellte Bedürfnispyramide,
zeigt einen Weg: Bekanntlich unterscheidet Maslow zwischen sechs – aus seiner
Sicht hierarchisch angelegten – Bedürfnisebenen. Ich überspringe die unteren Stufen der Pyramide und konzentriere mich auf die höchste Ebene, die Ebene der Transzendenz: der Mensch ist bestrebt, seine Fähigkeiten und Potenziale zur vollen Entfaltung zu bringen. Noch mehr: er möchte seinen Handlungen einen Sinn verleihen und über sich hinauswachsen. Ich gehe in meinem Modell davon aus, dass die Menschen dann bereit sind, intensiv und dauerhaft miteinander zu kommunizieren, wenn sie das Gefühl bekommen, dass diese Kommunikation hilft, ein Wissen zu konstruieren, das wesentliche Probleme der Menschheit zu lösen erlaubt.

Im folgenden werde ich an zwei Beispielen aufzeigen, wie Intelligenzressourcen
mit Hilfe des Internets zur Wissenskonstruktion mobilisiert werden können. Es ist
zum einen die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, und es ist zum anderen der an
der Universität Eichstätt und im Rahmen der vhb angebotene Kurs „Internet- und
Projektkompetenz“ kurz IPK.

3. Die Wikipedia als Instrument gemeinsamer Wissenskonstruktion

Die Wikipedia präsentiert sich auf den ersten Blick wie eine normale Virtuelle
Enzyklopädie. Die deutsche Wikipedia enthält etwa 250.000 Artikel, die
englische etwa 500.000. Es gibt die Wikipedia in mehr als 100 unterschiedlichen
Sprachen. Das besondere an ihr ist, dass jeder Besucher eigene Artikel verfassen
und bestehende Artikel verändern kann.

3.1. Die Wikipedia-Benutzer und die Administratoren

Da jeder Benutzer Artikel einfügen oder verändern kann, stellt sich die Frage,
wie die Texte vor Vandalismus geschützt werden können, oder wie verhindert
wird, dass Texte eingetragen werden, die gegen die guten Sitten verstoßen oder
die nur der Verbreitung von singulären Ideen ohne repräsentativen Charakter
dienen. Nun arbeiten in der Wikipedia über die normalen Benutzer hinaus etwa
150 Administratoren, das sind Benutzer, die durch ihr Engagement aufgefallen
sind, von anderen Administratoren vorgeschlagen wurden, und in einem
demokratischen Prozess gewählt wurden. Die Administratoren verbringen sehr
viel Zeit damit, das Instrument Wikipedia funktionstüchtig zu erhalten und
beispielsweise die zahlreichen, mutwilligen oder versehentlichen
Beschädigungen von Artikeln zu verhindern. Inhaltlich richtet sich das
Augenmerk der Administratoren auf die Einhaltung der wichtigsten Regel,
nämlich der sogenannten „Neutralität“. Die Artikel sollen ausgewogen sein.
Daher ziehen die Administratoren es vor, wenn die Artikel von Autoren verfasst
werden, die keine emotionale Bindung zu den Inhalten unterhalten.

3.2 Die Etablierung eines Artikels am Beispiel von „Lernen durch  Lehren“

Wie die Etablierung eines Artikels in der Wikipedia sich gestalten kann, möchte
ich an einem konkreten Beispiel zeigen. Als ich vor mehr als einem Jahr im April
2004 durch einen SPIEGEL-Artikel auf die Wikipedia aufmerksam wurde,
verfasste ich einen ersten, vom Umfang her bescheidenen Eintrag zu der von mir
entwickelten Unterrichtsmethode „Lernen durch Lehren“ (in der Folge LdL).
Ich fing an, mich mit dem Wikipedia-Innenleben vertraut zu machen. Ich
entdeckte eine ganze Welt mit unendlich vielen Kommunikationsbereichen,
Themen, gegenseitigen Hilfestellungen aber auch heftigen Auseinandersetzungen
zwischen Benutzern, sog. Edit-Wars. Ich beobachtete sehr viel Positives, aber
auch weniger Erfreuliches. Sehr bald nahm sich ein Administrator meiner an.
Hier die erste Begrüßung auf meiner Wikipedia-Benutzerseite (im März 2005):
Hi, – wenn du irgendwelche Fragen hast, kannst du gerne auf mich zurückgreifen.
Oder hier: Wikipedia:Ich brauche Hilfe eine Frage stellen. Ciao–Ot 17:23, 19.
Mär 2005 (CET)
Ich entdeckte auch, dass mein kurzer Artikel über LdL sofort registriert und
geprüft worden war, und zwar durch die Anfrage eines Administrators in der
Hilfeseite:
„Könnte sich jemand, der sich mit Didaktik auskennt mal die Artikel „Jean-Pol
Martin“ und „Lernen durch Lehren“ anschauen und mir sagen, ob es sich dabei
um eine wissenschaftlich anerkannte Methode handelt. – Gruß Peterlustig 14:34,
2. Mai 2004 (CEST)
Die Antwort zwei Stunden später: — Turgon 16:00, 2.05.04 (CEST)
(…) In dem Kurs über „Lern- und Arbeitsverhalten“, den ich mal in der UNI
besucht hab, wurde das auch angesprochen. Und dieser Kurs wurde immerhin
vom „Zentrum für Lern- und Wissensmangement“gehalten. Ich denke das dürfte
als „Nachweis“ der Anerkennung dieser Methode ausreichen… — Turgon 16:00,
2.05.04 (CEST)
So wird die Wikipedia, die für Besucher nur als Nachschlagewerk erscheint, von
unsichtbaren sehr umfangreichen Aktivitäten untermauert. Jeder Eintrag wird
wahrgenommen, geprüft und begutachtet. Wenn der Artikel nicht ins
Wikipediakonzept passt, bekommt der Autor eine Mitteilung. Falls er den Eintrag
nicht ändert, wird ein Löschantrag gestellt und nach Abstimmung zwischen den
aktiven Benutzern gelöscht.

3.3 Die Optimierung des Artikels „Lernen durch Lehren“ mit Hilfe der Administratorinnen Elian und Fenice

Meine Bemühungen wurden von Elian und Fenice, zwei besonders aktiven
Administratorinnen untertützt. Die beiden beobachteten die Entwicklung meines
Artikels, der am 25.März um 09.25Uhr in folgender Version vorlag: Lernen durch Lehren: aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie Version vom 09:25, 25. Mär 2005;
Wenn heute in der Pädagogik von Lernen durch Lehren (LdL) gesprochen wird, meint man eine Unterrichtsmethode , in der Schüler Unterrichtsstunden vorbereiten und durchführen. Das Grundprinzip ist nicht neu, schon seit dem Altertum wurde ähnliches angewandt, etwa im 19. Jahrhundert als Teil des Konzepts der Lancasterschulen. In neuerer Zeit wurde es jedoch erst etwa 1980 wieder aufgegriffen und ihre Verbreitung begonnen. LdL wurde zuerst im Fremdsprachenunterricht weiterentwickelt, ist aber nicht an eine einzelne Fachdidaktik gebunden. Nach intensiver Vorbereitung durch den Lehrer werden die Schüler somit zu (Mit-)Verantwortlichen ihres eigenen Lehr-/Lernprozesses. Der neue Stoff wird dafür in kleinen Portionen eingeteilt. Es werden Schülergruppen (maximal drei Schüler) gebildet und jede Gruppe bekommt einen abgegrenzten Stoffabschnitt sowie die Aufgabe, diese Inhalte der Gesamtklasse zu vermitteln. Die beauftragten Schüler bereiten den Stoff didaktisch auf (spannende Impulse, Abwechslung in den Sozialformen usw.). LdL darf auf keinen Fall als ein durch Schüler gehaltener Frontalunterricht missverstanden werden. Die unterrichtenden Schüler müssen
sich ständig mit geeigneten Mitteln davon versichern (kurz Nachfragen, zusammenfassen lassen, kurze Partnerarbeit einflechten), dass jede Information von den Adressaten verstanden wird. LdL wurde Anfang der 1980er Jahre von Jean-Pol Martin für den Französischunterricht entwickelt und seitdem durch eine Gruppe von
einigen tausend Lehrern auf alle Fächer übertragen und verbreitet. Gegenwärtig erlebt LdL einen besonderen Aufschwung im Zusammenhang mit den in der Bundesrepublik überall eingeleiteten Schulreformen. Die zentrale Dimension, die durch den Einsatz von LdL gefördert werden soll, ist die Fähigkeit zur Kommunikation, um gemeinsam Wissen zu konstruieren. Hier wird die Gruppe als neuronales Netz betrachtet, das in Analogie zum Gehirn Wissen als Emergenz produziert. Insofern steht auch die Ressourcenorientierung diesem Ansatz Pate. Ausgehend von der Vorstellung, dass die Kommunikationsfähigkeit die Haupteigenschaft erfolgreicher Problemlöser in der Zukunft sein wird – viele Forscher sehen darin die Voraussetzung zu einem 6. Kondratjew -, entwickelt Jean-Pol Martin sein Konzept weiter.

Weblink LdL-Homepage (http://www.ldl.de)
Einordnung: Pädagogische Methode/Lehre | Didaktik | Pädagogik

Hier das Statement von Elian:
„Dieser Artikel scheint mir in der aktuellen Form recht gut gelungen, zu
ergänzen wären vielleicht – neben der Vorgeschichte – Literaturhinweise auf
unabhängige Studien, die sich mit dem Thema befassen.“ (15:49, 25. März 2005)
Durch solche Hilfen ermutigt, arbeitete ich kontinuierlich an dem Artikel weiter
und forderte die Kollegen auf, die LdL in unterschiedlichen Fächern anwenden,
einen kleinen Beitrag dazu in den Artikel einzubauen. Schrittweise schalteten
sich 15 die Kollegen ein. Eine weitere Administratorin, Fenice, empfahl eine
ganze Reihe von Veränderungen und optischen Auflockerungen, insbesondere
den Einsatz eines Kastens zur Verdeutlichung der Theorie und den Einsatz von
Bildern zur Veranschaulichung.

Die aktuelle Version ist zu sehen unter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lernen_durch_Lehren

Meinen Artikel habe ich auch einem Reviewverfahren freiwillig unterzogen. Das
bedeutet, dass der Artikel in eine dafür vorgesehene „Reviewseite“ mehrere
Wochen zur Begutachtung und Verbesserung durch Wikipediabenutzer angeboten wird. Auch in diesem Zusammenhang bekam ich eine ganze Reihe von sehr nützlichen Hinweisen, so insbesondere wieder von Elian:
„Hm, erstmal formale Meckerei: Literatur reichlich einseitig, vielleicht sollten da
die im Artikel genannten Gartner und Krüger rein.“(…) –Elian 􀀀 14:07, 13. Mai
2005 (CEST)“
Und von Benutzer Zahnstein: „Mir fehlt in dem Text ein Fingerzeig, wie man
dieses Konzept einführt. Weder die Schüler noch die Lehrer haben die
notwendige Methodenkompetenz sich so zu verhalten, wie es da gefordert wird.
(…)“
Natürlich habe ich diese Anregungen aufgegriffen und entsprechende
Ergänzungen vorgenommen. Wie bereits erwähnt, Wikipedia gibt es in mehr als
100 Sprachen. Es fanden sich Helfer, um die Seite in verschiedene Sprachen zu
übersetzen, beispielsweise außer Englisch und Französisch auch Rumänisch und
Chinesisch.

3.4 Zusammenfassung zu Wikipedia

Die Beschreibung eines kleinen Abschnittes von Wikipedia hat gezeigt, dass eine
Technik vorliegt, mit der viele Menschen in intensiven Interaktionen weltweit
gemeinsam Wissen konstruieren können. Diese Technik kann auch benutzt werden, um Lösungen für Probleme zu erarbeiten, die für unsere Zukunft Bedeutung haben. Es hat sich ferner gezeigt, dass Menschen bereit sind, ihre Zeit und ihre Intelligenzressourcen zu verschenken, wenn Sie das Gefühl haben, dass dadurch relevantes Wissen aufgebaut wird. Ein von mir unternommener Versuch, eine Reflexion über die Motivation der Administratoren anzuregen, wurde allerdings folgendermaßen zurückgewiesen:
„Sorry, aber Wikipedia ist ein Projekt zur Erstellung einer Enzyklopädie.
Wikipediatheorie ist ja ein spannendes Thema, aber nicht für Admins, die
nämlich aufräumen müssen und allerlei Hintergrundarbeit verrichten. Jedem
bitte das Seine: Dem Theoretiker die Beobachtung und dem Admin die Arbeit. Im
übrigen halte ich mindestens 70% der Admins für fähig, daß sie die Theorie auch
noch im Hinterkopf mitmachen und ganz genau reflektieren, was abläuft.
Nochmal: Wikipedia ist die Idee, eine freie Enzyklopädie im Netz zu erstellen und
kein soziologisches Projekt. Selbstverständlich findet man in WP ganz viele
Gebiete, die es wert sind erforscht zu werden, aber nicht jeder Bearbeiter will
alles und das auch noch kritisch reflektieren: Ich möchte doch darum bitten, daß
hier jedem die Freiheit gelassen wird, so zu arbeiten, wie derjenige es will. —
Henriette 09:29, 17. Apr 2005 (CEST)
Im Allgemeinen scheinen die Wikipedianer die Auffassung zu teilen, dass sie aus
Idealismus an der Erstellung einer Enzyklopädie arbeiten, ansonsten keiner
Ideologie verpflichet sind. Auch die von mir bemühte Gehirnmetapher wird nicht
angenommen.

4. Der vhb-Kurs „Internet- und Projektkompetenz“ (IPK)

Ergänzend möchte ich auf ein zweites Modell kollektiver Wissenskonstruktion
eingehen, das gegenwärtig im zweisemestrigen Kurs „Internet- und
Projektkompetenz“ (IPK) realisiert wird. Das Modul IPK wird im Rahmen der
Virtuellen Hochschule Bayern angeboten und ist offen für Studenten aller
Studienrichtungen. Inhaltlich zielt der Kurs auf interkulturelle Vergleiche ab.
Der Ablauf ist folgender:
Erste Stufe: Wahl des Ziellandes, Wahl eines Themas, Bildung einer
Forschungsgruppe und Hochladen einer Homepage
Zweite Stufe: Präsentation der Vorhaben
Dritte Stufe: Durchführung der Projekte im Zielland (Interviews, Fragebögen)
Vierte Stufe: Hochladen der Ergebnisse und Präsentationen vor Publikum
In dem zweisemestrigen Modul werden die Studenten aufgefordert, aus ihrem
Studienbereich ein sie interessierendes Thema herauszusuchen, eine Gruppen mit
Kommilitonen zu bilden, die ebenfalls an diesem Thema interessiert sind, ein
Forschungsprojekt zu entwerfen, im Rahmen einer Exkursion eine Untersuchung
durchzuführen und am Schluss die Ergebnisse ihrer Forschung in einer
Homepage zu veröffentlichen und vor Publikum zu präsentieren.
Während bei der Wikipedia die Wissens-Konstruktion vor allem über das
gemeinsame Zusammentragen, Bewerten, Ordnen und Präsentieren von bereits
existierenden Informationen verläuft, steht beim IPK vor allem das Beschaffen
von Informationen und die Konstruktion von neuem Wissen im Vordergrund. Es
werden Kontakte mit Informanten aufgenommen und im Zeilland Informationen
im Rahmen von umfangreichen empirischen Untersuchungen gesammelt. Hier
sind die Wissenskonstrukteure – also die Studenten – bereit, große
Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Schluss

Um gemeinsam Wissen zu konstruieren müssen bestimmte Verhaltensweisen
automatisiert werden:
– Aushalten von Unbestimmtheit, Komplexität und Unschärfen
– Exploratives Verhalten und Risikobereitschaft.
– Bereitschaft, sein Wissen zu veröffentlichen und anderen zu
verschenken
– Fähigkeit, mit Kritik – auch wenn sie harrscht formuliert wird –
produktiv umzugehen
– Zuverlässigkeit
– Ausdauer
– Bereitschaft, auch unentgeltlich an der Konstruktion eines gemeisamen, für die Zukunft relevanten Wissens mitzuwirken.
Diese Eigenschaften lassen sich am besten im Rahmen von Projekten aufbauen.
Sei es mit dem Ziel, gemeinsam einen Wissensbereich anzureichern, indem ein
Wikipedia-Artikel neuschafft oder verbessert, sei es, wenn man zusammen mit
Kommilitonen Untersuchungen in fremden Ländern durchführt und die Ergebnisse im Anschluss im Internet veröffentlicht.

Literaturverzeichnis

Davis, Stan, Meyer, Christopher (1998): Das Prinzip Unschärfe – Managen in
Echtzeit. Wiesbaden: Gabler.
Maslow, Abraham H. (1954): Motivation and Personality. New York: Harper
and Row.
Rötzer, Florian (1999): Megamaschine Wissen – Vision: Überleben im Netz.
Frankfurt/New York: Campus.
Weblinks:
LdL-Artikel in Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Lernen_durch_Lehren
Portal des Kurses „Internet- und Projektkompetenz“: http://www.projektkompetenz.de

LdL: Shift from teaching to learning.

Mein Shift from „top-down“ to „bottom-up“

1968: Maiunruhen in Nanterre: pédagogie active!

1975: Arbeit am Lehrwerk „A bientôt“: Paradigmenwechsel vom Behaviorismus zum Kommunikationtionismus und zum Kognitivismus

1983: „Aktive Schüler lernen besser – Neue Wege im Französischunterricht“, FWU, 45 Minuten.

1984: „Schüler organisieren ihren Unterricht selbst – Neue Wege im Französischunterricht“, FWU, 60 Minuten

1985: „Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler – Fremdsprachenunterricht auf der lerntheoretischen Basis des Informationsverarbeitungsansatzes“ Gunter Narr, 262 S. (Dissertation)

1986: „Für eine Übernahme von Lehrfunktionen durch Schüler“, In: PRAXIS des neusprachlichen Unterrichts, 4/86, S.395-403

1988: „Schüler in komplexen Lernumwelten. Vorschlag eines kognitionspsychologisch fundierten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht“, In: PRAXIS des neusprachlichen Unterrichts, 3/88, S.294-302

1994: „Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht“, Gunter Narr, 371 S. (Habilitation)

2007 (mit Guido Öbel): „Lernen durch Lehren: Paradigmenwechsel in der Didaktik?“ In: Deutschunterricht in Japan, Heft 12 (2007), S.4-21

2009: „Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität“, In: LdL – Lernen durch Lehren goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdprachendidaktik und kulturspezifischen Lerntradition, S.151-159

2011: „Lange Inkubation, plötzliche Emergenz“, In: Lernen durch Lehren im Fokus – Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten, S.21-25

2013: „Konzeptualisierung als Glücksquelle“ (Blogeintrag)