„Nebenentdeckungen“ als kollaterale Forschungsergebnisse.

Wenn man sich mit dem Leben von Forschern befasst, stellt man meist fest, dass sie eine „Hauptentdeckung“ gemacht haben, und nebenbei noch eine ganze Reihe von Nebenentdeckungen, die aber nicht in ihr Fachgebiet fallen. Daher auch nicht von den Spezialisten beachtet werden.
Pro domo:
Als Fachdidaktiker habe ich 1982 LdL „entdeckt“. Zwar gab es schon viele Ansätze in diese Richtung, aber ich bin an diesem Thema 34 Jahre lang geblieben und gelte als „Begründer“ dieser Methode.
Sehr früh, 1983, habe ich mich mit Maslow befasst und erkannt, dass die von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse eigentlich dem alles umfassenden Bedürfnis nach Kontrolle zuzuordnen sind. Es war eine wichtige Erkenntnis, aber, da ich kein Bedürfnisforscher bin, hat die entsprechende Wissenschaft das natürlich nicht registriert. Immer noch bin ich der einzige, der die Position vertritt, dass die von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse dem Bedürfnis nach Kontrolle zuzuordnen sind (siehe auch „exploratives Verhalten“).
Die jüngste Nebenentdeckung, auf die ich besonders stolz bin, ist die Erkenntnis, dass ein Megagrundbedürfnis, das weder Maslow noch alle anderen Bedürfnis/Glücksforscher bisher erkannt haben, das Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung (und vor allem nach Konzeptualisierung) ist.
Das habe ich zum ersten Mal 2011 veröffentlicht, also vor 5 Jahren. Ich bin gespannt, wie lange die Spezialisten brauchen werden, um selbst auf diese Idee zu kommen!
Und jetzt zum entsprechenden Blogeintrag:

Smartphone: Sucht als einseitige Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung!

Natürlich konnte Maslow bei seiner Auflistung der Grundbedürfnisse noch nicht an das Bedürfnis nach Information denken. Dabei ist die Informationsverarbeitung einer der zentralen Bedürfnisse aller Lebewesen (siehe meinen Blogeintrag). Wenn man Sucht als „einseitige Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung“ definiert (auch das Verliebtsein ist eine solche Sucht), so ist die Fixierung auf Smartphones, Twitter usw. als Sucht erklärlich. Es ist die Fixierung auf eine Quelle der Befriedigung des Bedürfnisses nach Informationen.
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John Dewey zur Transzendenz: sehr aktuell!

Aus: Michael Hampe : Die Lehren der Philosophie – eine Kritik. Suhrkamp. 2014, S.276

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Kommunikation in hochemotionalisierten Kontexten

Kommunikation in hochemotionalisierten Kontexten (Türkei-Debatte, Asyl, Kommunalpolitik)

Jürgen Habermas: „Theorie des kommunikativen Handelns“ (hier sehr vereinfacht):

Es werden vier „Geltungsansprüche“ an Kommunikation gestellt:
1. Drück dich klar aus (Verständlichkeit)
2. Bezieh dich auf sichere Tatsachen (Wahrheit)
3. Äußere dich zum Thema und nur zum Thema (Normrichtigkeit)
4. Mache uns nichts vor (Wahrhaftigkeit)

Aus meiner Erfahrung muss man immer wieder drängen auf die Einhaltung von 2 und vor allem 3. Das habe ich wieder vor kurzem in einem hochkonfliktuellen und hochemotionalen Treffen erlebt: „Bitte äußere dich zum vereinbarten Thema und nur zu diesem“!

Ferner sollte man unbedingt folgende Regeln beachten (etwas schwieriger):

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Die englische (bessere) Version:

https://allesevolution.wordpress.com/2015/10/04/die-zehn-gebote-der-logik/

Identität. Wenn alles vorbei ist…

bleibt das:

Google-Scholar

Der Trump in uns.

Jeder trägt in sich einen kleinen Trump. Das merke ich selbst an mir, wenn ich Header besonders zugespitzt formuliere und sie dann entschärfen muss, weil sie einfach zu trumpig sind.
Natürlich beobachte ich permanent trumpiges Verhalten, wie gerade im Ingolstädter Stadtrat.
Aber es gibt auch Leute, die berufsmäßig untrumpig sein sollten, wie Philosophen. Der bekannteste, mediatisierteste, am meisten präsent auf allen Kanälen in Frankreich, Michel Onfray, ist alles andere als weise und besonnen. Er ist krawallig. Er ist ein Trump. Und alle seine Philosophenkollegen versuchen ihn zu übertrump(f)en!
Was das alles für eine aggressive Stimmung schafft!
Daher:
Erkenne den kleinen Trump in dir, zügele ihn, lege ihm Fesseln an, kehre zurück zur Vernunft. Emotionalisieren macht Spaß, aber es ist Gift für die Gesellschaft und für die Welt.

Joachim Grzega: LdL-Kontaktbrief Nr. 165 (Jg. 30) vom 25. Mai 2016

Liebe LdL-Freunde,

mit dieser Ausgabe gehen wir in das 30. Jahr der von Jean-Pol Martin initiierten LdL-Kontaktbriefe.

Sehr viel Austausch erfolgt weiterhin über die Facebook-Gruppe “Lernen durch Lehren”:

https://www.facebook.com/groups/484167501636333/

Der LdL-Kontaktbrief bleibt aber weiterhin erhalten, um meine eigenen LdL-Aktivitäten zusammenfassen und auf Berichte rund um den Globus hinzuweisen.

Auch wenn es aufgrund der Abschaffung von Präsenzen in Seminaren deutlich schwieriger geworden ist, Studierende für Projekte und eine konstante kognitive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff zu gewinnen, bleibt LdL einstweilen für meine Hochschullehre die Basis. Wenn man vorher nie weiß, wer überhaupt in eine Sitzung kommt, läuft die konkrete Umsetzung von LdL freilich anders als bei besserer Vorhersehbarkeit (dazu wird es in einem eigenen Beitrag einmal ausführlichere Überlegungen geben). Auch in der Erwachsenenbildung setze ich LdL weiterhin ein, wenngleich das Europäische Haus Pappenheim, das ich in den letzten 4 Jahren als Bildungs- und Forschungseinrichtung aufbauen durfte, leider neulich den kommunalpolitischen Streitigkeiten zum Opfer gefallen ist. Ich habe es mir jedoch nicht nehmen lassen, für die letzte Veranstaltung im April noch einmal eine Veranstaltung mit Studentinnen durchzuführen. Wieder war LdL in der Vorbereitung sehr wichtig, um die Studentinnen für die kritische Öffentlichkeit fit zu machen. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der Qualität des Auftritts (auch wenn dies oft das auffälligste ist), sondern gerade auch hinsichtlich der Qualität der Inhalte: Die Studentinnen hielten nicht einfach nur Vorträge, sondern animierten die Besucher auch zum Mitmachen. Was die Studentinnen präsentiert haben, ist in folgendem Zeitungsbericht zusammengefasst:

http://www.nordbayern.de/region/wei%C3%9Fenburg/stehende-ovationen-fur-grzega-1.5138878?searched=true

In einem Workshop “Wie lerne ich richtig?”, den ich vor Kurzem beim Forum der Lehre des Didaktikzentrums der bayerischen Fachhochschulen (DiZ) gegeben habe, gab es von einer teilnehmenden Studentin die Anmerkung, dass das Verteilen von Lernstoff in einer Kleingruppe wenig bringe, da man nicht immer alles von den Zusammenfassungen der Mitstudierenden verstünde und dann eben doch sicherheitshalber alles selber nochmal durchlese. Dem kann mit einem LdL-orientierten Ansatz abgeholfen werden: Die einzelnen Spezialisten sollten eben nicht nur eine Zusammenfassung liefern, sondern sich dazu gleich Übungen mit Musterlösungen überlegen. Wird eine Lösung von den anderen angeboten, haben sie aber auch zu prüfen, ob diese stimmt, selbst wenn es nicht der vorbereiteten Musterlösung entspricht. So wird der Stoff viel eher durchdrungen.

International ging es bei einem 3-tägigen Blockseminar zu, das ich zum Thema “Intercultural Communication and Management” für Studierende des zweiten Semesters einer bayerischen Fachhochschule geben durfte. Die Zusammensetzung der Gruppen war hoch interessant. Nur ein deutscher Student und sonst zwei Dutzend Studierende aus fast allen Gegenden der Welt (Ost- und Südosteuropa, Mittel- und Südamerika, Nordafrika und Zentralafrika, sowie Naher und Ferner Osten). Studierende also, die aus ganz unterschiedlichen Unterrichtskulturen kamen. Auch hier habe ich sofort LdL praktiziert. Am Ende des ersten Tages ließ ich einen Feedback-Bogen ausfüllen. Dabei bestätigte sich, dass LdL auch bei kulturell hoch heterogenen Gruppen positiv aufgenommen wird. LdL wurde von Martin seinerzeit so konzipiert, dass es die essenziellen Bedürfnisse des Menschen anspricht – es wurde mit einem universal-anthropologischem Unterbau versehen. Die Studierenden waren zum Teil sogar selbst überrascht, dass trotz Unsicherheiten zu Beginn der Aufgabe die gewünschte Interaktivität so schnell funktioniert hat. Freilich war auch in meiner internationalen Gruppe zunächst das Zuhören und Reagieren auf Beiträge zu üben, sodass es zu einer guten inhaltlichen Vernetzung kam und man nicht nur vorbereitete Aussagen und Lösungen präsentierte. Dies rüberzubringen hat auch erst einmal ein paar Sequenzen gedauert. Aber dieses Einüben ist eben Teil von LdL – es soll ja weit mehr vermittelt werden als nur Faktenwissen.

Interkulturell sind natürlich auch weiterhin meine Kurse für Flüchtlinge, denen ich mit meinem Modell “Sprach-Not-Arzt” Basis-Kenntnisse in drei Tagen vermittle. In dieser Zeit kommt es nur vergleichsweise selten vor, dass ein Lernen die Lehrer-Rolle übernimmt. Einschlägige Szenen sind das Stellen von Rechenaufgaben oder das Erfragen von Informationen zu erdachten Personen. Aber Interaktivität ist ja nicht gleich Interaktivität. Hier stellt die LdL-Lehrkraft eben sicher, dass der Mini-Lehrer eben nicht nur eine Aufgabe stellt, sondern die Antwort auch prüft und notfalls noch einmal hilft: ganz entspannt, ohne Hektik und mit einem sich entwickelnden Einfühlungsvermögen für andere. Den meisten Beobachtern sticht freilich viel mehr der Teil ins Auge, der ungewöhnlich frontal, aber eben mit hoher Konzentration ganz auf die Wörter und Strukturen erfolgt. Hier dazu ein Bericht aus Wertinger Zeitung:

http://joachim-grzega.de/SNA_WertingerZeitung160404.pdf

Wir bleiben bei “LdL interkulturell”. Vor einiger Zeit hat mich ein Student aus Indonesien angeschrieben, der LdL in seiner Studienabschlussarbeit zum Thema gemacht hat und dazu auch Lehrversuche durchführen will. Auch hier darf man auf die Erfahrungen gespannt sein. Seit Anfang des Jahres gibt es jedenfalls schon mal einen Eintrag in der malaiisch-indonesischen Wikipedia.

Einen bereits fertigen Erfahrungsbericht hat Anke Pfeiffer, Stv. Leiterin des Didaktikzentrums der Hochschule für Technik Stuttgart, zum Thema “Inverted Classroom und Lernen durch Lehren mit Videotutorials” ins Netz gestellt:

https://www.e-teaching.org/etresources/pdf/erfahrungsbericht_2015_pfeiffer_vergleich_videobasierter_lehrkonzepte.pdf

A propos Lernvideos: Selbst der Duden-Verlag hat jüngst einen Video-Wettbewerb mit LdL begründet:

https://learnattack.de/journal/videowettbewerb/

Laura Cau, Autorin des LdL-Blogs https://fightforldl.wordpress.com/, hat vor Kurzem eine Prezi “LdL im Fremdsprachenunterricht” erstellt:

https://prezi.com/9rvaemrvfuiq/lernen-durch-lehren-im-fremdsprachenunterricht/?utm_campaign=share&utm_medium=copy

Einige Schulen haben wieder einmal öffentlichkeitswirksame LdL-Projekte durchgeführt, so etwa das Berufskolleg Eiffel (zwischen zwei Klassen, zum wiederholten Male):

https://prezi.com/9rvaemrvfuiq/lernen-durch-lehren-im-fremdsprachenunterricht/?utm_campaign=share&utm_medium=copy

Auch das Goethe-Gymnasium Hamburg und die Auguste-Viktoria-Schule Flensburg integrieren LdL.

http://www.goethe-gymnasium-hamburg.de/news/news-nach-fach/sport/2016-02-25/lernen-durch-lehren

http://www.shz.de/lokales/flensburger-tageblatt/an-der-avs-helfen-jugendliche-ihren-mitschuelern-id12400301.html

Im 30. Jahr der LdL-Kontaktbriefe ist aber vor allem erfreulich, dass manche Schulen LdL sogar zum schulumfassenden Prinzip erklärt haben, so etwa das Gymnasium Rietberg und das Gymnasium Bondenwald:

http://www.nepomucenum-rietberg.de/lernen-durch-lehren/

http://www.gymnasium-bondenwald.de/index.php/projekte/evat

Schöne Grüße


Joachim Grzega

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