Vorbereitung des Auftrittes am 04.03. bei Dr.Johanna Pareigis

Anmeldung unter www.secure-lernnetz.de/formix Kennziffer SIN0785 Der Einladungslink wird nach Anmeldung vor der Veranstaltung zugesendet.

Einführung durch Johanna

1.Isabelle: Was ist LdL?

Was machen die Schüler genau, insbesondere diejenigen, die den neuen Stoff vorstellen? Welche Kompetenzen zeigen sie damit? Was macht der Lehrer? Wie hat er die Stunde vorbereitet? Auszug aus Fernsehbericht 1984: 2:41-6:44

2.Isabelle: LdL-Theorie.

Isabelle verteilt Theoriebausteine auf verschiedene TN-Gruppen. Diese Bausteine werden nach einer knappen Vorbereitungszeit von den einzelnen Kleingruppen im Plenum vorgestellt. Isabelle erläutert, wie sie die Theorie in ihren Klassen einführt. Aufsätze: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Gücksquelle.

3.Nicole: Neue Menschenrechte

Nicole arbeitet mit den Kärtchen. Arbeitsauftrag für kleinere Gruppen: sind unsere Bedürfnisse befriedigt? Sind die Bedürfnisse unserer Schüler*innen befriedigt? Was müsste verändert werden, um die Umweltbedingungen zu optimieren, die wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse vorfinden? Und wie ist es in der Gesellschaft? Was ist die Top-down Problematik! Was sind die falschen Mindsets?

Abschluss im Plenum

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Weiterführender Theoriebaustein: Top-down UND Bottom-up als dialektischer Prozess

Kurzbibliographie: Lernen durch Lehren (LdL) und Neue Menschenrechte (NMR)

Nicole Kern: Was bedeuten die „Neuen Menschenrechte“ für jugendliche „Systemsprenger“? In: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin, Margret Ruep (Hrsg): Neue Menschenrechte? Bestandsaufnahme eines bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Gabriele Schäfer Verlag. Herne. 2020. (149-171)

Jean-Pol Martin: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel? In: Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog. 6. Jahrgang, Heft 1, 2002, S. 71–76

Jean-Pol Martin: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360. ISBN 978-3-556-07336-0.

Isabelle Schuhladen:  Lernen durch Lehren: eine Methode für das 21. Jahrhundert. In: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin, Margret Ruep (Hrsg): Neue Menschenrechte? Bestandsaufnahme eines bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Gabriele Schäfer Verlag. Herne. 2020. (190-215)

Isabelle Schuhladen: Lernen durch Lehren, ein agiles Konzept in der Praxis. In: Tim Kantereit, Christof Arn, Heinz Bayer, Veronika Lévesque, Douglas MacKevett (Hrsg) : Agilität und Bildung. Visual Ink Publishing. 2021. (140-147)

NMR-Artikel 1: Recht auf Denken. Kontrolle (Theorie-Überblick)

Denken: Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung

Zentraler Begriff: Kontrolle (=>Lebenserhaltung) – Kontrollinstrument: Gehirn (=>Denken)

Damit wir als Gesellschaft unsere Probleme lösen, müssen wir unser kollektives Denken permanent optimieren.  Das kollektive Denken erfolgt in den Führungsschichten. Wir müssen mehr intellektuelle Ressourcen mobilisieren. Wir brauchen mehr bottom-up.

Warum ist es so schwer?

1.Kontrolle als zentrales Bedürfnis (Lebenserhaltung)

2.Kontrolle induziert Top-down-Struktur

-Selbstreferenzialität

-Eigene Mindsets und eigene Terminologie

-Abschottung nach außen und Zugang nur über Insiderkontakte und gruppenkonformen Habitus

-Hohe Affinität zur Autokratie/Oligarchie

-Somit entsteht eine undurchdringliche Machtblase (Verwaltungen, wissenschaftliche communities, Unternehmen, Parteien, Vereine, stabile Gruppen…)

3.Mindsets: Top-down wird kulturell durch die Tradition gefestigt: Pythagoras, Platon, Augustinus, Christentum, Islam, Totalitarismus

4.Mehr bottom-up

-Von unten nach oben

-Gespeist aus allen möglichen Quellen

-Verschiedene Mindsets und Terminologien

-Offen nach außen und Zugang für jede/n

5.Politisch: Bürgerbeteiligung

6. Wir müssen bessere Beteiligungsstrukturen entwickeln, damit die kollektive Reflexion („Eliten“) an Qualität gewinnt.

7. Hebel: Neue Reflexion über unsere Bedürfnisse (NMR) führt zu Gestaltung von neuen, bedürfnisorientierten Strukturen. Neue Mindsets von Anfang an vermitteln. Sofort mit den Kärtchen in der Grundschule anfangen.

Top-down UND bottom-up!

Seit Beginn der Menschheit herrscht das Top-down-System, weil es der Natur des Menschen entspricht (Kontrollbedürfnis). Dessen Merkmale:

Top-down:

  • Von oben nach unten
  • Hochgradige Selbstreferenzialität
  • Eigene Mindsets und eigene Terminologie
  • Abschottung nach außen und Zugang nur über Insiderkontakte und gruppenkonformen Habitus
  • Hohe Affinität zur Autokratie/Oligarchie

Somit entsteht eine undurchdringliche Machtblase (Verwaltungen, wissenschaftliche communities, Unternehmen, Parteien, Vereine, stabile Gruppen…)

Inzwischen sieht man immer deutlicher die Nachteile eines solchen Musters: Die beschriebene Struktur verhindert Veränderungen und die permanenten Anpassungen, die zur Erhaltung des Systems notwendig sind. Der Veränderungsdruck kommt von innerhalb des Systems oder aus der Umwelt. Modernisiert sich das System nicht, so führt es zu dessen Auflösung.

Nun wird überall versucht, ein Bottom-up Komponente zu integrieren:

Merkmale einer Bottom-up Struktur:

  • Von unten nach oben
  • Gespeist aus allen möglichen Quellen
  • Verschiedene Mindsets und Terminologien
  • Offen nach außen und Zugang für jede/n
  • Hohe Affinität zur Demokratie. Starke Ressourcenorientierung.

Somit entsteht ein offenes System, das allerdings wenig kohärente und nachhaltige Identität aufweist.

Anzustreben ist also eine gute Mischung Top-down/Bottom-up. Das Problem ist, dass im Gegensatz zur Top-down-Struktur, die seit Jahrtausenden völlig internalisiert ist, die Bottom-up Komponente recht neu ist und sich gegen heftige Widerstände durchsetzen muss. Ferner ist noch viel trial-and-error notwendig, bis die Mischung Top-down/Bottom-up gut funktioniert.

Isabelle in der Augsburger Allgemeinen

Isabelle Schuhladen, Realschule Meitingen: Wenn Schüler zu Lehrern werden

Quelle: Augsburger Allgemeine

Isabelle Schuhladen unterrichtet nach einer Methode, die in Lehrerkreisen gerade in aller Munde ist – und die sich problemlos im Distanzunterricht anwenden lässt: Lernen durch Lehren. „Das A und O dieser Methode ist, dass die Schüler sich den neuen Stoff gegenseitig erklären und reflektieren“, sagt die 43-Jährige, die an der Realschule Meitingen (Kreis Augsburg) Französisch unterrichtet. Die Annahme: „Wenn ich in der Lage bin, jemanden was zu erklären, kann ich auch davon ausgehen, dass ich es verstanden habe.“ Viele Jahre lang seien Schüler vor allem „mit Arbeitsblättern gefüttert“ worden, sagt Isabelle Schuhladen. Corona sei ein Weckruf, dass sich etwas ändern müsse. „In der Kultur der Digitalität nimmt der Lernende sein Lernprozess in die Hand.“

Die Französischlehrerin gibt auch Fortbildungen in der Methode Lernen durch Lehren, kurz LDL, die auf den Didaktiker Jean-Pol Martin zurückgeht, bei dem Schuhladen einst in Eichstätt studierte. „Hochmotivierte Leute“, nähmen daran teil. „Sie sagen: Ja, diese Tipps sehe ich mir an.“

Isabelle Schuhladen praktiziert seit vielen Jahren "Lernen durch Lehren".
Isabelle Schuhladen praktiziert seit vielen Jahren „Lernen durch Lehren“. Bild: Schuhladen

Wie könnte so eine LDL-Schulstunde im Distanzunterricht aussehen? Beispiel aus Schuhladens 8. Klasse: Zwei Schüler haben eine interaktive Präsentation zu einem Thema vorbereitet, die Klasse ist stets aktiv und denkt mit. Bei der Online-Stunde über Microsoft Teams wird sie mit der Klasse gemeinsam weiter ausgefüllt, die letzte Folie gestaltet jeder Schüler als Hausaufgabe selbst. Und die Lehrerin? „Ich interveniere nur, wenn ich wirklich muss. Bei LdL herrscht eine Fehlerkultur: Wir gehen sehr offen mit Fehlern um, sie sind erlaubt und sogar erwünscht“.

Jede Klasse hat neben Microsoft Teams ein Padlet (eine Online-Plattform, die Redaktion), wo die Schüler ihre Produkte teilen und Feedback bekommen. Dank des Teilens bekommen die Schüler neue Impulse und ergänzen sich gegenseitig. Hier finden sie weitere Tipps und Ideen: zusätzliche Übungen zur Vertiefung, Podcasts, interessante Links passend zu den aktuellen Themen.

Auch Schüler müssten die neue Methode erst lernen, sagt die Lehrerin. „Das Schöne daran ist: Die Schüler lernen wieder, neugierig zu sein. Sie vernetzen sich mit anderen. Sie lernen Selbstverantwortung – und das ist es, was man im Leben braucht.“

Wie Isabelle LdL in Online-Fortbildungen einführt.

Es gelingt Isabelle Schuhladen Le Bourhis in ihren Online-Fortbildungen die anspruchsvolle LdL-Theorie, in der sie ihre Welt eingerichtet hat, faszinierend darzustellen. Sie erklärt, dass, wenn sie eine neue Klasse erhält, sie als erstes den sehr komplexen Aufsatz „Weltverbesserungskompetenz als Lernziel?“ in Abschnitten aufteilt und die Schüler*innen bittet, in kleinen Gruppen die Textpassagen zu verstehen und im Anschluss im Plenum der ganzen Klasse zu vermitteln. Dieser Prozess kann eine Woche oder länger dauern. Die Schüler*innen werden auf diese Weise mit der LdL-Theorie vertraut gemacht, die als Referenzbasis für den ganzen Unterricht dient. Zum Abschluss werden die Schüler*innen gefragt, ob sie nach dieser Methode arbeiten wollen.

In der Fortbildung selbst werden die TN also als erstes mit der LdL-Theorie konfrontiert, ohne zu wissen, was LdL genau ist und wie LdL funktioniert. Auf dem Hintegrund der Theorie erklärt Isabelle nun schrittweise, konkret welche Maßnahmen und Techniken LdL ausmachen. Also die Aufteilung des Lernstoffes auf Zweier- maximal Dreiergruppen. Jede Gruppe muss einen Abschnitt vermitteln, wobei der Stoff von den Schüler*innen didaktisiert wird, was LdL deutlich von einem traditionellen Projektunterricht unterscheidet. Die Schüler*innen prüfen, ob der Stoff verstanden und verinnerlicht wurde und verteilen Arbeitsaufträge in der Übungsphase.

Man erfährt auch, dass zu Beginn zwar mit dem Lehrwerk gearbeitet wird, denn es ist die Grundlage für den Wissenserwerb nach dem gültigen Lehrplan, aber dass nach der Lehrwerkphase die Schüler*innen selbst ihre Themen wählen, die Inhalte aus dem Netz heraussuchen und ihren Mitschüler*innen nach der LdL-Methode vermitteln.

Mit diesem Aufbau der Fortbildung lädt Isabelle also die TN ein, über den Weg der Theorie in ihre Alltagspraxis hineinzuschauen! Ein ganz origineller Zugang, der den Umweg über die etablierte „Wissenschaft“ erspart und dennoch zur Wissenschaft führt! Hervorragend!

Learning by teaching

Sehr ausführliche Informationen in: Microsoft academic

Learning by teaching: 402 Publications – 20,205 Citations

Definition

Aus: Wikipedia englisch

„In the field of pedagogy, learning by teaching (German: Lernen durch Lehren, short LdL) is a method of teaching in which students are made to learn material and prepare lessons to teach it to the other students. There is a strong emphasis on acquisition of life skills along with the subject matter. This method was originally defined by Jean-Pol Martin in the 1980s.“

Sehr ausführliche Informationen in: Microsoft academic

Reaktionen auf den Band „Neue Menschenrechte“

  1. Prof.Dr.Lutz Becker: Blogrezension: Die Neuen Menschenrechte?

2. Dr.Isabella Kreim: Podcast-Sendung: Neue Menschenrechte (25 Minuten)

3. Prof.Dr. Paul G.:

„(…) Dein Aufsatz „Neubegründung und Reformulierung der AEMR“ ist philosophiegeschichtlich, anthropologisch und natürlich sowieso, was die aktuellen Theorien (Glücksforschung, Kognitionsforschung, Systemtheorie, …) anbelangt, die Du maßgeblich mit vorangetrieben hast, enorm differenziert und „érudit“ (…) . Schön, wie Du auch dialektisches Denken jetzt einbeziehst, super Deine Dekonstruktion der Naturrechtslehren (125) und des Begriffs der „Würde“ (126f.). Auch die Integration von christlichen Begriffen wie der „Brüderlichkeit“ (130) finde ich überzeugend. Und die Stellungnahmen von Robert Zelyk, Melek Turan und Günther Bah zeigen mir, wie Du auch nach dem Schuldienst weiterhin Deine didaktische Überzeugungskraft einsetzt.“

4. Petra Kleine (3. Bürgermeisterin der Stadt Ingolstadt, Grüne)

„(…) Du hast sehr früh formuliert, dass Politik dazu da ist, die Möglichkeiten des Glücklichseins für die Menschen zu organisieren und hast die jeweilige Programmatik daraufhin betrachtet und das fehlende Menschenbild in den Programmen festgestellt. Jetzt bist Du einen Schritt weiter gegangen und formulierst aktiv die Grundbedürfnisse der Menschen und daraus sechs Menschenrechte. Das ist interessant und bringt eine neue, fundierte Perspektive ein, die jenseits von Staatsformen, Verfassungen und Ideologie für alle gültig sein könnte (…)“

5. Alex S. (Unternehmer):

„Ich war überrascht wie breit angelegt die Einflüsse sind, z.B. Anleihen von Covey darin zu finden, den ich schätze. Das Recht auf Denken sehe ich im Zusammenhang mit New Work/Agile Leadership tatsächlich in der Praxis auf dem Vormarsch, vielleicht weniger als Recht, mehr als Postulat. Alle sollen denken in einem psychisch als sicher empfundenen Raum vs. Taylorismus. Mit dem zentralen Begriff ‚Kontrolle‘ (Kontrollbedürfnis) habe ich Schwierigkeiten. Sicherheitsbedürfnis sehe ich.“

(to be continued)

Dr.Isabella Kreim interviewt Jean-Pol Martin: Kulturkanal Ingolstadt (25 Min.)

Kulturkanal

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Nicole Kern im Gespräch mit Jean-Pol Martin (56 Min.)

„Neue Menschenrechte“? Der Text von Robert Zelyk.

Gabriele Schäfer Verlag

Robert Zelyk  

Robert Zelyk kam im Jahr 2008 nach Ingolstadt. Er ist 37 Jahre alt, verheiratet und Angestellter beim  Freistaat Bayern. Mit dem Verfasser verbindet Robert Zelyk eine Freundschaft von 10 Jahren, in denen ein intensiver Austausch über Lebensentwürfe, wissenschaftliche Reflexionen und das vom Verfasser entwickelte Modell stattfand. Hier werden Auszüge aus seinem Erfahrungsbericht abgedruckt.  

Kontrolle und Flow

(…) Diese Kontrolle über den Tagesablauf überträgt man auf alle Bereiche. Aktive und disziplinierte ständige Reflexion mit dem Selbst und seiner Umwelt gibt Freiheit und führt zu einem selbstbestimmteren Leben. Jean-Pol Martin hebt diese Kontrolle als übergeordnetes Bedürfnis hervor. Es kommt zum Flow-Effekt als Belohnung für exploratives Verhalten und Gewinnung von Kontrolle. An diesem Punkt wird auch die Konzeptualisierung als Grundbedürfnis und Menschenrecht klar. Sich ein messbares Ziel zu setzen und dieses innerhalb eines Projekts oder im Alltag (wobei alles irgendwie ein Projekt ist) mit dem besten Wissen und Gewissen abzuschließen, gibt Glücksgefühle bzw. den Flow-Effekt. Diesen sollte jeder schon einmal oder mehrmals erlebt haben. Somit macht Aktivität glücklich. Geistige sowie körperliche Aktivität sprechen dabei dieselben Rezeptoren im Gehirn an und das merkt man auch. Wenn eine bestimmte Laufstrecke ausgesucht und diese gut bewältigt wird, führt ebenso zu guter Laune, wie wenn ein berufliches Projekt gut abgeschlossen wurde. Das ist somit im Beruf sowie im Privaten zu erleben. Für die Kontrolle über das Leben ist die ständige Reflexion der eigenen Person sowie der Umwelt notwendig. Gerade wenn man die Sichtweise des Konstruktivismus  bedenkt, dass jeder Mensch seine eigene Wirkli chkeit „konstruiert“, also jeder die Welt subjektiv und somit unterschiedlich wahrnimmt, schult es auch die Empathie, weil man aus den Launen der anderen Rückschlüsse für sein eigenes Wohlbefinden und dessen Umstände ziehen kann (…).

Routinen als Kontrollinstrument

(…) Also bei allen Tätigkeiten folgt man strukturiert seinem persönlichen moralischen Kompass, gestützt von Routinen, auf die ein jeder sich verlassen kann, wenn es einmal chaotisch wird. Es ist wie eine Uniform oder Arbeitskleidung. Man muss sich keine Gedanken mehr machen, was man anziehen möchte. Das sind die Routinen  –   die Arbeitskleidung. Manchmal hat man keine Lust sie anzuziehen, aber die Frage darf sich nicht stellen, sondern sie wird einfach angezogen, damit man besser arbeiten kann.

Während der Auseinandersetzung mit dem Verfasser über diese Kontrolle über das eigene Leben kristallisierte sich heraus, dass dem Humor eine entscheidende Rolle zugeschrieben werden kann, da eine humoristische Sicht auf das Leben Vieles entspannen kann. Er nimmt den Ernst und den Schrecken aus vielen Situationen, die einem als „schlimm“ eingeredet werden, und hilft, die Dinge nüchterner anstatt emotionaler anzugehen und Distanz zu den Dingen zu bekommen, die einen sonst  belasten würden. Voraussetzung ist, vorbereitet zu sein. Ist man es nicht, fehlt einem die Lockerheit, die lustigen Seiten der Lage zu sehen. Also helfen wieder Routinen und Strukturen, humorvoll durch  bestimmte Lebenssituationen zu kommen. Das wiederum ist ein Plus an Lebensqualität. Und das kann man sich antrainieren, genau wie man sich antrainieren kann, alles schwarz und negativ zu sehen oder immer zu nörgeln. Man erstellt sich aktiv sein eigenes Denk- und Lebensmuster (…).

Routinen schaffen Freiheit

(…) Wenn man mit vielen Krankenhausaufen thalten, mit vielen unangenehmen Untersuchungen und Ergebnissen zu tun hat, muss man sich also auf seine Routinen verlassen können, damit in chaotischen Zeiten der Tagesablauf auch beibehalten werden kann und man sich nicht nur mit seinen Problemen    beschäftigt. Dabei kommt die Reflexion ins Spiel, durch die man erkennen muss, was einem und wer einem guttut. Irgendwann geht es so in einen über, dass man ohne diesen „Scan“ nicht mehr durchs Leben geht. Es wird irgendwann zur Routine.

Was alles etwas zwanghaft kontrolliert klingt, bringt am Ende die größtmögliche Freiheit. Ähnlich wie  bei einem erzogenen Hund. Wenn man ihn anfangs gut erzieht, hat er später mehr Freiheit, weil er gelernt hat, sich gut in der Welt zurechtzufinden und seine Routine in bestimmten Situationen hat. Dadurch muss er nicht mehr ständig an der Leine hängen und kann mehr selbstbestimmt und in Freiheit unternehmen. In der Erziehungsphase des Hundes wurde oftmals angemerkt, dass dies zu überzogen streng sei. Nun ist er vier Jahre alt, anhänglich, sozial, verspielt, kann allein sein und ist  perfekt in das eigene Leben integriert, ohne dass er seinem Herrchen den Alltag vorschreibt. Auch dabei halfen eine Struktur, Routinen und Willensstärke. Dass ein Hund sehr auf Stimmungen reagiert, wird in der Auseinandersetzung mit dem Tier bewusst. Somit wird klar, dass ein Hund sich von  jemandem, den er nicht mag, fernhält und sich an denen orientiert, die ihm eher zusagen. Eben dieses Verhalten des Hundes erinnert auch an das persönliche Verhalten. Die Resonanzen der Mitmenschen sind zwar fast immer positiv, aber so viele scheitern an der langfristigen Umsetzung, da die Grundvoraussetzungen fehlen und keine Ziele gesetzt wurden. Hat man seine Ziele visualisiert, bekommt ein jeder mithilfe von Jean-Pol Martins Theorie die Strukturen für die Umsetzung dieser Ziele. Egal ob geschäftlich oder privat, die „Schablone“ kann mit den angesprochenen erlernbaren Voraussetzungen von jedem und für alles eingesetzt werden. Dieses Werkzeug bietet das Grundgerüst für ein optimiertes, glückliches und zielorientiertes Leben. Gerade in Krisensituationen hilft es, sich auf seine Strukturen und Routinen zu verlassen, damit der Grundbetrieb möglichst optimiert weiterläuft, ohne dass man viel darüber nachdenken muss (…).  

Voraussetzungen für die Umsetzung der Theorie

(…) Trotz der Verständlichkeit sind für die Umsetzung der Theorie einige wichtige Grundvoraussetzungen mitzubringen. Denn ohne Disziplin (die reinste Form der Selbstliebe), Aktivität, Neugier und Reflexion gibt es auch keine Routinen, und ohne Routine gibt es keine richtige Struktur und somit bleibt der Flow-Effekte ein Zufall. Die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen (Stichwort Willensstärke), gehört somit ebenfalls zu den Grundvoraussetzungen für diese Theorie. Man muss seine ganze Umwelt bewusster wahrnehmen, um bewusst und aktiv auf sie reagieren zu können. Gerade alltägliche Entscheidungen werden unbewusst getroffen, wobei doch gerade diese teilweise entscheidend für das Wohlbefinden sind.

   Was esse ich?

   Wie viel bewege ich mich?

   Mit wem umgebe ich mich?

   Was macht mich zufrieden?

   Was macht mich unglücklich?

Mithilfe dieser Aufteilung sollte man sich die Ziele setzen, die man durch die Theorie erreichen möchte. Bei den Überlegungen zur Zielsetzung sollten alle Teile miteinbezogen werden. Welches Ziel soll langfristig und so intensiv verfolgt werden, dass man bereit ist, andere Dinge dafür unterzuordnen? Diese Fragen bleiben oftmals unbeachtet und ergeben sich erst durch die Umstände des Lebens. Aber auch hier sind sehr bewusste Entscheidungen zu treffen, um die Lebensqualität zu erhalten und die Kontrolle zu behalten. Denn allein die Stimmung und Einstellung der Mitmenschen haben einen maßgeblichen Einfluss, eine Person herunterzuziehen oder aufzubauen, zu motivieren oder zu frustrieren. Deshalb sollte aufgrund von Erfahrungen ständig darauf geachtet werden, zukünftigen oder altbekannten energiefressenden Mitmenschen konsequent aus dem Weg zu gehen. Während der ganzen Ablenkung im Alltag ist es manchmal schwer, bewusste Entscheidungen zu treffen. Darum sind Ziele entscheidend. Das ist wichtig, da ohne Ziel keine Willenskraft geschärft   werden kann. Durch das Verfolgen der Ziele fällt einem der Verzicht auf bestimmte Dinge leichter, als wenn man planlos auf die eine oder andere Sache verzichten möchte, weil man gerade denkt, es wäre gut für einen.

Anhand kurzer Beispiele soll die Umsetzung aufgezeigt werden. Einen durchtrainierten Körper zu haben, kann ein Ziel sein. Die ständige Versuchung ist womöglich Fastfood. Die Willensstärke wird ab dem Moment geschult, in dem das große Ziel nicht aus den Augen verloren und daher dem ersten Impuls nicht nachgegeben, sondern auf Fastfood verzichtet wird. Ein anderes Ziel ist, eine gute Beziehung zu führen. Eine Partnerin findet Dinge interessant, über die man zuvor nie nachgedacht hat, sie selbst zu tun. Durch die Verfolgung aller eigenen persönlichen Interessen könnte man sich gegenseitig verletzen. Durch einen intensiven Dialog benennen beide ihre Bedürfnisse und vermeiden durch Willensstärke das zu tun, was die Beziehung gefährden könnte, um das große langfristige Ziel zu erreichen  –   eine gute, gleichberechtigte Beziehung. Dabei liegt ein Fokus darauf, frühzeitig auf Situationen einzugehen, bevor diese sich negativ entwickeln. Ist die Impulskontrolle ein paar Mal gelungen, fällt es beim nächsten Mal noch leichter. Und diese Technik (für größere Ziele andere Dinge unterzuordnen) kann in allen anderen Bereichen ebenfalls angewendet werden. Jedes Mal, wenn man durch Überwindung an sein persönliches Ziel gekommen ist, steigert das nebenbei das Selbstvertrauen und man erschließt sich weitere Bereiche, die man zukünftig nicht hinterfragt, sondern beherrscht und kontrolliert. Auch hinter dieser Willensstärke, die unverzichtbar für die Umsetzung der Theorie von Jean-Pol Martin ist, gibt es ein bewusstes Vorgehen. Es sind drei Sätze, an denen man sich orientiert:

   „Ich werde nicht“  

   „Ich werde“  

   „Ich will“  

Willenskraft ist wie ein Muskel, der trainiert werden kann. Allerdings kann er auch von zu viel energieraubenden, aber sinnfreien Einflüssen überbelastet werden. Daher ist es wichtig, seine Energiefresser zu erkennen und, wo es nur geht, abzustellen, um langfristig bewusste Entscheidungen für wichtige, weiterbringend e Dinge treffen zu können. Denn das Gefühl, dass man dem „Schicksal“ irgendwie ausgeliefert ist und selbst kaum Einfluss auf sein Leben hat, gleicht einem fremdbestimmten Leben, mit einem Glauben an irgendetwas, was einem Halt gibt, obwohl man sich den selber geben könnte! Man darf sich aber nicht belügen. Hat man wirklich keine Zeit für Sport oder ist man nur faul? Hat man das eine oder andere wirklich verdient oder müsste man noch mehr tun, bis man sich  belohnen kann? Hat es vielleicht einen Grund, dass man weniger Geld hat als der Nachbar? Tut man genug für sein persönliches Ziel? Man muss sich also an sein eigenes Wort halten und ständig reflektieren, sonst verliert man den Kompass und alles, was einen antreibt. Denn Ausreden, Dinge nicht tun zu müssen, findet man genug. Und hat man erst einmal angefangen, Ausreden für sein Versagen zu suchen, wird es immer schwerer, die Willenskraft für das vielleicht mal gesteckte Ziel aufzubringen. Abgesehen von dem schlechten Gewissen, das einen eigentlich zu Recht plagt. Man muss sich trainieren, seine Fehler nicht schönzureden, sondern klar zu benennen und zukünftig zu vermeiden. Das alles ist ein langer Lernprozess, der nicht von heute auf morgen verinnerlicht ist. Aber mithilfe der Theorie kann diese Entwicklung systematisch vorangetrieben werden. Dadurch wird man nicht nur erfolgreicher, sondern auch weniger anfällig für Neid und Missgunst. Man füllt sich mit sich selbst und seinen abgeschlossenen, laufenden und anstehenden Projekten aus und fühlt sich daher glückl ich! Somit macht Aktivität glücklich! Ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ geht es nicht immer nur um das Ergebnis, sondern um die Erkenntnisse, die man im Prozess erschließt, und um das Abrufen von Fähigkeiten aus vorherigen Projekten. Das gibt Selbstvertrauen und wir empfinden Arbeit (Projekte) als glücksgenerierende Struktur. Glück kann man steuern! Mithilfe der angesprochenen Werkzeuge kann man sein Leben aktiv und positiv leben und Glückssituationen hervorrufen. Reines positives Denken bringt leider nichts. Man muss aktiv an einem glücklichen Leben arbeiten. Immer wieder bewusste und konsequente Entscheidungen treffen, sich mit positiven und inspirierenden Leuten umgeben und stetig Projekte entwickeln. Stimmung ist ansteckend  –   positiv wie negativ (…).

Aus: Die „Neuen Menschenrechte“ als Rahmen für Selbstreflexion. In: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin, Margret Ruep (Hrsg): Neue Menschenrechte? Bestandsaufnahme eines bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Gabriele Schäfer Verlag. Herne. 2020 (172-189)

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