Kommentare zu „Konzeptualisierung als Glücksquelle“ (juni 2013).

16 Antworten

  1. Dem ist fast nichts hinzuzufügen. 🙂 Und deine Kritik am Flipped Classroom kommt vollkommen zurecht: Seit einiger Zeit “gefällt” mir das Modell “Input + Anwenden” nicht besonders gut, und dieses Modell wird durch den Flipped Classroom begünstigt. Daher werde ich zukünftig eher “aufgabenbasierte Vorbereitungen” durchführen, und das entspricht exakt dem, was du hier beschreibst: Studierende bekommen komplexe, reichhaltige Situationen geboten, in denen sie selbst zunächst einmal mathematische Konzepte bilden müssen / wiedererkennen müssen / … Anschließend (im Plenum) werden diese Erfahrungen dann gemeinsam systematisiert.

  2. Vielleicht noch ein Nachtrag: Der Flipped Classroom ist gut, um “traditionell denkende Dozenten” (inkl. mir) zunächst in einem Schritt hin zur Lernendenzentrierung zu bewegen. Es stellt sich dann aber ein Unzufriedenheitsgefühl ein (nur oberflächliche Verarbeitung des Inputs, Begünstigung des Lernens ohne Verständnis, …) … dann kommt der Drang, die eigenständige Konzeptualisierung bei den Studierenden zu fördern… etwas, das m.g. beispielsweise schon immer macht, ich aber noch zu sehr “verhaftet” bin an der “Mitteilung”… und dann bieten sich verschiedene Modelle an (wie beispielsweise LdL in den Sprachen und darüber hinaus, Formen entdeckenden Lernens in der Mathematik, ….)

  3. @dunkelmunkel
    Super! Wie du ahnst hatte ich keine gruppe im blick, als ich in den letzten tagen konzeptualisierte, sondern dich!:-) Ich wusste, das würde handlungsmotivierende wirkung haben. Aber du warst ohnehin auf diesem weg. Vielleicht bringt mein beitrag die sache theoretisch auf den punkt und liefert die möglichkeit, dies auch begrifflich zu propagieren, so wie es besonders mit “neuron” gelungen ist. Ich bin froh, dass dank dir allmählich “informationsverarbeitung als grundbedürfnis” ins gespräch kommt und gleich damit auch die “konzeptualisierung als glücksquelle”. Im augenblick bist du als einziger in der lage, diese konzepte in umlauf zu bringen.

  4. Vielleicht noch ergänzend: Wir betrachten Konzeptualisierung (bislang) aus zwei verschiedenen Perspektiven: Du betrachtest sie eher unter dem Aspekt der Motivation / Flow / Glück, ich eher unter dem Aspekt “Verständnis”. In der Mathematik wird oft der Fehler gemacht, dass man zuerst die Abstraktion liefert (deduktiv wird “informiert”). Besser, weil verständnisfördernder, ist, die Lernenden selbst die Abstraktion durchführen zu lassen auf Basis mehrerer selbst gemachter (konkreter) Erfahrungen. (Entspricht dem Grundsatz: Erst konkrete Erfahrungen, anschließend wird abstrahiert.) Die Abstraktionen sind dann keine leeren Hüllen, sondern “gefüllt” mit erfahrungsbasierter Bedeutung. In der Mathematik spricht also schon aus verständnisorientierter Perspektive viel dafür, die Konzeptualisierung bei den Lernenden zu fördern. Der motivationale Aspekt, den du mehr im Blick hast, kommt dann noch dazu…

  5. Eigentlich verstehe ich unter konzeptualisierung auch die arbeit, die im rahmen von projekten gleistet wird, indem man über konkrete erfahrungen reflektiert und sofort modelle im handlungsfeld selbst generiert (wie ich in Ilmenau permanent mit dir als partner machen wollte!:-). Insofern deckt es sich mit deiner beschreibung. Gerne versuchte ich mit schülern auf frankreichreisen stets erfahrungen zu abstrakten schemata (erkenntnissen) umzuformen. Das beispiel mit Hegel ist also nicht gut gewählt, weil es sich hier um ein bereits existierende abstrakte gebilde handelt (dialektik), das man mit leben füllen muss, indem man es als instrument im alltag zur lebensbewältigung einsetzt: man ärgert sich nicht, wenn jemand eine entgegengesetzte position vertritt, weil man diese sofort dialektisch integrieren kann. Erst bei der benutzung im realen leben entsteht also richtig flow. weil es schön ist, wenn man dank dialektischem verständnis konflkte entschärft.

  6. @Christian
    Genauer gesagt verläuft konzeptualisierung in einem permanenten dialektischen prozess:
    1. formulierung der these/hypothese (A PRIORI)
    2. antithese (bei der hypothesenprüfung werden fehler offenbar/falsifizierung)
    3. synthese: reformulierung der these unter integration der neuerworbenen erkenntnisse.
    (A POSTERIORI)
    Und dies permanent, von morgens bis abends sowohl in der wissenschaft als auch im alltag. (vgl. Popper usw…)

  7. Exkurs:

    Ich parke hier einen gedanken, der für die zukunft von bedeutung sein könnte, wenn das thema “ruhm” wieder emergiert (siehe http://cspannagel.wordpress.com/2013/05/28/hilfe-mein-prof-bloggt/):

    dadurch, dass ruhm zu qualitativ und quantitativ hohem impulsaufkommen führt, entsteht ein starker konzeptualisierungsdruck, der natürlich förderlich für die relfexion und die produktion von wissenschaftlichen gedanken ist, sofern der rezipient in der lage ist, den fluss zu beherrschen. Allerdings kann man davon ausgehen, dass im laufe des berühmtheitsanstiegs der berühmtwerdende schrittweise entsprechende techniken entwickelt.

    ruhm -> hohe informationsmenge gepaart mit hoher sozialer kontrolle/aufmerksamkeit -> hoher konzeptionalisierungsdruck -> hoher wissenschaftlicher output.

  8. […] mit jedoch etwas verschobenem Fokus, indem er  – um in meinem Bild zu bleiben – die erfolgreiche Integration von Paketen in eine Lagerstruktur sogar mit einer glücksbringenden Erf… – der Prozess der Einordnung (“Konzeptualisierung”) als sinnstiftendes Moment […]

  9. Hallo Jean-Pol – Schau mal bitte hier, wenn du magst und Zeit hast: http://riecken.de/index.php/2013/06/was-bedeutet-fur-mich-bildung/ – es geht in eine ähnliche Richtung und auch ich ringe noch mit einer Präzisierung. Auch meine Analogie führt mit Blick auf Konzepte wie dem “Flipped Classroom” wohl zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

  10. […] mit LDL Auch Jean-Pol Martin verweist in seinem Beitrag auf diesen Zusammenhang zwischen Inhalt und Struktur und behauptet, ein Flow-Erlebnis sei nicht […]

  11. […] gilt unsere ganze Anstrengung der Gestaltung des Zukunft-Ichs. Das ist auch der Grund, warum die Konzeptualisierung eine so große Rolle in unserem Leben spielt. Und selbstverständlich ist der Blick des Anderen […]

  12. Ich habe nun eine Weile über den Beitrag nachgedacht. Mich hat gestört, »Glück« in diesem Sinne zu brauchen. Bildung und Lernen muss, so finde ich, nicht glücklich machen. Andererseits leuchtet mir sehr ein, dass sich Flow dann einstellt, wenn einzelne Verarbeitungsschritte passen.
    Die Forderung, Handlungen auszulösen oder zum Ziel zu haben, leuchtet mir deshalb sehr ein. Und dass dabei Konzeptionalisierung entscheidend ist, ebenfalls.

  13. @Philippe Wampfler
    Deine zustimmung freut mich sehr! Das bestätigt meinen wunsch, den beitrag vielen zugänglich zu machen. Die definition von “glück” ist natürlich ein kapitel für sich. Im sinne von Aristoteles wäre es selbstverwirklichung. Und “glück” nenne ich die langfristig stabilen emotionen (insbesondere flows) die entstehen, wenn menschen sich selbst verwirklichen.

  14. […] 1. Konzeptualisierung als Glücksquelle (Juni 2013) […]

  15. Spannende Ideen und spannende Diskussion, in der ich jetzt nicht so drin bin, aber Assoziationen bekomme.

    Unsere Themen in der Lehre sind natürlich viel irdischer (aka extrem anwendungsorientiert) als Hegel. Ich sehe aber im beschriebenen Konzept viele Parallelen zum project based learning, sofern es das Ziel hat, das Projekt nicht für sich/die Kommilitonen/die Dozentin, sondern eine zuvor definierte oder besser eine zu erforschende Zielgruppe außerhalb dieses Kreises aufzubereiten und dort dann tatsächlich zu präsentieren. Abgesehen vom Flow während der Arbeit entsteht nach meiner Beobachtung das größte Glücksgefühl, wenn sich der Vermittlungserfolg einstellt und wenn das Konzipierte noch auf andere Weise manifest wird bzw. sichtbar bleibt (z.B. eine Website, ein eBook, ein Workshop mit Außenstehenden).

  16. @thomas pleil
    Ja, genau: project based learning. Die diskussion gibt es noch nicht, aber ich vesuche sie anzurege. Die basisidee ist, dass informationsverarbeitung und konzeptualisierung grundbedürfnsse sind, deren befriedigung besonders glücklich macht. Das ist, glaube ich, ganz neu!:-))

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