Legitime Selbstreferenzialität?

Resume Im Zusammenhang mit dem Problem der Nachhaltigkeit im Netz stellt sich die Frage der Legitimität von gezielten Redundanzen in halbgeschlossenen Räumen, wie beispielsweise der Wikipedia.

1. Wechsel vom alten Begriffsparadigma zum neuen

Die Verankerung eines neuen, modernen Begriffsparadigmas ist ein langwieriger Prozess. So hat sich seit den 70er Jahren schrittweise das systemtheoretische Denken in der Gesellschaft etabliert, die meisten Menschen benutzen aber immer noch Begriffe aus dem alten Paradigma, so dass eine rasche Verständigung erschwert wird. Die neuen Termini liegen vor, sie werden aber nicht mit der gebotenen Geschwindigkeit diffundiert. Nur zaghaft werden Konzepte wie Inkubation, Emergenz, Resonanz oder gar Netzsensibilität, die eine große Erklärungskraft für die Bewältigung des Alltags besitzen, in populärwissenschaftlichen Nachschlagewerken übernommen. Das Medium, das den ersten Platz in der Beliebtheit als Nachschlagewerk einnimmt, die Wikipedia, hat sich von der Ideologie her dem alten Paradigma verschrieben: es werden nur Begriffe übernommen, die sich in der Papierwelt etabliert haben. Nur verliert die Papierwelt zunehmend an Aktualität und Relevanz als Informationsquelle bei der rasanten Entwicklung innovativen Denkens.

2. Die Etablierung des neuen Paradigmas durch Redundanzen vorantreiben

Als halbgeschlossenes System ist die Wikipedia der ideale Ort, an dem ein neues, kohärentes Begriffssystem etabliert werden kann. Einerseits ist das System offen für neue Einträge und Impulse von außen, andererseits ist die Anzahl der aktiven Mitarbeiter begrenzt, so dass eine Terminologie sich peu à peu durch Wiederverwendung der Begriffe und durch Entstehen von Resonanz etablieren kann. Insbesondere ermöglichen die Querverweise (interne Links), dass Leser und Autoren in die Begriffskohärenz eingeführt werden und das neuentstehende Gebäude ausgestalten und anreichern. Da die Autoren und User oft als Gatekeeper in der Gesellschaft wirken, ist zu erwarten, dass die in der Wikipedia aktivierte Begriffswelt nach außen getragen wird.

3. Wie geht das konkret?

Als Beispiel sei ein Artikel herangezogen, den ich vor mehr als zwei Jahren in der Wikipedia angelegt habe, und der alle Begriffe aktiviert, die aus meiner Sicht für das neue Paradigma konstitutiv sind. Es handelt sich um das Lemma „Klassenraumdiskurs„. Hier eine für die Schaffung von Redundanz besonders signifikante Stelle (überflüssig zu sagen, dass die Wikipedianer so etwas als „Ansammlung von Buzzwörtern“ radikal ablehnen):

Das Arrangement im Klassenzimmer orientiert sich an der Gehirnstruktur. Zwischen den Lernern, die metaphorisch als Neuronen eingesetzt werden, entsteht durch intensive Interaktionen eine Vernetzung mit entsprechenden Netzwerkeffekten (Reaktionsschwelle, Selbstreferenzialität, Resonanz, Redundanz). Im Rahmen dieser Interaktionen werden Informationen zu Wissen veredelt, indem permanent relevante aus irrelevanten Informationen selektiert werden und zur nächsthöheren Instanz zur Bearbeitung weitergeleitet werden (Komplexitätsreduktion). Wie im Gehirn entstehen aus diesen Interaktionen Emergenzen, es wird Wissen kollektiv konstruiert. Während im instruktionistischen Modell man es mit Linearität a priori zu tun hat, entsteht bei LdL Linearität a posteriori. Oberstes Prinzip ist die Ressourcenorientierung, denn die Informationen, die zur Wissenskonstruktion benötigt werden, stammen entweder aus den Lernern selbst, oder aus der Umwelt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Klassenraumdiskurs in großer Konzentration erfolgt, damit alle Informationen erkannt und verarbeitet werden (Aufmerksamkeitsökonomie, Reaktionsschwelle).

4. Ist das legitim?

Natürlich ist das von mir praktizierte Verfahren grenzwertig, wenn man an die strengen Regeln der Wikipedia denkt. Andererseits gibt der Artikel den Stand der wissenschaftlichen Reflexion wieder und lässt sich nicht in die Kategorie „Theoriefindung“ einordnen, die Todsünde beim Einstellen von Wikipedia-Texten. Auf jeden Fall etabliert sich auf diese Weise ein modernes, kohärentes Begriffsgebäude, das durch die Fülle der Querverweise hohe Stabilität gewinnt. Aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit, innerhalb der virtuellen Welt ein nachhaltiges, ausbaufähiges, für die Wissenschaft wertvolles Gebilde zu verankern.

Fazit Inmitten der Turbulenzen (die es immer schon gegeben hat) ist es günstig, wenn der Mensch auf stabile kognitive Strukturen zurückgreifen kann. Allerdings sollen diese Gebäude an die aktuelle Welt angepasst sein, und zur Zeit bietet die Systemtheorie gute Erklärungsmuster. Sie muss nur verbreitet werden.

Advertisements

13 Antworten

  1. Stößt hier Wikipedia vielleicht an seine Grenzen?
    Die Theoriebildung bzw. -findung in ihrer Prozesshaftigkeit wird gänzlich vernachlässigt, wobei die kleinschrittige Vorgehensweise, der produktive Umgang mit dem Fehler und eben diese „große Suche“ in kleinen Schritten doch elementare Bestandteile von Wissenskonstruktion in Netzwerken sind.

    Ein Wiki (laut Selbstverständnis) fußt auf knowledge of the crowd, kollektiver Wissenskonstruktion, Evaluation und Korrektur durch den Nutzer.
    Am Ende „denkt“ es jedoch produkt- statt prozessorientiert. Unterm Strich steht Abbildung statt Entwicklung. Wenn ein Wikiartikel also dieselben Stufen (z.B. Erstellung, Selbstreflektion, Sichtung/ Lektorat, Evaluation, Kritik, Review&Rewrite, Korrektur) durchläuft, ist der Unterschied zum Lexikon vielleicht gar nicht so groß. Dem User Generated Content sitzt die Qualitätssicherung im Genick, die einen „druckreifen“ Artikel gewährleisten soll.

    Das ZUM-Wiki mag im Moment tatsächlich der bessere Ort sein, kleine Tricks, wie Deine Verankerung von Begriffen, sind aber durchaus legitim. 😉
    Denn: Querverweise sind die die Synapsen des Webs. Für die Übertragung von Erregungen brauche ich Berührungspunkte, die etwas oder in diesem Fall jemanden weiter leiten.

  2. @Miriam
    „kleine Tricks, wie Deine Verankerung von Begriffen, sind aber durchaus legitim. ;)“
    – Gott sei dank! Dieser Satz hebt die Ambiguitäten deines Textes auf!:-))) Und nun lese ich dein Posting noch einmal genauer!.-))

  3. Die Fixierung auf Wikipedia mag ihre Gründe haben. Aber Monopole sind eigentlich immer kritisch. Insofern ist es vielleicht sogar von Vorteil, dass hier eine Spannung aufgebaut wird. Zum einem ist das gut fürs eigene Selbstverständnis, zum anderen kann das ja auch die Kraft für Spin-Offs sein.

    Wer seinen Drang zur Veröffentlichung nur einfach stillen will, kann ja auch bei Googles Knol schreiben: http://knol.google.com

  4. @Miriam
    „Am Ende “denkt” es jedoch produkt- statt prozessorientiert.“
    – Im Prinzip ist daran nichts einzuwänden. Der Haken liegt aber darin, dass der Umweg über die Verankerung innerhalb der traditionellen Wissenschaft gemacht werden muss. Und gerade dieser Weg ist besonders langsam. Wenn beispielswese „mein“ Begriff „Netzsensibilität“ Zustimmung innerhalb der Wikipedia-Community findet und als nützlich empfunden wird, ich aber warten muss, bis der Begriff sich in der traditionellen Schneckenwissenschaft etabliert hat, dann ist es eine absolut unnötige Bremse. Peer-Reviews OK, aber warum ausgerechnet diese Aufgabe den Wissenschaftlern überlassen, die dem alten Paradigma verhaftet sind?

    @Itari
    Ich will meinen Drang zur Veröffentlichung nicht stillen sondern viele Menschen errechen. Und da ist die Wikipedia im Augenblick unschlagbar.

  5. @jeanpol
    Du hast schon Recht, dass Du die Wikipedia an der Hand nimmst. Ich bin ja auch mehr für Öl statt Sand im Getriebe 😉

    @itari
    Spannung und Reibungsflächen finde ich nützlich, wenn sie Anlass zu Diskussionen bieten. Schade ist nur, wenn sie Ideen ausbremsen oder gar blockieren.

  6. @Miriam
    Das erinnert mich an die Löschdiskussion zu „Netzsensibilität“ in der Wikipedia:
    http://wiki.zum.de/Diskussion:Netzsensibilit%C3%A4t

  7. Dass die Wikipedia einen gewissen Konservativismus braucht, haben wir hier schon mehrmals angesprochen.
    Angesichts der zunehmenden Zahl von Wissenschaftsblogs wird sie aber mittelfristig auch (Wissenschafts-)Blogs als Referenz zu akzeptieren lernen.
    Dafür, dass die Wikipedia aber nicht einfach „steht im Netz“ als Beleg akzeptiert, werden wir uns aber wohl beide stark machen.

  8. @apanat
    Ja, daher möchte ich auch im legalen Wikipediarahmen bleiben, weil ich die Wikipediaregeln nachvollziehen kann und respektieren will. Ich habe auch Hochachtung vor der Arbeit und der Kompetenz der WP-Administratoren. Aber ich versuche dennoch, die Möglichkeiten auszuschöpfen.

  9. […] zum Punkt Resonanz auch: Blog redundant einspeisen – Legitime Selbstreferenzialität – Neuer Resonanzraum: Die Ingolstädter […]

  10. […] Komplexitätsreduktion […]

  11. […] Isabelle Schuhladen Lebourhis hat mich an diese Passage erinnert (aus dem Blogeintrag: “Legitime Selbstreferentialität“): […]

  12. […] Legitime Selbstreferenzialität (Information zu Wissen transformieren im […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: