„Weiser Mann“? Etikettierung als Chance!

Immer schon wehren sich Menschen gegen Außenurteile, die sie gerne als „Etikettierung“ zurückweisen. Wird jemand durch die Umwelt als „Charmeur“ bezeichnet, so verbittet er sich sofort solche oberflächliche „Etikettierungen“ und stellt sich als Intellektuellen mit Tiefgang dar. Der Politiker, der als Macher in der Öffentlichkeit auftritt, weist entsprechende Bezeichnungen zurück und erinnert daran, dass er als Student ein Gedichtband veröffentlicht hat. Nun sind solche Urteile Rückmeldungen, die einem ermöglichen, die Wirkung der eigenen Persönlichkeit nach außen wahrzunehmen. Allerdings nicht 1 zu 1. Früher wurde ich als etwas durchgeknallter, überaktiver (und erfolgreicher) Didaktiker beschrieben. Dieses Etikett fand ich in Ordnung und es bot mir eine Blaupause, an der ich für die Kohärenz meines Ichs sorgen konnte. Nach der Pensionierung bemühte ich mich, mein Aktivitätsniveau zu halten und erhielt dafür das gewünschte Etikett: aktiver Senior! In der letzten Zeit werde ich durch andere Forderungen beansprucht und muss meine Rolle neu durchdenken. Und siehe da! Bereits mehrmals tauchte auf mich bezogen der Begriff „weiser Mann“ in meinem Online-Umfeld! Soll ich mich über die Etikettierung beschweren? Mitnichten, die gefällt mir ja sehr gut!

Fazit: Über Etikettierungen sollte man sich nicht beschweren. Erstens soll man froh sein, dass Menschen sich überhaupt mit einem befassen. Zweitens sind Etikettierungen immer Orientierungshilfen, die einem das Feilen an der eigenen Persönlichkeit ermöglichen. Das Rollenangebot „weiser Mann“ gefällt mir gut. Jetzt muss ich in diese Rolle hineinwachsen.

9 Antworten

  1. Du hast ja Recht, weiser Mann! Auch mir hat schon mal meine Etikett geholfen!!

  2. Genau, Zuzana!

  3. Als eine, die Dir dieses Etikett „weiser Mann“ gegeben hat (vgl. http://twitter.com/#!/dieGoerelebt/status/106968031527313408), melde ich mich mal zu Wort:

    Mit einem Etikett für einen Menschen bewerten andere gleichzeitig das, was dieser Mensch tut (sagt) – in diesem Fall: „Was dieser Mann zu sagen hat, ist tief durchdacht und von grundlegender, überpersonaler Bedeutung. Hört! ihm! zu!“

    Wenn Du das als Chance begreifst, in dieses Etikett reinzuwachsen – nur zu!🙂

  4. @Dörte
    Herrlicher Auftrag!

  5. Das schöne und zugleich schwierige an Etiketten ist, dass sie einen wichtigen Teilaspekt auf den Punkt bringen, dabei aber auch einiges ausblenden. Trotz fehlender eigener Anschauung würde ich daher den weisen Mann allein schon aus dem Gelesenen bestätigen, aber doch hinzufügen, dass das dem für einen Weisen eher untypischen persönlichen Engagement keinen Abbruch getan hat. Du bringst Deine Erfahrung ein, aber schwebst nicht „weise“ distanziert über den Dingen.

  6. @Walter
    Hezrlichen Dank für die weitere Hilfe zur Selbstbild-Justierung. Die permanente (unbwusste) Arbeit am Selbstbild ist zugleich die Bemühung um ein kohärentes Ich, das stets droht, auseinanderzufließen und zu zerbrechen. Sisyphosarbeit also, Kampf gegen das Gesetz der Entropie. Zu deinem Hinweis: in der Tat erfassen Etikettierungen nur einen Aspekt der Persönlichkeit, aber das Individuum zimmert sich sein Selbstbild aus der Menge der verschiedenen Beschreibungen. Der erste übrigens, der mich auf „weise“ gebracht hat, das bist du in einer Mail, die mich in Perros-Guirec vor ein paar Wochen erreichte!:-)) Diese Mail hatte mich aus diesem Grunde auch sehr gefreut!

  7. Sieh es doch als Ergänzung: Du gibst schon viel über dich preis und mehrst damit das Wissen anderer über dich. Durch Annahme der Etikettierung lernst du etwas über dich, verkleinerst deinen „blinden Fleck“. In Gänze hast du dann das, was dem Johari-Fenster (http://de.wikipedia.org/wiki/Johari-Fenster) entspräche und in der Gruppendynamik verortet ist.

  8. @Oliver
    Ja, ich sehe das als Ergänzung, aber darüber hinaus liefert es mir in Phasen des Umbruchs auch Optionen, an die ich nicht gedacht hatte. Die Option „Weiser Mann“ entlastet mich von dem Druck der Komponente „vite et drôle“, die ich nicht mehr wie früher zufriedenstellend bedienen kann und zeigt mir den Weg „Weiser Mann“, dem ich gut gerecht werden kann…

  9. Aus google+

    „Franz Xaver Schroeder – Alte Menschen sind durch ihre Leben geformt. Ein alter Lehrer ist ein alter Lehrer wie ein alter Lokomotivführere ein alter Lokomotivführer ist und eine alte Kindergärtnerin eine alte Kindergärtnerin. Wenn es keine Aufgabe für alte Lokomotivführer gibt, dann ist der alte, aber noch nicht sterbende Lokomitivführer in einer prekären Situation. Aber wenn der schlau war, dann war er nicht nur Lokomotivführer, sondern auch auch irgenwas anderes, was durch das Sorten-Prädikat „alt“ nicht „out“ ist, z.B. ein „Grüner“ oder ein „Kommunalpolitiker“ oder ein „Familiendespot“. Als solcher kann man alt werden und sich der eigenen Wichtigkeit ständig vergewissern.
    Ich habe noch keine Liste der Rollen/Berufe gefunden, die das Prädikat „Alt-“ nicht zu fürchten brauchen. (Vielleicht aber: Altbundeskanzler?)
    Professor emeritus find ich aber z. B. schon sehr gut in diese Liste passend.
    Gestern um 20:44

    „Jean-Pol Martin – Danke, Franz Xaver! Wieder mal sehr erhellend und weiterführend!: „Alt“ ist einfach nicht gut, man muss was anderes zu bieten haben!
    „Sich der eigenen Wichtigkeit ständig zu vergewissern“ ist vielleicht zu hart ausgedrückt. „Brauchbarkeit“ wäre aus meiner Sicht treffender! „Brauchbarkeit“ sichert mir Zuwendung, und das ist, was ich benötige und suche. „Weisen“ sind nicht in jedem Kontext nützlich und gewünscht. Da muss man sich schon den richtigen Kontext aussuchen oder notfalls schaffen. Und nur am Rande, damit auch das Formale stimmt: ich bin kein „Prof. emeritus“, sondern nur Akademischer Direktor und außerplanmäßiger Professor. Das ist zwar generell nicht wichtig, aber im Uni-Kontext von großer Bedeutung!:-))
    09:17 Heute

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