Neuronverhalten zielführend? Mein Forschungsansatz.

Resume In virtuellen Räumen lassen sich umfangreiche Denkressourcen mobilisieren. Ist Neuronverhalten förderlich für die massive Rekrutierung von Partnern und für die Organisation kollektiven Denkens?

1. Aktionsforschung Tendenz Ethnomethodologie

Als Aktionsforscher begebe ich mich in das Feld, an dessen Optimierung ich mitwirken möchte. Da ich Didaktiker bin, gehe ich also in die Schule, die Hochschule und ins Netz. Ich formuliere Hypothesen und prüfe sie empirisch, wobei ich vorwiegend qualitative Methoden einsetze. Als ich 1994 die Wirkung der Methode Lernen durch Lehren in meiner Habilitationsschrift untersuchte, setzte ich quantitative Verfahren ein (Befragung von 480 Kollegen mit Fragebögen) aber vor allem qualitative (teilnehmende Beobachtung, Tagebücher, Interviews). Das alles war der traditionellen Wissenschaft geschuldet. Ich war immer der Meinung und bin es auch heute, dass jeder Untersuchungsgegenstand eine eigene Untersuchungsmethode verlangt, die nicht aus anderen Wissenschaften entliehen werden kann. Die Qualität eines Unterrichts ist kaum quantitativ zu erfassen. Selbst qualitative Methoden greifen zu kurz: wenn ein Schüler nach 30 Jahren feststellt, dass ein bestimmter Lehrer sein Leben verändert hat, ist es aus den damaligen Tagebüchereinträgen nicht herauszulesen.  Als Forscher bemühe ich mich in erster Linie – von meiner Intuition geleitet – Veränderungen einzuführen, von denen ich mir Verbesserungen verspreche. Wenn diese Intuition (Hypothese) durch die Reaktion der Schüler und Studenten verifiziert wird, werden die Ursachen a posteriori theoretisch aufgearbeitet.  Kein sauber arbeitender empirischer Forscher würde das, was ich gerade beschrieben habe, als Forschung bezeichnen. Und dennoch: it works!

2. Neuronverhalten

Ich stelle die Hypothese auf, dass durch Zusammenführung unzähliger Menschen (Neuronen), die themengebunden interagieren, eine Art Weltgehirn entstehen kann, das die Probleme der Welt angeht und Problemlösungen erarbeitet. Voraussetzung ist, dass jeder in diesem Welthirn mitwirkende Mensch sich auch wie ein Neuron verhält.

  • Neuronen sind offen und transparent
  • Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  • Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  • Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  • Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  • Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  • Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  • Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

3. Ist Neuronverhalten auch in Twitter zielführend?

Eine meiner Unterhypothesen ist, dass man auch in Twitter Mitdenker rekrutieren kann, und dass auch hier das Neuronenverhalten greift. Ich bin seit zwei Monaten aktiv in Twitter und kann bereits über folgende Neukontakte berichten (ich erwähne nur die Personen, die ich vor meinem Einstieg in Twitter nicht kannte):

*Theorieebene: auf der Theorieebene habe ich anhaltenden Ansporn und Unterstützung von itari_itari empfangen und  von  Filterraum. Filterraum weist mich auf interessante Videos hin,  itari_itari stellt kritische Fragen, auch über meinen methodischen Ansatz. Ferner analysiert sie mein Verhalten: „JP gibt sich Mühe, sucht die Diskussion, bestätigt den/die einen/eine oder anderen/andere Twitterer/Twitterin durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).“

*Sonstiger Support: Unterstützung erhalte ich auch von Twitter-Anwender, die immer wieder Interesse für meine tweets anmelden. So z.B. Nadiz: „Scheinst halt interessante Tweets zu schreiben„.

Die nächsten Schritte werden darin bestehen, die Korrelation zwischen Neuronenverhalten und der Bildung von stabilen Forschungscommunities auf der Basis von Twitterinteraktionen zu analysieren.

Fazit Auch wenn im Augenblick die Hypothese „Neuronenverhalten führt zur Bildung einer leistungsfähigen Forschercommunity“ noch nicht verifiziert ist, es gibt erste Anzeichen, dass fruchtbare, langfristige Denkpartnerschaften in twitter eingegangen werden können.

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3 Antworten

  1. Die Diskussion zur Methodik der Sozial- bzw. Erfahrungswissenschaften (Validitätsdiskussion) ist nicht wirklich neu („greifen zu kurz“). Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen. Kein Schwein würde heute behaupten, dass Rousseau wissenschaftlich gearbeitet hat, trotzdem sind seine Gedanken klasse für seine Zeit. Niemand hält die Bibel für wissenschaftlich, trotzdem wird sie am häufigsten zitiert. Also weg von dieser unfruchtbaren Diskussion, hin zu einem freien Lauf der Gedanken (ohne Bremsen). Zumindest mir würde das sehr gefallen. Denn bei der Methoden-Diskussion fallen mir immer meine Erlebnisse mit Profs ein, die im Statistik-Seminar nicht wirklich einen mathematischen Beweis für ihre dargestellten Themen verstanden, sondern nur mit Mühe irgendwelche Formeln abgelesen hatten. Ich hatte mir mal den Spaß in meiner Studienzeit gemacht, das Statistik-Seminar bei den Mathematikern, bei den Psychologen und bei den Wirtschaftswissenschaftlern zu besuchen (die Scheine wurden sogar wechselseitig anerkannt): Fazit: total unterschiedliches Niveau und viel Unwissenheit. Wer methodisch-empirisch wirklich was mit Hand und Fuß machen will, käme bei mir nicht durch, wenn er nicht wirklich Ahnung von Statistik hätte (und dann würde er/sie wahrscheinlich freiwillig verzichten) und es geht mir hier nicht, um das tolle Ausfüllen einer Excel-Tabelle zur Gewinnung von Korrelationskoeffizienten … und ganz nebenbei, ich hatte auch mal Gelegenheit, Statistiken ein wenig zu ‚beeinflussen‘ – publizierte Werke des Instituts enthalten immer noch diese Zahlen *gg* – ’schöne‘ Zahlen, wie so viele Veröffentlichungen, in denen Zahlen mit Kommas vorkommen *gg* Es gibt (Marketing-) Untersuchungen, welche Ziffern in Kombination mit Kommas besonders gut ankommen, bei Preisen, Koeffizienten, Hochrechnungen von Wahlen, Wetterberichten …

    Zur Ethnomethodologie folgende Anmerkung: Das größte Problem (auch in der Erforschung des Alltagswissens) ist das Herausrechnen des Beobachters aus der untersuchten Welt. Deswegen beißen sich eigentlich aktions(handlungs-)orientierte und ethnomethodologische Forschungsansätze. Aber das hab ich dir ja schon getwittert gehabt.

    Zu den Neuronen: Da wird eine Metapher verwendet, die man nicht wirklich versteht, sondern die ansatzweise eine Erklärung für das Verhalten von Nervenzellen beschreibt, der man sich auch noch nicht ganz sicher ist. Ist ähnlich der Hard-/Softwarediskussion – Übertragung eines Computermodells auf Gehirnfunktionen. Problem hierbei auch, Computer funktionieren eigentlich nicht so, aber wie erklärt man Menschen was, die keine Ahnung haben … man nimmt etwas, was sie verstehen könnten! … Mein Problem mit den Neuronen ist, dass sie sich sehr einfach beeinflussen lassen (Spiel der Hormone) und daher kein Verlässlichkeit hinsichtlich ihres Verhaltens erkennen lassen. Diese Verlässlichkeit wird aber hier in der Diskussion unterstellt (deine 8 Regeln).

    Ansonsten einfach mal bei Wikipedia die Begriffe nachlesen: Didaktik, Aktionsforschung, Ethnomethologie, Statistik, Quatsch(Unsinn), Jean-Jacques Rousseau, Portal:Geist und Gehirn, Nervenzelle, Hormone, Computer, Von-Neumann-Architektur, Flynnsche_Klassifikation, Reliabilität …

  2. […] Filed under: Aktionsforschung, Kommunikation, philosophie, systemtheorie | Tagged: Aktionsforschung, ethnomethodologie, Grundbedürfnisse « Neuronverhalten zielführend? Mein Forschungsansatz. […]

  3. @itari
    „Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen.“
    – Siehe meinen neuen Blogeintrag

    „Also weg von dieser unfruchtbaren Diskussion, hin zu einem freien Lauf der Gedanken (ohne Bremsen). Zumindest mir würde das sehr gefallen.“
    – Das schließt sich nicht gegenseitig aus.

    „Zur Ethnomethodologie folgende Anmerkung: Das größte Problem (auch in der Erforschung des Alltagswissens) ist das Herausrechnen des Beobachters aus der untersuchten Welt. Deswegen beißen sich eigentlich aktions(handlungs-)orientierte und ethnomethodologische Forschungsansätze. Aber das hab ich dir ja schon getwittert gehabt.“
    – Ich komme mit diesem Dilemma zurecht und erfinde meine eigenen Forschungsmethode: wenn die Ergebnisse intersubjektiv prüfbar sind, genügt es mir.

    „Neuron:(…)sondern die ansatzweise eine Erklärung für das Verhalten von Nervenzellen beschreibt, der man sich auch noch nicht ganz sicher ist.“
    – Ja, aber gerade diese meine Metapher ist besonders fruchtbar und erfolgreich. So what? (Bibel, Rousseau usw. OK)

    „Mein Problem mit den Neuronen ist, dass sie sich sehr einfach beeinflussen lassen (Spiel der Hormone) und daher kein Verlässlichkeit hinsichtlich ihres Verhaltens erkennen lassen. Diese Verlässlichkeit wird aber hier in der Diskussion unterstellt (deine 8 Regeln).“
    – Sie wird verlangt (als Ziel) aber nicht unterstellt (Aushalten von Unschärfen!:))

    „Ansonsten einfach mal bei Wikipedia die Begriffe nachlesen: Didaktik, Aktionsforschung,“
    – Habe ich selbst mitverfasst (ich werde dort auch zitiert), die meisten anderen Artikel habe ich gelesen.

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