In Twitter „anbaggern“: an Bedürfnisse anknüpfen.

Resume Wie ich in meinem jüngsten Beitrag angekündigt habe, möchte ich meine Twitter-Interaktionen in den beiden letzten Monaten systematisch analysieren. Das Ziel: die Verhaltensmerkmale herausarbeiten, die zur Rekrutierung und Aufrechterhaltung einer Weltverbesserungsgruppe führen können.

1. Wissenschaftstheoretische Einordnung

Als Aktionsforscher ist mein Vorgehen recht eigensinnig und anfechtbar.  Dazu schlägt mir  Itari vor: „Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen.“ Nun möchte ich aber intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse vorlegen und dazu ist eine gewisse Systematik notwendig. Und wenn ich systematisch intersubjektiv prüfbare Ergebnisse hervorbringe, dann ist das Wissenschaft, unabhängig davon, ob mein Vorgehen in der Tradition meines Faches verankert ist oder nicht.

2. Bedürfnisse als Ansatzpunkt zur Kontaktaufnahme und Kontaktpflege

Will ich das Interesse von Twitterern an Interaktionen, im Idealfall sogar an Zusammenarbeit nachhaltig erregen, so ist es günstig, wenn ich mich an deren Bedürfnissen orientiere. Durch welches Twitter-Verhalten lassen sich welche Bedürfnisse ansprechen? Bei meinen Beschreibungen beziehe ich mich auf konkrete Erfahrungen, nenne aber die jeweiligen Akteure nicht.

  • Physiologische Bedürfnisse:  Selbst auf der Ebene der physiologischen Bedürfnisse (ua. Sexualität) zeigen sich Twitterer ansprechbar (Flirtverhalten). Dennoch: Flirtverhalten sollte man vermeiden, denn es durchdringt und belastet alle Interaktionen, die zu einer Befriedigung höherrangiger Bedürfnisse eingeleitet werden (z.B. Projektaktivitäten).
  • Sicherheit, Soziale Einbindung: Soziale Einbindung ist nicht zu verwechseln mit sozialer Anerkennung. Sie bezeichnet den Grad der emotionalen Zuwendung, die man von einer Gruppe erhält, unabhängig vom sozialen Status. Die Befriedigung entsprechender Bedürfnisse könnte so geleistet werden, wie von Itari beschrieben: „JP gibt sich Mühe, bestätigt den einen oder anderen Twitterer durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).“ Natürlich ist dieses Verhalten nicht bewusst, sondern automatisiert.
  • Soziale Anerkennung: Soziale Anerkennung wird über die Tiefe des Einstieges auf die Impulse des Twitterers gewährt (lesen der vom ihm empfohlenen Artikel und Videos, Kommentare auf seinen Seiten, usw).
  • Selbstverwirklichung: Wenn man Twitterern hilft, zentrale Fragen (insbesondere philosophische) anzugehen und zu beantworten, liefert man einen Beitrag zu deren Selbstverwirklichung.
  • Bedürfnis nach Sinn: Wenn man Twitterern Projekte vorschlägt, die über ihr eigenes Leben hinausweisen, dann macht man ihnen Sinnangebote.
  • Bedürfnis nach Informationsverarbeitung: Das Bedürfnis nach Informationsverarbeitung spielt in Twitter eine zentrale Rolle. Will man Twitterer an sich binden, muss man eine breite Pallette von Themen anbieten und bereit sein, bei Bedarf in die Tiefe einzusteigen. Der erklärte Zweck von Twitter ist, dass die Akteure einen alltagsbezogenen Positionszustand („ich stecke im Stau„) liefern. Ich liefere stets einen Positionszustand, aber über den Stand meiner Reflexion. Besonders zielführend sind Perturbationen, weil sie kognitive Dissonanzen auslösen, die bekanntlich reflexionsfördernd sind.

Natürlich verfüge ich für jeden hier aufgeführten Aspekt über konkrete Beispiele mit realen Menschen aus den zwei letzten Monaten meiner Aktivität in Twitter. Entsprechende Beschreibungen kann ich hier (aus Gründen der Diskretion) nicht veröffentlichen.

Fazit Die von Maslow beschriebenen Grundbedürfnisse liefern eine gute Orientierung, wenn man beabsichtigt, in Twitter Denk- und Handlungspartner für langfristige, ehrgeizige Projekte zu finden.

Advertisements

9 Antworten

  1. Jetzt haben wir alle gedacht twitter wäre etwas unverfängliches, wir könnten mal in 140 Zeichen machen, was wir wollen. Ok, vielleicht ein paar sinnvolle Links oder anderes für Andere evtl. verwertbares twittern – aber nun ist´s vorbei damit: Wir werden erforscht 😉

    Twitter und Bedürfnisbefriedigung. Das ist schon ein starkes Stück. Die Frage ist wechseln wir das Tool, oder stellen wir uns den Tatsachen?
    1. Stufe: Physiologische Bedürfnisse: Wohnraum (ab 250 tweeds/day) oder sich die Freiheit nehmen, das zu schreiben, was niemand lesen möchte. Das könnte jetzt bis zur 5. Stufe so weitergehen… aber was ist wirklich dran an den Bedürfnissen, die scheinbar hinter allem stehen, was wir tun?

    Ich bin gespannt, was bei der Studie herauskommt. Wird Maslow recht behalten, oder werden wir Twitterer beweisen, dass im Web 2.0 andere tiefenpsychologische Muster wirken?

  2. @Alexander
    Für mich ist es sehr spannend zu lesen, wie du die Hypothese verfeinerst, weiterentwickelst und vertiefst. Du stellst ja in Frage, was für mich evident ist: wir haben diese Bedürfnisse und nur sie und fast alle (außer Hunger und Durst) können in Twitter angesprochen und befriedigt werden).
    „werden wir Twitterer beweisen, dass im Web 2.0 andere tiefenpsychologische Muster wirken?“
    – Eine richtige Herausforderung für mich. Ich nehme die challenge an!

  3. @Jean-Pol

    Deine Herangehensweise an Twitter mit dem Ziel Menschen für Projekte zu gewinnen und zu behalten ist erfolgreich. Zumindest was meine Person angeht. Aber es liegt nicht nur an Twitter. Es ist die Art und Weise wie du vermutlich seit Jahren Menschen an dich bindest und sie für dich und deine Ideen gewinnen kannst. Twitter ist demzufolge ein weiteres Werkzeug, welches deiner Arbeitsweise sehr entgegen zu kommen scheint. 🙂 Für allgemein Gültig halte ich deine Aussagen aber nicht. Man kann so agieren, muss es aber nicht. Es gibt auch andere Wege Menschen für Projekte zu gewinnen ohne das man deren von dir beschriebenen Bedürfnisse befriedigt.
    Fakt ist aber dennoch: ohne deinen Einsatz, deine Präsenz und deine Art mit Menschen umzugehen, würde es die Maschendraht-Community wahrscheinlich nicht geben. Deine Offenheit, deine Transparenz eben auch über das Werkzeug Twitter sind grundlegend wichtig gewesen. Du nimmst die Menschen wahr, weil du Menschen magst und weil du für dich höhere Ziele verfolgst. So habe ich dich zumindest bisher verstanden.
    Und das wir uns gegenseitig Followen und aktive Unterhaltungen führen, gegenseitig wahrnehmen und wertschätzen, diskutieren und für Transparenz sorgen ist in gewisser Weise ein kleiner Teil der Bedürfnisbefriedigung – auf beiden Seiten.

  4. @Melanie Gottschalk
    Ich war nicht darauf gefasst, dass meine Aktivitäten, die gelegentlich etwas Provokatives aufweisen, von dir so positiv aufgenommen werden. Was deine Analyse meiner Twitteranwendung angeht, da liegst du ganz richitg. Das Instrument passt ganz gut für meine Ziele. Ich sehe genauso wie du, dass mein Vorgehen nicht übertragbar ist. Ich versuche es auch gar nicht, sondern ich möchte vor allem prüfen, welche Bedürfnisse durch meine Art, meine Follower zu bedienen, besonders angesprochen werden. Klar, dass ich auch selbst dadurch meine Bedürfnisse (im Sinne von Maslow + Martin) befriedige.
    Danke vielmals für deine Rückmeldungen!!! Sie hilft mir sehr weiter.

  5. Mal ein ganz anderer Ansatz. Twitter ist unbestritten Kommunikation – schriftliche Kommunikation, also Literatur 😉

    Warum ist jemand gerne Literat? Selbstdarstellung? Mitteilungsbedürfnis? Der Muse verpflichtet = weiß eigentlich gar nicht warum? Egal.

    Wenn Twittern Literatur ist (Bloggen ist das ja schon – irgendein Sammelinstitut, mit Steuergeldern finanziert, sammelt ja schon eifrig alles aus dem Web), dann folgt es auch den für Literatur typischen Regeln: schön, spannend, besonders, einfallsreich, interessant, gefühlsbetont, redlich, aussagekräftig ….

    Wie kommt Literatur an den Mann/an die Frau? Durch Verlage – wie sonst. Twitter ist also ein Verlag! Wir sind die Leser und Schreiberlinge. Was hat jeder davon? Der Verlag wird sich einen Wert ausdenken. Der Schreiberling erhält einen Ausgleich in seiner Währung (wird berühmt, bekommt sein Geld usw.). Der Leser wird unterhalten, vielleicht erweitert er seinen Horizont.

    Wie sonst auch, werden die Dinge, wenn sie nicht gut sind, auf dem Grabbeltisch liegen oder eingestampft. Wenn sie gut sind, werden sie wieder aufgelegt, solange bis jeder genug davon hat. Über die Qualität sagt das alles nichts aus, aber wer will sich davon beeinflussen lassen, wenn der Kopf für eine kurze Zeit ins Reich der Worte abgleiten kann und sich erfreut. Es unterhält. Literatur halt.

  6. @itari
    Es ist wirklich ein Glück für mich und uns alle, dass du aus dieser Geisterwelt kommst. Es ist sehr fruchtbar, wenn unsere pädagogischen Analysen immer wieder aus einer ganz anderen Perspektive beleuchtet werden. Ja, wir schreiben in der Tat auch Literatur und Twitter ist wie auch die Blogwelt ein Verlag.

  7. @itari
    „irgendein Sammelinstitut, mit Steuergeldern finanziert, sammelt ja schon eifrig alles aus dem Web“
    Hat sich was. Jeder Deutsche, der etwas ins Internet stellt, ist verpflichtet, aktiv eine Kopie davon dieser nationalen Institution abzuliefern. Nicht das Institut sammelt, sondern wir sind verpflichtet, zu liefern.
    Vorläufig fragt es nur bei kommerziellen Unternehmen an. Eine Frage der Zeit, bis es die Blogger angeht. Da basicthinking seinen Blog zu versteigern gedenkt, könnte er der erste sein, von dem es foedert, ihm eine Kopie seiner sämtlichen Einträge zu liefern.

  8. Da mir die Deutsche Nationalbibliothek vorher nicht eingefallen ist, hier ein Link zu dem Vorgang: http://www.heise.de/newsticker/Wie-sammelt-die-Deutsche-Nationalbibliothek-Online-Publikationen–/meldung/118166

    Nicht, dass ich behaupten wollte, dass dir das nicht besser präsent ist als mir. Aber mit „sammelt ja schon eifrig alles aus dem Web“ spielst du die Herausforderung an die Blogger etwas herunter.

  9. @apanat, ich versichere dir, dass ich mit meinen Andeutungen zur Informationssammelstelle keine pädagogische Absichten verfolgt habe. Ich wollte lediglich einen Hinweis geben, der nicht so fürchterliche Angst erzeugt: An sich ist es ja nicht weiter erschreckend, dass mit Steuergeldern mehrfach gegoogelt wird – es suchen ja auch noch andere subventionierte Stellen und die meisten Hochschulen sind sich auch nicht zu schade dafür.

    Ich freue mich auf die Zeit, wo Computer und Informationsnetzwerke wieder verboten werden. Bücherverbrennungen gab es ja schon und wird es bestimmt wieder geben. Der Mensch an sich mag es nicht, dass es Informationen gibt, die nicht immer seiner Meinung entsprechen. Es gibt ja Gott-sei-Dank auch heutzutage noch Bücher, die auf einem Index stehen, aber bei Internetseiten ist man noch nicht ganz konsequent.

    Ich persönlich bin auch jemand, der interessiert zuschaut, wie persönliche Informationen gesammelt und beliebig verkauft werden. Deswegen bin ich immer gerne dabei, diese Information ein wenig anzureichern, bevor sie verbreitet werden … so ein wenig als Ausgleich, damit man sich nicht immer so sicher ist bei allem & deswegen immer auch alles vollständig sammeln muss … wenn du wüsstes wie viele Versicherung und Internet-Provider bei mir täglich anrufen … wenn die mittels Abgleich arbeiten würden, müssten ja die Call-Center dicht machen.

    Hexen sind schlimme Leute, die einfach nicht ins Weltbild passen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: