Aufmerksamkeitsfenster

Resume Will man relevante Wissensprodukte in eine Gruppe einspeisen (Klasse oder Internetcommunity) so muss man auf der Lauer sein, bis ein Aufmerksamkeitsfenster sich öffnet. Dann muss man rasch soviel Stoff einspeisen wie die Zeit es erlaubt.

1. Häppchen oder Braten? Informationen und Lustgewinn

An anderer Stelle habe ich ausgeführt, dass die Verarbeitung von Informationen ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist. Ich habe auch erklärt, dass die Befriedigung dieses Bedürfnisses mit großer Freude (Kicks) verbunden ist, damit wir uns überhaupt der Suche nach Informationen widmen (wichtig für die Lebenserhaltung).  Nun verhält es sich mit Informationen wie mit Häppchen vor dem Essen: je einfacher und schneller man sie konsumieren kann, desto attraktiver. Will ich, dass die Leute den Braten essen, darf ich keine Häppchen im Zimmer auslegen: der Lustgewinn bei Häppchen ist unmittelbar (Mc Donald-Effekt), den Braten zu essen ist anstrengender. Natürlich ist die Wirkung des Bratens nachhaltiger, aber der Kick kommt mit Häppchen sofort. So ist es auch im Unterricht, so ist es auch im Internet.

2. Aufmerksamkeitsfenster im Unterricht schaffen

Die Informationen, die ich im Unterricht vermitteln möchte, sind komplex und anstrengend zu verarbeiten. In den letzten Stunden habe ich beispielsweise in meiner 11.Klasse (Französisch) die UNO, die Finanzkrise (Bretton Woods und Keynes), die Piraterie vor Somalia, den Übergang vom Mittelalter zur Renaissance (Paradigmenwechsel) und morgen werde ich die Spannungen zwischen Moslems und Hindus in Indien bearbeiten lassen. Wenn ich also will, dass die Schüler sich diesem Informationsbraten widmen, darf ich keine Informationshäppchen herumliegen lassen (Geschwätz, Ablenkungen aller Arten). Es muss absolute Ruhe herrschen. Da die Schüler nicht 45 Minuten lang hochkonzentiert sein können, stehe ich auf der Lauer und sorge dafür, dass sie (bildlich) immer wieder wie kleine Vögel den Mund aufmachen damit ich besonders harte Wissensbrocken hineinschieben kann.

3. Und im Internet?

Im Internet ist es ähnlich. Es liegen überall kleine Informationshäppchen herum, die schnell konsumierbar sind und gleich intensive Kicks verschaffen. Wenn ein Zimmer leergegessen wurde, rennt man in das nächste. Besonders attraktiv sind diese Häppchen deshalb, weil sie mit Interaktionen garniert sind. Es macht Spaß, mit jemanden über das Wetter oder über tools zu kommunizieren. Dies kann man gut in Twitter beobachten, aber auch bei Blogs, die die hierarchisch höhere Stufe des Informationsangebotes darstellen (etwas stärker organisiert und verdichtet): von Kennern wird empfohlen, die Blogeinträge nicht allzu umfangreich zu gestalten. Will man also größere Brocken einspeisen, muss man besonders gute Häppchen anbieten und wenn per Zufall jemand den Mund breiter aufmacht als das Häppchen groß ist, gleich ein Stück Braten hineinschieben. So in etwa arbeite ich mit Twitter, so auch mit diesem Blog.

Fazit: Twitter, Blogs und Wikis sind herrliche Instrumente um Wissen zu konstruieren und Wissen zu verbreiten: mit Twitter Aufmerksamkeit erregen, mit Blogs die Wissensbrocken einspeisen. Und wenn man viel Glück hat, kann man auch Leute finden, die bereit sind, langfristig mit Wikis Wissen zu konstruieren.