Durststrecken auf Kommunikationsplattformen.

Resume Offene Plattformen werden zur Kommunikation eingerichtet. Ich bin so naiv und fange an zu reden. Bis jemand antwortet. Das kann dauern…

Dann dupliziere ich mich einfach

@JP als Wissenschaftler
Danke für diese Absicht. Aber bitte zeitnah! Wir sind hier ja im Internet, das geht normalerweise ganz schnell!
Dein Jeanpol

@Jeanpol
Zeitnah? Ok. Aber dann muss ich weg.
Also: ich habe mit ein paar Leuten gesprochen, die deinen Text gelesen haben und die sich wirklich auskennen. Sie sind recht begeistert, weil sie dein Unternehmen sehr originell finden, eigentlich völlig neu. Allerdings bedauern sie, dass du an bestimmten Stellen deine Pferde zurückhältst und nicht radikal genug bist. So deine Ausführungen über dein Verhältnis zur Weiblichkeit, das von einem Tag auf den anderen völlig anders wurde. Dass so etwas geht, glauben sie nicht. Ferner wünschen sie sich, dass du bei deiner Beschreibung der Uni-Verhältnisse offensiver vorgehst. Um im Pferdekontext zu bleiben, sie wünschen sich, dass du Pferd und Reiter nennst. Sonst könne jeder von dir beschriebene „Böse“ sagen, mich meint er ja nicht, sondern den Kollegen Soundso.
Und jetzt muss ich wirklich weg.
JP als Wissenschaftler.

Der Kontext: Es wurde eine Mixxt-Plattform eingerichtet für Wissenschaftler, die sich mit Fragen der Bildung im Kontext von Web 2.0 befassen. Ich habe mein entstehendes Buch eingestellt und hoffte auf Peers, die „reviewen“ wollen.  Im Augenblick reviewe ich mich selbst. Hier mein thread.

Das Wort „Wissenschaft“ überhaupt!

Resume Früher, als ich als Kind in die Kirche ging, veränderte sich schon beim Eingangstor mein ganzes Wesen. Auf einmal musste ich ernst und besorgt blicken. Heute erfasst mich beim Wort „Wissenschaft“ die selbe Stimmung.

1. Meine erste Begegnung mit dem Wort „Wissenschaft“

In Frankreich habe ich Deutsch studiert. Das Fach genoß kein Ansehen, wie das Sprachenstudium überhaupt. Nie wären wir auf die Idee gekommen, wir seien Wissenschaftler. In Frankreich werden als „scientifiques“ nur diejenigen bezeichnet, die sich mit Naturwissenschaften befassen. Dann gibt es die Mediziner, die Wirtschaftler, die Juristen, das sind aber keine „scientifiques“. Als ich an die Uni in Erlangen kam, um mein Lehramtstudium aufzunehmen, sah ich im Vorlesungsverzeichnis, dass ich nun Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft studieren würde. Da hatte ich Respekt! Zunächst vor den anderen. Nach ein paar Wochen beherrschte ich die linguistische Terminologie und fühlte mich auch als Wissenschaftler. Dann hatte ich Respekt vor mir selbst. Zwar spürte ich schon, dass die Sachverhalte, mit denen ich mich „wissenschaftlich“ befasste, recht simple waren. Aber „Semantik“ klingt wissenschaftlich und „Bedeutungslehre“ nicht. Mit der neuen Terminologie konnte ich Mitstudenten terrorisieren. Wehe, jemand im Seminar verwechselte proklytisch und enklitisch! Plötzlich verbreitete sich eisiges Schweigen. Der Professor sah uns gequält an und fuhr kommentarlos fort.  Lapalien wurden terminologisch überhöht.

2. Und heute

Inzwischen bin ich promoviert und habilitiert und bezeichne mich in entsprechenden Kontexten als Wissenschaftler und Forscher. Sonst würde man mich dort nicht ernst nehmen. Trotzdem bringt mich das Wort „Wissenschaft“ immer zum Lachen, wenn ich sehe, dass bei diesem Begriff auf einmal nette, lustige junge Menschen ganz ernst und besorgt schauen, ja fast beleidigt ob der Unwissenschaftlichkeit des üblichen Lebens… Warum werden normale, amüsante Leute plötzlich so ernst, warum produzieren sie so lange, so umständliche Texte, sobald es um Wissenschaft geht? „Die traurige Wissenschaft“ hat einmal Adorno zu Beginn eines Aphorismen gesetzt.  Am Schlimmsten ist es, wenn man mit dem Killervorwuf der Unwissenschaftlichkeit konfrontiert wird! Dem werde ich immer wieder ausgesetzt. Und das stimmt mich ganz, ganz traurig!:-)))

Fazit Oft ist der wissenschaftliche Kaiser nackt, nur bedeckt mit seiner Fachterminologie. Das muss man ihm sagen.

Mein wissenschaftliches Credo seit 1982

Mein Wertesystem ab 1982: Forschung und Tugend

… Als Handlungsfeld bot sich voll und ganz die Forschung an. Ich organisierte alles im Hinblick auf meine wissenschaftliche Effektivität. So ergab sich, dass ich um fünf Uhr aufstand und gegen 21.00Uhr ins Bett ging. Und zwar an Arbeitstagen wie am Wochenende, zu Weihnachten wie zu Christi Himmelfahrt. Bis heute. Den Spruch „publish or perish“ fand ich abscheulich und ich bemühte mich, erst dann einen Aufsatz zu verfassen, wenn ich wirklich über eine wichtige, neue Erkenntnis zu verfügen glaubte. Ich verpflichtete mich, nur dann jemanden zu zitieren, wenn der Gedanke wirklich organisch in meinen Aufsatz passte, und nicht um einen nützlichen Kollegen freundlich zu stimmen. Einmal machte ich eine Ausnahme, und ich bereue es heute noch: 1988 hatte ich Harald Weinrich, damals ein wichtiger Mann, in einer Fussnote erwähnt, obwohl es von der Sache her nicht zwingend war. Ich hatte ihm sogar einen Sonderdruck geschickt und er antwortete selbstverständlich nicht. Aber sein Name steht noch im Aufsatz als permanente Erinnerung an meine Korruptibilität. Auch bei Festschriftbeiträgen („Pissecke der Wissenschaft“) bemühte ich mich immer tatsächlich Neues zu schreiben, um den Kollegen wirklich zu ehren. Ich behaupte nicht, dass ich meinen Prinzipien immer treu blieb, aber sie lenkten sehr stark mein Handeln…

Entnommen aus: Das JPM-Buch

Konzeptualisieren? Aber nicht schon beim Frühstück!

Resume Angesichts der Beschleunigung aller Lebensvorgänge, insbesondere auch des Outputs an Informationen müssen wir uns daran gewöhnen, Alltagserfahrungen rasch zu kognitiven Schemata zu verarbeiten.

1. Alltagserfahrungen schnell zu abstrakten Schemata umformen

Ich neige dazu, meine Handlungen, auch die scheinbar trivialsten, theoriegeleitet und theoriegenerierend zu gestalten. So ist mein Gang zur Kaffeemaschine in der Früh gleichzeitig eine Prüfung meiner Theorie, dass Kaffee fit macht. Diese Theorie wird meist bestätigt. Alle anderen Aktivitäten gehe ich auf diese Weise an. Nicht selten versuche ich, die entsprechenden Mechanismen und Überlegungen meiner Frau mitzuteilen, sobald ich sie erblicke, auch beim Frühstück.  Meine Frau, meine Kinder und generell meine Umwelt finden mich sehr anstrengend. Bei der Durchführung von Projekten wird dieser Prozess noch intensiviert. Durch die Verbreitung der neuen Kommunikationsmittel wurde der Ablauf sehr beschleunigt, weil das Aufkommen an Handlungen und Informationen vielfach gestiegen ist. Ich führe sehr viele Projekte durch und konzeptualisiere permanent. Und das Konzeptualisieren ist eine Notwendigkeit, weil es die Voraussetzung bildet für den nächsten Schritt.

2. Konzeptualisieren  in der Wissenschaft, im alten und im neuen Paradigma

Im alten Paradigma neigte man dazu, a posteriori zu konzeptualisieren. Das bereits Gedachte wurde ausführlich rezipiert, ausdifferenziert, gegeneinander abgegrenzt. Rousseau, Pestalozzi, Dewey, Montessori, die im Prinzip ähnliches sagen, wurden bis in die kleinsten Details untersucht und interpretiert. Das war vertretbar in einer Welt, in der wenig Neues passierte, so dass man sich erlauben konnte, viel Zeit mit Lapalien zu verbringen. Heute aber, wo jeder Schritt neue Horizonte eröffnet,  ist eine ganz andere Wissenschaft angesagt: man soll sehr schnell zusammenfassen, was frühere Denker für eine Zeit gedacht haben, die die ihrige war (wir wollen ja das Rad nicht ständig neu erfinden) und dann auf der Basis dieser Grunderkenntnisse, explorativ die neue Welt angehen. Mir persönlich genügen mein Menschenbild und ein paar zusätzliche Metaphern. Und dann dringe ich beherzt in das Forschungsfeld ein, das eine Fülle von neuen Problemen anbietet, was zu einer permanenten Generierung von Hypothesen und Lösungen führt, also zur kontinuierlichen Konzeptualisierung. Und so schafft man permanent neues Wissen zur Beherrschung einer neuen Welt (Kontrollbedürfnis).

Fazit Handeln, reflektieren, konzeptualisieren. Nicht nacheinander, sondern parallel.