Nein, es war mir nicht klar!

Von einer Twitterin habe ich eine Mail bekommen, die mich sehr freut. Hier der relevante Auszug:

Aber jetzt doch noch eine Anmerkung zu DEINER Art zu twittern!
Ich freue mich jeden Tag, wenn ich nachdem ich (offensichtlich viel später als Du) aufgestanden bin und lese, dass Du schon am Frühstücken warst und dabei die SZ gelesen hast. Das gibt mir das Gefühl, dass Du irgendwie da/ präsent bist.
Ist Dir das eigentlich klar, dass ich (und viele andere wahrscheinlich auch) das so empfinden?

Nein, das war mir nicht klar. Aber du kannst glauben, dass mir dieser Satz Motivation und Power gibt!

Twitter als Arbeitsplatz.

Resume Als Wissenschaftler begebe ich mich dort, wo ich am intensivsten Nahrung für mein Denken finde. Das ist zum einen die Schule,  zum anderen das Internet. Im Augenblick besonders Twitter.

1. In Twitter feed-backs holen

Der Schwerpunkt meiner Aktivitäten liegt auf der pädagogisch/didaktischen Forschung. Dazu habe ich ein konkretes, empirisches Handlungsfeld, das ist die Schule oder schulähliche Strukturen, wie die Seniorenuniversität in Ulm. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Grüne-Partei-Ingolstadt, insbesondere was ihr Verhältnis zu den neuen Medien angeht und dies wiederum in enger Verbindung mit der Frage des Bildungssystems. Ist den Grünen klar, dass sie die Bildungsfragen nur über die Medienfrage angehen können? Ich glaube: nein. Ausgehend von meinen realen Erfahrungen in den genannten Feldern reflektiere ich permanent und die Ergebnisse dieser Reflexion publiziere ich in meinem Blog. Ferner bemühe ich mich auch um eine historische Rekonstruktion meiner Arbeit in den letzten 30 Jahren und schreibe an einer Autobiographie. In Twitter mache ich sowohl auf meine Erfahrungen im Alltag, als auch auf meinen Blog sowie auf meine Autobiographie aufmerksam. Und in Twitter kann ich sofort prüfen, ob meine Gedanken ankommen oder nicht.

2. In Twitter neue Entwicklungen verfolgen

Seit den Europawahlen bin ich besonders interessiert an der Entwicklung der Piratenpartei. In  Twitter habe ich den Ingolstädter „Boomel“ entdeckt und wir haben uns getroffen.  Von ihm habe ich viel erfahren, insbesondere die Vorstellung, dass „die Bildungskompetenz schrittweise von den etablierten Institutionen auf die Online-Communities übertragen wird“. Anders ausgedrückt: die Communities vermitteln technisches Wissen und gleichzeitig auch Allgemeinwissen und Werte, und machen damit Konkurrenz zu den etablierten Bildungsinstitutionen. In Twitter beobachte ich seitdem die Tweets von Boomel mit besonderem Interesse.

Fazit Über Twitter komme ich denktechnisch sofort in die Gänge. Ich erhalte feed-backs zu meinen vielfältigen Aktivitäten und neue Impulse für das Weiterdenken. Vom Aufstehen bis zum Insbettgehen.

Tiefe Schichten im Menschen ansprechen.

Resume In der Fülle des Angebotes im Netz ist es unabdingbar geworden, schnell die richtige Auswahl zu treffen. Mit wem kann ich eine tiefere, fruchtbare Beziehung eingehen? Es sind drei Schritte.

1. Erster Schritt:  sofort die eigenen essentials offenbaren

Natürlich kommt es darauf an, welche Art von Beziehung man sucht. Wenn man beispielsweise an Austausch über Technik interessiert ist, muss man im Netz nicht gleich seine Philosophie offenbaren. Aber es wäre schade, wenn man twitter und blogs nur dazu benützen würde, kleine Tips auszutauschen. Ich sehe den eigentlichen Vorteil der virtuellen Welt darin, dass man tiefe (Projekt)-Beziehungen mit Menschen eingehen kann, die man real nie hätte treffen können. Nicht nur, weil sie geographisch entfernt sind, sondern auch, weil sie – selbst wenn sie in derselben Stadt leben – in der Hetze des Alltags nie die Zeit hätten, sich mit einem real und in der Tiefe zu befassen. Da ich auf der Suche nach solchen Beziehungen bin, muss ich selbst sofort das, was mein Leben steuert und bestimmt, offenlegen. Nur so habe ich die Chance, die Leute an Land zu ziehen, die für künftige Projekte in Frage kommen. Wer mit meinem Menschenbild und meinen Metaphern nichts anfangen kann, wird das Weite suchen, zu seiner und meiner Entlastung.

2. Zweiter Schritt: sofort existentiell relevante Projekte anbieten

Wenn jemand sich auf mein Menschenbild einlässt und wir eine ausreichende Schnittmenge gefunden haben, können wir gleich Projekte angehen. Im Lehrermilieu ist es naheliegend, dass man sich mit unterrichtsoptimierenden Maßnahmen (Methoden oder Input von Inhalten) befasst und gemeinsam versucht, diese umzusetzen. Da diese Vorhaben stets die tiefste Dimensionen berühren (professionelles Selbstbild, Ethik) entsteht eine Beziehung, die gleich existentiellen Charakter gewinnt. Das bedeutet nicht, dass der/die andere für das eigene Leben von zentraler Bedeutung wäre, denn hier müssten die oberen Wesens-Schichten einbezogen werden (Alltagsleben, Familie, Ferien etc), aber sie sind Ansprechpartner für das, was einen im professionellen Bereich beschäftigt. Und das ist eine Menge.

3. Dritter Schritt: Nachhaltigkeit anstreben

Ist es gelungen, a) Konsens über ein Menschenbild mit entsprechendem Globalziel (z.B. „Weltverbesserung“) und gemeinsamen Metaphern zu erreichen, b) ein existentiell relevantes Projekt anzusteuern, so bleibt nur noch die Frage, wie lange diese Beziehung fortgeführt werden kann. Je länger die gemeinsame Erfahrung, desto größer das Vertrauen und die Effektivität der Zusammenarbeit. Twitter ermöglicht, dass man zahlreiche Menschen erreicht, Blogs ermöglichen, dass man diese Menschen existentiell anspricht. Und dann werden mit Hilfe von Mixxt-Plattformen und Wikis die Projekte durchgeführt. Je nachhaltiger, desto besser für die Stabilität der Beziehungen.

Fazit Viele Menschen ansprechen und gleich die essentials offenlegen, existentiell relevante Projekte anbieten und dann dranbleiben, ein Leben lang!:-)))

Neuer Resonanzraum: die Ingolstädter Grünen

Resume Paradigmenwechsel erfolgen dadurch, dass man von einem kohärenten System zu einem anderen kohärenten System übergeht. Alte Denkstrukturen werden gegen neue ausgetauscht. Dafür braucht man aber einen Resonanzboden.

1. Resonanzboden Universität

Als ich 1981 die Unterrichtsmethode Lernen durch Lehren (LdL) entwickelte, die aus meiner Sicht zahlreiche Probleme des Fremdsprachenunterrichts löste, wollte ich diese Technik in meinem Wirkungskontext, also der Universität, verbreiten. Die strukturellen Voraussetzungen sind nicht schlecht, denn der Resonanzraum ist überschaubar und schön geschlossen (kleine Gruppe von Spezialisten). Damals wusste ich aber nicht, dass in der Universität ganz andere Kräfte wirken. Die Absorbtionskarft, also die Trägheitsmomente des Systems Universität bewirken, dass jede Innovation sofort im Keim erstickt wird (Schwarzes Loch). Das stelle ich ohne jede Häme fest, denn letztlich ist es mir gelungen, LdL doch bekannt zu machen. Aber es gibt niemanden an der Universität, der ein Interesse hat, neue Ideen eines Kollegen (der immer auch ein Konkurrent ist) bekannt zu machen. Im Gegenteil, jeder Kollege ist bemüht, innovative Einfälle eines anderen totzuschweigen oder wenn es nicht geht, kleinzureden. Und ich nehme mich bei dieser Beschreibung nicht aus. Ich verfasste meine Dissertation über LdL und schrieb ein paar Artikel in angesehenen Zeitschriften, aber ohne nennenswerten Erfolg.

2. Das Schulwesen als Resonanzraum

Als nächsten Resonanzboden kam mir die Schule in den Sinn. Ein gewaltiges Vorhaben, denn im Gegensatz zu den kleinen universitären Zirkeln ist es sehr schwer, einen so großen Raum wie das Schulwesen in Resonanz zu bringen. Hier kämpft man gegen starke dissipative Kräfte (Entropie)! Dennoch: im Gegensatz zur Universität waren die Lehrer daran interessiert, meine Ideen zu verbreiten. Sie standen nicht in Konkurrenz zu mir sondern konnten in das Feld „Schule“ neue Konzepte einbringen und auf diese Weise Aufmerksamkeit für sich erreichen. Es gelang uns also, LdL im Kontext der Schule über Fortbildungsveranstaltungen bekannt zu machen. Angesichts der Weite des Resonanzraumes beanspruchte dieser Prozess natürlich sehr viel Zeit, etwa drei Jahrzehnte.

3. Zurück zur Universität: Ludwigsburg als Inputgeber

Im Laufe der Zeit konnte sich die Universität dem von außen einströmenden LdL-Input nicht mehr verschließen. Die Studenten, die im Rahmen von Schulpraktika von LdL gehört hatten, wollten auch an der Universität darüber informiert werden. Eine junge, weniger traditionsbelastete Generation von Didaktikern wuchs heran, die bereit waren, sich auch mit LdL zu befassen. Und seit einigen Monaten scheint es, dass tatsächlich durch die Initiative eines jungen Kollegen, der mit großer Wucht LdL redundant im universitären Kontext einbringt, an diversen Stellen in der Hochschule Resonanz entstehen könnte. Nachdrücklich möchte ich betonen, dass ich auch von Anfang an an der Universität von einzelnen Kollegen kräftigen Beistand erhielt, beispielsweise von Guido Oebel (Japan). Aber zur Erstellung von Resonanz musste eine kritische Menge von Kollegen erreicht werden.

4. Ein neuer Resonanzboden: Grüne Partei Ingolstadt

Einige Resonanzräume reichen nicht aus. Ich muss multipolar vorgehen. Dafür bieten sich politische Gruppen an, wenn sie für meine Ideen empfänglich sind.  Politische Gruppen wollen Aufmerksamkeit erregen und brauchen zündende Ideen und Themen. Im Gegensatz zu den geschlossenen universitären Zirkeln wollen politische Gruppen nach außen wirken. Ich habe Kontakte zur Grün-Alternative Szene in Ingolstadt behalten. Meine Kernbegriffe (Vernetzung, Gehirn, Neuron, Exploratives Verhalten, no risk-no fun, Weltverbesserung, Geschwindigkeit) scheinen gut anzukommen. Nun müssten die Hauptakteure diese Termini a) unter die Grünen selbst redundant einspeisen, bis eine grünen-interne Resonanz erzielt wird und b) redundant in die Bevölkerung einbringen. Da diese Konzepte lustbetont und „sexy“ sind, müsste sehr bald diese Terminologie auf dem Ingolstädter Markt unter Hausfrauen emergieren. Mal sehen…

Fazit Nachdem unsere Ideen die Resonanzräume „Schule“ und „Hochschule“ in Erregung gebracht haben, dürfte es nicht allzuschwer sein, die Resonanzräume „Ingolstädter Grünen“ und „Ingolstädter Politdiskussion“ in Wallung zu bringen.

Petra Kleine: Die neue Emergenz (never ending story)

Resume Vor 29 Jahren lernte ich Petra Kleine kennen. In Ingolstadt hatte sich ein kleiner links-alternativer Kreis gebildet und auch ich war dabei. Bald stieß die Gruppe zu den Grünen und Petra war die Galionsfigur. Unsere Wege trennten sich, und plötzlich…

1. Vor 29 Jahren Weichen zur Zusammenarbeit gelegt

Als ich 1980 von Erlangen nach Ingolstadt zog, suchte ich sofort Kontakt zu der linken politischen Szene. Es waren diverse Gruppen dabei, auch Leute, die sich stärker mit Ökologie und Umeltschutz befassten. Mein Thema war eher die Vernetzung. Als die Computertechnologie aufkam, war ich davon überzeugt, dass die Basisdemokratie, die wir uns ja wünschten, nur über dieses Medium zu realisieren sei.  Damit kam ich nicht super an, denn damals herrschte unter Grünen und Alternativen noch eine gewisse Skepsis gegenüber der Technologie. Bald mutierte die Gruppe zu einem Grünen Verband und betrieb mit viel Erfolg Kommunalpolitik. Hier spielte Petra eine zentrale Rolle. Was mich angeht, so kam ich auf die LdL-Idee und widmete mich ganz meiner Aufgabe als Didaktiker und Forscher.

2. 28 Jahre Inkubationszeit

Natürlich beobachtete ich weiter was mit der Gruppe geschah und sah, wie die Grünen unter Petras Obhut zu einem wichtigen Faktor der Ingolstädter Politik wurden. Einen Ansatzpunkt zur Zusammenarbeit fand ich in dieser Zeit nicht, war mein Interessengebiet doch sehr speziell und nicht leicht zu vermitteln, vor allem im  politischen Kontext. Im Hinterkopf behielt ich die Vorstellung, dass wenn ich etwas mehr Zeit hätte, beispielsweise im Ruhestand, ich mich dort wieder engagieren könnte. Und jetzt bin ich so weit. Ich habe vor ein paar Wochen eine Grüne Sitzung besucht und Petra schien sich richtig zu freuen.

3. Petra twittert

In der besagten Sitzung formulierte ich die Hypothese, dass eine stärkere Einbeziehung und Bejahung der „neuen“ Kommunikationsmittel unter dem Motto „Geschwindigkeit und Vernetzung“ das Grüne Image vor allem für Jugendliche etwas aufpolieren würde (“ Sind die Grünen sexy?“). Ich hob vor allem Twitter als Kommunikationstool hervor. Und zu meiner großen Freude tauchte vo ein paar Tagen Petra als Twitterin auf: Petrakleine. Und so besteht die Möglichkeit, dass wir wieder (mehr oder minder eng, je nach Situation) zusammenarbeiten.

Fazit Nachhaltigkeit hat sich gelohnt. Nach 29 Jahren kann dank der neuen Kommunikationstools in kürzester Zeit wieder Kontakt aufgenommen und zusammengearbeitet werden.

Warum ich twitter brauche: zur Organisation kollektiven Denkens.

Resume Als Wissenschaftler sehe ich meine Aufgabe darin, kollektive Reflexion anzuregen und zu organisieren. Dazu brauche ich Inhalte (Handlungsziele), Menschen (Neuronen) und Kommunikationstools (Gehirnarchitektur).

1. Die Ziele (Inhalte)

Aus Gründen, die ich bereits an anderen Stellen beschrieben habe, bin ich stets auf der Suche nach umfangreichen informativen Stimuli. Die finde ich, wenn ich Projekte durchführe. Um Projekte durchzuführen wiederum, brauche ich Menschen. Ich muss also Menschen mobilisieren. Es hat sich erwiesen, dass Menschen gerne an „Weltverbesserungsprojekten“ mitarbeiten.  Solche Projekte sind z.B. die Verbesserung des Schulsystems durch die Verbreitung neuer Kommunikationstools (Web2.0) oder durch die Einführung neuer Methoden, wie Lernen durch Lehren (LdL).  Solche Projekte sind aber auch politische Aktionen gegen die Zerstörung von Ressourcen, wie die Grünen sich auf die Fahne geschrieben haben.

2. Die Menschen (Neuronen)

Wenn Menschen gemeinsam Projekte durchführen, müssen sie kollektiv reflektieren. Das geht am besten, wenn sie schnell und möglichst permanent kommunizieren, wie Neuronen im Gehirn. Ich selbst bearbeite folgende Themen und versuche kollektive Reflexion mit folgenden Menschen durchzuführen (ich liste nur die Projekte und Personen auf, die mich aktuell beschäftigen):

  • Verbesserung der Methodik in Schule und Hochschule dank der Methode Lernen durch Lehren: Knotenpunkt: cspannagel und Lutzland, melgottschalk sowie ekirlu (zusammen mit weiteren Akteuren, die ich nicht mehr überblicke)
  • „Weltverbesserungsprojekte“ nach dem IPK-Muster: Knotenpunkte: kratky (zusammen mit etwa 80 Studenten) und mindlounge (zusammen mit weiteren Akteuren)
  • Intensivierung der Kommunikation unter Grünenmitgliedern: Knotenpunkte speedwuschel und frumpy63
  • Internetprojekte mit Senioren an der Universität Ulm: Knotenpunkt steht noch nicht fest
  • Permanente Reflexion ohne konkretes Projekt mit apanat und Itari sowie Birkenkrahe, dieGoerelebt und Filterraum
  • Sehr vertiefter Austausch über Unterricht mit mccab99 und herr_larbig

3. Ohne Twitter geht es nicht

Bei einer so großen Anzahl von effektiven und möglichen Projektpartnern, die man ansprechen möchte oder die man mit anderen Inhalten (Links) oder Personen verknüpfen will (Organisation kollektiver Reflexion)  ist es unabdingbar, dass man die Übersicht über ihre Aktivitäten behält und auf den Augenblick wartet, der für eine Kontaktaufnahme günstig erscheint. Wenn ich einen Partner mit Hilfe von Twitter verfolge, kann ich seine emotionale und intellektuelle Bereitschaft erkennen, sich auf ein Kontaktangebot von mir einzulassen. Ich kann auch einschätzen, inwieweit er belastbar ist und eventuell freie Kapazitäten hat, um mit mir eine Aktion durchzuführen. Einen solchen Überblick kann ich mir nur mit twitter verschaffen!

Fazit Twitter ist gegenwärtig das einzige Medium, das ermöglicht, sich einen umfassenden Eindruck über die Verfassung eines  Kontaktpartners zu verschaffen, also über seine aktuelle Kontaktbereitschaft und aktuelle Belastbarkeit.

Habe Geduld und warte auf die Emergenzen!

Resume Wenn man Impulse in komplexe Systeme einspeist, braucht es Zeit (Inkubation) bis erste Ergebnisse emergieren. Aber die meisten Menschen haben keine Geduld und wechseln das Feld gerade dann, wenn die Saat beginnt, aufzugehen.

1.  Reaktionen von Besuchern in meiner 11c

In den Lehrerseminaren (zumindest zu meiner Zeit und im Fremdsprachenunterricht) war man daran gewöhnt, die Qualität eines Unterrichts nach der Anzahl der  Schülerinterventionen zu bewerten. Diese Betrachtungsweise begünstigte einen raschen Sprecherwechsel mit entsprechend oberflächlichem Diskurs.  Was man nicht sehen und hören konnte, galt nicht. Dabei ist gerade die vertiefte Reflexion über komplexe Sachverhalte zeitintensiv und wenig spektakulär. Wer vertieft reflektiert, kann auf Betrachter von außen als gelangweilt wirken.  Ein guter Lehrer muss genug Vorstellungskraft entwickeln, um zu deuten, was sich hinter einem unbeweglichen Gesicht abspielt. Wenn Studenten oder sonstige Besucher zu mir in den Unterricht kommen, fällt ihnen als erstes auf, wie zurückhaltend die meisten meiner Schüler sind und sucht nach Ursachen: oft denken sie, ich würde zu direktiv vorgehen und wenig Raum für Eigeninitiative lassen. Nun biete ich solche Räume immer  wieder an (LdL ist per se schüleraktivierend), aber sie werden nicht so ausgenutzt, wie es möglich wäre. Hier muss man einfach feststellen: es gibt Menschen, die sich ungern vor anderen äußern, und in meinem Fall ist es die Mehrheit in der Klasse. Es wird auch vermutet, dass die von mir behandelten Themen die Schüler nicht erreichen. Aber die Hausaufgaben, die die Schüler jede Woche abliefern, sprechen eine andere Sprache: die meisten geben sich Mühe und führen umfangreiche Recherchen durch (z.B. über die Geschichte Europas nach 1945).

2. Ich sehe was, was die Besucher nicht sehen

In meinem Unterricht werden angebotene Aktionsfelder (Rollenspiele, Mindmaps, Podiumsdebatten, Inszenierungen von Ereignissen) von den Schülern wenig aufgegriffen. Aber komplexe Fragen werden angegangen und bearbeitet (z.B. Nietzsches Glückbegriff im Vergleich zur Glücksvorstellung der Stoiker). Es dauert seine Zeit, bis Statements aus der Gruppe aufsteigen, aber die Qualität ist da! Für Besucher ist es sehr schwer, diese Blumen zu erkennen. Alles wirkt langsam, zäh, langweilig. Wenn man aber seit Monaten an der Wissenskonstuktion in dieser Klasse wirkt und merkt, welche neuen Erkenntnisse von Stunde zu Stunde dazukommen, dann freut man sich über diese Denk- und Wissensfortschritte.

3. Auch im Internet braucht man Geduld

Im Internet werden Foren und Plattformen eingerichtet. Wenn das Thema von Bedeutung ist und viele Menschen anspricht, ist am Anfang ein reger Verkehr zu beobachten. Irgendwann geht der zu Beginn eingespeiste Stoff aus und die Plattform wirkt wie tot.  Es wäre fatal, die Plattform dann zu verlassen, denn man weiß nicht, was in den Köpfen der Teilnehmer sich abspielt (siehe auch, über die Intransparenz von Systemen: Die Spermatozoidenmetapher). Es ist sinnvoll, weitere Impulse einzugeben. Und plötzlich speist man gerade den Beitrag ein, der die Kommunikation wieder in Gang setzt. Und hier ist besondere Nachhaltigkeit angesagt: da ich seit zehn Jahren sehr präsent im Netz bin, haben sich regelrechte Vertrauensbeziehungen aufgebaut, die beispielsweise von Wikipedia, über Blogs und bis zu Twitter aufrechterhalten und vertieft werden. Und es kann sein, dass ich in Twitter eine kleine – im Ansatz traurige – Bemerkung einspeise, und gleich danach, für mich völlig unerwartet taucht ein ermunternder Tweet auf!

Fazit Es lohnt sich, auch wenn das System still zu sein scheint, darauf zu vertrauen, dass Inkubation stattfindet. Dies gilt sowohl für einzelne, scheinbar desinteressierte Menschen oder Gruppen, als auch für Menschen und Gruppe im Internet (Twitter, Plattformen). Je länger die Inkubationszeit, desto wertvoller die Emergenz.

Das LdL-Gehirn: die erste Wissenskonstruktionsmaschine

Resume Zwar werden die Probleme der Menschheit immer komplexer, aber das Problemlösepotential der Menschheit wächst entsprechend. Man sammelt schnell im Internet ein paar tausend Leute, constituiert sich zum Gehirn und geht das Problem an. Und das geht so:

1. Menschen als Neuronen, Kommunikationsplattformen als Gehirn

An anderen Stellen habe ich ausführlich beschrieben, dass man Menschen metaphorisch als Neuronen betrachten kann, die im Internet interagieren und kollektiv Problemlösungen erarbeiten. Dazu müssen sie bestimmte Verhaltensweisen automatisieren, die beschreibbar sind (siehe Neuronverhalten und Ressourcenorietierung). Damit die Kommunikation verläuft, muss man den Neuronen Tools anbieten, die sich am Nervensystem und am Gehirn orientieren.

2. Twitter, Blogs und Kommunikationsplattformen

Wesentlich für die kollektive Erarbeitung von Problemösungen ist die Vernetzung der Neuronen und die Geschwindigkeit der Interaktionen. Wenn also Menschen zusammenkommen und beschließen, gemeinsam an der Konstruktion von Problemlösewissen zu arbeiten, dann brauchen sie:

  • eine Plattform zu permanenten, stimmungsbetonten Interaktionen, wie es Twitter ermöglicht,
  • einen Ort zur individuellen, vertieften Reflexion, wie dieses in Blogs geschieht und
  • einen Ort der Integration aller Aktivitäten zur Erreichung des gesetzten Ziels, wie es Mixxt-Plattformen bieten.

3. Die LdL-Kommunikationsplattform

  • Wozu ein LdL-Gehirn? Der Paradigmenwechsel in der Gesellschaft verlangt eine völlige Veränderung der Lernformen. Die Methode Lernen durch Lehren bietet ganz neuartige Settings für Schule und Hochschule. Es besteht also einen Bedarf an mehr Wissen über die Methode LdL als Problemlösung für den relevanten Bereich „Bildungssystem“
  • Woher kommen die Neuronen? Die Neuronen wurden weitgehend durch die Aktivitäten des Ludwigsburger Juniorprofessors Christian Spannagel rekrutiert. Ferner haben sich eine ganze Reihe von Personen angemeldet, die teilweise seit mehreren Jahrzehnten mit der Methode LdL verbunden sind, beispielsweise weil sie mit mir von Anfang an an der Entwicklung und Verbreitung von LdL mitgearbeitet haben oder weil sie meine Schüler bzw. Studenten waren.
  • Die LdL-Kommunikationsplattform: sie soll alle aktiven Neuronen so verbinden, dass intensive Wissenskonstruktion ermöglicht wird und umfangreiches neues LdL-Wissen emergiert. Das Motto: Geschwindigkeit und Vernetzung!

Fazit: Am Beispiel der LdL-Kommunikationsplattform wird gezeigt, wie man schnell eine hohe Anzahl von Menschen zusammenführen kann, die Problemlösungswissen erarbeiten. Solche Wissenskonstruktionsmaschinen können ad hoc und je nach Bedarf konstituiert werden, wenn neue Probleme in der Gesellschaft auftreten.

Konsumiere Menschen nicht! Auch nicht in Twitter!

Resume Die Andockmöglichkeiten, die im Web2.0 angeboten werden, verführen zum Menschenkonsum und Ressourcenverschwendung: es werden Energien, darunter auch Emotionen vergeudet. Was mache ich dagegen?

1. Meine Beobachtungen seit neun Jahren (Foren, Wikipedia, Educamp, Twitter)

Mein erstes Forum habe ich im März 2000 in der ZUM erröffnet.  Es meldeten sich verschiedene Menschen (Schüler, Kollegen und Studenten) und ich nahm mir damals vor, sofort auf die Beiträge einzugehen und niemals eine Kontaktaufnahme unbeantwortet zu lassen. Nur so konnte ich meine Gesprächspartner halten und ich wollte auch Respekt zeigen. Natürlich verschwanden die Besucher immer wieder, aber ich selbst habe sie nie im Stich gelassen. Ich wollte sie nicht konsumieren. Bei diesem Prinzip bin ich geblieben. Ich habe Web2.0-Projekte an der Uni initiert und auch da war mein Motto, Studentenanfragen sofort zu beantworten und anvisierte Projekte durchzuführen, auch wenn manchmal von 20 Studenten nur 2 übrig blieben. Ähnliches mein Verhalten in der Wikipedia, wo die Leute ohnehin bereits auf nachhaltige Arbeit eingestimmt sind.  Als ich mir vor einem Jahr auf der Educamp-Plattform einen account anlegte in der Überzeugung, hier würden die Leute besonders fix sein und angesichts des anvisierten Camps zuverlässig und intensiv kommunizieren, war ich überrascht: so ernst war die Kommunikationsplattform nicht gemeint. Als ich unter Nutzung der Tools meine „Freunde“ per Rundmails informieren wollte, stellte ich fest, dass auch diese Möglichkeit nicht wirklich ernst gemeint war. Es schien als ob man die Leute anziehen, aber nicht richtig bedienen wollte. Inzwischen ist ein Jahr vergangen und es hat sich im Educamp-Bereich viel getan.

2.  Anlocken und dann nachhaltig bedienen

Als Forscher gibt es diverse Erkenntnisse, die ich gerne verbreiten möchte. Dazu begebe ich mich in Felder, wo sich viele Menschen versammeln und ich versuche, Aufmerksamkeit zu erregen, z.B. durch Perturbationen. Meine Einstellung zu diesem Vorgang ist sehr klar: wenn von 100 Leuten 99 indifferent bleiben oder sich ärgern und eine Person positiv reagiert, dann hat es sich gelohnt (Spermatozoidenmetapher). Dieser Zugriff und allein dieser (also 100 Leute anpsrechen um nur einen Interessenten zu erreichen) könnte als zynisch empfunden werden. Alle anderen Schritte sind von Respekt geprägt: wenn jemand mit mir interagiert, dann hat er Anspruch auf meine ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung. Dies gilt für die von mir moderierten Foren, für meinen Blog, für diverse Plattformen auf denen ich Personen anlocke und für Wikis sowieso, weil dort intensiver zusammengearbeitet wird. Was Twitter angeht, so vertrete ich dieselbe Position: a) Leute durch Präsens und interessante Beiträge (auch Perturbationen) aufmerksam machen, b) wenn jemand sich auf Interaktionen einlässt, nachhaltig bedienen und wenn alles gut geht, c) mit ihm ein Projekt anbahnen. Natürlich hat das zur Konsequenz, dass ich nicht überall Foren und Plattformen eröffne, die ich dann nicht bedienen kann, sondern dass ich genau überlege, wo und warum ich eine neue Kommunikationsmöglichkeit schaffe.

Fazit Wenn ich Menschen zu Interaktionen verlocke, entstehen bei ihnen Erwartungen. Sie haben mir Energie geschenkt und möchten eine Gegengabe. Wenn ich nicht mehr reagiere, habe ich sie reingelegt.

In Twitter „anbaggern“: an Bedürfnisse anknüpfen.

Resume Wie ich in meinem jüngsten Beitrag angekündigt habe, möchte ich meine Twitter-Interaktionen in den beiden letzten Monaten systematisch analysieren. Das Ziel: die Verhaltensmerkmale herausarbeiten, die zur Rekrutierung und Aufrechterhaltung einer Weltverbesserungsgruppe führen können.

1. Wissenschaftstheoretische Einordnung

Als Aktionsforscher ist mein Vorgehen recht eigensinnig und anfechtbar.  Dazu schlägt mir  Itari vor: „Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen.“ Nun möchte ich aber intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse vorlegen und dazu ist eine gewisse Systematik notwendig. Und wenn ich systematisch intersubjektiv prüfbare Ergebnisse hervorbringe, dann ist das Wissenschaft, unabhängig davon, ob mein Vorgehen in der Tradition meines Faches verankert ist oder nicht.

2. Bedürfnisse als Ansatzpunkt zur Kontaktaufnahme und Kontaktpflege

Will ich das Interesse von Twitterern an Interaktionen, im Idealfall sogar an Zusammenarbeit nachhaltig erregen, so ist es günstig, wenn ich mich an deren Bedürfnissen orientiere. Durch welches Twitter-Verhalten lassen sich welche Bedürfnisse ansprechen? Bei meinen Beschreibungen beziehe ich mich auf konkrete Erfahrungen, nenne aber die jeweiligen Akteure nicht.

  • Physiologische Bedürfnisse:  Selbst auf der Ebene der physiologischen Bedürfnisse (ua. Sexualität) zeigen sich Twitterer ansprechbar (Flirtverhalten). Dennoch: Flirtverhalten sollte man vermeiden, denn es durchdringt und belastet alle Interaktionen, die zu einer Befriedigung höherrangiger Bedürfnisse eingeleitet werden (z.B. Projektaktivitäten).
  • Sicherheit, Soziale Einbindung: Soziale Einbindung ist nicht zu verwechseln mit sozialer Anerkennung. Sie bezeichnet den Grad der emotionalen Zuwendung, die man von einer Gruppe erhält, unabhängig vom sozialen Status. Die Befriedigung entsprechender Bedürfnisse könnte so geleistet werden, wie von Itari beschrieben: „JP gibt sich Mühe, bestätigt den einen oder anderen Twitterer durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).“ Natürlich ist dieses Verhalten nicht bewusst, sondern automatisiert.
  • Soziale Anerkennung: Soziale Anerkennung wird über die Tiefe des Einstieges auf die Impulse des Twitterers gewährt (lesen der vom ihm empfohlenen Artikel und Videos, Kommentare auf seinen Seiten, usw).
  • Selbstverwirklichung: Wenn man Twitterern hilft, zentrale Fragen (insbesondere philosophische) anzugehen und zu beantworten, liefert man einen Beitrag zu deren Selbstverwirklichung.
  • Bedürfnis nach Sinn: Wenn man Twitterern Projekte vorschlägt, die über ihr eigenes Leben hinausweisen, dann macht man ihnen Sinnangebote.
  • Bedürfnis nach Informationsverarbeitung: Das Bedürfnis nach Informationsverarbeitung spielt in Twitter eine zentrale Rolle. Will man Twitterer an sich binden, muss man eine breite Pallette von Themen anbieten und bereit sein, bei Bedarf in die Tiefe einzusteigen. Der erklärte Zweck von Twitter ist, dass die Akteure einen alltagsbezogenen Positionszustand („ich stecke im Stau„) liefern. Ich liefere stets einen Positionszustand, aber über den Stand meiner Reflexion. Besonders zielführend sind Perturbationen, weil sie kognitive Dissonanzen auslösen, die bekanntlich reflexionsfördernd sind.

Natürlich verfüge ich für jeden hier aufgeführten Aspekt über konkrete Beispiele mit realen Menschen aus den zwei letzten Monaten meiner Aktivität in Twitter. Entsprechende Beschreibungen kann ich hier (aus Gründen der Diskretion) nicht veröffentlichen.

Fazit Die von Maslow beschriebenen Grundbedürfnisse liefern eine gute Orientierung, wenn man beabsichtigt, in Twitter Denk- und Handlungspartner für langfristige, ehrgeizige Projekte zu finden.