Learning by teaching (aus: „Treibhäuser der Zukunft“, 2004)

Damit ich einen raschen Zugriff bekomme, parke ich den Auszug „Learning by teaching“ aus „Treibhäuser der Zukunft“ (2004) schon mal hier ein:

Learning by teaching. (Aus: Treibhäuser der Zukunft, 2004)

Damit das nicht ganz verloren geht!

Die Spermatozoidenmetapher: über die Intransparenz von Systemen

Resume: Systeme sind intransparent. Um Systeme in Resonanz zu bringen, folge ich dem Beispiel der Natur: auch wenn keine Reaktion zu sehen ist, speise ich Millionen von Impulsen in das System ein (Spermatozoidenmetapher) in der Hoffnung, das einer das Ziel erreicht und vielleicht etwas Großartiges (Emergenz) entsteht. Dieses Phänomen wird am Beispiel von Dreharbeiten beleuchtet.

1. Perturbationen bei Besuchen von Filmteams

Grundsätzlich sage ich immer „ja“, wenn jemand meinen Unterricht besuchen will, sei es als Seminarlehrer, als Student, als Journalist oder als Fernsehteam. Der erste längere Fernsehbericht (15 Minuten) wurde 1984 für die Sendung „Aus Wissenschaft und Forschung“ (BR) gedreht. Damals meinte ich, es sei der Durchbruch. Natürlich war es genausowenig ein Durchbruch wie im Anschluss an die zahlreichen weiteren Filme, Zeitungsberichte oder nach dem größeren SPIEGEL-Artikel 2002. Aber es war ein kleiner Baustein, der zusammen mit anderen das System zunächst fast unmerklich in Resonanz geraten ließ. Nicht so sehr der veröffentlichte oder ausgestrahlte Bericht selbst ist für mich wichtig, sondern die fruchtbaren „Perturbationen“, die die Besuche der Medienleute bewirken. Vor allem für die Schüler ist es förderlich, weil sie als Hauptakteure gezwungen werden, sich auch theoretisch mit LdL zu befassen und dabei einen Lerngewinn erzielen. Allerdings: wenn ich die Schüler frage, welche neuen Erkenntnisse sie im Rahmen von Dreharbeiten gewonnen haben, sagen sie nichts. Ich muss also mit dieser Intransparenz leben und warten, bis irgendein Satz von ihnen zeigt, dass sie doch etwas gelernt haben.

2. Filme und Fernsehbeiträge als Impulse für das System

Diese Intransparenz gilt für das System insgesamt. Als vor fünf Jahren Reinhard Kahl meinen Unterricht filmte und mich interviewte, ahnte ich nicht, dass gerade diese Aufnahmen für die Verbreitung meiner Arbeit von so großer Bedeutung sein würde. Für mich war es ein kleiner Impuls unter vielen anderen. Nie hätte ich gedacht, dass Kahls Film zu einem Bestseller im Bildungssystem würde. Daher verlasse ich mich nie auf einen Impuls, sondern ich bringe Impulse in das System überall wo es nur geht! Gegenwärtig sind Lutz Berger und Christian Spannagel sehr aktiv. Welche fruchtbaren Perturbationen die in diesem Zusammenhang erstellten „Produkte“ für mein Projekt auf lange Sicht bewirken, bleibt intransparent. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, was die Arbeit dieser Gruppe für das Projekt gebracht hat. Unabhängig davon, wie viel Spaß es uns allen gerade macht! Und der Spaß ist zumindest für mich gewaltig!

3. SAT1 morgen früh um 8.15Uhr

Morgen von 8.15Uhr bis 9.00Uhr läuft im Frühstücksfernsehen bei SAT1 eine Sendung über Bildung, das Thema, das wieder einmal aktuell ist. Am letzten Donnerstag kam das Filmteam, sehr nette Leute und morgen werden 4 Minuten ausgestrahlt. Die Sequenz wird in der Sendung unter „außerdem“ angekündigt, also nicht gerade prominent. Es wäre aber von mir völlig unangebracht, wenn ich dieses „Produkt“ geringschätzen würde. Das System ist intransparent und ich weiß wirklich nicht, welche Impulse und Turbulenzen diese kleine Sequenz verursachen wird. Aus meiner Sicht wohl gar keine, aber wer weiß? Ich wurde auch durch die Wirkung von „Treibhäuser der Zukunft“ überrascht!

Fazit: pushen was das Zeug hält, auch wenn zunächst keine Reaktion des Systems (Emergenz) sichtbar wird. Und nichts und niemanden geringschätzen!

Lutz, du bist ein Schatz!

1. Aumerksamskeitsökonomie

Natürlich ist es befriedigend, wenn man eine gute Arbeit leistet. Als Didaktiker freue ich mich sehr, wenn ich nette Schüler habe und einen guten Unterricht halte. Will ich das Ganze aber dynamisieren und meine Schüler motivieren, über sich hinauszuwachsen, so ist es günstig, wenn ich Aufmerksamkeit von außen als Belohnung einsetze (die Aufmerksamkeit ist die Währung der Zukunft). Aufmerksamkeit erziele ich aber nur durch Hingucker.

2. Lutz Berger schenkt uns Hingucker!

Hingucker sind kleine Produkte (Juwele), die über das Normale hinausragen und wow-reaktionen hervorrufen. Der Ablauf ist folgender: ich halte beispielsweise eine besonders gute LdL-Unterrichtsstunde, die Qualität zum Hingucker hat. Aber ich brauche jemanden, der aus dieser Stunden a) tatsächlich einen Hingucker macht und b) den Hingucker dahin transportiert, wo es Leute gibt, die wow schreien! Reinhard Kahl hat das mit einer Unterrichtsstunde und ein paar Interviews von mir gemacht („Treibhäuser der Zukunft“) und das war eine Riesenhilfe! Und seit einiger Zeit macht das Lutz Berger auch! Er hat bisher von mir drei kleine Youtube-Interviews erstellt, die ich überall einspeise! Wow! Und gestern abend hat er einen Artikel geschrieben, den wir auch überall einspeisen können. Langsam nähert sich das Eichhörnchen! Natürlich sind nicht nur Filme Produkte, die man überall redundant einspeisen kann! Auch Menschen sind Hingucker! Zum Beispiel Joachim Grzega, Michael Kratky, Christian Spannagel!

Artikel über mich von Reinhard Kahl in der ZEIT-online

Unterricht

Schüler als Lehrer

Man lernt am meisten, wenn man sein Wissen anderen erklärt. Warum wird in Schulen kaum danach gehandelt? Vierter Teil einer Spurensuche im Bildungstal

Im Leistungskurs Französisch steht Michaela vor der Klasse. Sie hält einen Vortrag über den Ursprung des Chansons auf den Schlachtfeldern des Mittelalters. Mit drei Mitschülern hat sie sich vorbereitet. Sie erzählen kleine Geschichten. Alles auf Französisch. Die Klasse ist konzentriert, ernsthaft und gelassen. Zuletzt entdeckt man hinten in der Ecke den Lehrer. Ein Lehrer? Eher ein Beobachter. Er unterbricht die Schüler selten. Doch sein Gesicht spiegelt das Geschehen an der Tafel wider. Lautlos spricht er Wörter von Michaela nach. Wenn sie nach den richtigen Ausdrücken sucht, schiebt er den Kopf vor und nickt ihr wie ein Magier zu. Wirkt das nicht, souffliert er.

Am Willibald-Gymnasium in Eichstätt unterrichten in den meisten Stunden die Schüler. Der Lehrer wirkt eher wie ein Regisseur. Er arbeitet mit den Darstellern am Drehbuch für die Stunden, coacht die Mannschaft. Hauptdarsteller will er nicht sein.

Der Lehrer ist Jean-Pol Martin, Professor für Französischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt. Im Sommer wurde er pensioniert. Martin ist einer der Erfinder des Konzepts „Lernen durch Lehren“ (LDL). Weil man so etwas nicht am Schreibtisch entwickeln kann, unterrichtet er auch am Willibald-Gymnasium.

Die Schüler sind begeistert. Sie werden weniger unterrichtet als aufgerichtet. Aber verfestigen Schüler dabei nicht ihre Fehler? Martin nickt, erst nachdenklich, dann begeistert: „Genau, Fehler machen, das ist wichtig“, sagt er. „Ich will im Unterricht Widersprüche entstehen lassen.“ Wer das zum ersten Mal hört, runzelt die Stirn. Doch Martin setzt noch eins drauf. „Mein Unterricht schafft Unklarheiten. Der traditionelle Unterricht versucht immer nur, Klarheit zu schaffen.“ Letzteres sei auch nicht ganz falsch, räumt er ein, denn zum Lernen brauche man beides. Aber der entscheidende Rohstoff sei das Unfertige. „Menschen kommunizieren nur dann, wenn ihnen etwas nicht klar ist.“ Die Schüler müssten ihre Unklarheit selbst in Klarheit verwandeln.

Nach einem Vormittag bei Martin versteht man, warum gewöhnlicher Unterricht oft so bleiern ist. Schüler werden Tag für Tag mit Antworten auf Fragen zugeschüttet, gleichzeitig haben sie kaum Chancen, Fragen überhaupt zu stellen. Sie sollen kopieren und nicht wie bei Jean-Pol Martin nachahmen und improvisieren. Ein feiner, doch alles entscheidender Unterschied. Kopieren ermüdet. Manche verlernen dabei das Lernen. Und das ist gar nicht so leicht, denn unser Gehirn kann eigentlich gar nicht anders als lernen. Es ist, wenn man es ihm nicht abtrainiert, geradezu süchtig nach Neuem.

Jean-Pol Martin ist so alt wie Mick Jagger und hat ebenso viel Elan. Er gehört zu der seltenen Spezies subversiver Konstruktivisten und nicht zu denen, die erst einmal den totalen Systemumbau fordern, bevor sie selbst handeln. Stattdessen kultiviert er seinen radikalen Alltag. Er gibt keine Noten. Das lässt sich also auch in Bayern mit Eigensinn und Power durchsetzen, zumal wenn die Ergebnisse stimmen. „Noten sind Gift“, sagt Martin. Warum? „Wenn ich Noten gebe, dann induziere ich Angst.“ Stattdessen verlangt er von Schülern, sich auf Neuland zu begeben und Fehler zu machen. Nur eins dürfen sie nicht: vorgeben, etwas zu wissen, was sie nicht wissen. Das sei Dummheit. Stattdessen will Martin den Schülern die Sicherheit vermitteln, von der aus sie sich in Unsicherheit wagen.

Die hellwachen Jugendlichen in seinem Leistungskurs sind der beste Beweis, dass das funktionieren kann. Skeptiker strecken die Waffen, wenn sie hören, dass Martins Eleven im bayrischen Zentralabitur lauter Einser bekommen. Die Schüler können das selbst erklären: „Man passt viel besser auf, wenn Schüler statt Lehrer vorne sitzen und etwas erklären“, sagt Michaela. Andere ergänzen. Die Schüler sind sich einig, dass der Vortragende am meisten profitiert. Letztlich werde doch jeder Fehler von jemandem bemerkt. „Ist es denn schlimm, wenn ich Fehler mache?“ fragt Michaela. „Dafür bin ich doch in der Schule.“ Ist das auch die Überzeugung der anderen Lehrer? „Nein, hier an der Schule nicht“, sagt sie mit leiser werdender Stimme.

Zeit-Online: Schüler als Lehrer

Bodensee-Kongress (Reinhard Kahl) für mich eine Riesenchance

Eigentlich war ich nicht begeistert, wieder einmal irgendwo auftreten zu müssen: ich war der Meinung der Nachwuchs (Joachim Grzega) muss ran. Aber der Bodensee war schon eine Wucht! Mir hat es einen enormen Schub gegeben, vor allem im Kombination zum Educamp in Berlin („Laptop und Lederhose“).

Hier die Fotos vom Bodensee.