Wider das Expertentum. #educamp aachen 2010.

Resume In Zeiten des Paradigmenwechsels ist es günstig, wenn man seine Impulse und Informationen nicht von externen Beobachtern (sog. „Experten“) sondern von Insidern (Basis) bezieht.

1. Ausgangspunkt

Auf dem Educamp in Hamburg war mir bereits eine gewissen Tendenz zum Top-Down aufgefallen. Es war nicht schlimm, nur eine Podiumsdiskussion mit „Experten“, aber mir schien, dass einige unter ihnen über twitter blogs uns sonstige Plattformen wie Blinde über Farben sprachen. In Zeiten des Paradigmenwechsels gibt es eine eindeutige Trennung zwischen den Menschen, die im alten Paradigma verharren und sich dennoch als Experten empfinden, und solchen, die im neuen Paradigma leben aber sich gar keine „Expertise“ zuschreiben. Will man Wissen erwerben, sollte man nicht versäumen, Akteure aus der zweiten Gruppe zu fragen, auch wenn sie sich selbst nicht als „relevant“ betrachten.

2. Ressourcenorientierung

Ich möchte aufgrund meiner Erfahrung bei den Grünen in Ingolstadt zeigen, wie man das eigene Wissen und das Wissen der Organisation aufbaut, indem man systematisch Ressourcen vor Ort einsetzt: wenn beispielsweise das Thema Stadtentwicklung ansteht, dann soll man keinen Politiker einladen sondern unser Mitglied XY, der zufällig als Architekt bei der Stadt arbeitet. Oder wenn aus welchem Grund auch immer das Thema „Religion“ angegangen wird, dann fragt man keinen Religonswissenschaftler sonden beim Ingolstädter Thailändischen Verein, ob eine Thailändische Hausfrau Zeit hätte, eine Halbe Stunde bei uns über ihre Auffassung vom Buddhismus zu erzählen…

3. Mit dem Internet geht das

Natürlich wäre es früher ein großer Aufwand gewesen, bei Bedarf Menschen einzubinden, nur weil man vielleicht 20 Minuten über ein spezifisches Thema informiert werden will. Wenn man aber die tools gut beherrscht und mit zahlreichen Communities in Verbindung steht, ist es möglich, vorbei an „Experten“ Menschen zu befragen und mobilisieren, die aus ihrem Leben heraus „Expertise“ besitzen.

4. Die Session auf dem Educamp in Aachen

Ausgehend von den oben geschilderten Überlegungen sollen die Teilnehmer Ideen sammeln, wie sie in ihrem Alltag als Lehrer, Studenten oder Bürger die in ihrer Nähe befindlichen „Ressourcen“ zum Aufbau kollektiven Wissen heranziehen können. Hier zur Mixxt-Plattform: „Wissensressourcen vor Ort ausschöpfen„.

Bottom-up in Ingolstadt.

Resume Inzwischen ist jedem klar: wir stecken gerade mitten im Paradigmenwechsel von top-down zu bottom-up. Ein paar Beispiele aus Ingolstadt.

1. Die Grünen

Ohne mir selber zuviel Bedeutung beimessen zu wollen: als ich vor einigen Monaten zu den Ingolstädter Grünen nach 30 Jahren beruflich bedingter Abstinenz zurückkehrte herrschte top-down. Es wurde in erster Linie nach oben (Bundesvorstand, Bayerischer Vorstand) geblickt, wenn man Impulse brauchte. Und so war auch die Homepage konzipiert: Web1.0 pur!  Klar, dass ich sofort ein bisschen perturbierte! Nach einer Phase der Adaptation wurden meine Ideen aufgegriffen, neue Mitglieder kamen dazu und jetzt haben wir, zumindest was die Homepage angeht, bottom-up (oder fast: es fehlt noch die Kommentarfunktion!:-))

2. Die Senioren

Aus Angst vor Langeweile und aus Aktivitätsdrang meldete ich mich auch bei den Senioren im Ingolstädter Bürgerhaus.  Der Leiter, Herr Ferstl, war extrem zuvorkommend und ließ mich gleich einen Vortrag halten, „Senioren ans Netz“.  Natürlich dauerte es auch hier eine gewisse Zeit, bis das bottom-up Konzept einschlug. Vor kurzem hat Josef Bauernfeind, ein äußerst aktiver Mann, den Blog als Kommunikationsinstrument entdeckt und feuert ab wie ein junges Neuron! Und er schreckt vor keinem Thema zurück!  Bottom-up pur!

3. Rettet den Grüngürtel!

Ebenfalls vor kurzem kam das Thema auf, dass der Ingolstädter Grüngürtel, der aus historischen Gründen in der Bundesrepublik (ja in der ganzen Welt!:-))) einmalig ist, portionsweise durch Neubauten weggefressen wird. Es hat sich eine Bürgerinitiative konstituiert, die ein Bürgerbegehren startet. Vom Prinzip her also: bottom-up. Jetzt bin ich gespannt, ob die Damen und Herren das bottom-up Potenzial der „neuen“ Kommunikationsmittel (Blogs, Wikis, Twitter) erkennen werden. Ich habe mich bereits angewanst und bin guter Dinge!

Fazit: Fokus auf Ingolstadt! Die bottom-up Stadt par excellence! Ich werde weiter berichten!

Educamp Hamburg, @Mons7 und bottom-up guerilla.

Resume Es ist extrem schwierig, das basisdemokratische Modell aufrechtzuerhalten.

1. Educamp Hamburg

Auch diesmal war das Educamp ein tolles Angebot der Organisatoren. Zum ersten Mal in Ilmenau und seitdem zweimal im Jahr an diversen Orten bieten junge Leute mit enormem Einsatz Barcamps für Menschen an, die im Bildungssektor tätig sind. Das Prinzip ist völlige Offenheit, Basisdemokratie, bottom-up. Jeder kann eine Session anbieten, schon lange im Vorfeld über eine Mixxt-Plattform oder spontan vor Ort. Auf diese Weise kommen Ideen zum Vorschein, werden Menschen sichtbar, die in traditionellen Konferenzen nie zum Zuge kommen würden. Und so war es auch in Hamburg, von Freitag bis Samstag.

2. Bottom-up vs. top-down

Allerdings hatte bottom-up immer schon große Schwierigkeiten, sich als Struktur definitiv zu etablieren. Vielleicht ist es gar nicht möglich. Selbt die Französische Revolution als sehr blutige bottom-up Bewegung nahm rasch das top-down Format an. In Hamburg war alles, die ganze Zeit bottom-up, bis auf die Podiumsdiskussion (als Sofadiskussion optisch getarnt).  Plötzlich saßen Experten vor uns, die – bis auf Lisa Rosa, die ich zu bottom-up, also zu „uns“ rechne -am Barcamp nicht teilgenommen hatten und Themen diskutierten, die nicht von den TN gewünscht waren. Es sah so aus, als wenn top-down am Ende doch gesiegt hätte!

3. Mons7 Versuch

Wenn man also nicht sehr scharf aufpasst, schleicht sich top-down ganz schnell durch die Hintertür und die wenigsten merken das. Das liegt einfach an der menschlichen Natur (Kontrollbedürfnis:-)). Auch der durchaus unblutige Versuch von @Mons7, durch eine sehr persönliche, kreative, lustige und zugleich tiefgehende authentische Performance einen bottom-up Aufstand zu starten, ging ins Leere. Es wurde lebhaft applaudiert, aber von den top-down Teilnehmern auf dem Podium wurde @Mons7 realer Lebensbericht nicht aufgegriffen. Es wurde weiter versucht, „Internet“ + „Lernen“ + „Bildungswelt“ abstrakt zu definieren.  Hoffentlich radikalisiert sich @Mons7 jetzt nicht und bastelt sich ein paar Molotow-cocktails. So würde sie sich allerdings bestimmt mehr Gehör verschaffen. Schade, dass man am Ende immer wieder an Guerilla und Gewalt denken muss. Aber nur als Modell, natürlich:-))

Fazit: Wachsam bleiben und überall versuchen, bottom-up zu verbreiten. Guerillataktik!:-))