Synergierausch. Nietzsches Verzückungsspitze?

An anderer Stelle habe ich versucht zu beschreiben, dass ein Zusammentreffen verschiedener Handlungs- und Denkstränge zu einem Synergierausch führen kann.

Nun höre ich von Rüdiger Safranski dass Nietzsche von einer Verzückungsspitze spricht. Ich sehe Ähnlichkeiten:

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Kein Synergierausch, und dennoch…

Resume seit vielen Jahren arbeite ich auf einen Synergierausch hin. Gestern waren fast alle Ingredienten beisammen. Fast…

1. Was beisammen war

Zum Synergierausch braucht man: einen geschlossenen Raum (damit Resonanz entsteht), Körper, die ähnliche Basiskomponenten aufweisen und redundante Impulse, damit das Ganze in Schwingung gerät. Ludwigsburg war ein geschlossener Raum, eine große Anzahl von Körpern verfügte über ähnliche Basiskomponenten (gemeinsame Terminologie) und es wurden redundant Impulse eingespeist. Für mich persönlich war dieses Treffen ein Traum: noch nie kamen soviele Menschen zusammen, die mit „meinen“ Denkstrukturen und Metaphern („Gleichnissen“) vertraut sind. Diese Zusammenkunft war das Werk von Christian Spannagel und seinem Studententeam. Joachim Grzegas Vortrag beeindruckte mich schwer aufgrund seiner sehr umfassenden LdL-Erfahrungen und LdL-Konzeptualisierungen (Grundschule, Fachoberschule, Gymnasium, Hauptschule, Uni). Grzega ist nun DER LdL-Spezialist. Ich verzichte darauf, alle Menschen zu nennen, die gestern dabei waren und zu denen ich aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit ein enges persönliches, vor allem intellektuelles Verhältnis habe. Stellvertretend sei Barbara Stockmeier genannt, der ich als Schülerin in der 11.Klasse vor 12 jahren begegnete und die seitdem mit großem Engagement am meinem Denken bleibt und für dessen Verbreitung wirkt.

2. Warum es doch nicht zum Synergierausch kam

Der LdL-Tag in Ludwigsburg war eine Fortbildungsveranstaltung für Lehrer. Es kamen sehr viele Interessierte, die weder mit LdL noch mit der Terminologie vertraut waren. Innerhalb kürzester Zeit musste also a) aufgezeigt werden, dass LdL mehr ist als nur eine schüleraktivierende Methode (damit die Lehrer Sympathie für LdL entwickeln), b) aufgezeigt werden, dass die benutzten Metaphern nur hilfreiche Instrumente zur Verdeutlichung von Vorgängen im Unterricht sind und keine Geheimsprache zur Abgrenzung (damit die Lehrer bereit sind, die Metaphern spielerisch zu verwenden) und c) die ganze Chose mit geeigneten Mitteln (Musik, LdL-Song) zu einem Kuchen zusammenbacken, damit alle Spaß haben und willig sind, sich als Gesamtgruppe emotional (kurzfristig) zu vereinen. Sicherlich wäre der Prozess viel schneller vorangeschritten, wenn alle Anwesenden auch gleichzeitig Kommunikationsfreaks gewesen wären (Educampstimmung).

3. Wir waren dicht davor: Schwellenpotenzial fast erreicht

Im Laufe des Nachmittages schien es, dass die „Neuen“ dem LdL-Konzept und der Neuronen-Terminologie immer mehr abgewannen. Ich denke, dass es nicht viel gebraucht hätte, und wir hätten das Schwellenpotenzial erreicht. Es hätte eine emotionale Integration stattgefunden, mit Aussicht auf Synergierausch.

Fazit Gut präsentiert entfalten LdL und die Neuronen-Terminologie Attraktivität für unsere Lehrer-Kollegen. Das war gestern der Fall in Ludwigsburg. Es fehlte wenig, und ich hätte meinen Synergierausch bekommen. Für mich persönlich war es ohnehin ein Traum!

Heute in Ludwigsburg: Synergierausch?

Heute besteht eine gute Chance, dass wir in Ludwigsburg einen Synergierausch erleben:

Wenn eine große Anzahl von Neuronenensembles in Resonanz geraten, wird es im Gehirn als Flow dekodiert. Analoges geschieht im Unterricht, wenn vor dem Hintergrund eines hohen gemeinsamen Wissenssubstrats Inhalte im Rahmen intensiver themenzentrierter Interaktionen aktiviert und in Konvergenz gebracht werden. Die Konvergenz anspruchsvoller, von allen nachvollziehbaren Gedanken führt zu einer Symbiose aller Beteiligten, die Resonanz in den einzelnen Individuen und in der Gruppe bewirkt. Dieses Phänomen kann man auch bei kollektiven Events wie Konzerten oder politischen Veranstaltungen beobachten. Sowohl das Klassenzimmer als auch das Internet eröffnen die Möglichkeit, aus ganz unterschiedlichen Quellen Synergien zu bilden, die dem Einzelnen eine Zufuhr von Impulsen in sehr rascher Abfolge abliefern. Wenn beispielsweise eine gemeinsame Terminologie („Ressourcenorientierung“, „Emergenz“, „Aufmerksamkeitsökonomie“, „Resonanz“, „Neuronale Netze“) im Zusammenhang mit der gemeinsamen Durchführung von Projekten in einem Raum aktiviert wird, dann geraten die interagierenden Akteure in Resonanz und dies wird emotional als Flow empfunden. Wenn aber dieses Gefühl der Übereinstimmung dank des Internets an ganz unterschiedliche Orten international und synchron ausgedehnt wird, dann kann die Partizipation zu einer Art Synergierausch führen.

Aus: Jean-Pol Martin (2009): Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität. In: Guido Öbel (Hg.)(2009): LdL (Lernen durch Lehren) goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik unter Beruecksichtigung kulturspezifischer Lerntraditionen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 115-127

Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten?

Wenn man, wie wir, bestimmte Konzepte verbreiten will, ist es günstig, wenn man sich an erfolgreichen Modellen orientiert. Und die Verbreitung des Christentums war fraglos erfolgreich. Das liegt u.a. an folgenden Faktoren:

1. Die Konkurrenzmodelle (z.B. das Judentum) waren streng und wenig attraktiv. Jesus kommt mit einer Botschaft die wesentlich sexyer ist: wir sollen uns gegenseitig lieben, alle – auch die ärmsten und einfachsten – sind willkommen. Genau das macht auch den Charme unserer Neuronen-Bewegung aus: das alte Wissenschaftsparadigma (alles kontrollieren, die Studenten sind zunächst mal doof) wird von unserem neuem Wissenschaftsangebot abgelöst: wir lieben uns neuronenmäßig alle, alle sind willkommen, jeder kann Wissenschaft betreiben. Diese Botschaft muss ankommen!

2. Das Personal: Jesus als junge dynamisch, aktive Gestalt, Maria als idealisiete Frau, Gott als ältere erfahrene Instanz und die Apostel bedienen die Identifiaktionssehnsüchte einer breiten Bevölkerung. Hier möchte ich die Bildung von Analogien zu unserer Bewegung natürlich dezent der Fantasie des Lesers überlassen.

3. Eine einheitliche Terminologie als Integrationsinstrument: natürlich war sehr schnell die Gefahr gegeben, dass aufgrund des großen Zulaufes Abspaltungen (zentrifugale Kräfte) stattfinden. Um dem vorzubeugen wurde die Botschaft in Texten kodifiziert. So gab es eine einheitliche Terminologie, auf die sich jeder beziehen konnte und so auch affektiv in Resonanz mit den anderen geriet. Mit der Neuron-Bewegung kommen wir jetzt in die Phase der Kodifizierung. Natürlich werden uns viele alternative Begriffe aus anderen Systemen und Kontexten angeboten (beispielsweise neulich „NetNeutrality“ als Alternative zu „Netzsensibilität“ von Helge).

Wir sollen aber bei unseren Begriffen bleiben, denn nur sie sind mit anderen im Rahmen eines gesamten Theoriegebäudes verlinkt und evozieren bei ihrem Auftreten sofort einen Hof von Assoziationen, der wiederum Resonanz bei Zuhörer auslöst. Und die kollektive Resonanz kann zu einem „Synergierausch“ führen.