Sloterdijks Krüppeltheorie? Vielleicht doch nicht das Richtige für mich…

Vor Kurzem sah ich in Sloterdijs Krüppeltheorie einen Ausweg aus meiner Arthrosemisere. Ich, der ich immer schon nach Gipfeln gestrebt habe mit Riesenkicks (siehe „Abschiedsfest in Eichstätt„) sah mich körperlich sehr beeinträchtigt durch die Arthrose und dachte, dass gerade dieser Schmerz einen Ansporn liefern würde, durch Selbstüberwindung und Askese noch höhere Gipfel zu erklimmen, als in der Vergangenheit. Auch Sloderdijks Vertikalität fand ich sehr überzeugend! Und Nietzsche konnte ebenfalls mit seinem Übermenschen die theoretische Untermauerung meines Konzeptes verstärken. Nun hat sich gezeigt, dass die vermehrten Anstrengungen mitnichten zu höheren Gipfeln geführt haben, sondern ganz im  Gegenteil zur Erschöpfung. Darüber hinaus hat mir meine Therapeutin empfohlen, mich nun systematisch der Verlangsamung meines körperlichen Verfalls zu widmen. Ich habe also alle Philosophiekurse, die mir sehr viel Freude/Kicks verschafft aber mich extrem viel Energie gekostet haben, gecancelt. Dafür werde ich viermal in der Woche in das Fitnessstudio gehen, um meine Gelenke in Bewegung zu halten. Nicht die Vertikalität greift hier, lieber Peter Sloterdijk, sondern ganz unabwendbar die Horizontalität. Mein Blick wird sich nicht nach oben richten, sondern auf die Griffe des Crosstrainers. Und hier hilft nicht mehr Sloterdijk, sondern Epikur und die Stoiker. Mein Leben wird reorganisiert und in Klein- und Kleinstprojekte eingeteilt: Stärkung des dritten Halswirbels, Wiederaufbau des linken Triceps… Kleinere Aufgaben, kleinere Kicks, alles bleibt schön…

Alltagstheorie: nach Epikur und Stoiker nun Peter Sloterdijk.

Zum guten Leben braucht man eine gute (Alltags)theorie. Als ich in vollem Besitz aller meiner Kräfte und Aktionsfelder war, also zwischen 1986 und 2008 leistete das von mir entwickelte anthropologische Modell sehr gute Dienste. Nach der Pensionierung erlebte ich enorme Einschnitte, insbesondere sozialer und aktivitätsmäßiger Art. Hier waren Epikur („um den Durst zu stillen genügt Wasser, man braucht keinen Wein“) und die Stoiker („alles ist eine Frage der Interpretation auch das Leiden“) große Hilfen. Jetzt habe ich nach vielen Kämpfen das frühere Niveau erreicht, aber der Körper ist sehr angeschlagen. Und nun hilft Peter Sloterdijk mit seiner „Krüppeltheorie“ wunderbar.

Hier ein Auszug aus dem Buch „Du musst dein Leben ändern„:

Indem sie es schaffen, die Paradoxien ihrer Daseinsweise zu entfalten, können Behinderte zu überzeugenden Dozenten der conditio humana werden – übende Wesen einer besonderen Kategorie mit einer Botschaft für übende Wesen im allgemeinen. (…) Den Luxus depressiver Stimmungen kann sich der Virtuose des Normalseinkönnens selten leisten. Das Leben im Trotzdem nötigt dem, der zum Erfolg entschlossen ist, die ostentative Lebensfreude auf. Dass es da drinnen zuweilen anders aussieht, geht niemand etwas an. Das Land des Lächelns wird von Krüppel-Artisten bewohnt.“ In: Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern„, Suhrkamp: 2011, S.78f.

Das ist ein gutes Programm!

„Menschenbild“: Geisslers und Sloterdijks grausames Gewürge!

Wenn man sich die Gedanken von Geissler und Sloterdijk zum Thema Menschenbild vor höchstkarätigem Publikum anhört, wird noch deutlicher, wie groß der Bedarf an einem kohärenten Menschenkonstrukt ist!

Hier zur Diskussion!