Angenehm, auch im Alter?

Resume Seit drei Jahren bin ich im Ruhestand und diese Situation hat mich vor neue Aufgaben gestellt. Ganz im überaktiven Stil, den ich früher praktizierte, geht es nicht mehr…

1. Veränderung des Außenbildes

Gerne wird in den Medien und in den Ratgebern für Senioren das Bild des erfolgreichen alten Menschen verbreitet, der überall mitmischt und sportlich, politisch und intellektuell auch mit 95 seinen Platz behauptet. Man selbst sieht sich als 68 jähriger genauso und präsentiert sich auch entsprechend nach außen. Wer vorher viel über sich und seine Aktivitäten gesprochen hat, spricht auch im Alter ausführlich darüber. Allerdings übersieht er, dass im Alter neue Themen auftauchen, wie Nachlassen der körperlichen und intellektuellen Kraft, kleine und größere Krankheiten, Verlust von lieben Mitmenschen (Freunden und Verwandten).  Plötzlich interessieren einen gesellschaftspolitische Themen wie demographischer Wandel, Sterbenshilfe, Hospizbewegung, Demenz, Altersheime und Pflege ganz besonders. Dies nicht zuletzte auch deshalb, weil man als 70 Jähriger sich permanent um die noch ältere Generation kümmern muss, die ihre eigenen Interessen (beispielsweise Verdauung) umfangreich ins Spiel bringt. Wenn man nicht aufpasst, transportiert man diese Themen dann selbst weiter bei jeder Gelegenheit, und eine Gelegenheit findet sich fast immer. Ein Ort, in dem ich diese Inhalte legitimerweise anspreche, sind die Philosophie-Workshops die Seniorentreffs und die Grünen Sitzungen. Aber: habe ich früher meiner Frau, meinen Kindern und meinen Freunden über Projekte mit Schülern und Studenten ausführlich berichtet, so besteht die Gefahr, dass meine Gespräche sich jetzt um Rollatoren, Barrierefreiheit, Arthrose und grauen Star drehen. All dies natürlich aus theoretischer Sicht!:-) Es ist durchaus möglich, dass ich mich auf diese Weise aus der Depression rette, der Preis dafür könnte sein, dass alle anderen um mich herum in die Depression hineinschlittern!

2. „Depression“ als Modebegriff

Natürlich ist man angesichts der oben geschilderten Situation beim Übergang in den Ruhestand und beim Hineinrutschen ins Alter nicht mehr so gut drauf wie früher. Sehr schnell taucht dann das Gespenst der „Depression“ auf, ausgelöst von einem selbst oder von Menschen, die einen als permanent happy erlebt haben und nun als  weniger lustig empfinden. Ich bin kein Spezialist, aber ich bin der Überzeugung dass man Situationen, die zeitweise problematsich sind, aus eigener Kraft überwinden kann. Über eine Problemlage nachdenken ist nicht gleich grübeln und grübeln ist nicht gleich seelischer Tief. Besonders verhängnisvoll erscheint mir der Griff zu Psychopharmaka, sei es auch nur Johanniskraut! Die Erfolge, die man im Alltag erzielt, sollte man nicht dem Kraut, sondern ausschließlich sich selbst attribuieren können! Warum so schnell „Depression“ diagnostiziert wird, kann ich nur vermuten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die an der Behandlung von seelischen Krankheiten verdienenden Gruppen solche Diagnosen begrüßen.

3. Maßnahmen

Mit dem Alter kommt man nicht umhin, Veränderungen des eigenen Images im sozialen Kontext zu akzeptieren und entsprechende Maßnahmen zu treffen. Insbesondere sollte man mit großer Selbstdisziplin den eigenen verbalen output prüfen und gegebenenfalls eindämmen, was gleichzeitig zu einer qualitativen Optimierung führen kann. Am meisten wird die Anwendung dieser Techniken dem Lebenspartner zugute kommen!

– Vorwürfe, Kritik, negative Beschreibungen, Verklärung der Vergangenheit und Vedammen der Jetztwelt und Zukunftswelt sollte man absolut vermeiden. Das habe ich bereits in früheren Zeiten getan, mit zunehmendem Alter muss an dieser Regel eisern festgehalten werden. Ist das Umfeld noch bereit, pessimistische Äußerungen von jungen Menschen zu akzeptieren, so reagiert es schnell gereizt, wenn Negatives von Seniorenmund stammt.

– Altersspezifische Themen (Elternpflege, Krankheit und Tod), auch wenn sie mit Distanz behandelt werden, schaffen eine trübe Stimmung. Wenn die Notwendigkeit besteht, die im Alltag auftretenden Probleme aufzuarbeiten, so sollte man dies im Selbstdialog gestalten. Die Umwelt, besonders der Partner, soll unbedingt verschont werden.

– Logischerweise werden die Gesprächsthemen aus den Aktivitäten abgeleitet, die man im Alltag durchführt. Will man für seine Umwelt angenehm sein, so ist es günstig, wenn man sich mit Projekten befasst, die kreativ und für die Gesellschaft zukunftsweisend sind. So redet man automatisch über Inhalte, die spannend und positiv besetzt sind. Redundanzen sollte man vermeiden.  Gerade für den Lebenspartner sind Wiederholungen, auch wenn sie positiv gefärbt sind, auf die Dauer lästig.

FazitWenn man das Ziel verfolgt, auch im Alter angenehm für seine Umwelt zu sein, so sollte man prinzipiell negative Urteile und alterspezifische Themen vermeiden. Das reduziert den Sprechoutput gewaltig, erhöht aber dessen lebensförderliche Qualität.