Dieser ganze Neuronen-Quatsch!

Resume Aktionsforschung ist ein sehr mühsamer, obskurer, auf Jahrzehnte angelegter Prozess. Die meisten Begriffe und Konzepte, die Dank Spannagels (+ Studis) und Lutz Bergers Aktivitäten in den Blick einer größeren Öffentlichkeit geraten sind, schlummerten in Tagebüchern, Artikeln und Referendararbeiten. Unbeachtet.

1. LdL und ein Ozean von Veröffentlichungen

Wer einen Blick über LdL-Bibilographie (Grundlagen und Praxis) seit 1982 wirft, wird sich sofort vor Schreck abwenden. Eine Unmenge von Artikeln, Referendararbeiten, Filmen, Tagebüchern von Kollegen, einige Doktorarbeiten und Habilitationsschriften in allen Fächern liegen vor.  Die Neuronen-Metapher bezogen auf den LdL-Unterricht existiert seit spätestens 1996, über das Internet als Gehirn habe ich seit 1998 mehrere Aufsätze verfasst (19982006, 2009). All diese Modelle und Beschreibungen sind irgendwie naheliegend, auf jeden Fall haben sie einen hohen handlungsleitenden Wert. Zwar sind diese Ideen in die Lehrpläne und in die Seminare eingedrungen, aber wirklich vertieft und anhaltend hat sich die breite Schulöffentlichkeit nicht damit befasst.

2. LdL-Hype? Der wievielte?

Jetzt sind wir Zeugen eines LdL-Hypes.  Solche Phasen haben wir immer wieder, konjunturabhängig, erlebt. Beispielsweise als Reinhard Kahl eine Sequenz über LdL drehte im Rahmen seiner Dokumentation über alternative pädagogische Konzepte  („Treibhäuser der Zukunft„).  Oder es kommen plötzlich und meist per Zufall ganz engagierte, jüngere Kollegen auf unsere Gruppe zu, greifen die Ideen auf, entwickeln sie weiter und tragen sie mit Begeisterung in die Öffentlichkeit. Das Ganze erlebt für ein paar Wochen oder ein paar Monate Konjunktur.  Schnell fallen dann Begriffe wie „Missionar, Guru, Egozentriker, Narzist…“.  Auch die Metaphern sollen der Verbreitung im Wege stehen. Ja liebe Leute, sollen wir uns, wenn so eine Phase dran ist, in unseren Schulen und Unis verstecken? Die Impulse werden sich verbreiten, aber die Aufregung wird sich bestimmt wieder legen und wir werden weiter brav und nachhaltig – wie es die Aktionsforschung will – unsere Praxiserfahrungen im Unterricht und in Hochschulveranstaltungen sammeln und theoretisch verarbeiten.

Fazit In bestimmten Konjunkturphasen ist es unvermeidbar, dass einzelne Begriffe in die Öffentlichkeit redundant eingespeist werden. Nur so haben sie eine Chance, dass man sie aufgreift und diskutiert.

Die Spermatozoidenmetapher: über die Intransparenz von Systemen

Resume: Systeme sind intransparent. Um Systeme in Resonanz zu bringen, folge ich dem Beispiel der Natur: auch wenn keine Reaktion zu sehen ist, speise ich Millionen von Impulsen in das System ein (Spermatozoidenmetapher) in der Hoffnung, das einer das Ziel erreicht und vielleicht etwas Großartiges (Emergenz) entsteht. Dieses Phänomen wird am Beispiel von Dreharbeiten beleuchtet.

1. Perturbationen bei Besuchen von Filmteams

Grundsätzlich sage ich immer „ja“, wenn jemand meinen Unterricht besuchen will, sei es als Seminarlehrer, als Student, als Journalist oder als Fernsehteam. Der erste längere Fernsehbericht (15 Minuten) wurde 1984 für die Sendung „Aus Wissenschaft und Forschung“ (BR) gedreht. Damals meinte ich, es sei der Durchbruch. Natürlich war es genausowenig ein Durchbruch wie im Anschluss an die zahlreichen weiteren Filme, Zeitungsberichte oder nach dem größeren SPIEGEL-Artikel 2002. Aber es war ein kleiner Baustein, der zusammen mit anderen das System zunächst fast unmerklich in Resonanz geraten ließ. Nicht so sehr der veröffentlichte oder ausgestrahlte Bericht selbst ist für mich wichtig, sondern die fruchtbaren „Perturbationen“, die die Besuche der Medienleute bewirken. Vor allem für die Schüler ist es förderlich, weil sie als Hauptakteure gezwungen werden, sich auch theoretisch mit LdL zu befassen und dabei einen Lerngewinn erzielen. Allerdings: wenn ich die Schüler frage, welche neuen Erkenntnisse sie im Rahmen von Dreharbeiten gewonnen haben, sagen sie nichts. Ich muss also mit dieser Intransparenz leben und warten, bis irgendein Satz von ihnen zeigt, dass sie doch etwas gelernt haben.

2. Filme und Fernsehbeiträge als Impulse für das System

Diese Intransparenz gilt für das System insgesamt. Als vor fünf Jahren Reinhard Kahl meinen Unterricht filmte und mich interviewte, ahnte ich nicht, dass gerade diese Aufnahmen für die Verbreitung meiner Arbeit von so großer Bedeutung sein würde. Für mich war es ein kleiner Impuls unter vielen anderen. Nie hätte ich gedacht, dass Kahls Film zu einem Bestseller im Bildungssystem würde. Daher verlasse ich mich nie auf einen Impuls, sondern ich bringe Impulse in das System überall wo es nur geht! Gegenwärtig sind Lutz Berger und Christian Spannagel sehr aktiv. Welche fruchtbaren Perturbationen die in diesem Zusammenhang erstellten „Produkte“ für mein Projekt auf lange Sicht bewirken, bleibt intransparent. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, was die Arbeit dieser Gruppe für das Projekt gebracht hat. Unabhängig davon, wie viel Spaß es uns allen gerade macht! Und der Spaß ist zumindest für mich gewaltig!

3. SAT1 morgen früh um 8.15Uhr

Morgen von 8.15Uhr bis 9.00Uhr läuft im Frühstücksfernsehen bei SAT1 eine Sendung über Bildung, das Thema, das wieder einmal aktuell ist. Am letzten Donnerstag kam das Filmteam, sehr nette Leute und morgen werden 4 Minuten ausgestrahlt. Die Sequenz wird in der Sendung unter „außerdem“ angekündigt, also nicht gerade prominent. Es wäre aber von mir völlig unangebracht, wenn ich dieses „Produkt“ geringschätzen würde. Das System ist intransparent und ich weiß wirklich nicht, welche Impulse und Turbulenzen diese kleine Sequenz verursachen wird. Aus meiner Sicht wohl gar keine, aber wer weiß? Ich wurde auch durch die Wirkung von „Treibhäuser der Zukunft“ überrascht!

Fazit: pushen was das Zeug hält, auch wenn zunächst keine Reaktion des Systems (Emergenz) sichtbar wird. Und nichts und niemanden geringschätzen!

Traumhaft, aber noch nichts passiert!

Nach einem Jahr Flow im Rahmen von Educamp Ilmenau, Bodensee (Reinhard Kahl), Educamp Berlin, Neuron und Ludwigsburg möchte ich innehalten und bilanzieren. Danach werde ich meine Ziele für die nächsten Monate festlegen.

Resume: als Aktionsforscher bemühe ich mich, a) Probleme des Forschungsfeldes zu identifizieren, b) mit Hilfe von Partnern Lösungen (neues Handlungswissen) zu erarbeiten,  und c) dieses neue Wissen zu verbreiten. Da ich in den letzten 25 Jahren Handlungswissen konstruiert habe, das noch nicht breit diffundiert wurde, stand Verbreitung auf der Tagesordnung.  Jetzt muss wieder neues Wissen konstruiert werden.

1. Vor einem Jahr: Wissen auf Vorrat

Vor einem Jahr war LdL im deutschen Bildungssystem bekannt. Die Methode war dank Einladungen des Goethes Instituts oder der Deutschen Schulen auch im Ausland ein Begriff (Europa, aber auch Äthiopien, Türkei, Südamerika und dank Guido Oebel auch besonders in Japan). Allerdings war LdL vor allem als eine „Technik“ unter vielen anderen verstanden. Nur wenige erkannten, dass hinter LdL ein umfangreiches, modernes pädagogisches Konzept steht.

2. Die Leistung der Neuronen-Gruppe: Diffundierung des vorliegenden Wissens

Dank Educamp und die Neuronen-Gruppe, insbesondere dank Lutz Berger war es möglich, den Fokus auf die Theorie zu richten. Die gute Aufnahme meiner Konzepte (vor allem Neuron) durch die Educamp-Freaks ermutigte mich, diese Ideen auch in einem größeren,  traditionelleren Kontext vorzustellen (Bodensee-Kongress Reinhard Kahl). Dort wurden die Gehirnmetapher und mein anthropologisches Modell ebenfall sehr gut aufgenommen.

3. Legitime Freude am Diffundieren

Natürlich macht es sehr viel Spaß, neues Wissen zu diffundieren: man weiß etwas, was die anderen nicht wissen. Man gewinnt dadurch Aufmerksamkeit (Währung der Zukunft) und gerät in ein Flow, der solange andauert, solange es Leute gibt, die dieses neue Wissen nicht kennen und Uiiii sagen. Man freut sich und neigt dazu, sich mit dem Verbreitungsprozess übermäßig zu befassen, der ja soviel Spaß macht. Was aber, wenn der Vorrat an neuem Wissen verbraucht ist?

4. Neues Wissen konstruieren: IPK-Modell

Vorschlag für Ludwigsburg (weitere biographische Mitfahrgelegenheit):

– Ein relevantes Problem wird identifiziert (z.B. Internetkompetenz  in Grundschulen) und international angegangen,

– Suche nach Partnern im Ausland (PH in Bulgarien oder USA),

– Gemeinsame Forschung ein Semester lang,

– Hochladen der Ergebnisse (neues – für den Fortschritt der Menschheit relevantes – Wissen)

– Diffundierung dieses neuen Wissensproduktes.

Aufgabe des Dozenten: Organisation kollektiver Reflexion und kollektiver Wissenskonstruktion

Meine Ziele für die nächsten Monate: soviele IPK-Projekte wie möglich in allen mir zugänglichen Gruppen anregen.

Lutz, du bist ein Schatz!

1. Aumerksamskeitsökonomie

Natürlich ist es befriedigend, wenn man eine gute Arbeit leistet. Als Didaktiker freue ich mich sehr, wenn ich nette Schüler habe und einen guten Unterricht halte. Will ich das Ganze aber dynamisieren und meine Schüler motivieren, über sich hinauszuwachsen, so ist es günstig, wenn ich Aufmerksamkeit von außen als Belohnung einsetze (die Aufmerksamkeit ist die Währung der Zukunft). Aufmerksamkeit erziele ich aber nur durch Hingucker.

2. Lutz Berger schenkt uns Hingucker!

Hingucker sind kleine Produkte (Juwele), die über das Normale hinausragen und wow-reaktionen hervorrufen. Der Ablauf ist folgender: ich halte beispielsweise eine besonders gute LdL-Unterrichtsstunde, die Qualität zum Hingucker hat. Aber ich brauche jemanden, der aus dieser Stunden a) tatsächlich einen Hingucker macht und b) den Hingucker dahin transportiert, wo es Leute gibt, die wow schreien! Reinhard Kahl hat das mit einer Unterrichtsstunde und ein paar Interviews von mir gemacht („Treibhäuser der Zukunft“) und das war eine Riesenhilfe! Und seit einiger Zeit macht das Lutz Berger auch! Er hat bisher von mir drei kleine Youtube-Interviews erstellt, die ich überall einspeise! Wow! Und gestern abend hat er einen Artikel geschrieben, den wir auch überall einspeisen können. Langsam nähert sich das Eichhörnchen! Natürlich sind nicht nur Filme Produkte, die man überall redundant einspeisen kann! Auch Menschen sind Hingucker! Zum Beispiel Joachim Grzega, Michael Kratky, Christian Spannagel!

Artikel über mich von Reinhard Kahl in der ZEIT-online

Unterricht

Schüler als Lehrer

Man lernt am meisten, wenn man sein Wissen anderen erklärt. Warum wird in Schulen kaum danach gehandelt? Vierter Teil einer Spurensuche im Bildungstal

Im Leistungskurs Französisch steht Michaela vor der Klasse. Sie hält einen Vortrag über den Ursprung des Chansons auf den Schlachtfeldern des Mittelalters. Mit drei Mitschülern hat sie sich vorbereitet. Sie erzählen kleine Geschichten. Alles auf Französisch. Die Klasse ist konzentriert, ernsthaft und gelassen. Zuletzt entdeckt man hinten in der Ecke den Lehrer. Ein Lehrer? Eher ein Beobachter. Er unterbricht die Schüler selten. Doch sein Gesicht spiegelt das Geschehen an der Tafel wider. Lautlos spricht er Wörter von Michaela nach. Wenn sie nach den richtigen Ausdrücken sucht, schiebt er den Kopf vor und nickt ihr wie ein Magier zu. Wirkt das nicht, souffliert er.

Am Willibald-Gymnasium in Eichstätt unterrichten in den meisten Stunden die Schüler. Der Lehrer wirkt eher wie ein Regisseur. Er arbeitet mit den Darstellern am Drehbuch für die Stunden, coacht die Mannschaft. Hauptdarsteller will er nicht sein.

Der Lehrer ist Jean-Pol Martin, Professor für Französischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt. Im Sommer wurde er pensioniert. Martin ist einer der Erfinder des Konzepts „Lernen durch Lehren“ (LDL). Weil man so etwas nicht am Schreibtisch entwickeln kann, unterrichtet er auch am Willibald-Gymnasium.

Die Schüler sind begeistert. Sie werden weniger unterrichtet als aufgerichtet. Aber verfestigen Schüler dabei nicht ihre Fehler? Martin nickt, erst nachdenklich, dann begeistert: „Genau, Fehler machen, das ist wichtig“, sagt er. „Ich will im Unterricht Widersprüche entstehen lassen.“ Wer das zum ersten Mal hört, runzelt die Stirn. Doch Martin setzt noch eins drauf. „Mein Unterricht schafft Unklarheiten. Der traditionelle Unterricht versucht immer nur, Klarheit zu schaffen.“ Letzteres sei auch nicht ganz falsch, räumt er ein, denn zum Lernen brauche man beides. Aber der entscheidende Rohstoff sei das Unfertige. „Menschen kommunizieren nur dann, wenn ihnen etwas nicht klar ist.“ Die Schüler müssten ihre Unklarheit selbst in Klarheit verwandeln.

Nach einem Vormittag bei Martin versteht man, warum gewöhnlicher Unterricht oft so bleiern ist. Schüler werden Tag für Tag mit Antworten auf Fragen zugeschüttet, gleichzeitig haben sie kaum Chancen, Fragen überhaupt zu stellen. Sie sollen kopieren und nicht wie bei Jean-Pol Martin nachahmen und improvisieren. Ein feiner, doch alles entscheidender Unterschied. Kopieren ermüdet. Manche verlernen dabei das Lernen. Und das ist gar nicht so leicht, denn unser Gehirn kann eigentlich gar nicht anders als lernen. Es ist, wenn man es ihm nicht abtrainiert, geradezu süchtig nach Neuem.

Jean-Pol Martin ist so alt wie Mick Jagger und hat ebenso viel Elan. Er gehört zu der seltenen Spezies subversiver Konstruktivisten und nicht zu denen, die erst einmal den totalen Systemumbau fordern, bevor sie selbst handeln. Stattdessen kultiviert er seinen radikalen Alltag. Er gibt keine Noten. Das lässt sich also auch in Bayern mit Eigensinn und Power durchsetzen, zumal wenn die Ergebnisse stimmen. „Noten sind Gift“, sagt Martin. Warum? „Wenn ich Noten gebe, dann induziere ich Angst.“ Stattdessen verlangt er von Schülern, sich auf Neuland zu begeben und Fehler zu machen. Nur eins dürfen sie nicht: vorgeben, etwas zu wissen, was sie nicht wissen. Das sei Dummheit. Stattdessen will Martin den Schülern die Sicherheit vermitteln, von der aus sie sich in Unsicherheit wagen.

Die hellwachen Jugendlichen in seinem Leistungskurs sind der beste Beweis, dass das funktionieren kann. Skeptiker strecken die Waffen, wenn sie hören, dass Martins Eleven im bayrischen Zentralabitur lauter Einser bekommen. Die Schüler können das selbst erklären: „Man passt viel besser auf, wenn Schüler statt Lehrer vorne sitzen und etwas erklären“, sagt Michaela. Andere ergänzen. Die Schüler sind sich einig, dass der Vortragende am meisten profitiert. Letztlich werde doch jeder Fehler von jemandem bemerkt. „Ist es denn schlimm, wenn ich Fehler mache?“ fragt Michaela. „Dafür bin ich doch in der Schule.“ Ist das auch die Überzeugung der anderen Lehrer? „Nein, hier an der Schule nicht“, sagt sie mit leiser werdender Stimme.

Zeit-Online: Schüler als Lehrer

Bodensee-Kongress (Reinhard Kahl) für mich eine Riesenchance

Eigentlich war ich nicht begeistert, wieder einmal irgendwo auftreten zu müssen: ich war der Meinung der Nachwuchs (Joachim Grzega) muss ran. Aber der Bodensee war schon eine Wucht! Mir hat es einen enormen Schub gegeben, vor allem im Kombination zum Educamp in Berlin („Laptop und Lederhose“).

Hier die Fotos vom Bodensee.

Regensburg am 01.06.08

Ich freue mich auf meine Auftritt als Bildungsbotschafter am 01.06.08. im Imax in Regensburg. Dort wird der neue Film von Reinhard Kahl „Kinder“ vorgestellt.