#LdLmoocs und Nachhaltigkeit?

Aus Facebook.

Mich beschäftigt gerade die Frage der „Nachhaltigkeit“. Wenn ich beispielsweise Isabelle Schuhladen Le Bourhis betrachte oder Laura Gabbiano, dann habe ich das Gefühl, dass das Thema LdL sie nie mehr verlassen wird (oder umgekehrt, sie das Thema nie mehr verlassen werden!:-) Wie ist es aber mit den unterrichtenden KollegInnen, die im Rahmen unserer Moocs zum ersten Mal damit in Berührung kommen? Wie ist es beispielsweise mit Sabine Strauss, die richtig mächtig eingestiegen ist? Sind die LdL-Moocs vergleichbar mit anderen, die vorwiegend Stoffvermittlung anstreben? Oder Raffaelina Rossetti? Haben diese LdL-Moocs bei ihr nachhaltig gewirkt? Das Gegenteil würde mich sehr überraschen! Und Monika E. König? Unterscheidet sich unser Mooc von anderen in der Tiefenwirkung? Kann man sich wochenlang mit einer bestimmten Anthropologie/Pädagogik/Didaktik befassen und sie einige Monate später ganz aus dem Blick verlieren? Ich habe nur die TN genannt, die mir gleich in den Sinn gekommen sind, aber natürlich hätte ich auch Angelika Mogk erwähnen können, oder… (aber ich höre lieber auf…):-)

  • Angelika Mogk Nachhaltigkeit. Interessant, dass du dich danach fragst. Ich habe im letzten Semester in einer Hausarbeit an dem Thema etwas rumgekratzt. Allerdings nur im Zusammenhang mit xMOOCs. Für mich ist es so, dass du durch deine Facebook-Posts LdL immer im Augenwinkel aktiv hälst. Da ich Facebook momentan regelmäßig nutze, kann es für mich gar nicht verschwinden. Auch wenn ich nicht so intensiv dort eingestiegen bin wie ich für mich wünschenswert halte, so denke ich bei der Planung von Aktivitäten in der Regel daran, ob ich zumindest Elemente davon einbauen kann. Außerdem habe ich eher ein Auge darauf, ob in Lernarrangements entsprechende Möglichkeiten vorhanden sind. Die Wirkung des MOOCs war durchaus nachhaltiger als manches andere, das ich bisher online gemacht habe. Nachhaltigkeit hat aber anscheinend etwas damit zu tun, ob die Inhalte denen ich begegne für mich eine Bedeutung gewinnen können. Das geht gut mit den Sachen für die ich bereits eine Disposition habe, also die irgendwie in mein persönliches Gesamtkonzept passen. Kann ich sie darin unterbringen, dann finden sie auch einen Platz für zukünftige Anwendung oder zumindest gedankliche Berücksichtigung. Interessanterweise kann das über unterschiedliche Lehrmethoden geschehen. Hat mich eine Sache gepackt, dann lese ich gebannt oder höre gebannt zu und denke dazu nach und erstelle vielleicht eine Karte oder ein Bild oder einen Blogbeitrag oder führe eine Diskussion. Oder schreibe beispielsweise einen Kommentar wie hier. Manchmal bin ich allerdings auch einfach von Dingen fasziniert und dann steigt die Offenheit dafür. Und damit erreichen mich Informationen auf einer tiefer gehenden Ebene. Das ist dann so als würde sich etwas öffnen, statt dass Informationen nur auf der Oberfläche bleiben und schnell wieder verloren sind. Und so etwas wird auch ohne die unmittelbare Anwendungsmöglichkeit zu haben leichter erinnert und weitergenutzt.
  • Jean-Pol Martin Danke sehr! Ja, so stelle ich mir das vor. Und damit ist schon viel erreicht. Daher finde ich auch besonders wichtig, dass wir die Theorie zu Beginn und recht intensiv behandeln, weil sie auch für Nicht-Lehrer interessant sein kann. Was die Lehrer angeht, so besteht bei mir die Hoffnung, dass sie LdL in ihrem Unterricht erproben und nie mehr davon wegkommen, auch wenn sie es nur ab und zu, wenn es sich gerade in einer Klasse anbietet, einsetzen.
  • Roma Maria Mukherjee Zur Nachhaltigkeit in meinem Fall kann ich Folgendes sagen: seit ich zum ersten Mal von LDL gehört habe, hat mich die Methode interessiert und begeistert. Leider hatte ich zum Ende des 1. MOOC zu wenig Zeit. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass es einen weiteren MOOC zu dem Thema gibt. Auch hier geht mir so langsam die Zeit aus, ich möchte aber unbedingt bis zum Ende „dabeibleiben“. Ich würde auch noch einen 3. oder 4. mitmachen Ich habe mit vielen über die Methode gesprochen (die sie vorher nicht kannten) und denke häufig darüber nach, welche Elemente aus meinem „Unterricht“ damit bereits korrespondieren bzw. was man ausbauen könnte. Selbst wenn ich in meiner Tätigkeit kein reines LDL machen werden kann, beschäftigt mich die Methode sicherlich nachhaltig – auch in theoretischer Weise. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, dass ich mich durchaus über einen langen Zeitraum gedanklich immer wieder mit etwas beschäftige, die „hermeneutische Spirale“ halt.
  • Raffaelina Rossetti Für mich war sehr schnell klar, dass LdL über den Schulrahmen hinaus ein Wahnsinnspotenzial hat. Ich schließe mich sowohl den Gedanken von Angelika Mogk als auch Roma Maria Mukherjee an. Für mich ist die Theorie so wichtig, weil man dadurch einen klareren Zugang zur Umsetzung in der Praxis hat und auch erkennt, wo sich LdL überall einsetzen läßt.
    Zum Abschluß eines Seminars zur Bertriebsratstätigkeit habe ich dem Referenten aus Münster natürlich gleich wärmstens die LdL-Tagung empfohlen und er will sie auch an Lehrer aus seinem Bekanntenkreis weiter empfehlen. Wenn auch nichts daraus werden sollte, so suche ich jede Gelegenheit, um die Samen zu streuen. Wo die Saat dann letztlich aufgehen, wird sich vielleicht eines Tages zeigen.
    Privat hat mich die LdL-Haltung in meiner Beziehung zu meinem Sohn sehr beeinflußt. Ich behandle ihn stärker auf Augenhöhe und gebe ihm bewußter die Möglichkeit, mir seine Überlegungen mitzuteilen und ihm nicht schon vorher meine mitzuteilen.
  • Jean-Pol Martin Danke! Ich bin froh, dass ich diese Frage gestellt habe! Ich werden Eure Beiträge in meinem Blog speichern, um sie immer griffbereit zu haben!
  • Raffaelina Rossetti Vielen Dank für Deine Redundanz, Jean-Pol! Bis eine Haltung sich verfestigt, ist dies ein wichtiges Mittel der permanenten Erinnerung gegen das Einschlafen durch festgefahrene Gewohnheiten.
  • Jean-Pol Martin Es muss natürlich eine Balance gefunden werden zwischen in Erinnerung rufen und nerven!
  • Raffaelina Rossetti Gerade deshalb wollte ich Dir das Feedback geben, dass es nicht nervt, zumindest mich nicht. Ich empfinde es als Angebot. Wer es nicht lesen möchte ider kann, muss ja nicht!
  • Jean-Pol Martin Danke! Ich habe mich für Redundanz entschieden und ziehe das einfach durch!

Blog redundant einspeisen.

Resume Als ich mit meinem Blog anfing wusste ich nicht, dass ich so schnell ein kohärentes Produkt erzielen würde, ein Gebilde, das meine Arbeit seit 30 Jahren ohne Rest enthält. Jetzt gilt es, das Produkt zu diffundieren.

1. Blog als kohärentes geistiges Produkt

Durch Links ist es möglich, Blogs zu kohärenten, sowohl nach innen integrierend (selbstreferenziell), als auch differenzierend nach außen verweisende Werke zu gestalten. Der Vorliegende Blog enthält alle meine Erfahrungen und Gedanken (Konzeptualisierungen) seit 30 Jahren. Es verweist gleichzeitig auf weitere, geistesverwandte Akteure und auf ihre Ideen. Wie  es hier vorliegt ist es ein geistiges Produkt, das man diffundieren kann.

2. Wieso soll jemand diesen Blog zitieren?

Man zitiert gerne Werke, in denen man selbst thematisiert wird. In meinem Blog habe ich unendlich viele Personen explizit genannt. Nicht aus Kalkül, sondern weil es von der Sache her geboten war.  Aber es wäre ungeschickt, wenn man diesen günstigen Umstand jetzt nicht „ausnützen“ würde. Jeder in meinem Blog Genannte ist potenziell ein Verbreiter. Zumal wenn er sich mit meinen Ideen identifiziert.

3. Redundant einspeisen

Es ist naheliegend, dass alle daran interessierten diesen Blog, der als Vorlesung konzipiert ist und eine Fülle von relevanten Themen abdeckt, redundant in verschiedene Resonanzräume einspeisen. Apanat hat bereits in seinem Blog begonnen, verschiedene Einträge von mir, auch ältere, einzubinden. Dasselbe habe ich auch bei Marlene Hartmann beobachtet.  Es ist nichts Anrüchiges dabei, auch wenn es mir zugute kommt. Oder?

Fazit Mein Gedankengut liegt als Produkt vor. Jetzt können meine Erben und Sympathisanten es verbreiten.

Legitime Selbstreferenzialität?

Resume Im Zusammenhang mit dem Problem der Nachhaltigkeit im Netz stellt sich die Frage der Legitimität von gezielten Redundanzen in halbgeschlossenen Räumen, wie beispielsweise der Wikipedia.

1. Wechsel vom alten Begriffsparadigma zum neuen

Die Verankerung eines neuen, modernen Begriffsparadigmas ist ein langwieriger Prozess. So hat sich seit den 70er Jahren schrittweise das systemtheoretische Denken in der Gesellschaft etabliert, die meisten Menschen benutzen aber immer noch Begriffe aus dem alten Paradigma, so dass eine rasche Verständigung erschwert wird. Die neuen Termini liegen vor, sie werden aber nicht mit der gebotenen Geschwindigkeit diffundiert. Nur zaghaft werden Konzepte wie Inkubation, Emergenz, Resonanz oder gar Netzsensibilität, die eine große Erklärungskraft für die Bewältigung des Alltags besitzen, in populärwissenschaftlichen Nachschlagewerken übernommen. Das Medium, das den ersten Platz in der Beliebtheit als Nachschlagewerk einnimmt, die Wikipedia, hat sich von der Ideologie her dem alten Paradigma verschrieben: es werden nur Begriffe übernommen, die sich in der Papierwelt etabliert haben. Nur verliert die Papierwelt zunehmend an Aktualität und Relevanz als Informationsquelle bei der rasanten Entwicklung innovativen Denkens.

2. Die Etablierung des neuen Paradigmas durch Redundanzen vorantreiben

Als halbgeschlossenes System ist die Wikipedia der ideale Ort, an dem ein neues, kohärentes Begriffssystem etabliert werden kann. Einerseits ist das System offen für neue Einträge und Impulse von außen, andererseits ist die Anzahl der aktiven Mitarbeiter begrenzt, so dass eine Terminologie sich peu à peu durch Wiederverwendung der Begriffe und durch Entstehen von Resonanz etablieren kann. Insbesondere ermöglichen die Querverweise (interne Links), dass Leser und Autoren in die Begriffskohärenz eingeführt werden und das neuentstehende Gebäude ausgestalten und anreichern. Da die Autoren und User oft als Gatekeeper in der Gesellschaft wirken, ist zu erwarten, dass die in der Wikipedia aktivierte Begriffswelt nach außen getragen wird.

3. Wie geht das konkret?

Als Beispiel sei ein Artikel herangezogen, den ich vor mehr als zwei Jahren in der Wikipedia angelegt habe, und der alle Begriffe aktiviert, die aus meiner Sicht für das neue Paradigma konstitutiv sind. Es handelt sich um das Lemma „Klassenraumdiskurs„. Hier eine für die Schaffung von Redundanz besonders signifikante Stelle (überflüssig zu sagen, dass die Wikipedianer so etwas als „Ansammlung von Buzzwörtern“ radikal ablehnen):

Das Arrangement im Klassenzimmer orientiert sich an der Gehirnstruktur. Zwischen den Lernern, die metaphorisch als Neuronen eingesetzt werden, entsteht durch intensive Interaktionen eine Vernetzung mit entsprechenden Netzwerkeffekten (Reaktionsschwelle, Selbstreferenzialität, Resonanz, Redundanz). Im Rahmen dieser Interaktionen werden Informationen zu Wissen veredelt, indem permanent relevante aus irrelevanten Informationen selektiert werden und zur nächsthöheren Instanz zur Bearbeitung weitergeleitet werden (Komplexitätsreduktion). Wie im Gehirn entstehen aus diesen Interaktionen Emergenzen, es wird Wissen kollektiv konstruiert. Während im instruktionistischen Modell man es mit Linearität a priori zu tun hat, entsteht bei LdL Linearität a posteriori. Oberstes Prinzip ist die Ressourcenorientierung, denn die Informationen, die zur Wissenskonstruktion benötigt werden, stammen entweder aus den Lernern selbst, oder aus der Umwelt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Klassenraumdiskurs in großer Konzentration erfolgt, damit alle Informationen erkannt und verarbeitet werden (Aufmerksamkeitsökonomie, Reaktionsschwelle).

4. Ist das legitim?

Natürlich ist das von mir praktizierte Verfahren grenzwertig, wenn man an die strengen Regeln der Wikipedia denkt. Andererseits gibt der Artikel den Stand der wissenschaftlichen Reflexion wieder und lässt sich nicht in die Kategorie „Theoriefindung“ einordnen, die Todsünde beim Einstellen von Wikipedia-Texten. Auf jeden Fall etabliert sich auf diese Weise ein modernes, kohärentes Begriffsgebäude, das durch die Fülle der Querverweise hohe Stabilität gewinnt. Aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit, innerhalb der virtuellen Welt ein nachhaltiges, ausbaufähiges, für die Wissenschaft wertvolles Gebilde zu verankern.

Fazit Inmitten der Turbulenzen (die es immer schon gegeben hat) ist es günstig, wenn der Mensch auf stabile kognitive Strukturen zurückgreifen kann. Allerdings sollen diese Gebäude an die aktuelle Welt angepasst sein, und zur Zeit bietet die Systemtheorie gute Erklärungsmuster. Sie muss nur verbreitet werden.

Zur Struktur von dynamischen non-stop Vorlesungen

Wenn „Vorlesung“ bedeutet, dass ein präexistierendes Wissen an Zuhörer weitervermittelt wird, dann trifft der Begriff „Dynamische non-stop Vorlesung“ zu, denn alle Bausteine, die hier eingespeist werden, liegen bereits vor. Von einer traditionellen Vorlesung unterscheidet sich diese durch folgende Merkmale:

1. Linearität a posteriori

Im Gegensatz zu traditionellen Vorlesungen, deren Inhalte linear unabhängig vom Rezeptionskontext vermittelt werden, werden hier die Bausteine stets in Bezug auf den Bedarf der Hörer eingespeist, die in einem Handlungszusammenhang (Projekt) agieren. Von Zeit zu Zeit werden die Bausteine geordnet (Zusammenfassungen), damit die Genese rekonstruierbar wird (Linearität a posteriori).

2. Hohe Redundanz

Im Gegensatz zu traditionellen Vorlesungen, die Redundanz im Text vermeiden, wird hier nach jedem Beitrag auf Fragen der Leser eingegangen, unabhängig davon, ob diese Frage bereits in einem älteren Beitrag beantwortet wurde. jeder Hörer kann zu jedem Zeitpunkt ein- und aussteigen und wieder einsteigen. Sein Platz wird warmgehalten. Der große Vorteil ist, dass auch wenn ein Punkt bereits behandelt wurde, durch die in der Zwischenzeit eingegangenen Hörerreflexionen die Antwort selbst sich auch verändert hat. Die permanente Reflexion ändert auch die Inhalte. Wenn beispielsweise zu Beginn der Vorlesung „Aufmerksamkeitsökonomie“ auf eine bestimmte Weise definiert wurde, kann es sein, dass zwei Monate später eine andere leichte Verschiebung stattgefunden hat, die nur durch das Beantworten der scheinbar redundanten Frage auffällt.

3. Breite kollektive Reflexion: Differenzierung und Integration

Die Vorlesungsstruktur sichert die Integration der unterschiedlichen Denkströme, die Kommentarstruktur sichert die Ausdifferenzierung der zentral angebotenen Gedanken.