Tugend, Forschung und Glück?

Resume Natürlich wird dieser Blogeintrag wieder sehr egozentrisch und monomanisch wirken. Sei’s drum! Vielleicht gibt er ein paar Denkimpulse für die aktuelle Diskussion um Guttenbergs Doktorarbeit.

1. Ausgangspunkt

Vorweg: ich sehe einen großen Unterschied zwischen einer Dissertation, die nur zum Zwecke der Karriereförderung außerhalb des wissenschaftlichen Betriebes angefertigt wird, und einer Arbeit, die von Wissenschaftlern verfasst wird. An den ersten lege ich keine ethischen Ansprüche, an den „Forschern“ dagegen recht hohe.

Kurz nachdem ich 1980 an die Uni Eichstätt gewechselt hatte, kam ich auf die LdL-Idee.  Einer der dortigen Profs empfahl mir, diesen Ansatz zum Gegenstand meiner Dissertation zu wählen. Kein schlechter Ratschlag, denn ich wollte ursprünglich ein ganz anderes Thema bearbeiten. Diese LdL-Sache schien mir einfach zu dünn. Wie dem auch sei: ich steigerte mich hinein und als alter 68er war ich durchdrungen durch die Mission, die Welt zu verbessern und dabei den Weg der Tugend zu wählen. Damals wusste ich noch nicht, dass die antiken Denker den Weg der Tugend empfehlen, wenn man – wie alle Lebewesen – nach Glück strebt. Die Hypothese, Tugend würde zum Glück führen, trug ich also intuitiv in mir, wohl ausgelöst durch die vielen erbaulichen Lektüren, die ich im Laufe meiner Sozialisation verinnerlicht hatte. Und Tugend stand sowohl im Zentrum der christlichen wie auch der kommunistischen Lehre, aus denen ich mich gespeist hatte.

2. Mein Wertesystem ab 1982: Forschung und Tugend

Aus meiner Biographie:

Wer den Anfang meiner Biographie gelesen hat, merkt, dass ich mich ethisch ganz umgepolt hatte. Politisch war ich definitiv grün, weniger aufgrund der Orientierung an der Natur, als Großstädter hatte ich wenig Zugang zu ihr, sondern wegen des Venetzungsgedankens und der Fokussierung auf die Welt-Ressourcen, die wir schonen mussten. Familiär war alles OK, auch ethisch, und die materiellen und menschlichen Bedingungen waren schön klar und geregelt. Als Handlungsfeld bot sich voll und ganz die Forschung an. Ich organisierte alles im Hinblick auf meine wissenschaftliche Effektivität. So ergab sich, dass ich um fünf Uhr aufstand und gegen 21.00 Uhr ins Bett ging. Und zwar an Arbeitstagen wie am Wochenende, zu Weihnachten wie zu Christi Himmelfahrt. Bis heute. Den Spruch „publish or perish“ fand ich abscheulich und ich bemühte mich, erst dann einen Aufsatz zu verfassen, wenn ich wirklich über eine wichtige, neue Erkenntnis zu verfügen glaubte. Ich verpflichtete mich, nur dann jemanden zu zitieren, wenn der Gedanke wirklich organisch in meinen Aufsatz passte, und nicht um einen nützlichen Kollegen freundlich zu stimmen. Einmal machte ich eine Ausnahme, und ich bereue es heute noch: 1988 hatte ich Harald Weinrich, damals ein wichtiger Mann, in einer Fussnote erwähnt, obwohl es von der Sache her nicht zwingend war. Ich hatte ihm sogar einen Sonderdruck geschickt und er antwortete selbstverständlich nicht. Aber sein Name steht noch im Aufsatz als permanente Erinnerung an meine Korruptibilität. Auch bei Festschriftbeiträgen („Pissecke der Wissenschaft“) bemühte ich mich immer tatsächlich Neues zu schreiben, um den Kollegen wirklich zu ehren. Ich behaupte nicht, dass ich meinen Prinzipien immer treu blieb, aber sie lenkten sehr stark mein Handeln.

Fazit: Durch einen kognitiven Akt (Schaffen von Strukturen) kann man Bedingungen herstellen, die „tugend-“ und somit „glückinduzierend“ sind. Natürlich klappt das nicht immer!