Abfeuern: nicht ab und zu, sondern permanent!

Resume Wenn man die Neuronen-Metapher weiterdenkt, so stellt sich die Frage, was mit den einzelnen Neuronen-Impulsen passiert. Sie werden an Sammelstellen (Knoten, Hubs) gebündelt, verarbeitet und weiter nach oben gereicht. Auch in der Wissenschaft verläuft es so.

1. Was im Nervensystem passiert (vereinfacht)

Die Impulse, die von einzelnen Neuronen ausgehen, werden an Sammelstellen (Hubs) verarbeitet. Das bedeutet, dass die für das Leben relevanten Impulse selegiert und gebündelt werden und an die hierarchisch nächste Instanz zur Weiterverarbeitung gereicht werden. Die nichtrelevanten Impulse werden nicht beachtet. Im übertragenen Sinn könnte man formulieren, dass die Neuronenensembles aus der Menge der Informationen die zentrale Botschaft zusammenstellen, also „konzeptualisieren“. Wenn beispielsweise einzelne Neuronen aus der Blase – gedankenlos – abfeuern, werden die Signale auf der nächst höheren Ebene (Hub-Ebene 1) interpretiert und es wird die Botschaft „Erhöhung des Drucks an Stelle A“ formuliert (Konzeptualisierung) und an die hierarchisch nächste Ebene (Hub-Ebene 2) zur Verarbeitung weitergereicht. Wenn auf der Hub-Ebene 2 weitere Signale aus der Blase kommen („Erhöhung des Drucks an Stelle B, Stelle C, Stelle D…“) wird Hub-Ebene 2 diese verschiedenen Botschaften bündeln und interpretieren („Blase voll“) und an die hierarchisch nächsthöhere Instanz weiterreichen. Nun drängt die Botschaft „Blase ist voll“ immer höher nach oben, ohne bereits auf der Bewusstheitsebene (Cortex) zu emergieren. Je nach Kontext wird sich diese Botschaft problemlos hinaufarbeiten oder sie wird in eine Warteschleife geparkt, weil andere Neuronenkonstellationen noch dringendere Botschaften vermitteln wollen (z.B: „Attraktive Nachbarin muss überzeugt werden, heute abend auf die Party mit mir zu gehen“).

2. Und im Web

Angesichts der Akzeleration aller Interaktionsvorgänge im Web, also der kollektiven Reflexion werden die „Hubs“ besonders gefordert. Es müssen Menschen oder vielmehr Menschengruppen die Aufgabe übernehmen, aus der Fülle der Impulse rasch die relevanten Informationen zu extrahieren, zu Konzepten umzuformen und zur Verarbeitung an die nächsthöhere Instanz weiterzureichen. Eine solche Entwicklung lässt sich bereits in den immer zahlreicher werdenden Blogs beobachten. Blogs sind Hubs und Konzeptualisierungsmaschinen.

3. Konsequenzen für Wissenschaftler: wie gewinnt man und stabilisiert man Reputation?

Wissenschaftler halten sich für besonders befähigt, zu konzeptualisieren. Im alten Paradigma haben sie sich damit viel Zeit gelassen und daher wurde ihre gesellschaftliche Relevanz immer geringer. Will ein Wissenschaftler im neuen Paradigma emergieren und eine zeitlang emergiert bleiben, so muss er permanent auf unterschiedlichen Hub-Ebenen konzeptualisieren und diese Konzepte rasch abfeuern. Am besten ist es, wenn seine Konzepte auch eine Handlungsanweisung enthalten (bei meinem Beispiel oben wäre diese Handlungsanweisung: „Blase ist voll, Gang ins Klo wird empfohlen“). Wie im Nervensystem werden nicht einzelne Tweets von der Web-Öffentlichkeit  wahrgenommen, sondern Neuronen (oder Neuronenkonstellationen) die permanent abfeuern. Und in der Wissenschaft ist es im neuen Paradigma ähnlich. Daher meine Empfehlung: wenn du als Wissenschaftler im neuen Paradigma Reputation gewinnen und eine zeitlang erhalten willst, muss du kontinuierlich konzeptualisieren und abfeuern.

Fazit Geschwindigkeit und Vernetzung. Problemlösungen permanent und reflexartig erarbeiten und gleich weiterleiten.

Konzeptualisieren? Aber nicht schon beim Frühstück!

Resume Angesichts der Beschleunigung aller Lebensvorgänge, insbesondere auch des Outputs an Informationen müssen wir uns daran gewöhnen, Alltagserfahrungen rasch zu kognitiven Schemata zu verarbeiten.

1. Alltagserfahrungen schnell zu abstrakten Schemata umformen

Ich neige dazu, meine Handlungen, auch die scheinbar trivialsten, theoriegeleitet und theoriegenerierend zu gestalten. So ist mein Gang zur Kaffeemaschine in der Früh gleichzeitig eine Prüfung meiner Theorie, dass Kaffee fit macht. Diese Theorie wird meist bestätigt. Alle anderen Aktivitäten gehe ich auf diese Weise an. Nicht selten versuche ich, die entsprechenden Mechanismen und Überlegungen meiner Frau mitzuteilen, sobald ich sie erblicke, auch beim Frühstück.  Meine Frau, meine Kinder und generell meine Umwelt finden mich sehr anstrengend. Bei der Durchführung von Projekten wird dieser Prozess noch intensiviert. Durch die Verbreitung der neuen Kommunikationsmittel wurde der Ablauf sehr beschleunigt, weil das Aufkommen an Handlungen und Informationen vielfach gestiegen ist. Ich führe sehr viele Projekte durch und konzeptualisiere permanent. Und das Konzeptualisieren ist eine Notwendigkeit, weil es die Voraussetzung bildet für den nächsten Schritt.

2. Konzeptualisieren  in der Wissenschaft, im alten und im neuen Paradigma

Im alten Paradigma neigte man dazu, a posteriori zu konzeptualisieren. Das bereits Gedachte wurde ausführlich rezipiert, ausdifferenziert, gegeneinander abgegrenzt. Rousseau, Pestalozzi, Dewey, Montessori, die im Prinzip ähnliches sagen, wurden bis in die kleinsten Details untersucht und interpretiert. Das war vertretbar in einer Welt, in der wenig Neues passierte, so dass man sich erlauben konnte, viel Zeit mit Lapalien zu verbringen. Heute aber, wo jeder Schritt neue Horizonte eröffnet,  ist eine ganz andere Wissenschaft angesagt: man soll sehr schnell zusammenfassen, was frühere Denker für eine Zeit gedacht haben, die die ihrige war (wir wollen ja das Rad nicht ständig neu erfinden) und dann auf der Basis dieser Grunderkenntnisse, explorativ die neue Welt angehen. Mir persönlich genügen mein Menschenbild und ein paar zusätzliche Metaphern. Und dann dringe ich beherzt in das Forschungsfeld ein, das eine Fülle von neuen Problemen anbietet, was zu einer permanenten Generierung von Hypothesen und Lösungen führt, also zur kontinuierlichen Konzeptualisierung. Und so schafft man permanent neues Wissen zur Beherrschung einer neuen Welt (Kontrollbedürfnis).

Fazit Handeln, reflektieren, konzeptualisieren. Nicht nacheinander, sondern parallel.