Die Liebe: wie ist sie zu erklären, wie ist sie zu meistern?

Gerade einen Text aus meiner Habilitationsschrift wieder entedeckt. Er wurde bei der Behandlung der Romantik im Literaturunterricht der Oberstufe verfasst und sollte den SchülerInnen kognitive Instrumente liefern, damit sie Liebeskummer besser „in den Griff“ bekommen.

(J.-P. MARTIN, im Mai 1987)

 Ein rascher Blick auf unsere Umgebung zeigt uns, dass unsere Bedürfnisse durch viele Gegenstände befriedigt werden können (Auto: Autonomiebedürfnis; Freunde: Bedürfnis nach sozialen Kontakten; Kuchen: Sinnlichkeit), aber dass der Gegenstand, der viele dieser Bedürfnisse auf eine sehr intensive Weise befriedigen kann, eigentlich eine Person ist. Sie kann das sehr fordernde Bedürfnis nach Sinnlichkeit befriedigen, das nach sozialer Anerkennung, das nach intellektueller und „seelischer“ Harmonie. Man könnte also die Liebe definieren als eine Fixierung auf einen Gegenstand, der sehr viele Bedürfnisse auf einem hohen Niveau befriedigt.

Warum diese Fixierung?

Es ist sehr schwierig, einen solchen Menschen zu finden (Gesetz des Marktes, große Nachfrage, geringes Angebot). Wenn man ihn also endlich gefunden hat, hat man Angst, diese Quelle der Bedürfnisbefriedigung wieder zu verlieren (Eifersucht). Deshalb leidet man sehr unter der Liebe, wenn sie nicht geteilt ist, oder wenn der andere die Beziehung wieder auflösen will. Man spürt dann, dass man eine Quelle verlieren wird, die viele für die eigene Bedürfnisbefriedigung wichtige Elemente enthält.

Was die Sache noch schlimmer macht, ist die ständige Unsicherheit, in der man gehalten wird, denn im Gegensatz zu leblosen Gegenständen, die, wenn man sie einmal gekauft hat, einem endgültig gehören und für die Befriedigung der entsprechenden Bedürfnisse zur Verfügung stehen, werden Menschen nicht ein für allemal „erworben“. Das Leiden lauert übrigens von Anfang an dem Menschen auf:

Während die Anschaffung eines Gegenstandes von Anfang an klar ist (man hat das Geld, um ihn zu kaufen, oder nicht), ist man nie sicher, dass man dem anderen endgültig gefällt (liebt er mich oder liebt er mich nicht?). Oft, aus Koketterie, lässt der andere einen im Ungewissen, spielt mit einem, lässt einen hoffen und stößt ihn dann wieder von sich ab… Das ist die Quelle des Leidens: die Angst, einen Gegenstand, der sehr wichtige Bedürf­nisse auf einem hohen Niveau befriedigt, nicht zu bekommen oder, wenn man ihn doch bekommt, nicht halten zu können.

Wenn man dies verstanden hat, kann man sich schützen:

Man kann die Unsicherheit dadurch verringern, dass man vom anderen verlangt, er solle eine klare Haltung einnehmen, und wenn er das nicht tut, indem man ihn verlässt, selbst wenn man vorübergehend darunter leiden muss. Da man weiß, dass die Bedürfnisbefriedi­gung nicht von einer Person abhängt, ist es ökonomischer, falls diese Person uns im Unklaren lässt, seine Energie in die Suche nach einer anderen Person zu investieren, denn das Produkt ist rar und es darf keine Zeit verloren gehen bei der Suche nach ihm: um es zu finden, muss man sehr viel Aktivität entwickeln!

So kann man dank der Intelligenz (Vernunft) sich vor allzu heftigen Leiden schützen (Gefühle) und effektiver nach Glücksmöglichkeiten suchen.


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Die Liebe als Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung.

Resume Vor exakt  23 Jahren habe ich für meine Schüler aus der damaligen 12.Klasse ein Papier verfasst mit dem Titel (siehe Habilschrift S.270-271): „Die Liebe: wie ist sie zu erklären, wie ist sie zu meistern?“ Seitdem bin ich vielen Versuchen begegnet, das Phänomen „Liebe“ zu fassen, aber richtig operationalisierbar fand ich keinen.


Was heißt sexy?

Das nenne ich sexy:

Explikation:  „sexy“ sind Produkte (Gegenstände, Gedanken oder Personen), die möglichst viele Bedürfnisse des Menschen ansprechen. So wendet sich das Video von Lutz Berger an die physiologischen Bedürfnisse (Musik, fröhliche Menschen, Humor im Sinne einer Befreiung von Zwängen), an die Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit, an die Selbstverwirklichung (Freiheit der Aktivitäten) und an das Bedürfnis nach Sinn (es wird die Zukunft vorbereitet).  Wenn Gegenstand oder Personen „sexy“ sind, kann vorübergehend oder langfristig eine Fixierung auf diese Entitäten stattfinden (z.B. Verliebtheit, siehe: Liebe als Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung).

Das Wesen von LdL. Dank an Spannagel (+ Studis) und an Lutz Berger!

Resume Durch den Besuch gestern von Spannagel + Studis und Lutz Berger wurde uns allen klar: man stellt sich unter LdL etwas ganz anderes vor als es wirklich ist.

1. Die Schüler bergen unsichtbare Juwele

Immer wenn ich eine neue Klasse bekomme, lasse ich die Schüler am Wochenende Hausaufgaben über anspruchsvolle Themen schreiben. Zur Zeit beispielsweise über die Geschichte Israels nach dem ersten Weltkrieg und über den aktuellen Krieg Israels gegen Hamas. Und immer bin ich verblüfft. Der Unterschied zwischen dem ängstlichen, scheuen Verhalten im Unterricht  und der hohen Qualität ihrer Texte ist frappierend  (natürlich gilt es nicht generell für alle Schüler, denn einige sind durchaus selbstbewusst) .  Meine Aufgabe als Lehrer ist es also, ihnen soviel Vertrauen zu geben, dass ihr Wissen und ihre Gedanken auch im Klassendiskurs sichtbar werden. Durch LdL wird der Vorgang erleichtert, denn wenn die Schüler als Lehrer auftreten, können sie ihre Qualitäten entfalten, weil sie den Raum selbst gestalten können. Natürlich sind die ersten Versuche sehr zögerlich und man könnte glauben, dass man sich doch getäuscht hat, dass die Schüler eben nicht die vermuteten Juwele in sich tragen. Aber Geduld! Peu à peu kommen die Ideen, sie werden immer besser und oft würde ich mir von manchem Kollegen wünschen, dass er so differenziert und tiefgehend reflektiert, wie meine 11.Klässler. Der Lehrer muss den entsprechenden Raum schaffen. Er muss einerseits sehr anspruchsvolle Inhalte anbieten, andererseits die Atmosphäre der Konzentration im Unterricht einfordern, die notwendig ist, um das Konzert der Ideen zum Erklingen zu bringen. Eine solche Atmosphäre kann man nicht in Blogeinträgen beschreiben. Das muss man erleben. Und noch etwas: beim allmählichen Aufblühen der Gedanken darf der Lehrer nicht stören! Er muss stützen und dafür sorgen, dass der Schüler solange Zeit hat sich auszudrücken, wie er dazu braucht. Und das Warten lohnt sich! Je komplexer die Gedanken der Schüler, desto länger brauchen sie bevor sie etwas sagen. Und von außen sieht man nichts! Man muss Vertrauen haben, dass sich Komplexes im Gehirn abspielt, auch wenn das Gesicht nichts von dieser Aktivität verrät. Ein Beispiel: gefragt, ob sie sich motiviert fühlen, „die Welt zu verbessern“ (siehe 1000 Wikis) meinte ein Schüler, er müsse mit sich selbst klarkommen, bevor er sich an die Welt heranmache, sonst bestünde die Gefahr, dass er seine eigenen Probleme auf die Welt projiziere. Das nenne ich Qualität!

2. Der Besuch gestern: das Wesen von LdL

Der gestrige Besuch war insofern sehr wichtig für mich, weil mir plötzlich klar wurde, dass auch kluge Menschen, die sich ein paar Monate mit LdL befassen, die sehr motiviert und wohlwollend sind und eine ganze Reihe von Texten, Filmen und Videos über LdL gesehen haben, trotzdem ganz überrascht sind, wenn sie LdL konkret erleben. Sie sind überrascht, dass der Lehrer wie ein Regisseur oder ein Kapellmeister sehr viel Präsenz zeigt. Sie sehen auch, wie intensiv und respektvoll der Lehrer sich mit den Gedanken der Schüler befasst. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich in Schülergedanken „verliebt“ bin (zum Begriff Liebe siehe mein Menschenbild!:-))) Das alles wurde mir gestern durch die Beobachtungen und Fragen der Besucher erst richtig klar. Ulrike Kleinau meinte: „Durch die Unterrichtsatmosphäre werden die Schüler angeregt, frei zu denken!„. Dieser Aspekt war mir noch nicht bewusst. Sehr erfreulich war für mich, heute einen Twitteraustausch zwischen Spannagel, Scheppler und Schb zu lesen, in dem Christian auf das Wesen von LdL eingeht und klarstellt, dass man sich unter LdL etwas anderes vorstellt als es ist: „Klar, das ist ja auch alles super – nur es ist nicht „LdL“. LdL bezeichnet die Methode von @jeanpol – alles andere ist was ähnliches.“ Dieser Austausch wäre vor dem gestrigen Besuch wohl nicht möglich gewesen.

3. Die LdL-BlogParade

Spannagel und Lutz Berger befassen sich seit mehr als einem Jahr mit LdL. Offensichtlich finden sie die Methode so überzeugend, dass sie diese auch großflächig bekannt machen wollen.  Was kann einem besseres passieren, als dass ausgesprochene Kommunikationsfreaks sich vornehmen, die eigenen Gedanken zu verbreiten? Lutz Berger hatte die Ideen, über LdL eine Blogparade zu veranstalten. Dass Christian Spannagel und seine Studenten sofort Feuer und Flamme waren, versteht sich von selbst! Gestern haben die Besucher enorm viel Material gesammelt (Interviews, Filme), gleichzeitig wurde auch die LdL-BlogParade gestartet. Da werden wieder tolle Synergien entstehen!

Fazit Der Besuch von Christian Spannagel mit seinen Studenten und von Lutz Berger hat gezeigt, dass das Phänomen LdL noch genauer gefasst, dokumentiert und verbreitet werden muss. Und die entsprechende Dynamik haben sie auch gleich in Gang gesetzt!

Die Liebe als Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung

Dieses Interview-Video wurde auf der Educamp im Oktober 2008 in Berlin von Lutz Berger aufgenommen. Es ist der Teil II, in dem ich meine Definition der Liebe liefere und auf die antinomischen Bedürfnisse des Menschen sowie auf die Merkmale erfolgreicher Problemlöser nach Dörner (1983) eingehe.

Die Folien dazu.