Stoffvermittlung bei LdL? Peter Ringeisen beschreibt den Prozess!

Peter Ringeisen Noch hinterher:
Man könnte auch sagen, dass die Stoffvermittlung der Beginn der Transformationsphase ist, die aus Vorstellung, Umwälzung und (gegenseitiger) Überprüfung besteht
Vorbereitung: Daten werden (über Komplexitätsreduktion) zu Information
Transformation:
– Die Information wird der Klasse vorgestellt
– Durch Übungen und Nachfragen wird die Information umgewälzt und die Information wird zu Wissen umgearbeitet
– Durch Nachfragen des Schüler-/Lehrer-Teams an die Klasse und durch Nachfragen der Klasse an das S-/L-Team versichert man sich gegenseitig, ob die Umarbeitung geglückt ist, und aus Einzelwissen wird kollektives Wissen (–> Flow)

Oder?

You make my day (oder so was ähnliches…): Marcus Birkenkrahe!

Es gibt um die 45-Minuten-Marke der YouTube Aufnahme des dritten Hangouts auf die Frage von Hajo Jürgens an Jean-Pol Martin einen spannenden Austausch zum Thema Komplexitätsreduktion. Die Grundlagen einer solchen Reduktion hat Martin 2005 in brillanter Kürze zusammen gefasst:

(Quelle: Europa interdisziplinär: Probleme und Perspektiven heutiger Europastudien, Hrsg. B Glaser, 2005, von ihm in GooglePlus gepostet.)

In dem Ausschnitt der online Diskussion drehte sich vor allem um den Widerspruch zwischen einem komplexen Thema und der für LdL aufbereiteten, gegebenenfalls extrem reduzierten („Roman von Balzac in 5 Sätzen“) Form des Themas. Wenn es sich bei dem Thema noch dazu um einen Lieblingsgegenstand handelt, dann tritt die Leidenschaft des Lehrenden möglicherweise in Widerspruch zu LdL. Beispielsweise: einen Roman in der Literatur (das war das Beispiel aus dem Hangout); eine Theorie in der Soziologie; einen Beweis in der Mathematik; ein Informationssystem oder eine Prozesslandschaft in meiner eigenen Disziplin, der Wirtschaftsinformatik.

Wie Martin aber sagte, was auch von Jürgens verstanden und aufgenommen wurde, geht es darum, den Schülern/Studenten einen Zugang zum Thema zu verschaffen, den sie als exploratives Sprungbrett, wie eine Spur für Bluthunde (Martin: „Die Schüler sollen Blut lecken“), verwenden können, um sich tiefer liegende Schichten des Themas später selber zu erschließen. Hierfür – und das hat Isabelle ebenfalls eindrücklich bestätigt – ist es nützlich bzw. sogar wichtig (Isabelle: „für mich bei LdL das Wichtigste“), dass sich die Schüler an die Basisinformationen, an das, was Martin „existenziell“ nennt, erinnern können.

In diesem Zusammenhang werde ich an einen neuen Artikel von J. Loviscach  bekannt als MOOC-Experte) erinnert, der gerade in der ZEIT erschienen ist, und bei dem es um den Sinn oder Unsinn der Vermittlung von höherer Mathematik für Ingenieur-Studenten geht. Ich finde, sowohl der Artikel, als auch die Kommentare zum Artikel (beide recht  konfrontativ und polemisierend) gehen am Problem des Lernens von Mathematik deshalb vorbei, weil sie diese Komplexitätsreduktion nach Martin nicht wahrnehmen oder nicht verwenden. Sie macht natürlich nur im Zusammenhang mit einem „Lernen durch Lehren“ Vorgehen wirklich Sinn: denn der Unterricht hört ja mit der Reduktion nicht auf, sondern er beginnt dann erst! Aber es bleibt den Studenten oder Schülern überlassen, wie und wie weit sie sich als Gruppe auf tieferliegendes Wissen einlassen. Nicht ungesteuert, aber, in Martins Worten, auf der Basis eines „anthropologischen Modells“ und eines existenzialistischen Modells ebenso (siehe Bild). Loviscach und wie die Kommentatoren seines Artikels versuchen, hier durch die Wahl und Kontrolle des Themas etwas voraus zu nehmen, was m.E. besser von den Studierenden erschlossen wird – als LdL-Angebot, das „Sucht induzieren soll“ (Martin).

Was ich in vielen Workshops zum Thema Komplexitätsreduktion gehört habe, geht in ähnlicher Weise an der Didaktik vorbei: dort geht es darum, viel Stoff in wenige Stunden zu pressen, oder effektiver zu sein…dabei wird aber viel mehr Zeit verbracht, die Weite eines Nürnberger Trichters zu diskutieren, anstatt der Beziehung zwischen Lehrer und Lernenden wie bei LdL.

Jedenfalls: ich bin gespannt, was ihr zum Thema Komplexitätsreduktion denkt?

[Copy auf meinem Blog]