Menschenrechte Artikel 19: „Informationen suchen, empfangen, verbreiten“.

Resume Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, (…) über Medien jeder Art ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

1. Wenn man das Recht hat, muss man auch die Möglichkeit bekommen

Wenn es ein Menschenrecht ist, Informationen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten, dann gilt es, alles zu tun, um allen Menschen diese Möglichkeit zu eröffnen. Auf diese Weise können wir die Denkressourcen von Milliarden von Menschen weltweit zur Problemlösung mobilisieren. Ein Schritt in diese Richtung sind Alexander Rausch und Ulrike Reinhard mit ihrem Benin-Projekt gegangen.

2. Und so bereite ich meine Schüler darauf vor,  für die Verwirklichung von Artikel 19 zu kämpfen

Auszug aus dem Aufsatz: „Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität„:

(…) So wird im Leistungkurs Französisch umfangreiches geschichtliches Wissen vermittelt, aber immer im Hinblick auf die Durchführung von Projekten, die eine Veränderung der Welt zum Ziel haben. Dies betrifft beispielsweise die Aufarbeitung der Ereignisse nach dem zweiten Weltkrieg, die zur Gründung der UNO im Jahre 1945 und zum Verfassen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 geführt haben. Erst auf diesem Wissenshintergrund sind Schüler und Lehrer argumentativ in der Lage, glaubhaft und nachhaltig für die weltweite Implementierung des Artikels 19 zu kämpfen. (…)

Fazit Sich für die Verbreitung von Kommunikationsmitteln weltweit einzusetzen ist kein Hobby und keine Marotte. Es ist eine Pflicht.

Warum ich twitter brauche: zur Organisation kollektiven Denkens.

Resume Als Wissenschaftler sehe ich meine Aufgabe darin, kollektive Reflexion anzuregen und zu organisieren. Dazu brauche ich Inhalte (Handlungsziele), Menschen (Neuronen) und Kommunikationstools (Gehirnarchitektur).

1. Die Ziele (Inhalte)

Aus Gründen, die ich bereits an anderen Stellen beschrieben habe, bin ich stets auf der Suche nach umfangreichen informativen Stimuli. Die finde ich, wenn ich Projekte durchführe. Um Projekte durchzuführen wiederum, brauche ich Menschen. Ich muss also Menschen mobilisieren. Es hat sich erwiesen, dass Menschen gerne an „Weltverbesserungsprojekten“ mitarbeiten.  Solche Projekte sind z.B. die Verbesserung des Schulsystems durch die Verbreitung neuer Kommunikationstools (Web2.0) oder durch die Einführung neuer Methoden, wie Lernen durch Lehren (LdL).  Solche Projekte sind aber auch politische Aktionen gegen die Zerstörung von Ressourcen, wie die Grünen sich auf die Fahne geschrieben haben.

2. Die Menschen (Neuronen)

Wenn Menschen gemeinsam Projekte durchführen, müssen sie kollektiv reflektieren. Das geht am besten, wenn sie schnell und möglichst permanent kommunizieren, wie Neuronen im Gehirn. Ich selbst bearbeite folgende Themen und versuche kollektive Reflexion mit folgenden Menschen durchzuführen (ich liste nur die Projekte und Personen auf, die mich aktuell beschäftigen):

  • Verbesserung der Methodik in Schule und Hochschule dank der Methode Lernen durch Lehren: Knotenpunkt: cspannagel und Lutzland, melgottschalk sowie ekirlu (zusammen mit weiteren Akteuren, die ich nicht mehr überblicke)
  • „Weltverbesserungsprojekte“ nach dem IPK-Muster: Knotenpunkte: kratky (zusammen mit etwa 80 Studenten) und mindlounge (zusammen mit weiteren Akteuren)
  • Intensivierung der Kommunikation unter Grünenmitgliedern: Knotenpunkte speedwuschel und frumpy63
  • Internetprojekte mit Senioren an der Universität Ulm: Knotenpunkt steht noch nicht fest
  • Permanente Reflexion ohne konkretes Projekt mit apanat und Itari sowie Birkenkrahe, dieGoerelebt und Filterraum
  • Sehr vertiefter Austausch über Unterricht mit mccab99 und herr_larbig

3. Ohne Twitter geht es nicht

Bei einer so großen Anzahl von effektiven und möglichen Projektpartnern, die man ansprechen möchte oder die man mit anderen Inhalten (Links) oder Personen verknüpfen will (Organisation kollektiver Reflexion)  ist es unabdingbar, dass man die Übersicht über ihre Aktivitäten behält und auf den Augenblick wartet, der für eine Kontaktaufnahme günstig erscheint. Wenn ich einen Partner mit Hilfe von Twitter verfolge, kann ich seine emotionale und intellektuelle Bereitschaft erkennen, sich auf ein Kontaktangebot von mir einzulassen. Ich kann auch einschätzen, inwieweit er belastbar ist und eventuell freie Kapazitäten hat, um mit mir eine Aktion durchzuführen. Einen solchen Überblick kann ich mir nur mit twitter verschaffen!

Fazit Twitter ist gegenwärtig das einzige Medium, das ermöglicht, sich einen umfassenden Eindruck über die Verfassung eines  Kontaktpartners zu verschaffen, also über seine aktuelle Kontaktbereitschaft und aktuelle Belastbarkeit.

Fabrikneu: sechs IPK-Wissenscontainer

Resume Nach zwei Monaten harter, intensiver Arbeit liefern die 60 Studentinnen aus dem internationalen, virtuellen Modul „Internet- und Projektkompetenz“ (IPK) ihre Wissensprodukte ab.

1. Zur Erinnerung: das IPK-Modul

Im Rahmen des Moduls IPK werden Studenten aus verschiedenen Ländern zusammengebracht, um gemeinsam innerhalb eines Semsters virtuell an Forschungsfragen zu arbeiten. Es handelt sich also um internationale, kollektive Wissenskonstruktion. Hierbei lernen die Studenten, wie man auf Foren kommuniziert, sich eine Benutzerseite in Wikiversity einrichtet, gemeinsam mit Hilfe von Wikis Wissen konstruiert und die Ergebnisse im Netz veröffentlicht (siehe: „I have learning so much from doing this project“). Das Modul verlangt sehr viel sowohl von den Studentinnen als auch von den Dozenten, die für den nötigen, permanenten Druck sorgen müssen.

2. Die Wissenscontainer des IPK-Durchgangs Oktober-Dezember 2008

60 Studentinnen im Bereich Grundschulpädagogik aus Bulgarien (Sofia), Deutschland (Eichstätt) und USA (Charlotte, North Carolina):

Thema 1:The teachers emotional influence on first-graders

Thema 2: Areas of spezialisation for elementary teachers

Thema 3: Types of instruction and learning theories

Thema 4: Open education

Thema 5: Elementary education program requirements

Thema 6: Interaction between children and nature

Fazit: Die Konstruktion von Wissenscontainern im Rahmen des IPK bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Zwang und Freiheit. Am Ende: „I have learning so much from doing this project“. Und sechs Powerpoints, die das Ergebnis internationaler Studentischen Forschung zur Verfügung stellen.

„I have learned so much from doing this project“

Resume: Bulgarische, deutsche und amerikanische Studentinnen kommen virtuell zusammen, forschen gemeinsam 2 Monate lang und publizieren ihre Ergebnisse im Internet (Powerpoint). Das ist bestpractice.

1. Anspruchsvolle Ziele zwingen zur intensiven Kommunikation

Im Rahmen des Moduls „Internet- und Projektkompetenz“ (IPK) kommen Studentinnen aus verschiedenen Ländern zusammen und konstruieren gemeinsam fachbezogenes, neues Wissen. Ich nehme als Beispiel den aktuellen IPK-Kurs: es handelt sich um 60 Lehramtsstudentinnen aus Bulgarien, den USA und Deutschland, die im Fach Grundschulpädagogik gemeinsam Forschungsfragen angehen. Einige von ihnen gewählten Themen sind: „Open education“, „Types of instruction and learning theories“, „Interaction between children and nature“, „The teachers (emotional) influence on first graders“. Um solche Themen allein oder in einer kleinen Arbeitsgruppe zu behandeln, wäre in einem normalen Seminar kein großer Abstimmungsaufwand notwendig. Ganz anders in einem internationalen, virtuellen Seminar. Es muss intensiv kommuniziert werden, ob man das will oder nicht.

2. Fünf Abstimmungsphasen und der permanent auszuübender Druck

Nach einer ersten Phase der Euphorie („I am really excited to be working on this project with my group!!!!“) geht es an die Arbeit:

– Die Studentinnen müssen sich auf einem ZUM-Forum vorstellen: Wie geht das? Wie melde ich mich an? Wieso habe ich noch keine Anmeldebestätigung erhalten? Mein Beitrag ist verschwunden, wo ist er nun? Muss es überhaupt sein, die blöde Anmeldung?

– Die Studentinnen müssen sich eine Benutzerseite in der Wikiversity einrichten: Wie geht das? Wie melde ich mich an? Wie lade ich mein Foto hoch und muss es überhaupt sein? Muss es überhaupt sein, die blöde Wikiversity-Benutzerseite?

– Die Studentinnen müssen sich austauschen und sich über ein Thema einigen: Wie geht das? Wo finde ich Leute, die mein Thema bearbeiten wollen? Ich habe eine Frage ins Forum gestellt und keiner antwortet! Sorry, ich bin im falschen Forum! Muss es überhaupt sein, das ganze im blöden Forum zu machen, geht es nicht per Mail?

– Die Studentinnen müssen eine Gruppenseite einrichten, damit der Prozess nachvollziehbar ist und die Ergebnisse gesammelt werden können: Wie geht das? Das genügt doch, wenn wir unsere Benutzerseiten haben! Ich habe nicht nur diese Projekt, ich habe auch andere Verpflichtungen! Muss es unbedingt sein, diesen blöden IPK-Kurs zu machen?

– Die Studentinnen müssen am Ende ihrer Forschung eine Powerpoint gemeinsam erstellen: Wie geht das? Das genügt doch, wenn die Ergebnisse in der Gruppenseite stehen! Muss es unbedingt sein diese blöde Powerpoint erstellen und präsentieren?

Fazit: Nach zwei Monaten intensiver Arbeit und oft – kulturell bedingt – konfliktreicher Kommunikation haben 60 Studentinnen international neues Wissen konstruiert:I have learned so much from doing this project„.

Rennende Pferde

Resume Mein Hauptanliegen ist die Kollektive Konstruktion von relevantem Wissen (im Sinne der Weltverbesserung). Wenn das Wissen vorliegt, muss es verbreitet werden. Wie geht das?

1. Mit Wikis Wissen konstruieren

Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit kollektiver Wissenskonstruktion (siehe das IPK-Modul und Neuron). Kollektiv Wissen konstruieren ist sehr mühsam und verlangt viel Ausdauer. In dieser Hinsicht ist die Wikipedia eine tolle Schule. Um relevantes Wissen zu konstruieren, braucht man Menschen. Wo findet man sie? Das beste Reservoire ist das Internet. Im Rahmen der Wikipedia habe ich eine ganze Reihe von stabilen Mitwirkenden gefunden und schätzen gelernt. In der Wikipedia konnte ich auch Lernen durch Lehren (LdL)  sehr gut darstellen und durch Verlinkungen vernetzen und verankern. Nicht nur in der deutschen, sondern auch in der Englischen, der Rumänischen, der Russischen, und der Chinesischen Wikipedia. Aber wirklich bekannt wurde LdL dadurch nicht.

2. Mit Twitter und Blogs Wissen verbreiten

– Twitter als Rennbahn:   In Twitter wird kommuniziert, es werden Pakete ausgetauscht. Twitterleute kommen sehr viel herum, meist sind sie auch sehr schnell, wie rennende Pferde. Wenn ich möchte, dass sie meine Pakete (Wissensbausteine) weitertransportieren, muss ich warten, bis sie kurz anhalten, und dann schnell mein Paket auf den Rücken werfen (siehe auch: Aufmkersamkeitsfenster), in der Hoffnung, dass das Paket nicht gleich bei der nächsten Kurve runterfliegt. So geschieht es mit den LdL-Produkten.

– Blogs als Lagerraum und Vitrine: In den Blogs wird weniger interagiert, hier konstruiert der Blogger sein Wissen in Einsamkeit. Das Wissen wird geordnet und präsentiert. Es wird auch angereichert, wenn Rückmeldungen die Reflexion anregen.

3. Nach dem Produkt LdL kommt das Produkt IPK

Wikipedia ist eine Wissenskonstruktionsmaschine, die die Rekrutierung ihrer Mitwirkenden dem Zufall überläßt. IPK ist ebenfalls eine Wissenskonstruktionsmaschine, allerdings mit verbindlicher Rekrutierung und Führung.

Fazit: Rekrutieren und verbreiten mit Twitter und Maschendraht (Kontaktbörse), mit Blogs ordnen und präsentieren, mit Wikis und IPK Wissen konstruieren.

Lernziel Prokrastination!

Resume Nach wie vor sind Erziehungsorte wie die Schule und die Universität handlungsarm. Es wird viel Zeit verloren mit Überlegungen, die in der Realität wertlos sind. So gewöhnen sich Schüler und Studenten daran, permanent zu prokrastinieren. Ein Ausweg: ein Projekt nach dem anderen durchführen (bis zum Ende, nicht nur planen)!

1. Folgenloses Schwätzen an Schulen und Hochschulen

Wenn Studenten nach dem Examen die Hochschule verlassen und auf die Realität des Lehrerberufes stoßen, kommt es ihnen oft vor, wie wenn sie in einen TGV einsteigen würden. Auf einmal muss geschuftet werden und jeder falscher Griff kann zum Aufruhr im Klassenzimmer führen. Zum ersten Mal merken sie, dass ihre Überlegungen im Vorfeld sofort Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sie nicht zweckmäßig waren. Das nennt man den Praxisschock. Was haben sie denn an der Hochschule gelernt? Sie haben gelernt, dass sowohl die behandelten Inhalte als auch die Art und Weise, wie diese Inhalte aufgearbeitet werden, folgenlos sind. Für die reale Arbeit der künftigen Lehrer hat es keine Folge, wenn sie sich ein Semester lang mit Pestalozzi beschäftigen und unendlich viele Stunden in Referate über Detailaspekte investiert haben. Sinnvoll für die Zukunft wäre es vielmehr, wenn sie aktiv die Skills erwerben würden, die sie bereits heute, und auf jeden Fall morgen im Unterricht brauchen werden, also die Skills des 21 Jahrhunderts: die Fähigkeit einer Gruppe sinnvolle Ziele zu setzen (am besten die Konstruktion von Wissen), die Fähigkeit, die Arbeit der Gruppe im realen und virtuellen Raum zu organisieren und bis zum Abschluss zu führen, die Fähigkeit, die Qualität und Brauchbarkeit der Schülerergebnisse (Produkte) zu bewerten, die Fähigkeit, die Schülerprodukte (neues Wissen) zu verbreiten. Bereits heute und morgen noch vielmehr wird es auf die Fähigkeit ankommen, gemeinsam relevantes Problemlösewissen zu konstruieren. Alles andere ist nutzlos und verleitet zu permanentem Geschwätz (Prokrastination). Erst als Referendar werden sie sehen, dass die Inhalte und Vermittlungsverfahren, die sie unter akutem Handlungsdruck am Vorabend oder um 4.00Uhr früh vorbereiten, spätestens in der Gefahrsituation „Unterricht“ abgerufen werden müssen. Und wenn sie keinen Erfolg haben, droht die blutige Nase (metaphorisch).

2. Der Weg ist das Ziel? Seltsamer Spruch!

Der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ kann nur an der Hochschule im Rahmen der Lehrerausbildung geprägt worden sein. Wenn die an der Hochschule geleistete Arbeit ernstzunehmen wäre, dann könnte man nicht behaupten, dass es auf den Weg ankommt und nicht auf das erstellte Produkt. Auch dieser Spruch liefert eine Legitimation dafür, dass Professoren und Dozenten so gerne folgenlose und abstrakte Diskussionen führen, über Themen, die keine Schulrelevanz besitzen. Erst im Schuleinsatz wird der Referendar feststellen, dass er, wenn er die Schüler interessieren will, seine eigenen Inhalte zusammensuchen muss. Aktuelle, die Schüler interessierende Themen sind Bretton Woods, die Piraterie an der Somalischen Küste, die vom Sicherheitsrat beschlossenen Interventionen  in Krisengebieten. Welcher Pädagogik-Student, welcher Französischlehrer ist auf diesen Gebieten fitt? Dabei wäre die Hochschule der Ort, wo die künftigen Studenten ihre Wissensbasics erwerben könnten. Anstellen dessen wird prokrastiniert, indem noch einmal eine Runde mit Montessori und Perstalozzi gedreht wird. Helfen die beiden für die Bewältigung der Unterrichtssituation im 21. Jahrhundert? Ich sage: nein! Ihre Werke sind rezipiert worden und moderne Didaktiker haben zu den Ideen der alten Pädagogen noch viele anderen dazugemischt, nicht zuletzt die Erkenntnisse der Gehirnforschung und die neuen Einsichten, die durch die Internetorganisation gewonnen werden: Schwarmdenken, Weisheit der Vielen usw. Und zu „der Weg ist das Ziel“ eine (erfundene) Anekdote: vor einiger Zeit war ich beim Bäcker, um zur Hochzeit meines Sohnes eine Torte zu bestellen. Als ich am morgen der Feier den Kuchen abholen wollte, empfang mich der Bäcker hocherfreut: „Beim Backen der Torten haben wir viel gelernt und enorm viel Spaß gehabt. Leider ist es am Ende mit der Torte nichts geworden, aber: der Weg ist das Ziel!“ I was not amused.

Fazit In Schule und Hochschule sollten Wissens- und Verhaltensbasics vermittelt werden, die es ermöglichen, mit der komplexen Welt des 21.Jahrhunderts erfolgreich umzugehen. Dazu gehört die Projektfähigkeit und damit verbunden die Zielorientierung (Produkt) und die Bereitschaft, verordnete oder selbstinitiierte Prokrastination zu erkennen und zu  vermeiden.

Kommunikation als Kickspender und Verführung! Auf die Ziele kommt es an!

Resume Kommunizieren macht Spaß, sehr viel Spaß! Oft vergessen Menschen, dass die Kommunikation nur dazu dient, zusammen mit anderen bestimmte Ziele zu erreichen. Auch die Kommunikation über Kommunikation ist noch kein relevanter Inhalt. Oh je!

1. Warum im virtuellen Raum soviel kommuniziert und sowenig realisiert wird

Ich habe bereits beschrieben, dass der Vorgang der Informationsverarbeitung durch den Organismus belohnt wird. Es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten, sonst würde das Lebewesen dies nicht tun und bald nicht mehr mit der Umwelt klar kommen. Wie alle anderen Lebensfunktionen, die im Sinne der Lebenserhaltung viel Spaß machen müssen, damit wir es überhaupt tun  (z.B. auch Nahrungsaufnahme und Geschlechtsverkehr) ist die Aufnahme von Informationen hochgradig suchtinduzierend. Das kann man beispielsweise an der Videospielsucht beobachten. Wenn Menschen sich also vornehmen, gemeinsam ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und dafür viel zu kommunizieren, ist die Gefahr immer gegeben, dass sie anfangen, permanent zu kommunizieren und dabei vergessen, warum sie es tun. Oder sie können sich auch ein gutes Gewissen verschaffen, indem sie über die Optimierung und Verbreitung von Kommunikationsmitteln kommunizieren, auch wenn sie für das zu erreichende Ziel ausreichend mit einem Telephon und einem Blatt Papier versorgt wären. Natürlich spreche ich hier nicht von den Menschen, die von berufswegen über Kommunikation reflektieren. Das ist ja ihr Job! Für sie, und nur für sie ist die Gestaltung von Kommunikationsmitteln der Inhalt. Alle anderen, insbesondere Lehrer, benutzen Kommunikationsmittel um mit ihren Schülern Inhalte zu barbeiten, im Idealfall sogar gemeinsam zu konstruieren. Da das eventuell festgelegte Ziel immer wieder aus den Augen gerät, lösen sich communities immer wieder auf und es bilden sich neue, ohne dass die Kommunikation gestört wird. Man rennt von einem Kommunikationsrausch zum anderen mit wechselnder Party-Besetzung.

2. Wikipedia als Gegenmodell: gemeinsame Wissenskonstruktion

Bei Wikipedia ist das Ziel sehr klar definiert: es wird gemeinsam Wissen konstruiert. Dieses Wissen wird in Form von Artikeln gespeichert. Alles andere ist zweitrangig. Jeder weiß, was von ihm erwartet wird, nämlich dass er sich an die strengen Regeln der Wikipedia-Arbeit hält: „wir erstellen eine Enzyklopädie, basta!“.  Zur Konstruktion von Artikeln wird natürlich sehr intensiv kommuniziert, aber dies erfolgt über ganz einfache, mintunter spröde Tools. Beim Schreiben von Artikeln ist die Autorenbesetzung zwar nicht durchgängig stabil, aber oft bilden sich Gruppen von zwei oder drei Autoren, die über Jahre hinweg an ihren Artikeln arbeiten. Natürlich kann man auch im Rahmen der Wikipedia Suchtverhalten entwickeln und sich dem Kommunikationsrausch hingeben, aber dies geschieht eher im Bereich der Wartung, insbesondere des Suchens und Stellens von Vandalen, oder in der Abwehr von Trolls. Wikipedia nenne ich deshalb ein „Gegenmodell“ zu Twitter und Blogs, weil die hedonistische Komponente fehlt. In der Wikipedia werden in spröder kommunikativer Ambiente außergewöhnliche Zielorientierung, Nachhaltigkeit und Durchhaltevermögen mobilisiert.

3. Der dritte Weg: die IPK-Struktur (oder Neuron)

In der Twitter/Blogger-Welt wird der Schwerpunkt auf den Akt der Kommunikation und der Vernetzung gelegt. Bei Wikipedia steht die Zusammenstellung und Präsentation des existierenden Wissens im Vordergrund.  Das IPK-Modul (auch Neuron-Konzept) bemüht sich um die Integration der beiden Komponenten, indem nicht nur wie in der Wikipedia existierendes Wissen präsentiert wird, sondern Wissen im Rahmen von Projekten hergestellt wird: Menschen kommen zusammen, definieren einen Bereich, über den sie Wissen erstellen wollen, entwickeln ein entsprechendes Design, führen das Projekt durch und speichern das gewonnene Wissen ins Netz. Sie lernen also zu kommunizieren, indem sie gemeinsam Wissen erstellen.

Fazit Kommunizieren lernt man am besten im Rahmen von Projekten mit dem Ziel, relevantes Wissen gemeinsam zu konstruieren. 

Gemeinsam Wissen konstruieren, international: mühsam aber lohnend!

Resume: Im Modul „Internet- und Projektkompetenz“ (IPK) der Uni Eichstätt arbeiten Lehramtsstudentinnen mit Bulgarinnen und Studentinnen aus den USA gemeinsam an Themen, die sie selbst festlegen. Sie konstruieren also gemeinsam Wissen, weltweit.

1. 60 Studentinnen aus drei Ländern

Das Modul besteht bereits seit 2001 und ist breit dokumentiert. Ich konzentriere mich auf den aktuellen Durchgang. Es sind 60 Studentinnen des Grundschullehramtes: 6 Studentinnen aus Eichstätt, 12 Studentinnen aus Sofia und 48 Studentinnen aus Charlotte (North Caroline). Der Kurs dauert ein Semester wähend dessen die Teilnehmerinnen a) sich auf Themen einigen müssen, b) internationale Gruppen bilden, c) ein Forschungsdesign (empirische Forschung: Interviews und Fragebögen) aufstellten, d) die Forschung in den jeweiligen Ländern durchführen, e) die Ergebnisse der jeweiligen Länder vergleichen, f) die Ergebnisse in Wikis und Homepages veröffentlichen.

2. Die Themen und die Kommunikation in diesem Semester

Folgende Themen werden in diesem Semester erforscht:a) Das Verhältnis zwischen Kind und Natur, b) Der emotionale Einfluss von Grundschullehrern auf die Kinder, c) Unterrichtsmethoden: Instruktion oder Konstruktion?, d) Offene Unterrichtsmethoden, e) Lehrpläne in der Grundschule, f) Ausbildung als Spezialist oder Generalist?

Zur Kommunikation werden ZUM-Foren benutzt und Wikis. Letztere enthalten diverse Übersichten, darunter eine dreispaltige mit folgenden Inhalten: I. Was ich bisher über das Thema weiß. II Was ich erfahren möchte. III Was ich nun gelernt habe. Hier ein Beispiel: Gruppe 3: Types of instruction and learning theories

Fazit: Auch wenn die Zusammenarbeit mit einem großen Koordinationsaufwand verbunden ist und erfahrene Dozenten und Tutoren verlangt, so lohnt sich die anstrengende Arbeit. Es wird ein international relevantes Wissen gemeinsam konstruiert. Aus meiner Sicht der Weg der Zukunft für das Bildungswesen.

Traumhaft, aber noch nichts passiert!

Nach einem Jahr Flow im Rahmen von Educamp Ilmenau, Bodensee (Reinhard Kahl), Educamp Berlin, Neuron und Ludwigsburg möchte ich innehalten und bilanzieren. Danach werde ich meine Ziele für die nächsten Monate festlegen.

Resume: als Aktionsforscher bemühe ich mich, a) Probleme des Forschungsfeldes zu identifizieren, b) mit Hilfe von Partnern Lösungen (neues Handlungswissen) zu erarbeiten,  und c) dieses neue Wissen zu verbreiten. Da ich in den letzten 25 Jahren Handlungswissen konstruiert habe, das noch nicht breit diffundiert wurde, stand Verbreitung auf der Tagesordnung.  Jetzt muss wieder neues Wissen konstruiert werden.

1. Vor einem Jahr: Wissen auf Vorrat

Vor einem Jahr war LdL im deutschen Bildungssystem bekannt. Die Methode war dank Einladungen des Goethes Instituts oder der Deutschen Schulen auch im Ausland ein Begriff (Europa, aber auch Äthiopien, Türkei, Südamerika und dank Guido Oebel auch besonders in Japan). Allerdings war LdL vor allem als eine „Technik“ unter vielen anderen verstanden. Nur wenige erkannten, dass hinter LdL ein umfangreiches, modernes pädagogisches Konzept steht.

2. Die Leistung der Neuronen-Gruppe: Diffundierung des vorliegenden Wissens

Dank Educamp und die Neuronen-Gruppe, insbesondere dank Lutz Berger war es möglich, den Fokus auf die Theorie zu richten. Die gute Aufnahme meiner Konzepte (vor allem Neuron) durch die Educamp-Freaks ermutigte mich, diese Ideen auch in einem größeren,  traditionelleren Kontext vorzustellen (Bodensee-Kongress Reinhard Kahl). Dort wurden die Gehirnmetapher und mein anthropologisches Modell ebenfall sehr gut aufgenommen.

3. Legitime Freude am Diffundieren

Natürlich macht es sehr viel Spaß, neues Wissen zu diffundieren: man weiß etwas, was die anderen nicht wissen. Man gewinnt dadurch Aufmerksamkeit (Währung der Zukunft) und gerät in ein Flow, der solange andauert, solange es Leute gibt, die dieses neue Wissen nicht kennen und Uiiii sagen. Man freut sich und neigt dazu, sich mit dem Verbreitungsprozess übermäßig zu befassen, der ja soviel Spaß macht. Was aber, wenn der Vorrat an neuem Wissen verbraucht ist?

4. Neues Wissen konstruieren: IPK-Modell

Vorschlag für Ludwigsburg (weitere biographische Mitfahrgelegenheit):

– Ein relevantes Problem wird identifiziert (z.B. Internetkompetenz  in Grundschulen) und international angegangen,

– Suche nach Partnern im Ausland (PH in Bulgarien oder USA),

– Gemeinsame Forschung ein Semester lang,

– Hochladen der Ergebnisse (neues – für den Fortschritt der Menschheit relevantes – Wissen)

– Diffundierung dieses neuen Wissensproduktes.

Aufgabe des Dozenten: Organisation kollektiver Reflexion und kollektiver Wissenskonstruktion

Meine Ziele für die nächsten Monate: soviele IPK-Projekte wie möglich in allen mir zugänglichen Gruppen anregen.

Spannagel: die nächsten Schritte

Hallo christian,

wie ich dir in meiner jüngsten Mail geschrieben habe, erwächst uns aus der Begeisterung, die wir bei vielen ausgelöst haben, eine große Verantwortung. Wir können nicht Menschen, die aufgestanden sind, um eine neue Welt zu schaffen, vage Vorstellungen als Ziel anbieten.

Daher:

1. Das Verhalten des einzelnen: Neuron

Wir stecken immer noch in der Phase 1, wo wir unseren Mitstreitern vermitteln, was das Wesen von LdL ausmacht, nämlich dass Schüler und Studenten wie „Neuronen“ handeln. Wie Neuronen im Rahmen von LdL und in der virtuellen Welt handeln sollen, das hast du in deinem Blog unübertrefflich beschrieben. Was sollen nun aber diese Neuronen tun? Sie sollen Handlungswissen konstruieren.

2. Die Organisation kollektiver Reflexion: Cortex

Wir müssen unsere Leute in die Lage versetzen, Neuronenensembles zusammenzufügen und kollektive Reflexion zu organisieren, wie du und ich es im Augenblick tun. Kollektive Reflexion organisieren bedeutet, dass wir Einfluss nehmen auf die Verbindungen zwischen den Neuronen, um die Interaktionen zielbezogen zu optimieren. Wie du weißt, erfolgt lernen auf der neuronalen Ebene dadurch, dass stabile Neuronenkonnexionen entstehen. Und diese Stabilität erfolgt wiederum dadurch, dass die Neuronen intensiv interagieren (Transmitteraktivitäten). Soweit sind wir auch in unserem Projekt. Wir interagieren stabil mit Lutz, Alexander, Jana, Mo und vielen anderen Leuten. Auf diese Weise entsteht eine „Lernende Organisationen“. Damit dies optimal verläuft, müssen wir bestimmte Regeln anwenden. Hier sind sie: Wie man als Cortex ressourcenorientiert arbeitet.

3. Als Gehirn Probleme lösen

Wenn es soweit ist, können wir die sich allmählich konstituierenden Gehirne auf a) die Konstruktion relevanten Wissens, das in die Wikipedia eingespeist wird, und b) auf die Lösung von Problemen ansetzen. Wir werden mit kleinen Übungen anfangen, das haben wir bereits in Ilmenau und in Berlin begonnen, mit unseren Neuronenprojekten. Später werden wir, wenn wir international werden wollen, die IPK-Stuktur übernehmen müssen.

Das klingt alles sehr bestimmend, aber du lässt dich nicht steuern. Du nimmst, was dir sinnvoll erscheint und verwirfst, was dir nicht so schmeckt. So kenne ich dich.

Das Ganze wird uns ein paar Monate beschäftigen.