Von Timo Lommatzsch interviewt.

DIUI Folge 6: Das Internet und Jean-Pol Martin

Jean-Pol Martin

Jean-Pol Martin ist Jahrgang 1943 und bezeichnet sich selbst als Digital Native – zu recht! In unserem Interview sprechen wir über die Herausforderung Netzwerke aus dem offline in das online Leben zu integrieren. Jean-Pol erzählt von seinen frühen Projekte an der Universität, wo er Studenten aus unterschiedlichen Ländern mittels des Internets für verschiedene Projekte und Aufgaben vernetzt hat und davon, wie es ist, wenn man mit 60 in ein fremdes Land reist, dessen Sprache man nicht spricht und sich nur übers Internet von anderen Menschen Tipps und Tricks zum „überleben“ geben lässt. Und dann hat er noch einen besonderen Tipp für das „Überlebenstraining“ im Internet: werdet Wikipedia-Autor!

icon for podpress DIUI Folge6: Das Internet und Jean-Pol Martin [25:12m]: Hide Player | Play in Popup | Download

Von: Timo Lommatzsch, Datum: Samstag, den 8. Mai 2010, Kategorie: Podcast, Reaktionen: Noch keine Reaktion »

Advertisements

Selbstreferentialität.

Resume Körper geraten in Resonanz wenn man an diversen Stellen des Systems Impulse redundant einspeist.

So speise ich den Beitrag von Herrn Larbig ein:

Prof.Dr.Jean-Pol Martin ist pensioniert und wird immer noch klüger

Prof. Dr. Jean-Pol Martin war Lehrer und Prof. für Französischdidaktik an der Universität Eichstätt. Ein Experte des Lernens, der „ganz nebenbei“ auch noch die Methode LdL entwickelte – ein kluger Mann, der heute von sich sagt, er werde immer klüger... (Hier geht es weiter…)

Siehe zum Punkt Resonanz auch: Blog redundant einspeisenLegitime SelbstreferenzialitätNeuer Resonanzraum: Die Ingolstädter Grünen

Fazit: Mal sehen, was durch diesen selbstreferenziellen Eintrag in Resonanz gerät.

Informationsverarbeitung als Grundbedürfnis.

Resume Eine zentrale Erkenntnis meiner gesamten Forschung: Das Verarbeiten von Informationen ist ein Grundbedürfnis.

1. Gerhard Portele

1975 schreibt Portele in „Lernen und Motivation. Ansätze zu einer Theorie intrinsisch motivierten Lernens“ (S.236):

(…) Um das Optimum an Aktivation zu erhalten, muss der Organismus dauernd neue Stimuli aufnehmen (…). Das Überangebot an Information in der Umwelt versucht der Organismus durch Selektion (…) zu reduzieren. Der Dauerzustand, der angestrebt wird, ist der Verarbeitungsprozess, das dauernde Reduzieren der Abweichung, das Herstellen von immer wieder neuer Konsistenz.

2. Informationsverarbeitung als Grundbedürfnissen

Wenn, wie ich an anderer Stelle beschrieben habe, sich alle von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse der Oberkategorie „Kontrollbedürfnis“ zuordnen lassen, so gilt es auch für die Informationsverarbeitung, die dafür sorgt, das der Organismus durch permanenten Abgleich mit der Umwelt handlungsfähig bleibt. Werden keine Informationen mehr vom Organismus verarbeitet, so entkoppelt es sich von der Umwelt und ist bald nicht mehr kontrollfähig, also lebensfähig.

3. Befriedigung von Grundbedürfnis als Glück dekodiert

Damit der Organismus die Handlungen durchführt, die seine Selbsterhaltung sichern (Grundbedürfnisse), muss der Anreiz groß sein, den entsprechenden Aufwand auf sich zu nehmen. So muss die Befriedigung der physiologischen Bedürfnisse mit großer Belohnung verbunden werden, sonst würde der Organismus die teilweise enormen Anstrengungen nicht auf sich nehmen. Als bestes Beispiel sei der Geschlechtsverkehr genannt, der insgesamt komplex und strapaziös ist und daher mit intensiven Glücksgefühlen belohnt werden muss. Sonst würde kein Lebewesen sich dieser Prozedur unterziehen und die Art würde prompt erlöschen.  Dasselbe gilt für die Informationsverarbeitung, die wenn eine optimale Stimulizufuhr (also weder Überaktivation noch Unteraktivation) erfolgt, als sehr positiv dekodiert wird (siehe auch: Warum ich nach Ruhm strebe):

4. Zur Struktur optimaler Umwelten

Wenn Informationsverarbeitung ein zentrales Grundbedürfnis ist, dann sollte Schulen und Universitäten optimale Bedingungen zur Informationsverarbeitung liefern, insbesondere im Rahmen von Veranstaltungen. Der Organismus als Informationsverarbeitungssystem müsste die Möglichkeit erhalten, sich reale oder virtuelle Lernräume auszusuchen, in denen er sein Grundbedürfnis optimal befriedigen kann. Vor diesem Hintergrund habe ich LdL vor etwa 25 Jahren entwickelt und lerntheoretisch begründet. Heute betrachte ich das Internet als ein Ort, an dem ich vom Aufstehen bis zum Einschlafen die optimale Zufuhr an informativen Stimuli erhalte. Das Internet ist für mich eine zentrale Glücksbedingung geworden.

Fazit Durch Bereitstellung einer optimalen Informationsumwelt trägt das Internet zur Befriedigung eines zentralen Grundbedürfnisses des Menschen bei.

Lernen als Informationsverarbeitung:

Nerven als Strategie? Wie ich zum Missionar wurde.

Resume Vorgestern hat ein TN der Bürgertreff-Gruppe vorsichtig gemeint, ich trete ein bisschen missionarisch auf. Andere finden, dass ich unglaublich penetrant bin und schrecklich nerve. Bin ich damit erfolgreich?

1. Wie es dazu kommt

Als ich 1980 auf die Idee kam, meine Schüler sich gegenseitig im Fach Französisch unterrichten zu lassen, war es in meinen Augen nur eine kleine Technik, die allerdings viele Probleme löste. Ich dachte, jeder Lehrer, jeder Fachdidaktiker würde die Vorteile sofort erkennen und die Methode aufgreifen. Somit war das Thema für mich mehr oder minder erledigt. Als ich aber festellen musste, dass ich auf großen Widerstand stieß, fing ich an, immer mehr auf diese Technik zu insistieren, sie wissenschaftlich zu untermauern, Verbündete zu suchen, und so wurde ich zum Missionar.

2. Und mit dem Internet?

Als ebenfalls in den 80er Jahren die Computer aufkamen, dachte ich, dass man diese benutzen könne, um alle Stellen der Welt miteinander zu verbinden und beispielsweise die Güterproduktion mit der Güterkonsumption abzugleichen. Das würde die Weltressourcen schonen. Heute macht man sowas mit der Energie. Damals verfasste ich ein Papier darüber und stieß sowohl auf Interesse, als auch auf starke Ablehnung. Die Ablehnung eines aus meiner Sicht so einfachen Prinzips machte mich auch in dieser Sache zum Missionar. Als 1990 das Internet aufkam war für mich klar, dass wir uns auf diese Weise herrlich vernetzen könnten. Als Metapher kam mir das Gehirn in den Sinn und ich unterbreitete diese Evidenz meiner unmittelbaren Umwelt. Neuron und Weltgehirn wurden für mich zu Standardmotto und alle fühlten sich missioniert.

3. Ist das erfolgreich?

Natürlich bekomme ich immer wieder eine auf die Rübe. Dennoch hat sich nun LdL als Methode etabliert, und das Internet als internationales Kommunikationsmittel hat sich sehr früh zunächst in meinen Kursen und dann in anderen in Eichstätt bewährt und eingebürgert. Und jüngst habe ich, glaube ich, extrem im Ingolstädter Grünenkontext genervt. Aber jetzt lassen sie sich voll auf das Internet ein (nicht nur durch mich, aber auch durch mich). War ich mit meinem Nerven erfolgreich?

Fazit Natürlich ist es eine Temperamentssache. Aber wenn man der Überzeugung ist, dass eine Neuerung von großem Nutzen ist, dann ist es vielleicht legitim, zu nerven. Sofern man damit Erfolg hat!:-)))

Habe Geduld und warte auf die Emergenzen!

Resume Wenn man Impulse in komplexe Systeme einspeist, braucht es Zeit (Inkubation) bis erste Ergebnisse emergieren. Aber die meisten Menschen haben keine Geduld und wechseln das Feld gerade dann, wenn die Saat beginnt, aufzugehen.

1.  Reaktionen von Besuchern in meiner 11c

In den Lehrerseminaren (zumindest zu meiner Zeit und im Fremdsprachenunterricht) war man daran gewöhnt, die Qualität eines Unterrichts nach der Anzahl der  Schülerinterventionen zu bewerten. Diese Betrachtungsweise begünstigte einen raschen Sprecherwechsel mit entsprechend oberflächlichem Diskurs.  Was man nicht sehen und hören konnte, galt nicht. Dabei ist gerade die vertiefte Reflexion über komplexe Sachverhalte zeitintensiv und wenig spektakulär. Wer vertieft reflektiert, kann auf Betrachter von außen als gelangweilt wirken.  Ein guter Lehrer muss genug Vorstellungskraft entwickeln, um zu deuten, was sich hinter einem unbeweglichen Gesicht abspielt. Wenn Studenten oder sonstige Besucher zu mir in den Unterricht kommen, fällt ihnen als erstes auf, wie zurückhaltend die meisten meiner Schüler sind und sucht nach Ursachen: oft denken sie, ich würde zu direktiv vorgehen und wenig Raum für Eigeninitiative lassen. Nun biete ich solche Räume immer  wieder an (LdL ist per se schüleraktivierend), aber sie werden nicht so ausgenutzt, wie es möglich wäre. Hier muss man einfach feststellen: es gibt Menschen, die sich ungern vor anderen äußern, und in meinem Fall ist es die Mehrheit in der Klasse. Es wird auch vermutet, dass die von mir behandelten Themen die Schüler nicht erreichen. Aber die Hausaufgaben, die die Schüler jede Woche abliefern, sprechen eine andere Sprache: die meisten geben sich Mühe und führen umfangreiche Recherchen durch (z.B. über die Geschichte Europas nach 1945).

2. Ich sehe was, was die Besucher nicht sehen

In meinem Unterricht werden angebotene Aktionsfelder (Rollenspiele, Mindmaps, Podiumsdebatten, Inszenierungen von Ereignissen) von den Schülern wenig aufgegriffen. Aber komplexe Fragen werden angegangen und bearbeitet (z.B. Nietzsches Glückbegriff im Vergleich zur Glücksvorstellung der Stoiker). Es dauert seine Zeit, bis Statements aus der Gruppe aufsteigen, aber die Qualität ist da! Für Besucher ist es sehr schwer, diese Blumen zu erkennen. Alles wirkt langsam, zäh, langweilig. Wenn man aber seit Monaten an der Wissenskonstuktion in dieser Klasse wirkt und merkt, welche neuen Erkenntnisse von Stunde zu Stunde dazukommen, dann freut man sich über diese Denk- und Wissensfortschritte.

3. Auch im Internet braucht man Geduld

Im Internet werden Foren und Plattformen eingerichtet. Wenn das Thema von Bedeutung ist und viele Menschen anspricht, ist am Anfang ein reger Verkehr zu beobachten. Irgendwann geht der zu Beginn eingespeiste Stoff aus und die Plattform wirkt wie tot.  Es wäre fatal, die Plattform dann zu verlassen, denn man weiß nicht, was in den Köpfen der Teilnehmer sich abspielt (siehe auch, über die Intransparenz von Systemen: Die Spermatozoidenmetapher). Es ist sinnvoll, weitere Impulse einzugeben. Und plötzlich speist man gerade den Beitrag ein, der die Kommunikation wieder in Gang setzt. Und hier ist besondere Nachhaltigkeit angesagt: da ich seit zehn Jahren sehr präsent im Netz bin, haben sich regelrechte Vertrauensbeziehungen aufgebaut, die beispielsweise von Wikipedia, über Blogs und bis zu Twitter aufrechterhalten und vertieft werden. Und es kann sein, dass ich in Twitter eine kleine – im Ansatz traurige – Bemerkung einspeise, und gleich danach, für mich völlig unerwartet taucht ein ermunternder Tweet auf!

Fazit Es lohnt sich, auch wenn das System still zu sein scheint, darauf zu vertrauen, dass Inkubation stattfindet. Dies gilt sowohl für einzelne, scheinbar desinteressierte Menschen oder Gruppen, als auch für Menschen und Gruppe im Internet (Twitter, Plattformen). Je länger die Inkubationszeit, desto wertvoller die Emergenz.

Guter Futterverwerter

Resume Immer schon haben mich Kollegen und Studenten gefragt, woher ich meine Energie beziehe. Die Antwort war stets: „von euch“. Und das geht so:

1. Jäger und Sammler

An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass ich, als ich 1980 auf die Idee kam, meine Schüler sich gegenseitig unterrichten zu lassen, kaum institutionelle Unterstützung erhielt und sehr stark auf Hilfe von außen angewiesen war. Insofern befand ich mich wie ein afrikanischer Jäger und Sammler in einer ressourcenarmen Umwelt. Daher habe ich mich sehr früh daran gewöhnt, kleine Unterstützungen energetisch ganz aufzusaugen, wie bestimmte Populationen sich von ein paar Raupen ernähren können. Da genügt ein netter Satz hier oder da, die positive Äußerung eines Schülers und schon läuft der Motor ein paar hundert Kilometer weiter.

2. Internet als ressourcenarme Umwelt?

Auf den ersten Blick wird das Internet energietechnisch wie das Schlaraffenland. Blühende Landschaften wo man nur sieht. Unendlich viele Menschen, alle klug und kooperationswillig. Vom Ernährungswert trügt es. Nicht, dass ich mich selbst zu beklagen hätte, ganz im Gegenteil: ich will nur betonen, dass man sich eine andere Strategie als in der realen Welt zulegen muss. Wenn es angesichts der Volatilität der Beziehungen gelingt, eine freiwillige virtuelle Arbeitsgruppe längere Zeit (sagen wir ein paar Monate) handlungsfähig zu erhalten, ist es ein großes Geschenk! Wenn man ein langfristiges Projektziel anstrebt, sollte man sich beim Erreichen jeder neuen Etappe freuen und wissen, dass plötzlich Windstille eintreten kann, die sogar zum Tod der Beteiligungsinitiative führt.

3. Energie auch aus kleineren Projekten beziehen

Für Jäger und Sammler ist das Internet sehr üppig bestellt. Man muss sowohl Projektformate anbieten, die innerhalb eines Tages erledigt werden können, als auch solche, die auf mehrere Jahre angelegt sind. Als Beispiel für kurzfristige Projekte ist die Erstellung von kleinen Wissenscontainern zu nennen, wie beispielsweise der Container Web 2.0. in Schule und Hochschule. Für die Durchführung längerfristigerer Projekt empfiehlt sich das IPK-Format. Nach wie vor ist die Wikipedia als langfristiges Projekt kollektiver Wissenskonstruktion in ihrer Nachhaltigkeit unübertroffen.

Fazit Auch für die Durchführung von kollektiven Projekten lassen sich Kontakte im Internet herstellen. Allerdings muss eine andere Strategie angewandt werden als in der realen Welt.

Jetzt ist der Augenblick gekommen: Netzsensibilität!

Vor langer Zeit hatte ich einen Artikel zum Lemma „Netzsensibilität“ für die Wikipedia geschrieben. Zugegeben, der Begriff stammt von mir, insofern war das nicht wikipedia-legal. Die Wikipedia duldet keine „Theoriefindung“ sondern nur die Beschreibung von Inhalten, die vielfach tradiert und abgesichert sind.

Dafür ist die ZUM offener und sie hat mir Asyl gewährt.

So fängt der Artikel an:

Netzsensibilität

Nach Jean-Pol Martin bezeichnet Netzsensibilität im Zusammenhang der Globalisierung und der Wissensgesellschaft ein kognitiv, aber auch emotional wahrgenommenes Gespür für die Interdependenz und Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, Länder, Kontinente). Die Netzsensibilität ist die Voraussetzung dafür, dass Vernetzungswünsche anderer Menschen erkannt und fruchtbar umgesetzt werden. Sie bezieht sich sowohl

  • auf „reale“ soziale Netzwerke (wie zum Beispiel eine Schulklasse, eine Organisation, eine Abteilung einer Firma)als auch
  • auf virtuelle Netzwerke wie Onlinecommunities, Projektgruppen und letztlich das gesamte Internet

Diese Kontextsensibilität ist Voraussetzung für kollektive Wissenskonstruktion

hier weiter…