Christian Spannagel und die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Christian Spannagel über seine Gothic-Erscheinung:

„(…) Natürlich kokettiere ich auch gerne damit wie beispielsweise hier im Video mit Graf Zahl oder bei einem Video zu unserer MOOC-Bewerbung (Achtung: schon gevoted? Wir brauchen eure Stimme!). Ich nutze die Strangeness für die Gewinnung von Aufmerksamkeit. Ich müsste ja nicht unbedingt das vampirige Zylinderbild im Web verwenden, aber dadurch macht man neugierig, und Menschen treten mit mir in Interaktion. Jean-Pol Martin hatte es mal auf den Punkt gebracht: Durch Aufmerksamkeit erhält man zahlreiche Impulse von außen und man gewinnt Menschen für die punktuelle oder längerfristige Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen. Problematisch daran ist: Die Grenze zur gefälligen Selbstdarstellung ist schnell überschritten. Das passiert mir ab und zu (tut mir leid). Aber ich übe ja auch noch. (…)“

Der ganze Blogartikel

Christian Heller (@plomlompom): Post-Privacy

Resume Christian Heller denkt über die Chancen nach, die ein radikal offener Umgang mit den eigenen Daten für die Konstruktion der Identität im Netz bietet. Gewagte These in einer Zeit, wo Datenschutz von allen gefordert wird.

Quelle: Die Ideologie Datenschutz

Datenexplosion und Erosion des Privaten als Chance

Die gegenwärtige Daten-Explosion und Erosion des Privaten lässt sich als Bedrohung oder als Chance begreifen; in jedem Fall erschüttert sie bisherige Verhältnisse, Privilegien, Sicherheiten. Es ist verführerisch, sich in dieser Verwirrung an die vermeintlichen Sicherheiten des Status Quo zu klammern. Eine Welt im Fluss erfordert aber nicht nur immer wieder die Rechtfertigung von Neuem gegenüber dem Alten, sondern auch umgekehrt immer wieder die Infragestellung des Alten durch das Neue. Der Status Quo findet sich oftmals nicht nur an seiner Oberfläche, sondern tief in seinen denkerischen Voraussetzungen angegriffen: Dann muss grundlegend darüber reflektiert werden, wie unsere Menschen- und Gesellschaftsbilder beschaffen sind und was wir uns von ihnen erhoffen.

Wie Christian Heller die Spielräume auslotet

Und dieses Sich-Aussetzen in vorsichtigen Dosen versuche ich, indem ich hier und da mit Post-Privacy experimentiere. So lerne ich im Kleinen Strategien des Umgangs kennen, unerwartete mögliche Gefahrenfelder, aber auch unerwartete Möglichkeitsbereiche. So kann ich dann auch informierter abwägen, wo sich die Investition in Geheimhaltung (mit all den Schwierigkeiten, die das impliziert: aufpassen, wem man was an welcher Stelle sagt; der sich immer wieder aufdrängende Glaube, sich rechtfertigen zu müssen, warum man dieses öffentlich macht, jenes aber nicht) lohnt und wo nicht; und wo sich die Investition in Offenheit lohnt und wo sie eher Ärger bereitet. Ich predige also keineswegs für ein sofortiges sorgloses Stürzen in totale Entprivatisierung; nur dafür, sich in den neuen informationellen Gegebenheiten zu orientieren und dabei bald notwendige Erfahrungen zu sammeln, anstatt blind auf den Status Quo oder die Versprechen der Datensparsamkeit zu vertrauen.

Fazit: Es ist nicht sicher, dass durch offenen Umgang mit Privatem die Toleranz der Gesellschaft wachsen wird. Auf jeden Fall wird die Reflexion über die eigene Identität und deren Entwicklungspotentiale intensiviert.

Warum Web2.0 mein ganzes Leben prägt.

Resume Am kommenden Montag werde ich im Bürgerhaus/Ingolstadt vor Senioren darstellen, warum Web2.0 so toll ist. Warum ist es so toll?

1. Identität: alles zusammenhalten

Als ich noch berufstätig war und unterrichtete, erhielt mein Leben durch die festen Termine und die thematische Eingrenzung eine klare Struktur. Ich musste jeden Tag in die Schule gehen und inhaltlich ging es um die französische Sprache und Kultur. Nebenbei führte ich Projekte durch, aber mein Leben blieb kohärent.  Trotzdem: auch damals fand ich, dass mithilfe von Wikis, Blogs und Twitter die Integration aller Lebensstränge erleichert wurde.  Mit Twitter wurden kleine Lebenspartikeln kommuniziert und dadurch festgehalten, in Wikis wurde Wissen konstruiert und im Blog alles inhaltlich zusammengehalten. Heute, wo ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehe, ist die Aufsplitterung noch viel größer.  Daher auch die erhöhte Notwendigkeit, alle parallel laufenden Aktivitäten zu integrieren.  Mit Twitter besteht die Möglichkeit, einen roten Faden in den Alltag einzufügen. In der Früh kündige ich Vorhaben an, die ich im Laufe des Tages realisiere. Es sind im Prinzip viele kleine Aktivitäten, deren Gemeinsamkeiten immer wieder hergestellt und beleuchtet werden müssen. Das passiert vor aller Augen, so muss man sich zur Kohärenz zwingen und das hilft, eine klare Identität zu bewahren.

2. Was steht an in den nächsten Tagen und Wochen?

– Fortsetzung der politischen Aktivitäten bei den Grünen (donnerstags)

– Studium Generale (VHS, montags)

– Bürgerhaus: Versuch, eine IPK-Gruppe ins Leben zu rufen (weitere Links für Seniorenarbeit)

– Vortrag über LdL in Trient: 27. Oktober

– Skype-Vortrag über LdL mit Norvegen: 10. November

– Fortsetzung meiner Biographie

Fazit Dank Twitter, Wikis und Blogs kann ich den Überblick über meine Aktivitäten viel besser behalten und mich motivieren, weiterzupushen.

Feed-Back-Kultur in twitter und blogs.

Resume Jeden Tag wird unsere Identität im Rahmen von hunderten Interaktionen redefiniert. Vorgestern sagte mir meine Frau ich sei „wahnsinnig zäh“ (das meinte sie positiv). Davon werde ich die nächsten Jahre leben können.

1. Feed-Backs im Reallife

Die Identität ist bei weitem nicht so stabil, wie man meint. Sie wird jeden Tag zur Disposition gestellt und neu verhandelt. Wenn die erste Person, die ich in der Früh treffe, mir bescheinigt, ich sehe schlecht aus, brauche ich sofort Energie, um diese erste Definition zu verarbeiten und positiv umzupolen. Natürlich ist dieses Beispiel harmlos. Wenn ein Dozent einer Studentin nach einer Lehrprobe bescheinigt, ihr Französisch sei miserable und die Stunde eine Katastrophe, wie lange braucht die Studentin um sich zu erholen? Das muss nicht so extrem sein, aber jede Bemerkung, auch die scheinbar harmloseste, wird von uns als Identitätsbaustein benutzt. Und da hilft es wenig, wenn man sich selbst als „der Größte“ in einem Gebiet empfindet, wie es bei mir der Fall ist!:-))) An jedem Tag wird die Identität neu konstruiert mit den Bausteinen, die man geliefert bekommt. Im Reallife kann es durchaus sein, dass man zwar viel Energie investiert, aber kein Feed-Back bekommt, weil die Menschen einfach nicht drangewöhnt sind, zügig und konstruktiv zu feedbacken. Man konstruiert dann seine Identitäten aus Vermutungen: „ich hatte das Gefühl, dass es gut ankam“. Feed-backen müsste man sehr früh in der Familie und gleich im Anschluss in der Schule lernen.

2. Feed-backen in twitter und blogs

Das Internet legt das Feed-backen nahe. Vor allem Twitter, denn es gibt soviele Impulse, dass man am liebsten zu allem etwas schreiben würde. Mit Blogs und Wikis ist es anders. Wenn man Kurse über das Bloggen durchführt, muss man den TN vermitteln, wie wichtig es ist, dass sie die Blogs anderer TN kommentieren. Oft kennen die TN diese Fuktion gar nicht. Man sollte kommentieren, und zwar zeitnah. Wichtig ist auch, dass man die Möglichkeiten der Akteure nicht überschätzt. So wurde ich oft sehr gelobt und man versprach mir eine längerfristige Beschäftigung mit meinen Gedanken und Texten. Das war absolut ernst gemeint. Und ich habe diese Versprechen als tolle Feed-Backs gewertet. Dass es am Ende doch nicht dazugekommen ist, mindert den Wert dieser Absichten nicht. Wenn jemand sich vornimmt, sich intensiv mit meinen Ideen zu befassen, ist es ein herrliches Feed-Back, im hier und jetzt. Und damit baue ich meine Identität im hier und jetzt.

Fazit Wenn du etwas gut findest, sage es massiv und sofort. Der andere braucht solche Baussteine, um seine Identität zu konstruieren, jeden Tag aufs Neue.


Rohstoff Senioren.

Resume Aufgrund meiner Erfahrungen mit meinem Kurs im Rahmen des Seniorenstudiums in Ulm stelle ich fest: „Da ist noch viel Musik drinnen!“

1.Wissensgesellschaft: Seniorenwissen bergen. Wo liegen die Hürden?

Ältere Menschen verfügen, dies festzustellen ist trivial, über enorme Wissens- und Erfahrungsressourcen. Auch dieses Wissen gehört zum „Rohstoff Geist“. Wie kommen wir an dieses Wissen ran? Wo liegen die Hürden? Zunächst meinen ältere Menschen, dass ihre Erfahrungen wertlos sind. Sie erkennen nicht den Nutzen ihres Wissens für die Gesellschaft. Ferner sehen sie nicht, wie sie ihr Wissen verfügbar machen können. Sie kennen zwar das Internet, aber sie glauben, dass die Technik zu kompliziert für sie ist. Schließlich trauen sie sich nicht, forsch nach vorne zu preschen, sondern, da sie in einem autoritätsorientierten Paradigma aufgewachsen sind, wollen sie sich bei Autoritäten immer wieder absichern.

2. Ältere Menschen über kommunikative Tools befreien

Die Aufgabe ist ganz einfach: innerhalb kurzer Zeit sind die Senioren in der Lage, einen Blog zu gestalten. Sie brauchen einen technischen Support, und wenn sie diesen haben, sind sie voller Motivation. Schnell merken sie, dass sie frei sind und völlig selbständig ihr Wissen weltweit zur Verfügung stellen können. Man muss ihnen nur zeigen, wo sie ihre Texte am wirksamsten einspeisen, z.B. in die Wikipedia. Das tun sie dann. Sie brauchen niemanden zu fragen, sie können tun! Exploratives Verhalten, no risk, so fun! Es kann nichts passieren! Das könnte, nein das MUSS zu einer Massenbewegung werden. Liebe Senioren, wir brauchen Sie! Rohstoff Geist! Und: für euch kann es zu einem wichtigen Entwicklungsschritt werden!

Fazit: Der Rohstoff Geist, den Senioren oft unbewusst und unbemerkt mit sich tragen muss erschlossen werden. Nichts geht leichter!

Archeologie des Ichs.

Resume Beim Verfassen meiner Entwicklungsgeschichte stelle ich fest, dass es mir von allem um das Sammeln von Identitätsbausteinen geht. Viele im Laufe meines Lebens haben mir Werte zugeschoben, die ich gedankenlos in mein Ich eingefügt habe.

1. Memoiren, Biographie oder was sonst?

Memoiren zielen vorwiegend darauf ab, eine Epoche aus der Perspektiven eines (relevanten) Zeitzeugen zu beleuchten.  Eine Biographie soll den Werdegang eines Menschen beschreiben, ohne spezielle Schwerpunktlegung. In meinem Fall ging es ursprünglich darum, dass Lehrer, die Lernen durch Lehren anwenden wollen, ein nützliches Kompendium in die Hand bekommen. Da LdL stark theoriebasiert ist und dezidiert Werte und Haltungen hervorhebt, die zum Gelingen schüleraktivierender Methoden beitragen, war es folgerichtig, dass ich als Initiator des LdL-Projektes rekonstruiere, wie ich zu diesen Werten kam. Insofern handelt es sich bei meinem Buch nicht um Memoiren (das steht eher Politikern zu), nicht um eine Biographie (das steht eher Abenteurern zu), sondern um eine Archeologie der LdL-Werte, sofern ich sie vertrete.

2. Als Archeologe Scherben sammeln

Beim Verfassen der ersten Seiten stelle ich fest, dass bestimmte Ereignisse oder bestimmte Menschen ganz anders in meine Wertebildung eingegangen sind, als ich mir das bisher dachte. So hat mir mein Freund Jacques Rappoport über sein Verhaltensmodell als kreativer, lustiger, unvoraussehbarer Mensch hinaus einen Baustein geliefert, der kaum Beachtung finden dürfte, wenn ich die Scherben nicht wie gerade mit einem Pinsel sauber machen würde. Er war sehr lustig, aber sein Esprit übte sich nie auf Kosten von anderen Menschen. Alle mochten ihn, aber man wusste nicht genau warum. Auf das von mir beschriebene Merkmal wäre niemand gekommen. Lustig sein und niemanden dabei verletzen. Daran mochte ich mich auch halten. Das ging in meine Wertvorstellungen ein.

Fazit Natürlich werden dem Kind von Geburt an massiv Wertesysteme angeboten. Aus den zahlreichen Modellen bastelt es sich im Laufe der Jahre ein eigenes, dessen heterogener Ursprung ihm nicht bewusst ist. Durch die historische Rekonstruktion gewinnt man Klarheit.