Leidensdruck als Erkenntnismotor

Resume Am meisten wird unter Leidensdruck konzeptualisiert. In der Schulpraxis wird mehr innoviert als an der Universität, denn in der Schule ist das Leiden größer.  Die Didaktiker sollen diese Innovationen aufdecken und bekannt machen.

1. Innovationen aus der Praxis werden von der Uni ignoriert

In der Schule muss jeden Tag innoviert werden. Wenn ein Lehrer seine Schüler drei Monate unterrichtet hat, hat er meist sein Pulver – zumindest methodisch – verschossen. Er muss sich immer was Neues einfallen lassen. Auf LdL kam ich, weil ich darunter litt, dass meine Schüler stumm blieben und ich permanent in Aktion war. Als LdL von den Schülern angnommen und automatisiert war, musste was Neues ran. Ich ließ sie Projekte durchführen, im Unterricht und außerhalb. Das war bald nicht mehr reizvoll genug. Dann ließ ich sie forschen, also empirische Untersuchungen durchführen, meist auf Reisen und in Paris. Sie konstruierten neues Wissen. Aber auch das war nicht genug. Ich ließ sie das von ihnen erstellte Wissen im Rahmen von Workshops auf Fortbildungsveranstaltungen an Französischlehrer vermitteln. Das war alles noch vor dem Aufkommen des Internets.  Die Schüler konnte ich nie satt bekommen. Sie trieben mich immer voran. Unter diesem Leiden musste ich immer wieder Neues erfinden! Seit 1996 verwende ich das Internet intensiv. Das ist ein Ausweg, um den immer gieriger werdenden Schülern neue Handlungsfelder zu eröffnen. Rezipiert wurde das in der Universitären Didaktik kaum.

2. Die Bildungsexpedition

In seinem Film „Treibhäuser der Zukunft“ hat Reinhard Kahl auf viele Innovationen aufmerksam gemacht, die in der Schulpraxis entstanden. Er hat eine Reise durch die Bundesrepublik gemacht, um zu zeigen, dass auch in Deutschland vieles geschieht, unbemerkt von der Universität und der Öffentlichkeit.  Reinhard Kahl ist kein Pädagoge, sondern ein Journalist. Aber jetzt gibt es einen Hochschuldidaktiker, der ebenfalls quer durch unser Land reist und die stillen Helden des Alltags interviewt und bekannt macht.  Das ist Christian Spannagel, unterstützt von Lutz Berger und Melanie Gottschalk sowie eine Reihe von Passionierten, die je nach Parcours zu- oder aussteigen.

3. Leidensdruck auch in der Bildungsexpedition?

Nun hat Christian gestern erwähnt, dass auch die Mitglieder der Bildungsexpedition angesichts des sehr strapaziösen Reisedesings leiden. Gerade weil sie unter harten Bedingungen arbeiten, werden sie viele, relevante Erkenntnisse hervorbringen. Auch Alexander von Humboldt hatte es nicht leicht!

Hier Christians Statement.

FazitEs ist nicht ausgeschlossen, dass interessante Erkenntnisse am Schreibtisch entstehen. Aber es ist fast sicher, dass neue, aufregende Erkenntnisse im Leidensfeld generiert werden.

Ludwigsburg: der countdown läuft.

Resume Heute in einer Woche werde ich den Abschlussvortrag auf dem LdL-Tag in Ludwigsburg halten. Mein Thema: „Lange Inkubation, plötzliche Emergenz“. Hier ist Multitasking akut angesagt, denn ich bin mit anderen Sachen extrem beschäftigt (z.B. Umzug).

1. Das Thema

Das Thema ist von größter Relevanz. Was muss ich in ein System (einzelner Mensch, reale oder virtuelle Gruppe) einspeisen, damit dieses System sich so verhält, wie ich mir es wünsche? In meinem Vortrag fange ich mit der konkreten Beschreibung meiner Klasse an: Ich möchte, wie jeder Lehrer auch, dass meine Schüler Instrumente erwerben, damit sie im Leben gut zurechtkommen. Ich muss wissen, was sich in deren Köpfen und Herzen abspielt, damit ich mit meinem Angebot andocken kann? Was beschäftigt sie gerade? Wo kann ich anknüpfen, um ihre Aufmerksamkeit zu mobilisieren? Welche Inhalte sind für ihr Leben relevant? Mit welcher Art von Perturbation kann ich bewirken, dass sie sich öffnen, damit ich einen Blick in ihre Innenwelt werfen kann?

2. Perturbation, Inkubation und Emergenz

Den zweiten Teil meines Vortrages werde ich einer Analyse dieser Phänomene in der virtuellen Welt widmen. Während eine Schulklasse zumindest physisch als geschlossenes System vor mir liegt (die Schüler sind körperlich anwesend) und nicht entfliehen kann, ist die virtuelle Welt a priori völlig intransparent und absolut volatil. Will ich aus den Menschen, die sich im System bewegen, ein System (Online-Community) konstruieren, so ist eine sehr ausgefeilte Strategie unabdingbar. Vereinfacht beschrieben: ich muss Neuronen-Verhalten konsequent zeigen und kontinuierlich ressourcenorientiert arbeiten. Ferner muss ich angesichts der raschen Verfallszeit immer wieder Perturbationen in das System einbringen und das in Erregung geratene und orientierungslose System („Gehirn“) in die von mir gewünschte Richtung lenken („Cortexaufgabe“). Nur durch Perturbationen kann ich mir ein Bild des Innenlebens des Systems verschaffen. Allerdings muss ich Geduld haben und warten, bis nach einer gewissen Inkubationszeit die ersten Emergenzen erscheinen.

3. Beispiele aus Twitter und Blogs: Liebe und Hass?

Meine permanenten Perturbationen werden auch als solche wahrgenommen. Wie in einem normalen Organismus auch reagiert das System unterschiedlich. Da die Perturbationen so angelegt sind, dass sie die Emotionen ansprechen (limbisches System) werden zunächst Gefühle mobilisiert. Als Beispiel dazu kann ich die Überschrift „Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten“ anführen, die damals für ein bisschen Agitation gesorgt hatte. Wichtig ist, dass, nachdem ich Bild-Zeitungs-mäßig Aufmerksamkeit erregt habe, inhaltlich Fleisch anbieten kann, also mit Modellen die Kognition meiner Leser zufrieden stelle. Natürlich werden dabei auch Leute verletzt, aber ich bin immer bereit zu erklären, warum ich so arbeite und werde meist auch verstanden. Wie dem auch sei, diese Perturbationen polarisieren und die Emergenzen zeigen eine Art Lagerbildung, die gelegentlich auch die Extremen Liebe und Hass einschließt. Auf meinem Vortrag werde ich konkrete Beispiele für die unterschiedlichen Emergenzen anführen und interpretieren.

Fazit Will man in der virtuellen Welt Gruppen (Systeme) aufbauen und steuern, so muss man bestimmte Techniken entwickeln und anwenden. Zentral ist dabei, dass man Einblick in das System gewinnt. Das geht so: Perturbieren, inkubieren lassen, die Emergenzen interpretieren.

PS:  Hier der Vortrag (under construction) und hier die Diskussion.