Tugend als Selbstkontrolle und Weg zur Macht

Resume Wie ich bereits an anderer Stelle beschrieben habe, dient jede Handlung eines Lebewesens dazu, ihm Kontrolle zu sichern: über sich selbst und sein Umfeld. Je breiter und tiefer die Kontrolle, desto größer das Wohlgefühl. Selbstkontrolle wird alltagssprachlich „Tugend“ genannt. Und Tugend ist die Voraussetzung für Macht. Und das geht so:

1. Tugend als Selbstkontrolle

„Tugendhaft“ werden Menschen genannt, die sich besonders an die Regeln ihrer Gemeinschaft halten. In einer Gesellschaft, in der eheliche Treue, Respekt vor Eigentum und caritatives Verhalten besonders geschätzt werden, werden Menschen, die sich treu, redlich und altruistisch zeigen als tugenhaft hervorgehoben, sofern ihre Verhaltensweisen von vielen Mitmenschen wahrgenommen werden. In einer Kriegergesellschaft zählen vor allem physischer Mut und Gehorsam. Eheliche Treue wird weniger geschätzt. Nun bedeuten die genannten Verhaltensweisen große Einschränkungen für das Individuum. Da Menschen so angelegt sind, dass sie ihre Kontrolle ausdehnen und Zugriff zu möglichst umfangreichen Ressourcen wollen (also beispielsweise nicht nur einen Sexualpartner wünschen, sondern beliebig viel), müssen sie, um von der Gesellschaft geschätzt zu werden, Verzicht üben. Sie verzichten also auf eine kurzfristige Bedürfnisbefriedigung, damit sie von der Gesellschaft reichlich angebotenen Ressourcen nachhaltig profitieren können. Aus ökonomischer Sicht ist ein tugendhaftes Verhalten, das von niemandem wahrgenommen wird, unrentabel.

2. Tugend sichert Vertrauenskapital

Wenn Menschen nachhaltig die Eigenschaften zeigen, die in ihrer Gesellschaft als „Tugend“ deklariert werden, so kapitalisieren sie Vertrauen: die Umwelt weiß, dass dieser Mensch stabil die Ressourcen anbietet, die in dieser Gesellschaft von Bedeutung sind. Wenn ein Bürgermeister nachhaltig tugendhaft ist, dann weiß die Gemeinde, dass sie bei ihm Ressourcen (z.B. Gerechtigkeit beim Verteilen von Geldmitteln) stabil holen kann. Dafür belohnt die Gemeinde den Bürgermeister und wählt ihn weiterhin. Der Bürgermeister bekommt als Ausgleich für seine „Tugend“, dass er die Kontrolle über ein interessantes Wirkungsfeld behält, insbesondere sein Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung kontinuierlich befriedigen kann. Wenn man wiederum „Macht“ als die Möglichkeit definiert, auf umfangreiche Quellen der Bedürfnisbefriedigung zurückzugreifen, dann kann tugendhaftes Verhalten zu Macht führen.

3. Warum die Begriffe „Kontrolle“ und „Macht“ negativ konnotiert sind

Solange man selbst über Macht und Kontrolle verfügt, nimmt man keinen Anstoß an diesen Begriffen. Oft befindet man sich aber in Situationen, in denen andere, mächtigere, den eigenen Kontrollraum einschränken. Und das Gefühl der Kontrolle ist so wichtig, dass jede Einschränkung als sehr schmerzhaft empfunden wird. „Macht“ und „Kontrolle“ sind als Begriffe negativ besetzt, weil sie sofort die Leiden evozieren, die durch die Macht anderer über uns entstanden sind. Dass wir selbst aber existenziell und permanent nach Macht und Kontrolle streben, steht nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Das hat den großen Nachteil, dass wir bei Selbstbetrachtungen und Selbstbeschreibungen einen blinden Fleck gerade dort setzen, wo wir am gefährlichsten für andere sind: „Ich will doch keine Macht“ sagen gerade diejenigen, die am meisten danach streben, weil sie ihren Machtanspruch vor sich und den anderen verbergen wollen, unbewusst natürlich. Und das gilt in jedem Lebensfeld, auch in Twitter, Wikipedia, Blogs und wie sie alle heißen!

Fazit Es nützt nichts, sich die eigenen Motivationen schöner zu reden als sie sind. Wenn die „Tugend“ ein Weg zur Macht ist, dann kommt es allen zugute. „Mutter Teresa“, so meine Vermutung, war besonder machtorientiert! Na und?

Kontrolle, kognitiver Halt und Glück

Resume Wenn es stimmt, dass das Kontrollgefühl Glück verschafft, so liegt eine Glückschance darin, mit kognitiven Instrumenten relevante Wissensgebäude zu konstruieren, Stein für Stein.

1. Stabilität in einer turbulenten Welt

Wie jeder andere Mensch auch gerate ich im realen Leben gelegentlich in Turbulenzen. Beispielsweise stürtzt mich mein Haus in der Bretagne regelmäßig in hohe Kontrollverlustphasen (z.B. wenn Jugendliche das Haus in Brand stecken, wie vor 4 Jahren, oder wenn wieder einmal eine Mauer zusammenfällt). Um die entsprechenden emotionalen Aufwallungen „in den Griff“ zu bekommen, muss der kognitive Apparat sehr stark mobilisiert werden. Ich zwinge mich in einer solchen Situation zu fokussieren auf das, was in meinem Leben existentiell ist und gut funktioniert (z.B. dass ich einen sicheren Job habe) und finde sehr schnell Halt. Es macht natürlich auch Spaß, meiner Umwelt zu demonstrieren, dass man auch sehr rasch in sochen Situationen seine gute Laune wiederfinden kann. Schließlich ist – um das oben genannte Beispiel wiederaufzugreifen – ein Haus in der Bretagne Luxus.  Noch hilfreicher ist es, wenn man seine Kognition nicht nur nützt, um Probleme anzugehen, also remedial, sondern prinzipiell versucht, von früh bis abend durch intellektuelle Anstrengung Wissensgebäude zu konstruieren.  Auf diese Weise kann man versuchen, was im realen Leben durch unvorhersehbare Katastrophen zerstört wird, durch die Konstruktion von Wissen im abstrakten Leben aufzuwiegen.

2. Meine Konstruktion zur Zeit: die Geschichte Europas

Es gibt zahlreiche relevante Erkenntnisräume, die einem intransparent und verschlossen bleiben. Diesen gegenüber fühlt man sich hilflos, ausgeliefert. Das ist das Gegenteil von Kontrolle und tendenziell bedrohlich. Instransparent ist beispielsweise die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft. Die Geschichte der Menschheit ist zwar auch opak, aber da die Fakten bereits vorliegen, kann man durch starke Anstrengung versuchen, sie zu rekonstruieren, und somit über einen relevanten Wissensbereich Kontrolle gewinnen. Man muss sich natürlich bemühen, einige wenige entscheidende Faktoren für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften herauszuarbeiten, um mit diesen Instrumenten klare Linien zu erkennen. Ein Beispiel: es gibt seit Beginn der Menschheit nur 5 Organisationsformen: Jäger und Sammler, Nomaden, einfache farming-societies, komplexe farming societies (chiefdoms), Staaten (Stadtstaaten, Königreiche) mit festen, unabänderlichen Merkmalen. Oder ein anderes Beispiel: In Ägypten vollzog sich einen Übergang vom zentralistischen Staat zum Feudalismus als die Pharaone mächtigen Gefolgsleuten Gebiete zunächst zu Lehne gaben und dann als Erbpacht überließen. Dieses Phänomen taucht an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten immer wieder auf (z.B. in Europa nach der Aufteilung des Reiches von Karl dem Großen oder in Japan ) . Solche Erkenntnisse liefern auch Schlüssel um zu verstehen, was sich heute in der Welt abspielt, oder auch im Internet, wo ebenfalls gesellschaftliche Organisationsstrukturen emergieren (ich glaube sogar, in Wikipedia feudalistische Elemente entdeckt zu haben).

Fazit: Durch die Herstellung kognitiver Kontrolle über komplexe Wissensbereiche kann ein Gefühl genereller Kontrolle entstehen, das einem ermöglicht, gelegentliche Kontrollverluste im realen Alltagsleben gut zu verkraften.

Informationsverarbeitung und warum ich nach (mehr) Ruhm strebe

1. Informationsverarbeitung macht glücklich und warum es so sein muss

– Die Gehirnforschung zeigt (Gerhard Portele, 1975, also nicht gerade neu), dass die Verarbeitung von Informationen im Gehirn positiv dekodiert wird. Anders ausgedrückt: es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten, Texte zu lesen verursacht Kicks. Natürlich nicht alle Informationen, sondern welche, die bestimmte Merkmale aufweisen: nicht zu einfach (Unterforderung), aber nicht zu komplex (Überforderung), quantitativ nicht zu zahlreich, aber auch nicht zu wenig, usw.). Auf diesen Punkt werde ich später inn einem eigenen Beitrag ausführlich eingehen, weil er zentral für die Gestaltung der Lernumwelt ist: die Lernumwelt muss so struktuiert sein, dass der Mensch aus ihr die richtige Dosis an informativen Stimulis aktiv holen kann.

– Dass die Informationsverarbeitung im Gehirn stark belohnt wird ist deshalb im Bauplan der Natur vorgesehen, weil wir sonst nicht reflektieren würden. Brecht sagt: „Ohne Not denkt der Mensch nicht“. Nun ist Denken unabdingbar für das Überleben, denn wir müssen uns ständig an die Veränderungen der Umwelt anpassen, also ständig Informationen verarbeiten. Auch die anderen vitalen Funktionen werden vom Organismus (Gehirn) stark belohnt. Sonst würden wir die Strapazen nicht auf uns nehmen. Wenn Essen oder Trinken nicht so positiv belohnt würde, würden wir diesen lächerlichen Vorgang nicht auf uns nehmen. Wir würden nicht Flüssigkeit (Wasser, Wein oder Bier) oder eine gelatinöse Masse (Kuchen, Fleisch, Fisch) durch eine Körperöffnung (Mund) in unser Körper hineinwürgen. Dasselbe gilt in noch höherem Masse für den Geschlechtsverkehr: wer würde die Vorarbeiten und den Vorgang selbst durchführen, wenn die Natur dies nicht mit einer großen Belohnung versehen hätte? Wer würde überhaupt auf die akrobatische Idee kommen?

2. Ruhm und Informationsverarbeitung

Wenn Informationsverabeitung „glücklich“ macht, dann müssen Menschen, die nach Glück streben, ihre Umwelt so einrichten, dass sie permanent mit informativen Stimuli versorgt werden. Da mit zunehmender Zufuhr von Stimuli der Organismus in bezug auf die Qualität der Impulse immer anspruchsvoller wird, ist es schwer eine entsprechende Menge und Qualität flächendeckend zu erhalten.

Ruhm sichert eine relativ stabile Versorgung mit Aufmerksamkeit, also mit anspruchsvollen, quantitativ hohen informativen Stimuli.

3. Mach die Menschen, die mit dir zusammenarbeiten, berühmt!

Wenn Menschen mit dir zusammenarbeiten, müssen sie belohnt werden. Sie müssen spüren, dass ihr Leben durch die Zusammenarbeit mit dir an Qualität gewinnt. Verschaffe ihnen also Aufmerksamkeit (informative Stimuli). Und das gelingt am besten im Rahmen von langfristigen „Weltverbesserungsprojekten“: Dauerflow! Allerdings müssen diese ganzen Aktivitäten einen Sinn haben. Der Sinn ist, dass unsere Problemlösekapazitäten dabei wachsen. Und hier sind wir bei der Welt, im selben Bot wie Obama!:-)))