Das LdL-Gehirn: die erste Wissenskonstruktionsmaschine

Resume Zwar werden die Probleme der Menschheit immer komplexer, aber das Problemlösepotential der Menschheit wächst entsprechend. Man sammelt schnell im Internet ein paar tausend Leute, constituiert sich zum Gehirn und geht das Problem an. Und das geht so:

1. Menschen als Neuronen, Kommunikationsplattformen als Gehirn

An anderen Stellen habe ich ausführlich beschrieben, dass man Menschen metaphorisch als Neuronen betrachten kann, die im Internet interagieren und kollektiv Problemlösungen erarbeiten. Dazu müssen sie bestimmte Verhaltensweisen automatisieren, die beschreibbar sind (siehe Neuronverhalten und Ressourcenorietierung). Damit die Kommunikation verläuft, muss man den Neuronen Tools anbieten, die sich am Nervensystem und am Gehirn orientieren.

2. Twitter, Blogs und Kommunikationsplattformen

Wesentlich für die kollektive Erarbeitung von Problemösungen ist die Vernetzung der Neuronen und die Geschwindigkeit der Interaktionen. Wenn also Menschen zusammenkommen und beschließen, gemeinsam an der Konstruktion von Problemlösewissen zu arbeiten, dann brauchen sie:

  • eine Plattform zu permanenten, stimmungsbetonten Interaktionen, wie es Twitter ermöglicht,
  • einen Ort zur individuellen, vertieften Reflexion, wie dieses in Blogs geschieht und
  • einen Ort der Integration aller Aktivitäten zur Erreichung des gesetzten Ziels, wie es Mixxt-Plattformen bieten.

3. Die LdL-Kommunikationsplattform

  • Wozu ein LdL-Gehirn? Der Paradigmenwechsel in der Gesellschaft verlangt eine völlige Veränderung der Lernformen. Die Methode Lernen durch Lehren bietet ganz neuartige Settings für Schule und Hochschule. Es besteht also einen Bedarf an mehr Wissen über die Methode LdL als Problemlösung für den relevanten Bereich „Bildungssystem“
  • Woher kommen die Neuronen? Die Neuronen wurden weitgehend durch die Aktivitäten des Ludwigsburger Juniorprofessors Christian Spannagel rekrutiert. Ferner haben sich eine ganze Reihe von Personen angemeldet, die teilweise seit mehreren Jahrzehnten mit der Methode LdL verbunden sind, beispielsweise weil sie mit mir von Anfang an an der Entwicklung und Verbreitung von LdL mitgearbeitet haben oder weil sie meine Schüler bzw. Studenten waren.
  • Die LdL-Kommunikationsplattform: sie soll alle aktiven Neuronen so verbinden, dass intensive Wissenskonstruktion ermöglicht wird und umfangreiches neues LdL-Wissen emergiert. Das Motto: Geschwindigkeit und Vernetzung!

Fazit: Am Beispiel der LdL-Kommunikationsplattform wird gezeigt, wie man schnell eine hohe Anzahl von Menschen zusammenführen kann, die Problemlösungswissen erarbeiten. Solche Wissenskonstruktionsmaschinen können ad hoc und je nach Bedarf konstituiert werden, wenn neue Probleme in der Gesellschaft auftreten.

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Achtung, Metapher! Zur handlungsleitenden Kraft von Bildern

Resume Will man Menschen zum Handeln nach bestimmten Mustern bewegen, so muss man ihnen Modelle anbieten, die sofort ihre Fantasie anregen. Allerdings muss man aufpassen und nicht Metaphern anbieten, die eine negative Kraft entfalten.

1. Gute und schlechte Metaphern

Im politischen Bereich dominiert in vielen Ländern der Welt immer noch die Pyramide als Muster. Ein Mächtiger bzw. eine mächtige Gruppe steht an der Spitze und übt die Macht aus indem nach unten Aufträge und Forderungen weitergeleitet werden (top-down). Vor allem in totalitären Regimen wird dieses Modell auf alle Bereiche der Gesellschaft übertagen: auf die Familie, auf Unternehmen und auf alle sonstigen Organisationen. Die Akteure in diesen Gesellschaften haben vor ihren mentalen Augen kein anderes Bild als diese hierarchische, pyramidale Struktur. In diesem Fall kann man sagen, dass die Pyramiden-Metapher eine starke handlungsleitdene Kraft hat, die aus unserer Sicht nicht optimal ist für das Wohl der Menschen, die in dieser Gesellschaft leben. Alternativ dazu kennen wir als politisches Modell die Demokratie, die auch pyramidal strukturiert ist, aber bottom-up. Hier wird die Macht von unten nach oben delegiert. Und vor unserem mentalen Auge sehen wir buchstäblich diese Bewegung (von unten nach oben). Solche Bilder und Bewegungen sind insofern sehr bedeutsam, weil sie sich durch permanente Wiederholung in unserem Gehirn kognitiv und emotional festsetzen und wir sie unbewusst bei fast jeder Handlung realisieren. Wenn es uns gelungen ist, demokratische „Reflexe“ in uns selbst aufzubauen, dann handeln wir im Alltag auch unbewusst anders als wenn wir den  top-down Reflex habitualisiert hätten. Gerade für den Unterricht ist es bedeutsam, ob wir den Reflex „Schüler sollen ihre Wünsche einbringen“ (also bottom-up) automatisiert haben oder den Reflex „Schüler sollen ausführen, was ich bestimme“.

2. Biologie als Lieferant für Metaphern

Natürlich haben Metaphern die Funktion, Komplexität zu reduzieren und nur so können sie auch handlungsleitend sein. Andererseits dürfen sie komplexe Phänomene nicht zu sehr vereinfachen. So ist das hierarchische Modell – ob top-down oder bottom-up – zu einfach, um die Prozesse, die durch den Internet-Paradigmenwechsel ausgelöst wurden, adäquat abzubilden.  Das Bild des Netzwerkes wurde bereits in den 70er Jahren durch Wissenschaftler (Friedrich Vester) und „alternative“ politische Gruppen („Grüne“, „alternative Listen“ usw.) aufgegriffen. Diese Metapher wiederum lehnt sich stark an die Biologie und an die Prozesse, die in der Natur vorherrschen (Biotope). Wenn man also heute Metaphern propagieren will, die sich in den mentalen Vorstellungen der Menschen verankern und in ihrem Verhalten automatisieren, dann müssen es unbedingt biologisch-dynamisch-organische sein. Daher plädiere ich sosehr für die Aufnahme der Gehirnstruktur als Modell für die Organisation Kollektiven Denkens und  Problemlösens. Abgeleitet davon empfehle ich dringlich das „Verhalten“ des Neurons. Damit man sich das gut einprägt und automatisiert, gebe ich gleich 7 Regeln, die beachtete werden müssen, wenn man sich als „Neuron“ einbringen will. Ein Fall also von stark handlungsleitender Metapher.

Fazit: Will man Menschen dahin beeinflussen, dass sie bestimmte Verhaltensweisen annehmen und automatisieren, so ist es günstig, wenn man ihnen redundant Metaphern anbietet. Daher ist es sehr wichtig, dass diese Metaphern gut gewählt und durchdacht werden. Das hierarchische Organisationsbild ist für unser gegenwärtiges Paradigma nicht mehr adäquat. Geeignetere Modelle finden sich in der Natur und werden durch die Biologie (auch Gehirnforschung) aufgearbeitet und präsentiert.

Jetzt ist der Augenblick gekommen: Netzsensibilität!

Vor langer Zeit hatte ich einen Artikel zum Lemma „Netzsensibilität“ für die Wikipedia geschrieben. Zugegeben, der Begriff stammt von mir, insofern war das nicht wikipedia-legal. Die Wikipedia duldet keine „Theoriefindung“ sondern nur die Beschreibung von Inhalten, die vielfach tradiert und abgesichert sind.

Dafür ist die ZUM offener und sie hat mir Asyl gewährt.

So fängt der Artikel an:

Netzsensibilität

Nach Jean-Pol Martin bezeichnet Netzsensibilität im Zusammenhang der Globalisierung und der Wissensgesellschaft ein kognitiv, aber auch emotional wahrgenommenes Gespür für die Interdependenz und Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, Länder, Kontinente). Die Netzsensibilität ist die Voraussetzung dafür, dass Vernetzungswünsche anderer Menschen erkannt und fruchtbar umgesetzt werden. Sie bezieht sich sowohl

  • auf „reale“ soziale Netzwerke (wie zum Beispiel eine Schulklasse, eine Organisation, eine Abteilung einer Firma)als auch
  • auf virtuelle Netzwerke wie Onlinecommunities, Projektgruppen und letztlich das gesamte Internet

Diese Kontextsensibilität ist Voraussetzung für kollektive Wissenskonstruktion

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Neuronenverhalten OK, aber nur im Kontext kollektiver Reflexion

Die Neuronenmetapher habe ich auf dem Hintergrund aufgegriffen, dass wir gemeinsam Probleme lösen müssen und das Gehirn die Architektur vorgibt für Denkorgane. Insofern können wir, wenn ein Problem gelöst werden soll, eine Gruppe als Gehirn strukturieren und zur fruchtbaren Interaktion müssen die einzelnen Menschen sich dann wie Neuronen verhalten. Das gilt beispielsweise für eine Schulklasse, aber auch für Menschen, die im Internet weltweit interagieren. Hier sollten die einzelnen schnell und offen auf Impulse reagieren. Im hierarchischen Gefüge eines Unternehmens ist es aber anders: hier soll und kann der Mitarbeiter nicht wie ein Neuron auf Befehle des Chefs reagieren. Das sind also zwei ganz unterschiedliche Kontexte.

Die Neuronenideologie (auch ein paar Probleme)

Aus gegebenem Anlass muss ich natürlich bei aller Begeisterung für die von mir favorisierten Veraltensweisen des Neurons innehalten und an die Menschen denken, die unter diesem Diktat schon lange leben und leiden. Im Gegensatz zu den Schulen und Unis, in denen wir uns bewegen, haben Menschen in der Wirtschaft oft gar nicht die Wahl, ob sie sich wie Neuronen verhalten wollen oder nicht (Reaktionsgeschwindigkeit auf Mails). Sie müssen das. Und das zerstört mehr Leben als man vermutet. Der durch die Aktionäre entstehende Wachstumsdruck schafft in vielen Betrieben einen regelrechten Geschwindigkeits-Terror, dem viele nicht gewachsen sind. Sie müssen überall erreichbar sein, mit allen negativen Implikationen für die Gesundheit und die Familie.

Das muss ich unbedingt berücksichtigen bei meinen Überlegungen und Auftritten. Die Neuronenregeln sind nach wie vor zu empfehlen für das Verhalten der Schüler im Klassenzimmer (furchtlos und schnell abfeuern und Ideen einbringen) und für die Studenten an der Uni oder im Netz, aber unter dem Primat der Profitmaximierung in der Wirtschaft ist dies verheerend. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Schüler und Studenten mit den Vorteilen und Problemen der Internetnutzung vertraut machen sowie mit der Neuronen-Metapher und deren Implikationen.