Vernunft -> Erkenntnis -> Tugend -> Glück

Resume Ich halte mal fest, was mir bei meinem philosophischen Durchzieher auffällt.

Bei den meisten antiken Denkern bis einschließlich Boetius verläuft der Weg zum Glück nach folgendem Muster:

1. Wollen wir glücklich sein, müssen wir tugendhaft, also im Einklang mit der Natur leben. Um deren Prinzipien zu erkennen müssen wir die Realität richtig erfassen und dafür unsere Vernunft einsetzen.

2. Was bedeute aber Vernunft? Wie lässt sie sich erreichen? Bei Aristoteles ist sie für den Menschen konstitutiv. Menschsein bedeutet vernünftig sein.

3. Wollen wir unsere Vernunft einsetzen, um das Weltprinzip zu verstehen, so sind wir auf unseren Erkenntnisapparat angewiesen. Leider aber täuschen uns unsere Sinne: was wir von der Realität wahrnehmen ist nicht die Wahrheit. Das verlangt von unserem Gehirn hohe Adaptationsleistungen. Wie funktioniert unser Denken? Aristoteles versucht unsere Denkinstrumente zu beschreiben, die Art und Weise wie wir die Realität wahrnehmen und wie wir unsere Erfahrung kognitiv verarbeiten (z.B. mit Hilfe von Kategorien).

4. Das versuchen später auch u.a. Francis Bacon, Descartes und Kant.

Fazit Auf das Leben appliziert bedeutet es a) die Realität der Umgebung besser erfassen (hinter die Kulissen schauen), damit die Vernunft ein qualitativ besseres Material erhält, um b) die anstehenden Probleme zu lösen und Zufriedenheit zu erreichen.

Francis Bacon’s Idole und das Menschenkonstrukt.

Resume Seit der Antike befassen sich Philosophen mit der Frage, welche Bedingungen und Grenzen wir bei der Suche nach Erkenntnis vorfinden. Francis Bacon nennt „Idole des Geistes“ die Vorurteile, mit denen wir an die Realität gehen. Ein solches Idol ist auch „mein“ Menschenkonstrukt.

1. Hintergrund

Die Philosophen der Antike waren im Allgemeinen der Ansicht, dass unsere Sinne uns täuschen und dass wir die Realität über die Sinne nicht erfassen können. Platon postulierte eine veränderliche, vergängliche, unvollkommene Welt der Erscheinungen auf der einen Seite und eine davon getrennte unveränderliche, unvergängliche, vollkommene Welt der Ideen auf der anderen, die nur der Vernunft zugänglich war. Nach dem Mittelalter, das dem Jenseits zugewandt war, stellte sich in der Renaissance akut die Frage, was der Mensch mit seiner sinnlichen und kognitiven Ausstattung in der Lage war, an Wahrheit zu erkennen. Francis Bacon analysierte unsere Denkinstrumente und stellte fest, dass wir mit Vorurteilen (Idolen) an die Realität herangehen und daher unsere Wahrnehmung fehlerbehaftet ist:

– Idole des Stammes: Der Verstand hat die angeborene Neigung, in der Natur der Dinge immer nach Symmetrien und Korrespondenzen zu suchen, die dort gar nicht existieren.

– Idole der Höhle: Irrtümer, die durch kulturelle Einflüsse entstehen: So neigen Menschen dazu, Einsichten, die sie für besonders wichtig halten, auch allem anderen, das sie verstehen wollen, zugrundezulegen.

– Idole des Marktes: falsche Begriffe, die sich durch den täglichen Gebrauch der Umgangssprache in den Verstand einschleichen.

– Idole des Theaters: falsche Begriffe, die sich aus der Rezeption philosophischer Theorien ergeben.

Später befasste sich Descartes mit der Frage, was wir als Menschen als sicheres Wissen deklarieren können und kam auch die Formel „ich denke, also bin ich, ich zweifle, also bin ich“.  Ausgehend von diesem Kern wollte er die Welt logisch und nur vom Denken heraus begreifen. Kant schließlich fand heraus, dass es auf der einen Seite die reale Welt gibt, auf der anderen Seite unser Denkapparat, der nur über eine Brille die Realität erfassen kann: die Brille der Kausalität, der Zeit und des Raumes.

2. Das Menschenkonstrukt ist ein Idol (im Baconschen Sinne)

Wenn ich davon ausgehe, dass in Phasen des Umbruchs, wie sie Descartes und Kant erlebten, ein Bedarf nach einer Definition und Beschreibung menschlichen Denkens und menschlicher Natur besteht, wenn ich ferner feststelle, dass wir uns heute ebenfalls in einem Paradigmenwechsel befinden, dann besteht der Bedarf an einer Aktualisierung unseres Menschenbildes. Die Erkenntnisse liegen verstreut vor, man muss sie nur in ein kohärentes, operationalisierbares Ganze zusammenfügen. Das ist der Sinn meines Menschenkonstruktes. Allerdings wird dadurch ein neues Idol im Sinne von Francis Bacon aufgestellt. Hauptsache, es dient unserer Handlungsfähigkeit.

Fazit: Wir brauchen kognitive Instrumente, damit wir uns im Leben orientieren können. Dass diese Instrumente unscharf, vielleicht sogar fehlerhaft sind, damit müssen wir uns abfinden!:-)) Die Instrumente werden ohnehin permanent neujustiert!

Philosophie (6): Francis Bacon (1561-1626)

Resume Klar, dass seit den Anfängen der Philosophie eine ganze Reihe von erkenntnistheoretischen Fragen erörtert wurden, die heute noch diskutiert werden. Unter anderem die Oppositionen Theorie/Praxis, Ratio/Empirie, Idealismus/Materialismus usw.

Im Zuge meiner Reise durch die Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart bin ich nun auf Francis Bacon gestoßen, der mich besonders aufhält, weil er just die Fragen behandelt, die mich gerade interessieren. Die Zitate unten beziehen sich auf die Wissenschaft insgesamt (der Begriff „Philosophie“ umfasste zu diesem Zeitpunkt alle Wissenschaften).

Alle Texte entnommen aus: Ottfried Höffe, Klassiker der Philosophie, Band 1, Verlag C.H.Beck, 2008

1. Theorieüberschuss: „Philosophischen Schulen wie dem Aristotelismus oder dem Platonismus wirft Bacon vor, dass sie ihren Gegenstand theoretisch überformen. Die Natur, für Bacon der Ausgangspunkt aller Philosophie, werde dort nur aus der Perspektive bestimmter Theorien betrachtet, die in den jeweiligen Philosophien als grundlegend gelten. (…) Eine solche Naturphilosophie ist aber keine reine Naturphilosophie, sondern durch diese übergeorndenten Theorieinteressen ‚angesteckt und verdorben‘.“ S.241

2. Leere Begriffe: „Des weiteren sind viele der in der überlieferten Philosophie gebrauchten Begriffe leer oder unbestimmt. Sie bezeichnen etwas, das es nicht gibt, oder sie beziehen sich nicht eindeutig auf ihren Gegenstand, weil sie nicht im Ausgang von der Erfahrung gebildet wurden.“

3. Fallen des menschlichen Verstandes:

a) „(…) hat der Verstand die angeborene Neigung, in der Natur der Dinge immer nach Symmetrien und Korrespondenzen zu suchen, die es gar nicht gibt. Sein natürliches Streben nach Kohärenz verführt den Verstand außerdem dazu, beim Entwerfen von Hypothesen oder Theorien nur nach bestätigenden Belegen zu suchen und widerlegende Evidenzen nicht zu beachten.“

b) „So neigen Menschen zum Beispiel dazu, Einsichten, die sie für besonders wichtig halten, auch allem anderem, das sie verstehen wollen, zugrunde zu legen. Diese unzulässigen Verallgemeinerungen führen in der Wissenschaft meistens zu einer reduktionistischen Theorieform. (…) Andere Einseitigkeiten in der Intepretation von Daten ergeben sich für Bacon aus der Existenz unterschiedlicher wissenschaftlicher Typen, von denen die einen eine größere Aufmerksamkeit für Ähnlichkeiten und die anderen für die Unterschiede haben.“

c) „Als dritte Klasse nennt Bacon (…) diejenigen falschen Begriffe, die sich durch den täglichen Gebrauch der Umgangssprache und das Verwenden bestimmter Fachsprachen in den Verstand einschleichen. Diese (…) sind besonders lästig, da ‚die Menschen sich nämlich durch Sprache vergesellschaften‘ und insofern nur schwer auf ihren Gebrauch verzichten können.“

d) „Mit den ‚Idolen des Theaters‘ bezeichnet Bacon schließlich diejenigen falschen Begriffe, die sich aus der Rezeption philosophischer Theorien ergeben“.

4. Wissenschaft als Selbstzweck hat keinen Wert

„Bacon krisiert mit Nachdruck die Idee, dass Philosophie und Wissenschaften einen besonderen Wert dadurch erhalten, dass sie selbstzweckhaft betrieben werden. Ihre Aktivitäten müssen sich vielmehr am Nutzen und Wohlergehen der Menschen orientieren.

5. Falsifikationismus: Bacon Vorläufer von Popper

„Zudem sucht Bacon ausdrücklich nach widerlegenden Fällen und spricht sogar von der größeren ‚Macht des negativen Falls‘. Denn ein einzelner positiver Fall kann die Wahrheit einer allgemeinen Aussage nicht begründen, aber ein einzelner negativer Fall kann sie widerlegen.“

Fazit Mit Bacon sind wir mitten in der Diskussion! Praxis vs. Forschung? Beides zusammen!