Nostalgie: Moskau -> Kasan -> Burgas -> Istanbul um die Welt zu verbessern! (2005)

jpm antwortete am 29.08.05 (19:16):

Alles sehr spannend, allerdings internet teuer in diesem Hotel. Ich bin ganz stolz, denn es ist mir gelungen, allein mit Ubahn, Schnellzug und bei feet bis zum Hotel zu gelangen (bepackt wie ein Esel – viel Fluessiges als Geschenk). Das hat mich fast vier Stunden gekostet, dafuer habe ich ganz viele Moskauer ueberall gesehen. In der Metro fuehlte ich mich wie zu Hause in Paris. Die Metro wird uns alle vereinigen. Nur dass in Moskau es keine „Farbige“ gibt. Komisch und ein bisschen schade. Die Stadt gefaellt mir gut und ich finde toll, dass allmaehlich alle Grotstaedte sich angeleichen. Man kann sich ueberall wohlfuehlen. Ich habe ein paar interessante Geschichten erlebt, aber ich kann sie hier nicht erzaehlen, weil ich meine Mails holen muss, und noch andere Foren bedienen, usw… Oder doch, die eine Geschichte: ich ging auf der Strasse und ein Typ kommt aus einem Lokal raus (um die 60 rum). Er laesst ein maechtiges Buendel Dollars aus der Tasche herausfallen. Ein Mann vor mir sieht die Dollars und steckt sie ein. Ich zeige ihm, dass ich das nicht gut finde, und er will mir unbedingt die Haelfte aufdraegen. Ich sage, das interessiert mich nicht, aber er verfolgt mich regelrecht, um mir das Geld aufzudraengen. Ploetzlich kommt der andere und fragt, ob wir sein Geld gefunden haben. Der andere verneint und zeigt als Beweis seine Brieftasche, natuerlich ohne die Dollars, die er woanders eingesteckt hatte. Jetzt verlangt der andere, dass auch ich meine Brieftasche zeige. Ich lehne natuerlich ab und werde selbst ziemlich aggressiv um zu zeigen, dass ich meine Brieftasche nicht an zwei Gauner zeige, ich sage auch, dass ich die Polizei rufe und schau, ob und wem ich meine Brieftasche zeigen soll. Die beiden beruhigen sich, keiner will die Polizei rufen und sagen mir, alles sei OK. Auch der Dollarbesitzer wollte nicht die Polizei dabei haben. Wer traegt schon in der Tasche so ein grosses Buendel Dollars und laesst sich noch dazu aus der Tasche fallen?

(….)

Julia Galimova antwortete am 04.09.05 (14:39):

Hallo Roman, ich sitze neben Deinem Vater und…. er nervt mich nicht, komisch nicht wahr? Ich finde ihn super scharmant, Du must gluecklich sien so einen Vater zu haben. Aber verstehe ich schon wenn es der Vater ist dann sind die Beziehungen anders. Dein Vater hat Glueck mit Tataren….Tuerken auch… komisch oder?
Wir haben heute superschoenes Wetter und noch Stadtfest und viele junge Menschen auf den Strassen. Leider konnten wir den roten Platz nicht wirklich sehen. aber sprechen konnten wir gut. Und wie Dein Vater sagt, das wichtigste ist die Kommunikation. s ist mir gerade eingefallen, dass es extrawertierte und intrawertierte Menschen giebt….einige koennen ohne Kommunikation gar nicht existieren, andere – brauchen das eifach nicht. Ich glaube wir beide gehoeren zu den ersten. Das Proekt scheint interresaant zu sein, aber noch ziemlich weit, kann sein dass auch nict in deisem Jahrhundert. Es kann nicht kunstlich gemacht werden, aber wenn es auf natuerlich Weise geht dann braucht man richtig viel Zeit.
Na gut, ich habe schoen viel geschrieben. ich habe nich Paar Gedanken, aber ich schreibe sie spaeter.(…)

Hier der ganze Thread: LdL-ZUM-Foren

You make my day (oder so was ähnliches…): Marcus Birkenkrahe!

Es gibt um die 45-Minuten-Marke der YouTube Aufnahme des dritten Hangouts auf die Frage von Hajo Jürgens an Jean-Pol Martin einen spannenden Austausch zum Thema Komplexitätsreduktion. Die Grundlagen einer solchen Reduktion hat Martin 2005 in brillanter Kürze zusammen gefasst:

(Quelle: Europa interdisziplinär: Probleme und Perspektiven heutiger Europastudien, Hrsg. B Glaser, 2005, von ihm in GooglePlus gepostet.)

In dem Ausschnitt der online Diskussion drehte sich vor allem um den Widerspruch zwischen einem komplexen Thema und der für LdL aufbereiteten, gegebenenfalls extrem reduzierten („Roman von Balzac in 5 Sätzen“) Form des Themas. Wenn es sich bei dem Thema noch dazu um einen Lieblingsgegenstand handelt, dann tritt die Leidenschaft des Lehrenden möglicherweise in Widerspruch zu LdL. Beispielsweise: einen Roman in der Literatur (das war das Beispiel aus dem Hangout); eine Theorie in der Soziologie; einen Beweis in der Mathematik; ein Informationssystem oder eine Prozesslandschaft in meiner eigenen Disziplin, der Wirtschaftsinformatik.

Wie Martin aber sagte, was auch von Jürgens verstanden und aufgenommen wurde, geht es darum, den Schülern/Studenten einen Zugang zum Thema zu verschaffen, den sie als exploratives Sprungbrett, wie eine Spur für Bluthunde (Martin: „Die Schüler sollen Blut lecken“), verwenden können, um sich tiefer liegende Schichten des Themas später selber zu erschließen. Hierfür – und das hat Isabelle ebenfalls eindrücklich bestätigt – ist es nützlich bzw. sogar wichtig (Isabelle: „für mich bei LdL das Wichtigste“), dass sich die Schüler an die Basisinformationen, an das, was Martin „existenziell“ nennt, erinnern können.

In diesem Zusammenhang werde ich an einen neuen Artikel von J. Loviscach  bekannt als MOOC-Experte) erinnert, der gerade in der ZEIT erschienen ist, und bei dem es um den Sinn oder Unsinn der Vermittlung von höherer Mathematik für Ingenieur-Studenten geht. Ich finde, sowohl der Artikel, als auch die Kommentare zum Artikel (beide recht  konfrontativ und polemisierend) gehen am Problem des Lernens von Mathematik deshalb vorbei, weil sie diese Komplexitätsreduktion nach Martin nicht wahrnehmen oder nicht verwenden. Sie macht natürlich nur im Zusammenhang mit einem „Lernen durch Lehren“ Vorgehen wirklich Sinn: denn der Unterricht hört ja mit der Reduktion nicht auf, sondern er beginnt dann erst! Aber es bleibt den Studenten oder Schülern überlassen, wie und wie weit sie sich als Gruppe auf tieferliegendes Wissen einlassen. Nicht ungesteuert, aber, in Martins Worten, auf der Basis eines „anthropologischen Modells“ und eines existenzialistischen Modells ebenso (siehe Bild). Loviscach und wie die Kommentatoren seines Artikels versuchen, hier durch die Wahl und Kontrolle des Themas etwas voraus zu nehmen, was m.E. besser von den Studierenden erschlossen wird – als LdL-Angebot, das „Sucht induzieren soll“ (Martin).

Was ich in vielen Workshops zum Thema Komplexitätsreduktion gehört habe, geht in ähnlicher Weise an der Didaktik vorbei: dort geht es darum, viel Stoff in wenige Stunden zu pressen, oder effektiver zu sein…dabei wird aber viel mehr Zeit verbracht, die Weite eines Nürnberger Trichters zu diskutieren, anstatt der Beziehung zwischen Lehrer und Lernenden wie bei LdL.

Jedenfalls: ich bin gespannt, was ihr zum Thema Komplexitätsreduktion denkt?

[Copy auf meinem Blog]

200 Fotos von Markus: die Frankreichreise-Emergenz

Resume Als Forscher, der ethnomethodologisch vorgeht, biete ich Lernsituationen an und versuche die Subjektperspektive der Lerner einzufangen. Die Frankreichreise war eine solche Situation.

1. Früher ließ ich Tagebücher verfassen

Als es noch kein Internet gab, ließ ich meine Schüler und Studenten Tagebücher auf den Frankreichreisen verfassen. So konnte ich besser erfahren, was sie aus dem objektiven Angebot subjektiv mitgenommen hatten. Natürlich schrieben sie mit dem Bewusstsein, dass ich den Text später lesen würde, aber trotzdem erfuhr ich, was sie während der acht Tage wirklich beschäftigt hatte (z.B: „Gestern abend ging durch Beaugency ein Riesenhund, dick wie ein Ochs. Das hat mich sehr beeindruckt und ich habe davon geträumt.„). Durch die Tagebücher konnte ich auch das Format der Reise optimieren, denn ich wusste, was bei Schülern und Studenten besondere Spuren hinterlassen hatte. Die Forschungsergebnisse habe ich in meiner Habilitationsschrift 1994 veröffentlicht.

2. Dann kamen die Internet-Foren

Als das Internet aufkam, ließ ich keine Tagebücher mehr schreiben, sondern ich richtete Foren ein und die Schüler und Studenten posteten ihre Eindrücke und am Ende der Reise ihre rückblickenden Reflexion ein. Auch das waren qualitative Belege über die Subjektperspektive. Hier beispielsweise das Forum einer 9.Klasse, mit der ich eine wilde Parisreise zusammen mit Studenten 2001 durchgeführt hatte.

3. Und mit meiner 11c?

Ich habe bereits mehrfach darüber berichtet, dass meine gegenwärtige Klasse sehr wenig äußert. Das war auch während und nach der Frankreichreise so. Natürlich haben die Teilnehmer bestimmt viel erlebt, wir waren immerhin 8 Tage mit Bus unterwegs, sind 4000 kms gefahren (Eichstätt, Loireschlösser, La Rochelle, Bordeaux, Montpellier und zurück) und hatten 7 aktive Studenten dabei. Wir haben, die Studenten und ich, nicht mit Perturbationen gespart (z.B. der Exhibitionist und  Mister Bean am Strand). Aber ich habe kaum etwas erfahren. Ich denke, die Reise hat ihnen gefallen. Eine Gruppe war damit befasst, eine Dokumentation zu erstellen. Auch darüber wusste ich kaum etwas, nicht einmal ob und wann etwas im Netz erscheinen würde. Und gestern die Emergenz: 200 sehr schöne, sehr liebevoll und durchdachte Fotos. Von Markus erstellt. Er hat auch einen Blog angekündigt mit einem Bericht über die Reise. Natürlich bin ich gespannt!

Fazit Immer wieder: biete an, auch wenn du nicht weißt, was auf der Subjektebene wahrgenommen wird. Es lohnt sich (fast) immer!

Und plötzlich emergiert @Cervus! Wow!

Resume Lisa Rosa, Peter Ringeisen, Cervus, Filterraum, Claudia Boerger, Andreas Mertens, und ein paar andere… Alle haben gedrängt: „lass doch die Neuronen-Metapher weg“! Danke Leute, die Botschaft hat mich erreicht!

1. Was ankommt und was nicht…

Als Mensch, der an der Universität sozialisiert wurde und 40 Jahre lang wissenschaftliche Texte verfasst hat, sind mir Konzeptualisierung und Produktion von abstrakten Modellen mit entsprechender Terminologie in Fleisch und Blut übergegangen. Die Wissenschaftssprache ist zu meiner Muttersprache geworden. Paradoxerweise sind die wissenschaftlichen Begriffe sogar emotional geladen:  „Schwellenpotential“ hat für mich mehr Evozierungskraft als „Blumenstrauß“, „Kartoffelpüree“ oder „Geburtstag“.  Und den meisten Wissenschaftlern geht es ähnlich. Will ich mein Publikum verwöhnen, so setze ich einen drauf und spiele mit den Assoziationen und Termini wie ein Kabarettist. Je skurriler, desto lustiger. Besonders das Kleinhirn und das limbische System haben mir es angetan. Nur: warum soll mein Publikum diese Sprache ebenfalls so lustig finden? Trete ich vor Lehrern auf, so wollen sie von mir erfahren, mit welchen Techniken ich Lernfortschritte bei meinen Schülern erreiche. Sie sind wohlwollend und akzeptieren den einen oder anderen Fachbegriff, aber zu viel ist zu viel.

2. Wie ich das endlich kapiert habe

Vorausgeschickt: natürlich sind für mein Denken und Handeln diese abstrakten Schemata und diese Metaphern sehr hilfreich.  Sie liefern mir eine Grammatik, mit der ich meinen Alltag durch den Einsatz des einen oder anderen Schemas bewältige. Aber gleich mit dieser „Grammatik“ im Rahmen eines Vortrages für Lehrer zu beginnen ist unklug. Das habe ich erst definitiv verstanden, als ich massive Hinweise von bloggenden und twitternden Kollegen erhalten habe. Lisa Rosa hielt auf lange Strecken das Thema am Kochen, Peter Ringeisen leitete die Wende ein – ich kenne ihn seit mehreren Jahren als wohlwollenden Begleiter und sein Posting enthielt genau die Argumente, die  zu diesem Zeitpunkt gefragt waren -, Maik Riecken bestätigte dies („zunächst konkrete Unterrichtserfahrungen, dann die Konzeptualisierung“),  Michael Wald betonte, dass die von mir benutzte Begrifflichkeit nur bei Leuten ankommt, die damit vertraut sind, Claudia Boerger bekräftigte die Ansicht, dass die Begriffe abschreckend wirken und eine negative Haltung mir gegenüber induzieren, Apanat baute mich – wie so oft – wieder auf, Andreas Mertens schließlich beschrieb, wie er selbst sein Publikum mit der von ihm vertrauten Terminologie manchmal verfehlt: „Ich tappe auch immer wieder in diese Falle„.

3. Und pötzlich kommt @Cervus

In meinem eigentlichen Vortrag war von Neuron kaum die Rede, den Vortrag kannten aber meine Adressaten nicht. Sie hatten nur den Blogeintrag zur Kenntnis genommen. Ich setzte einen Link auf den Text und Peter Ringeisen las ihn. Er fand ihn sehr gut. Das war eine große Entlastung für mich. Und heute früh nach dem Aufstehen sehe ich in Twitter folgenden Kommentar: „ich emergiere :). les grad den ludwigsburg-vortrag, klingt super! der verzicht auf so manche neuronenmetapher stärkt ihn ungemein.“ Das war @Cervus, den ich zwar followe, mit dem ich bisher aber kaum direkten Kontakt hatte. Und er hatte meinen Vortrag durchstudiert!

Fazit Dank Blogs und Twitter ist es möglich geworden, beim Verfassen von Texten Denkpartner einzubinden, die durch starken Druck radikale Änderungen einleiten.  Eine solche Denkpartnerschaft geht sehr in die Tiefe.

Die Warnung nehme ich ernst.

Resume Unterrichten ist eine sehr komplexe Tätigkeit. Um Prozesse und Abläufe besser begreiflich zu machen ist es nützlich, Bilder aus anderen Bereichen (Metaphern) heranzuziehen. Dieses Vorgehen birgt Gefahren.

1. Rückmeldung eines Kollegen

In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich den Entwurf meines Vortrages am nächsten Samstag in Ludwigsburg skizziert.

Daraufhin erhielt ich folgende Warnung:

rip, on May 2nd, 2009 at 9:34 pm Said: (…)Ich möchte davor warnen, Leute mit dem Vokabular zu verschrecken, das für Lehrer (jedenfalls für mich) fremdartig und auch entfremdend und befremdlich wirkt. Ich finde LdL als Methode sehr gut. Aber ich muss mich wirklich dazu zwingen, einen Artikel zu Ende zu lesen, in dem es von “Perturbationen”, “Neuronen” und “Emergenzen” nur so wimmelt.(…)

2. Das Dilemma

Einerseits verstehe ich die Warnung des Kollegen sehr wohl. Andererseits weiß  ich, dass wenn man die terminologische Hürde überwunden hat, Zusammenhänge, die sehr wichtig für das Verständnis von Unterricht sind, auf einmal klar werden. Es sind wenige Begriffe, aber sie reduzieren die Komplexität drastisch und sind dadurch rasch und einfach operationalisierbar. Ich kann auf die Begriffe nicht verzichten.

Fazit Ich werde in meinem Vortag versuchen, die abschreckende Wirkung der etwa fünf bis sechs zentralen Begriffe abzumildern durch relativierende, ironisierende Nebenbemerkungen. Wenn man diese Metaphern beherrscht, macht es nämlich viel Spaß, sie im Alltag als Deutungsinstrumente zu benutzen.

Ludwigsburg: der countdown läuft.

Resume Heute in einer Woche werde ich den Abschlussvortrag auf dem LdL-Tag in Ludwigsburg halten. Mein Thema: „Lange Inkubation, plötzliche Emergenz“. Hier ist Multitasking akut angesagt, denn ich bin mit anderen Sachen extrem beschäftigt (z.B. Umzug).

1. Das Thema

Das Thema ist von größter Relevanz. Was muss ich in ein System (einzelner Mensch, reale oder virtuelle Gruppe) einspeisen, damit dieses System sich so verhält, wie ich mir es wünsche? In meinem Vortrag fange ich mit der konkreten Beschreibung meiner Klasse an: Ich möchte, wie jeder Lehrer auch, dass meine Schüler Instrumente erwerben, damit sie im Leben gut zurechtkommen. Ich muss wissen, was sich in deren Köpfen und Herzen abspielt, damit ich mit meinem Angebot andocken kann? Was beschäftigt sie gerade? Wo kann ich anknüpfen, um ihre Aufmerksamkeit zu mobilisieren? Welche Inhalte sind für ihr Leben relevant? Mit welcher Art von Perturbation kann ich bewirken, dass sie sich öffnen, damit ich einen Blick in ihre Innenwelt werfen kann?

2. Perturbation, Inkubation und Emergenz

Den zweiten Teil meines Vortrages werde ich einer Analyse dieser Phänomene in der virtuellen Welt widmen. Während eine Schulklasse zumindest physisch als geschlossenes System vor mir liegt (die Schüler sind körperlich anwesend) und nicht entfliehen kann, ist die virtuelle Welt a priori völlig intransparent und absolut volatil. Will ich aus den Menschen, die sich im System bewegen, ein System (Online-Community) konstruieren, so ist eine sehr ausgefeilte Strategie unabdingbar. Vereinfacht beschrieben: ich muss Neuronen-Verhalten konsequent zeigen und kontinuierlich ressourcenorientiert arbeiten. Ferner muss ich angesichts der raschen Verfallszeit immer wieder Perturbationen in das System einbringen und das in Erregung geratene und orientierungslose System („Gehirn“) in die von mir gewünschte Richtung lenken („Cortexaufgabe“). Nur durch Perturbationen kann ich mir ein Bild des Innenlebens des Systems verschaffen. Allerdings muss ich Geduld haben und warten, bis nach einer gewissen Inkubationszeit die ersten Emergenzen erscheinen.

3. Beispiele aus Twitter und Blogs: Liebe und Hass?

Meine permanenten Perturbationen werden auch als solche wahrgenommen. Wie in einem normalen Organismus auch reagiert das System unterschiedlich. Da die Perturbationen so angelegt sind, dass sie die Emotionen ansprechen (limbisches System) werden zunächst Gefühle mobilisiert. Als Beispiel dazu kann ich die Überschrift „Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten“ anführen, die damals für ein bisschen Agitation gesorgt hatte. Wichtig ist, dass, nachdem ich Bild-Zeitungs-mäßig Aufmerksamkeit erregt habe, inhaltlich Fleisch anbieten kann, also mit Modellen die Kognition meiner Leser zufrieden stelle. Natürlich werden dabei auch Leute verletzt, aber ich bin immer bereit zu erklären, warum ich so arbeite und werde meist auch verstanden. Wie dem auch sei, diese Perturbationen polarisieren und die Emergenzen zeigen eine Art Lagerbildung, die gelegentlich auch die Extremen Liebe und Hass einschließt. Auf meinem Vortrag werde ich konkrete Beispiele für die unterschiedlichen Emergenzen anführen und interpretieren.

Fazit Will man in der virtuellen Welt Gruppen (Systeme) aufbauen und steuern, so muss man bestimmte Techniken entwickeln und anwenden. Zentral ist dabei, dass man Einblick in das System gewinnt. Das geht so: Perturbieren, inkubieren lassen, die Emergenzen interpretieren.

PS:  Hier der Vortrag (under construction) und hier die Diskussion.

Legitime Selbstreferenzialität?

Resume Im Zusammenhang mit dem Problem der Nachhaltigkeit im Netz stellt sich die Frage der Legitimität von gezielten Redundanzen in halbgeschlossenen Räumen, wie beispielsweise der Wikipedia.

1. Wechsel vom alten Begriffsparadigma zum neuen

Die Verankerung eines neuen, modernen Begriffsparadigmas ist ein langwieriger Prozess. So hat sich seit den 70er Jahren schrittweise das systemtheoretische Denken in der Gesellschaft etabliert, die meisten Menschen benutzen aber immer noch Begriffe aus dem alten Paradigma, so dass eine rasche Verständigung erschwert wird. Die neuen Termini liegen vor, sie werden aber nicht mit der gebotenen Geschwindigkeit diffundiert. Nur zaghaft werden Konzepte wie Inkubation, Emergenz, Resonanz oder gar Netzsensibilität, die eine große Erklärungskraft für die Bewältigung des Alltags besitzen, in populärwissenschaftlichen Nachschlagewerken übernommen. Das Medium, das den ersten Platz in der Beliebtheit als Nachschlagewerk einnimmt, die Wikipedia, hat sich von der Ideologie her dem alten Paradigma verschrieben: es werden nur Begriffe übernommen, die sich in der Papierwelt etabliert haben. Nur verliert die Papierwelt zunehmend an Aktualität und Relevanz als Informationsquelle bei der rasanten Entwicklung innovativen Denkens.

2. Die Etablierung des neuen Paradigmas durch Redundanzen vorantreiben

Als halbgeschlossenes System ist die Wikipedia der ideale Ort, an dem ein neues, kohärentes Begriffssystem etabliert werden kann. Einerseits ist das System offen für neue Einträge und Impulse von außen, andererseits ist die Anzahl der aktiven Mitarbeiter begrenzt, so dass eine Terminologie sich peu à peu durch Wiederverwendung der Begriffe und durch Entstehen von Resonanz etablieren kann. Insbesondere ermöglichen die Querverweise (interne Links), dass Leser und Autoren in die Begriffskohärenz eingeführt werden und das neuentstehende Gebäude ausgestalten und anreichern. Da die Autoren und User oft als Gatekeeper in der Gesellschaft wirken, ist zu erwarten, dass die in der Wikipedia aktivierte Begriffswelt nach außen getragen wird.

3. Wie geht das konkret?

Als Beispiel sei ein Artikel herangezogen, den ich vor mehr als zwei Jahren in der Wikipedia angelegt habe, und der alle Begriffe aktiviert, die aus meiner Sicht für das neue Paradigma konstitutiv sind. Es handelt sich um das Lemma „Klassenraumdiskurs„. Hier eine für die Schaffung von Redundanz besonders signifikante Stelle (überflüssig zu sagen, dass die Wikipedianer so etwas als „Ansammlung von Buzzwörtern“ radikal ablehnen):

Das Arrangement im Klassenzimmer orientiert sich an der Gehirnstruktur. Zwischen den Lernern, die metaphorisch als Neuronen eingesetzt werden, entsteht durch intensive Interaktionen eine Vernetzung mit entsprechenden Netzwerkeffekten (Reaktionsschwelle, Selbstreferenzialität, Resonanz, Redundanz). Im Rahmen dieser Interaktionen werden Informationen zu Wissen veredelt, indem permanent relevante aus irrelevanten Informationen selektiert werden und zur nächsthöheren Instanz zur Bearbeitung weitergeleitet werden (Komplexitätsreduktion). Wie im Gehirn entstehen aus diesen Interaktionen Emergenzen, es wird Wissen kollektiv konstruiert. Während im instruktionistischen Modell man es mit Linearität a priori zu tun hat, entsteht bei LdL Linearität a posteriori. Oberstes Prinzip ist die Ressourcenorientierung, denn die Informationen, die zur Wissenskonstruktion benötigt werden, stammen entweder aus den Lernern selbst, oder aus der Umwelt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Klassenraumdiskurs in großer Konzentration erfolgt, damit alle Informationen erkannt und verarbeitet werden (Aufmerksamkeitsökonomie, Reaktionsschwelle).

4. Ist das legitim?

Natürlich ist das von mir praktizierte Verfahren grenzwertig, wenn man an die strengen Regeln der Wikipedia denkt. Andererseits gibt der Artikel den Stand der wissenschaftlichen Reflexion wieder und lässt sich nicht in die Kategorie „Theoriefindung“ einordnen, die Todsünde beim Einstellen von Wikipedia-Texten. Auf jeden Fall etabliert sich auf diese Weise ein modernes, kohärentes Begriffsgebäude, das durch die Fülle der Querverweise hohe Stabilität gewinnt. Aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit, innerhalb der virtuellen Welt ein nachhaltiges, ausbaufähiges, für die Wissenschaft wertvolles Gebilde zu verankern.

Fazit Inmitten der Turbulenzen (die es immer schon gegeben hat) ist es günstig, wenn der Mensch auf stabile kognitive Strukturen zurückgreifen kann. Allerdings sollen diese Gebäude an die aktuelle Welt angepasst sein, und zur Zeit bietet die Systemtheorie gute Erklärungsmuster. Sie muss nur verbreitet werden.