Identität im Netz remodulieren.

Resume Wenn Menschen Ihre Positionen offen im Netz darstellen, eröffnet sich die Chance einer grundlegenden Remodulierung von Identitäten.

1. Beispiel für offenes Verhalten

Da Josef Bauernfeind sehr offen über seine Arbeit und seine gesellschaftlichen Vorstellungen berichtet, ergibt sich die Möglichkeit von vertieftem Gedankenaustausch mit entsprechenden Annäherungen und gegenseitigen Bereicherungen.

2. Christian Heller und sein Ansatz der Post-Privacy

Blogeintra zugleich Vortrag auf dem Politcamp 2010 in Berlin

Videointerview:

Fazit: Alles natürlich mit Vorsicht und cum grano salis.

PS: Hier parke ich noch nachträglich einen sehr interessanten Link, den ich Maik Riecken verdanke:

Persona  – was Julia Seeliger mit Marcel D’Avis verbindet (von Kristian Köhntopp)

Christian Heller (@plomlompom): Post-Privacy

Resume Christian Heller denkt über die Chancen nach, die ein radikal offener Umgang mit den eigenen Daten für die Konstruktion der Identität im Netz bietet. Gewagte These in einer Zeit, wo Datenschutz von allen gefordert wird.

Quelle: Die Ideologie Datenschutz

Datenexplosion und Erosion des Privaten als Chance

Die gegenwärtige Daten-Explosion und Erosion des Privaten lässt sich als Bedrohung oder als Chance begreifen; in jedem Fall erschüttert sie bisherige Verhältnisse, Privilegien, Sicherheiten. Es ist verführerisch, sich in dieser Verwirrung an die vermeintlichen Sicherheiten des Status Quo zu klammern. Eine Welt im Fluss erfordert aber nicht nur immer wieder die Rechtfertigung von Neuem gegenüber dem Alten, sondern auch umgekehrt immer wieder die Infragestellung des Alten durch das Neue. Der Status Quo findet sich oftmals nicht nur an seiner Oberfläche, sondern tief in seinen denkerischen Voraussetzungen angegriffen: Dann muss grundlegend darüber reflektiert werden, wie unsere Menschen- und Gesellschaftsbilder beschaffen sind und was wir uns von ihnen erhoffen.

Wie Christian Heller die Spielräume auslotet

Und dieses Sich-Aussetzen in vorsichtigen Dosen versuche ich, indem ich hier und da mit Post-Privacy experimentiere. So lerne ich im Kleinen Strategien des Umgangs kennen, unerwartete mögliche Gefahrenfelder, aber auch unerwartete Möglichkeitsbereiche. So kann ich dann auch informierter abwägen, wo sich die Investition in Geheimhaltung (mit all den Schwierigkeiten, die das impliziert: aufpassen, wem man was an welcher Stelle sagt; der sich immer wieder aufdrängende Glaube, sich rechtfertigen zu müssen, warum man dieses öffentlich macht, jenes aber nicht) lohnt und wo nicht; und wo sich die Investition in Offenheit lohnt und wo sie eher Ärger bereitet. Ich predige also keineswegs für ein sofortiges sorgloses Stürzen in totale Entprivatisierung; nur dafür, sich in den neuen informationellen Gegebenheiten zu orientieren und dabei bald notwendige Erfahrungen zu sammeln, anstatt blind auf den Status Quo oder die Versprechen der Datensparsamkeit zu vertrauen.

Fazit: Es ist nicht sicher, dass durch offenen Umgang mit Privatem die Toleranz der Gesellschaft wachsen wird. Auf jeden Fall wird die Reflexion über die eigene Identität und deren Entwicklungspotentiale intensiviert.

@jkantel und @plomlompom

Resume Die letzten drei Tage war ich in josefstal, auf den macdays. So was Wildes hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Vielleicht war ich doch zu lange auf das Schulmilieu fixiert.

1. @plomlompom

Auch wenn plomlompom (Christian Heller) erst am Ende der Tagung auftrat, fange ich mit ihm an, weil er den theoretischen Rahmen stellt für meine Beschreibung von Jörg Kantel. Heller zeigte auf, dass mit dem Ende der Privatheit eine Aufsplitterung der Identitäten erfolgt, deren Parzellen überall im Netz zu finden sind, deren Rekonstruktion aber ein mühsamer, kaum zu schaffender Prozess darstellt. Im realen Leben werden je nach Handlungskontexten unterschiedliche Teilidentitäten aktualisiert,  das war schon immer der Fall. Aber durch das Verteilen von Identitätssplittern im Netz werden diese unübersichtlich und nicht mehr kontrollierbar. Das Ende der Privatheit ist auch das Ende des Individuums als wichtige Entität, wie sie seit der Renaissance betrachtet wird. Natürlich versuchen die Menschen, die Kohärenz zu retten, indem sie z.B. Biographien verfassen, die sie über den Tod hinaus als Einheit präsentieren. Auch ihre Homepages können die völlige Auflösung hinauszögern.  Aber eben nur hinauszögern.

2. Jörg Kantel

Dieses Phänomen kann man zum Teil an Jörg Kantel beobachten. Der Mann ist ein Genie. Damit meine ich, dass er in einer Fülle von Gebieten Exzellenz erreicht hat, sogar in der Disziplin Agility (eine Art Hundeturniere).  Er behauptet, dass er in seinem Blog fünf Einträge pro Tag eingibt. Gleichzeitig bekleidet er eine hohe Position am Max-Plank-Institut.  Ich würde ihn als Mutant bezeichnen, denn er ist in der Lage, von allen Seiten einströmende Informationen blitzschnell zu verarbeiten, zu kombinieren und zu hochanspruchsvollen  Kognitionen zu verbinden.  Es scheint ihm zu gelingen, noch so etwas wie eine kohärente Identität immer wieder herzustellen (was ihm nur durch übersteigerte Egozentrik gelingt, aber wer könnte ihm das verdenken?).  Wer versucht, ihm im Netz zu folgen, wird seine Schwierigkeiten haben, diese Identität zu fassen und zu beschreiben. Bei fünf Blog-Einträgen pro Tag kann es gar nicht gelingen. Die letzten fünf bezogen sich auf: 1. Computergeschichten 2. Hundeturnier 3. Yahoo 4. Das Bauen eines Kettenkarussels 5. Die NPD.  Wer ist Jörg Kantel?

3. Mein Vorschlag  zur Restitution von Kohärenz: Handeln

Offensichtlich führt der Versuch, alle Parzellen des Ichs in das Netz zu streuen um die eigene Identität über den Tod hinaus zu retten, zu dem Gegenteil dessen, was man beabsichtigt. Das Ich löst sich in Einzelberichten über Alltagskleinigkeiten (Essen, Verdauung,  Wetter, Müdigkeit, Stimmungen) im Netz auf.  Um die kohärente Identität rasch wiederherzustellen,  gibt es auch meiner Sicht nur eine Möglichkeit, nämlich das Handeln. Alle Bausteine werden automatisch zusammengefügt, wenn ein externes Problem angegangen werden muss. Wenn ich beispielsweise als Lehrer eine Klasse führen und im Griff behalten will, darf ich nicht zu sehr über die Qualität meiner Stuhlgänge reflektieren.

Fazit Das Ende der Privatheit läutet das Ende des alten, individualistischen Paradigmas ein. Wenn das Individuum durch die Verbreitung der Informationen im Netz an Bedeutung verliert, kann es an Wert wiedergewinnen, wenn es sich an kollektiven (weltverbesserungs-)aktionen beteiligt.