Entwicklungsaufgaben auch mit 66? Ja, auch mit 66.

Resume Im Laufe ihres Lebens müssen junge Menschen bestimmte Entwicklungsaufgaben bewältigen. Seitdem es das Internet gibt, gilt dies auch für Ältere.

1. Sexualität, Beruf, Familiengründung

Im Allgemeinen zählt man drei Stufen bei der Entwicklung junger Menschen, nämlich die Bewältigung der Pubertät, die berufliche Ausbildung und die Gründung einer Familie. Diese drei Etappen sind mit tiefgreifenden Umorganisationen der Persönlichkeit und der Identität verbunden. Dazu könnte man noch die Konstituierung eine stabilen Wertesystems zählen, aber dies wird selten als dramatischer Prozess erlebt, denn radikale Paradigmenwechsel, wie es beispielsweise der Fall war in der Folge der 1968er Ereignisse, sind selten. Meist bleiben die Kinder auf der politischen Linie der Eltern. Eine letzte radikale Umorganisation erfolgt mit dem Schritt in den Ruhestand, aber es betrifft eben keine jungen Menschen mehr sondern alte. Dieser Schritt wird auch selten als Entwicklung gestaltet und wahrgenommen.

2. Schritt in den Ruhestand als Entwicklungsaufgabe

Seit der Verbreitung des Internets und seitdem ältere Menschen die zu dessen Nutzung notwendigen Kompetenzen besitzen, besteht für sie die Möglichkeit, die Ressourcen an Erfahrung und Reflexion, die sie im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben, in den allgemeinen Denkkreislauf einzuspeisen. Auch sie haben eine gewaltige „Ressource Geist“ anzubieten. Und der junge Teil der Bevölkerung erkennt dies instinktiv. Das bedeutet, dass im Internet alte Menschen gebeten werden, ihre Denkressourcen zur Verfügung zu stellen. Diese Nachfrage zwingt wiederum die Älteren zu einem Entwicklungsschritt. Sie müssen ihre Denk- und Erfahrungsschätze so anbieten, dass diese nutzbar für die Allgemeinheit werden. Und die Jungen helfen ihnen dabei. Die Reflexion über die eigene Vergangenheit gewinnt an Qualität, weil der Prozess von den Jungen begleitet, ja abgetrotzt wird. Für den Älteren ist es eine Art Apotheose, indem in einem letzten Gewaltakt die Quintessenz eines Lebens herausgefiltert und eine neue, qualitativ höhere Interpretation geleistet wird.

Fazit Im Internet entsteht eine Nachfrage nach Denkressourcen, die auch ältere Menschen erfasst. Diese werden bedrängt, Ihre Erfahrungen so aufzubereiten, dass diese auch für andere nutzbar werden. Das bietet den Älternen die Chance, einen ultimativen Entwicklungsschritt zu vollziehen.

Entnaivisieren.

Im Augenblick arbeite ich sehr fleißig an meiner Autobiographie. Ich decke rückblickend auf, wann und in welchem Kontext ich konstitutive Bausteine meiner Identität gemeißelt habe.

Zum Beispiel das Konzept der Entnaivisierung (Auszug):

Von dieser Zeit ist mir der absolute Wunsch geblieben, meine Schüler und Studenten zu entnaivisieren. Das spielt in meinem Leben und meinem Wirken auch heute noch eine zentrale Rolle. Auch der Text, den ich jetzt als meine Biographie verfasse, folgt diesem Ziel. Unter entnaivisieren verstehe ich auch, dass manipulative Verhaltensweisen, die von den Verursachern selbst nicht erkannt werden, aufzudecken sind. Viele Politiker und sonstige Machthaber, die grundegoistische Ziele verfolgen, merken es selbst nicht und glauben, sie würden sich tatsächlich für die Partei oder das Volk aufopfern. Und das verkünden sie auch wahlwirksam. Das sollen meine Kinder, meine Schüler und meine Studenten durchschauen.


Archeologie des Ichs.

Resume Beim Verfassen meiner Entwicklungsgeschichte stelle ich fest, dass es mir von allem um das Sammeln von Identitätsbausteinen geht. Viele im Laufe meines Lebens haben mir Werte zugeschoben, die ich gedankenlos in mein Ich eingefügt habe.

1. Memoiren, Biographie oder was sonst?

Memoiren zielen vorwiegend darauf ab, eine Epoche aus der Perspektiven eines (relevanten) Zeitzeugen zu beleuchten.  Eine Biographie soll den Werdegang eines Menschen beschreiben, ohne spezielle Schwerpunktlegung. In meinem Fall ging es ursprünglich darum, dass Lehrer, die Lernen durch Lehren anwenden wollen, ein nützliches Kompendium in die Hand bekommen. Da LdL stark theoriebasiert ist und dezidiert Werte und Haltungen hervorhebt, die zum Gelingen schüleraktivierender Methoden beitragen, war es folgerichtig, dass ich als Initiator des LdL-Projektes rekonstruiere, wie ich zu diesen Werten kam. Insofern handelt es sich bei meinem Buch nicht um Memoiren (das steht eher Politikern zu), nicht um eine Biographie (das steht eher Abenteurern zu), sondern um eine Archeologie der LdL-Werte, sofern ich sie vertrete.

2. Als Archeologe Scherben sammeln

Beim Verfassen der ersten Seiten stelle ich fest, dass bestimmte Ereignisse oder bestimmte Menschen ganz anders in meine Wertebildung eingegangen sind, als ich mir das bisher dachte. So hat mir mein Freund Jacques Rappoport über sein Verhaltensmodell als kreativer, lustiger, unvoraussehbarer Mensch hinaus einen Baustein geliefert, der kaum Beachtung finden dürfte, wenn ich die Scherben nicht wie gerade mit einem Pinsel sauber machen würde. Er war sehr lustig, aber sein Esprit übte sich nie auf Kosten von anderen Menschen. Alle mochten ihn, aber man wusste nicht genau warum. Auf das von mir beschriebene Merkmal wäre niemand gekommen. Lustig sein und niemanden dabei verletzen. Daran mochte ich mich auch halten. Das ging in meine Wertvorstellungen ein.

Fazit Natürlich werden dem Kind von Geburt an massiv Wertesysteme angeboten. Aus den zahlreichen Modellen bastelt es sich im Laufe der Jahre ein eigenes, dessen heterogener Ursprung ihm nicht bewusst ist. Durch die historische Rekonstruktion gewinnt man Klarheit.