„Sie haben mich nicht überzeugt, aber ich werde es probieren!“

Resume LdL vorzustellen ist schwer. Das kann man nicht linear tun. Man muss irgendwo einsteigen und hoffen, dass die Teilnehmer sich schrittweise in die – nicht lineare – LdL-Welt hineinziehen lassen.

1. Erster Schritt: Referate und Präsentationen sind das Gegenteil von LdL

Mein Einstieg bei Veranstaltungen ist immer derselbe: ich bitte die Teilnehmer zu beschreiben, was sie sich unter „Lernen durch Lehren“ vorstellen, also was Schüler konkret tun, wenn sie vor die Klasse treten. Die Antwort der Teilnehmer ist immer gleich: „die Schüler präsentieren den Stoff.“ Und hier muss ich klarstellen, dass Präsentationen, Vorträge, Referate das Gegenteil von LdL sind. Bei LdL verfolgen die Lehrer-Schüler das Ziel, dass die Inhalte von den anderen gelernt, also verinnerlicht werden. Bei Präsentationen denken die Präsentierenden nicht daran, dass der Stoff bei den Zuhörern verinnerlicht werden muss. Bei LdL fangen die Schüler nicht mit einem Vortrag an, sondern sie fragen beispielsweise die anderen, was sie schon über das Thema wissen und schreiben das an die Tafel, oder überlegen sich einen ganz anderen, spannenden Einstieg. Ihre Hauptaufgabe ist also eine didaktische: sie müssen den Stoff wie normale Lehrer attraktiv und spannend „rüberbringen und festigen“.

2. „Wenn die Schüler den Unterricht halten, ändert sich doch kaum was!“

Ein Einwand, der oft formuliert wird, ist dass sich durch die Übernahme der Lehrfunktionen durch Schüler sich kaum etwas ändert: „Zwar haben die unterrichtenden Schüler was davon, aber für die anderen ändert sich nichts„.  Ich sehe das ganz anders: durch die Übernahme von Lehrfunktionen ändert sich der Blick der Schüler radikal: sie betrachten den Stoff nicht mehr als etwas, was sie selbst erwerben sollen, sondern als Inhalte, die sie anderen vermitteln müssen. Sie reflektieren permanent über Lernprozesse, über die eigenen und über die anderer Menschen.

3. „Nur die Lehrfunktionen? Das müsste vielmehr sein!“

Wenn jemand noch nie versucht hat, Schülern Lehrfunktionen zu übertragen, meint er, dass es ganz einfach ist und schnell geht. Er hat keine Vorstellung davon, wie mühsam es ist, Schülern beizubringen, wie man sich dem Publikum aktiv zuwendet, wie man jemanden fragt, ob er verstanden hat, wie man mit einer Folie Inhalte präsentiert, wie man moderiert… All das muss ich kleinschrittig und nachhaltig mit den Schülern einüben, und zwar während des Prozesses selbst. Da nützt kein Training vorher, denn die Schüler vergessen den Crashkurs sehr schnell. Ich muss also auch nach Monaten LdL immer wieder die Schüler bitten, die anderen (und nicht mich) anzuschauen, wenn sie etwas erklären, die Hände aus den Taschen zu nehmen, weil man mit dem Einsatz der Hände Leute besser motivieren kann, usw. Leute, die das nicht wissen, finden LdL zu kleinkariert. Ich sollte doch die Schüler wirklich frei lassen und sie selbst ihre Inhalte erstellen lassen! Dabei bin ich sehr froh, wenn die Schüler sich überhaupt auf die Übernahme von Lehrfunktionen einlassen! Für sie ist die Schule nicht wichtig: „Wir sollen die Inhalte selbst erstellen, und sonst noch was?

Fazit LdL in zwei Stunden erfolgreich vorzustellen geht vor allem gut, wenn das Publikum aus Lehrern besteht, die sich womöglich bereits im Studium mit LdL befasst haben. Ist dem nicht so,  so ist es ein großer Erfolg, wenn nach zwei Stunden eine Kollegin mitteilt: „Sie haben mich nicht überzeugt, aber ich werde es probieren!

Theoriegeleitete Alltagsbewältigung: Zielgruppe Lehrer

Resume Nachdem ich im Band 1 meiner Vorlesung alle Wissensbausteine geliefert habe, die ich in den letzten 30 Jahren erstellt habe, werde ich jetzt Tag für Tag beschreiben, wie ich weiter Wissen konstruiere und verbreite.

1. Relevantes Wissen?

Relevantes Wissen ist Problemlösewissen und entsteht meist unter Leidensdruck. Daher ist es für Professoren, die mit Lehrerbildung befasst sind, unabdingbar dass sie selbst eine Klasse kontinuierlich unterrichten: nur  so können sie a) das reale Leiden erfahren, das jeden Lehrer in der Praxis erwartet, und dadurch b) existentiell daran interessiert sein, Lösungen zu finden.

2. „Lernen durch Lehren“ als Teil einer Problemlösung

Als ich 1980 unter der Situation litt, dass ich im Unterricht verbal und auch sonst überaktiv war, während meine Schüler passiv blieben, kam ich auf die LdL-Idee. LdL löst eine ganze Reihe von Problemen, aber nicht alle. Wenn die Schüler die LdL-Techniken freudevoll aufgegriffen  und verinnerlicht haben, stellt sich nach etwa zwei Monaten das Problem, dass ihre Präsentationen oft monoton sind und stark abhängig von den jeweiligen Schülern. Das bedeutet nicht, dass sie zurück zum Frontalunterricht wollen, aber sie brauchen neue Anreize. Meine Lösung ist, dass ich den Schülern Inhalte anbiete, die relevant für das Verständnis der Welt sind, aber das Problem der Heterogenität bleibt: einige Schüler finden die Beschäftigung mit der Finanzkrise sehr interessant, die anderen finden das unglaublich langweilig.

3. Auf die Inhalte kommt es an

Im Unterricht wie in jedem anderen Kontext auch erfolgt Informationsverarbeitung. An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass Informationsverarbeitung ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist. Da die Schüler keine andere Wahl haben, als sich mit den Informationen zu befassen, die im Unterricht zur Bearbeitung aufgezwungen werden, ist die Qualität dieser Inhalte von höchster Bedeutung. Der Lehrer kann unmöglich die Interessen aller Schüler treffen. Daher muss er eine Selektion vornehmen, die zumindest sichert, dass die von ihm angebotenen Inhalte relevant für das aktuelle und künftige Leben der Schüler ist. Für die 11.Klasse habe ich völlig außerhalb des Lehrplans folgende Wahl getroffen: wir befassen uns geschichtlich mit der Renaissance, weil diese Epoche die größten Parallelen zur gegenwärtigen Zeit aufweisen (Paradigmenwechsel); ferner behandeln wir Themen, die durch die Aktualität geliefert werden: Obamas Wahl, die Finanzkrise, die Piraterie an der Somalische Küste und jetzt gerade die Konflikte zwischen Hindus und Moslems in Indien.

4. Zur Verbreitung der Wissensbausteine

Morgen bin ich in Ulm eingeladen, und werde im Zentrum für Weiterbildung eine Veranstaltung über LdL durchführen. Hier meine Vorbereitung im Wiki.

Fazit Um den privaten und beruflichen Alltag zu bewältigen, braucht man eine gute Theorie, um emotionsbehaftete Problemsituationen „in den Griff“ zu bekommen. Aus der erfolgreichen Bewältigung von konkreten Situationen werden Lösungsschemata entwickelt, die die Theorie wiederum anreichern.