Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle

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Jean-Pol Martin: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle. In: Olaf-Axel Burow, Stefan Bornemann (Hrsg.): Das große Handbuch Unterricht & Erziehung in der Schule. Carl Link Verlag, 2018. S. 345–360. ISBN 978-3-556-07336-0.

 

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LdL- und Neuronenmärchen (von 5. Klässlerinnen)

In der Klasse von Isabelle Schuladen Le Bourhis, Realschule Meitingen.

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5. Klasse: „Martin’s Menschenbild“

Isabelle Schuhladen Le Bourhis

Gehirngerechtes Lernen in der 5. Klasse, 3. Stunde
Sie analysieren gerade das Menschenbild von Jean-Pol Martin und das Verhalten der Neuronen (schreiben ein Märchen dazu).
Alle sind begeistert, nützen jede freie Stunde um Fachtexte zu lesen und Video anzuschauen!

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen, Personen, die sitzen, Bildschirm und Innenbereich

Shift from teaching to learning. Bericht von Isabelle Schuhladen:

Isabelle:

Ich habe heute einen wunderschönen Vortrag zum Thema „Junge in der Realschule“ genießen dürfen. Die Schlussworte der Referentin: „Jungs müssen Verantwortung bekommen, persönlichkeitsfördernde Aufgaben. Man soll für eine tragfähige Beziehung zwischen L-S sorgen. Warum nicht die Rollen austauschen?“

Ich habe innerlich gelacht, sie hat von mir Applaus und Lob bekommen. Sofort habe ich an Jean-Pol Martin denken müssen, der seit ein paar Wochen für einen „neuen“ aktuellen Begriff wirbt (Siehe Aufsatz – LdL in Mathematik), sofort hatte ich meine Jungs aus den LdL-Klassen vor Augen: Die „Hormonenvulkane“ blühen trotz Pubertät, erleben Erfolg, zeigen eine enorme Motivation, sind flexibel !!!!
Für mich wieder ein Beweis (die Referentin hat das Ganze auch biologisch begründet), dass LdL top aktuell ist! Anschließend habe ich mit ihr gesprochen (über LdL natürlich 😉 )!

„Nebenentdeckungen“ als kollaterale Forschungsergebnisse.

Wenn man sich mit dem Leben von Forschern befasst, stellt man meist fest, dass sie eine „Hauptentdeckung“ gemacht haben, und nebenbei noch eine ganze Reihe von Nebenentdeckungen, die aber nicht in ihr Fachgebiet fallen. Daher auch nicht von den Spezialisten beachtet werden.
Pro domo:
Als Fachdidaktiker habe ich 1982 LdL „entdeckt“. Zwar gab es schon viele Ansätze in diese Richtung, aber ich bin an diesem Thema 34 Jahre lang geblieben und gelte als „Begründer“ dieser Methode.
Sehr früh, 1983, habe ich mich mit Maslow befasst und erkannt, dass die von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse eigentlich dem alles umfassenden Bedürfnis nach Kontrolle zuzuordnen sind. Es war eine wichtige Erkenntnis, aber, da ich kein Bedürfnisforscher bin, hat die entsprechende Wissenschaft das natürlich nicht registriert. Immer noch bin ich der einzige, der die Position vertritt, dass die von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse dem Bedürfnis nach Kontrolle zuzuordnen sind (siehe auch „exploratives Verhalten“).
Die jüngste Nebenentdeckung, auf die ich besonders stolz bin, ist die Erkenntnis, dass ein Megagrundbedürfnis, das weder Maslow noch alle anderen Bedürfnis/Glücksforscher bisher erkannt haben, das Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung (und vor allem nach Konzeptualisierung) ist.
Das habe ich zum ersten Mal 2011 veröffentlicht, also vor 5 Jahren. Ich bin gespannt, wie lange die Spezialisten brauchen werden, um selbst auf diese Idee zu kommen!
Und jetzt zum entsprechenden Blogeintrag:

Isabelle Schuhladen Le Bourhis macht Pädagogikgeschichte.

Ein Schüler aus meiner 6. Klasse ist von Ihrem Aufsatz „Konzeptualisierung als Glücksquelle“ voll überzeugt, er erstellt uns jeden Tag eine Visualisierung während der Stunde, schreibt keine traditionelle Hefteinträge mehr mit. Das macht ihn glücklich und sagt selber, dass er so viel effektiver lernt.

Lange Inkubation, plötzliche Emergenzen (wieder einmal!:-)

Ein bisschen Theorie:
Lange Inkubation, plötzliche Emergenzen:

In meinem Leben als Forscher habe ich mich bemüht, permanent und in zahlreiche Felder Impulse einzuspeisen, egal ob eine Reaktion kam oder nicht („Neuronenverhalten“). Ich wusste, dass mein Ziel richtig war und verfolgte es stur.
Und immer wieder wurde diese Strategie bestätigt („verifiziert“). Gerade in Augenblicken, wo mich der Mut und die Energie zu verlassen drohten, „emergierte“ Plötzlich ein Ereignis oder eine Person, die das Ganz gewaltig nach vorne brachte.
Ein paar Beispiele:
Isabelle Schuhladen Le Bourhis kenne ich seit etwa zwei Jahrzehnten und sie war immer interessiert aber zurückhaltend. Vor zwei Jahren erprobte sie LdL in ihrem Unterricht und explodierte förmlich. Die gegenwärtigen Erfolge sind in hohem Maße auf sie zurückzuführen. Ähnliches gilt für Peter Ringeisen, der ebenfalls zwei Jahrzehnte Interesse zeigte und als er nach mehreren Versuchen mit LdL plötzlich einen großen Erfolg zu verzeichnet hatte wie eine Rakete startete.
In einem anderen Feld („Glücksmodell“) prescht gerade Juliane Martin mit voller Wucht voran!
Im Rahmen des Projektes „Asylbewerber erstellen einen geistesgeschichtlichen Parcours“ hat sich gerade Assmael EW vor meinen Augen wie ein Geiser in den Himmel geschossen.
Und in einem ganz anderen Kontext, nämlich in dem Kampf gegen das Kongresshotel emergiert plötzlich eine Situation (Finanzmisere), die große Chancen eröffnet, das ganze Kongressdrama zu beseitigen! Hier steht Christian Lange an vorderster Front!
Ständig pushen und auf plötzliche Emergenzen vertrauen, das ist die Devise!!!

Exploratives Verhalten

[Hier halte ich den Stand des Wikipedia-Artikels zum Begriff
Exploratives Verhalten fest. Bekanntlich ist Wikipedia ein offenes
System, bei dem jeder Artikel jederzeit verändert oder gar
gelöscht werden kann. Daher meine Vorsichtsmassnahme.]

Exploratives Verhalten

Exploratives Verhalten (lat. explorare = erforschen) bezeichnet die Bereitschaft eines Akteurs, die Umwelt zu erkunden.

1. Exploratives Verhalten als zentrale Dimension erfolgreicher Lebensbewältigung

Nach Dietrich Dörner (1983)[1] besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem explorativen Verhalten eines Menschen und seiner Problemlösefähigkeit. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: Explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor Kontrollverlust und emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Bereiche anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten.

2. Flow-Effekt als Belohnung für exploratives Verhalten

Wenn exploratives Verhalten so günstig für die Problemlösefähigkeit ist, wie kann man Menschen dazu bewegen, von sich aus Schritte in die Unbestimmtheit zu wagen, obwohl solche Schritte immer mit Anstrengung und Angst verbunden sind? In der Tat: jeder Schritt ins Unbekannte birgt das Risiko, dass wir die Kontrolle über die Situation verlieren, der Umwelt hilflos ausgeliefert sind und schließlich Teile unserer Lebensfähigkeit einbüßen. Andererseits wird exploratives Verhalten, wenn es zum Erfolg führt, reichlich belohnt: so löst die Wiedergewinnung von Kontrolle intensive Freude aus, kann sich bis zu Triumphgefühlen steigern, zu einer Klimax des Wohlbefindens. Es ist der sogenannte Flow-Effekt, der als einheitliches Fließen beschrieben wird, wobei eine Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein geschieht, ein völliges Aufgehen in der Aktivität bis zu Selbstvergessenheit (Csikszentmihalyi,1999)[2]. Offensichtlich ist die Gewinnung von Kontrolle so bedeutsam für die Lebenserhaltung, dass die Natur das Ergebnis von Kontrollanstrengungen mit der höchsten Belohnung bedenkt, die ihr zur Verfügung steht.

3. Zum Aufbau explorativen Verhaltens im Unterricht

Will man also Menschen dazu bewegen, sich explorativ zu verhalten, muss man dafür sorgen, dass sie Kontrolle erreichen und mit den entsprechenden Gefühlen belohnt werden. Die Aufgabe des Didaktikers muss sein, die Schüler und Studenten vor anspruchsvolle, herausfordernde Lernsituationen zu stellen und ihnen helfen, diese Situationen zu meistern. Mit den Begriffen der Systemtheorie bedeutet es, dass man Menschen in die Komplexität führen soll mit dem Auftrag, Komplexität zu reduzieren. Sei es die Komplexität eines Lerngegenstandes, sei es die Komplexität einer sozialen Situation, sei es die Komplexität eines Projektes. Mehr noch: die Studenten sollen daran gewöhnt werden, Komplexität von sich aus reflexartig und routinemäßig aufzusuchen und zu reduzieren.[3] Ein solches Verhalten führt schrittweise zu einer weiteren, seit dem Aufkommen des Internets zentralen Kompetenz, der Netzsensibilität.

4. Exploratives- vs. Bindungsverhalten

Beim Menschen wie bei anderen Primaten wird das Erkundungs- oder Explorationsverhalten in einer Beziehung zum Bindungsverhalten gesehen. Hierbei schließen sich das Bindungsverhalten und das Explorationsverhalten gegenseitig aus. Beide Verhaltensweisen können nicht gleichzeitig aktiv sein, stehen aber als frühe, angeborene Verhaltensweisen in Wechselwirkung miteinander.

Beide Verhaltensweisen haben einen großen Einfluss auf die spätere Entwicklung. Ein Kind zeigt verstärkt dann exploratives Verhalten, wenn es sich gewiss ist, dass die Bindungsperson jederzeit verfügbar ist, um emotionale Unruhezustände auffangen zu können. Kinder welche ein Missverhältnis zwischen Explorativen- und Bindungsverhaltensweisen aufweisen, zeigen im späteren Verlauf ihrer Entwicklung häufig negative Auffälligkeiten im Sozialverhalten. Kinder die ein vermehrtes Explorationsverhalten zeigen, stehen hingegen unter vermehrtem Stress.

Siehe auch

Quellen

  • Dörner, Dietrich, et al. (Hrsg.)(1983): Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Bern: Huber
  • Csikszentmihalyi, Mihaly (1999): Lebe gut!: wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen. Aus dem Amerikanischen von Michael Benthack. Stuttgart: Klett-Cotta
  • Jean-Pol Martin: „Weltverbesserungskompetenz“ als Lernziel? In: „Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog“, 6. Jahrgang, 2002, Heft 1, Seite 71–76

LdL: Isabelle Le Bourhis und Meitingen vorne!

Isabelle Schuhladen Le Bourhis

Gute Nachricht für LdL-Fan!
Wir hatten heute eine Konferenz, bei der der Schulleiter uns den Kern des neuen Lehrplans vorgestellt hat.
Hier meine Notizen zum Lehrplan-Plus:
— Output!
Was bringt Erfolg im Unterricht?
— Lehrerfortbildung
— Metakognitive Strategien
— Lernbezogenes Feedback (Siehe Hattie)
+ Problembasiertes Lernen (Exploratives Verhalten)
+ Lehrer-Schüler-Beziehung
+ Was hat das Kind davon??? Und nicht mehr: Was hat der Lehrer davon?
+ Unterricht aus den Augen des Schülers
+ Prozesse sind wichtig
+ Kompetentes Handeln: Wissen – Können – Wollen
–> intelligentes Wissen + Handlungsfähigkeit

Unser Schulleiter meinte: Die LdL-Kerngruppe wird uns erklären, wie der Unterricht ausschauen soll, sie haben schon die Tore der Zukunft eröffnet!

Viele Kollegen kamen nach der Konferenz zu mir: „Hast du bei dem neuen Lehrplan mitgearbeitet? “ Ich: Nein, ich unterrichte plus!

Mit LdL machen wir JETZT schon, was der neue Lehrplan will (2017)!

Jean-Pol Martin : Vor 35 Jahren haben Sie schon gewusst, was Schüler und Schule stark macht!!! Hut ab!!! Und vielen Dank, dass Sie LdL erfunden haben!

Sie werden noch berühmt!!!!

Als erstes: Schüler mit LdL-Theorie intensiv befassen!

Heute skype ich mit Lille, um bei der Einführung von LdL in l’école de la deuxième chance mitzuwirken.
Seit längerer Zeit festigt sich meine Überzeugung, dass ein sinnvoller und nachhaltiger Einstieg in LdL mit einer intensiven Beschäftigung mit den zentralen theoretischen Artikeln beginnen MUSS.
Das haben die Erfahrungen von Laura Cowizzle, Peter Ringeisen, Isabelle Schuhladen Le Bourhis und jetzt von den Partnern in Lille verdeutlicht. Wenn sowohl Schüler und Lehrer wissen, auf welche Weise LdL den Lernprozess einleitet und lebenslang begleitet und welche Auswirkungen auf ihre Persönlichkeit und ihre Glückschancen LdL enthält, werden sie eine starke Veränderung ihrer Haltung dem Lernen gegenüber und dem Leben insgesamt erfahren. LdL ist eine Gesamtphilosophie, deren Basis verstanden werden muss, bevor die Methode eingesetzt wird.

Hier zu den Basisartikeln