Isabelle Schuhladen: „Das macht Schule“

Wir bringen dir das Lernen bei!

Wir bringen dir das Lernen bei!
Anhand des Konzepts „Lernen durch Lehren“ von Jean-Pol Martin lernen die Schülerinnen und Schüler, wie das Lernen funktioniert (woher kommt dies, Kenntnisse aus der Neurowissenschaft, anthropologisches Modell, Empathie, Ressourcenorientierung, Flow, exploratives Verhalten…). Als Abschluss erstellen die Schülerinnen und Schüler in GA eine Mappe für die anderen 5Klässlerinnen und 5Klässler der Schule und halten eine Projektpräsentation.

Projektstory

  • Am 20. Juni habe ich mit diesem Projekt in meiner 5. Klasse Realschule im Fach Deutsch angefangen. Das Thema: “ Wir bringen euch das gehirngerechte Lernen bei!“
    Die Schülerinnen und Schüler müssen anhand von Fachbüchern aus den Neurowissenschaften herausfinden, wie das Lernen im Gehirn funktioniert und sich überlegen, welche Konsequenzen dies für den Unterricht hat. Dazu haben sie den Grundaufsatz von Jean-Pol Martin “ Weltverbesserungskompetenz als Lernziel“ und eine Liste mit Links zu Aufsätzen und Videos zu dem Thema bekommen. Das heißt, hier wird Forschungsarbeit gefragt. Natürlich sollen sie ihre persönlichen Erfahrungen (LdL, Klassenrat, Schullandheim…) mit einbauen. Sie müssen zum Beispiel ein Märchen über das Verhalten der Neuronen schreiben, einen Kinder-Lexikoneintrag verfassen, in dem sie das Menschenbild gleichaltrigen Schülern erklären, ein Video drehen (Verhalten der Neuronen), Visualisierungen erstellen…
    Wenn die Schüler alle Aufgaben bearbeitet haben, sollen sie sich selbst einschätzen. In meinem Bewertungsbogen, den ich mit der Klasse erstellt habe, befinden sich 2 Spalten: Selbsteinschätzung und Bewertung durch die Lehrkraft.
  • Bis jetzt läuft es sehr gut! Die Klasse zeigte ihr Organisationstalent, die Schülerinnen und Schüler können sich gut konzentrieren,und zeigen große Motivation, sogar Flow! Dadurch möchte ich zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler, wenn sie Vertrauen und Verantwortung bekommen, tolle Leistungen und vor allem Kreativität zeigen und dass sie durch solche Projekte enorm viel lernen!
  • Von Anfang an wurde die LdL-Theorie von Jean-Pol Martin eingeführt (Die Bedürfnisse des Menschen, die gewaltfreie Kommunikation, Demokratie-Erziehung, Fehlerkultur, Klasse als Gehirn / Schüler und Lehrer als Neuronen). Dadurch haben wir eine sehr konstruktive Klassengemeinschaft erreicht, sodass wir vor Weihnachten den Klassenrat (www.derklassenrat.de) einführen konnten. Dank des LdL-Prinzips und des Klassenrats wurde Partizipationsfähigkeit gefordert.
    Das Projekt hat den Schülern, ihren Eltern und mir große Freude bereitet. Die Präsentationen waren von großer Qualität! Die Schüler haben wertvolle Videos gedreht.
    Da die Präsentationen hervorragend waren (inhaltlich und technisch), luden wir die Eltern zur Schule ein und organisierten einen LdL-Nachmittag für sie an der Schule. Die Klasse wollte aber noch mehr! Deshalb präsentierten sie ihre Ergebnisse ein 3. Mal für die Parallelklassen. Ein großer Erfolg! Dieses Projekt bekam auch bei den Lehrern große Aufmerksamkeit.
    Diese Klasse brachte anschließend den anderen 5. Klassen LdL und den Klassenrat bei!In der 6. Klasse leben wir weiterhin im LdL-Modus. Dank dieser Partizipationskompetenz ( im LdL-Prinzip fest verankert) der Schüler haben sich für uns neue Türe eröffnet:
    – Die Schüler erklären Lehrern das LdL-Prinzip im Rahmen von regionalen Lehrerfortbildungen
    – 8 Schüler waren dieses Jahr am 11. April beim Augsburger Landrat. Hier haben sie ihm LdL vorgestellt, weitere Deutschkurse für unsere Schüler aus Syrien und Afghanistan sowie eine Jugendorganisation für Meitingen beantragt. Ein paar Tage später bekamen wir schon gute Nachrichten vom Landrat.

 

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Wozu Bürgerbeteiligung? Wissenskonstruktion und die Gehirnmetapher.

Das Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für die Steigerung des Glücks stößt an seine Grenzen. Mehr Konsum führt nicht zu mehr Glück sondern zum ökologischen Kollaps. In einem Bereich ist allerdings Wachstum noch möglich und wünschenswert: wir können unser Wissen spektakulär mehren. Die effektivste Wissensproduktionsmaschine ist das Gehirn. Lässt sich die Funktionsweise des Gehirns auf Menschengruppen übertragen?

Der Mensch als Neuron

Die kleinste Funktionseinheit des Gehirns ist die Nervenzelle (Neuron). Bekanntlich verfügt das Gehirn über etwa 90 Milliarden davon. Diese Neuronen sind in Netzen organisiert (neuronale Netze), die auf der Grundlage des Austausches und der Verarbeitung von Impulsen Gedanken hervorbringen. Die Neuronen kommunizieren also sehr schnell und intensiv untereinander und daraus entsteht Wissen. Natürlich ist die Organisation dieses Austausches zwischen den Neuronen im Gehirn sehr kompliziert. Dennoch können wir uns vorstellen, dass dank der Digitalisierung mit der Möglichkeit einer Verbindung zwischen allen Menschen so etwas wie ein weltweites Gehirn entsteht: jeder Mensch ist ein Neuron und durch die Interaktionen zwischen den Neuronen wird Wissen gemeinsam konstruiert. Allerdings setzt es ein bestimmtes Verhalten voraus, das ich metaphorisch so beschreibe: 1. Neuronen sind offen und transparent, 2. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig, 3. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab, 4. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort, 5. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken, 6. Neuronen sind nicht beleidigt, 7. Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist, 8. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um, 9. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung, 10. Achtung hohe Suchtgefahr: das Neuronverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden!

Die Stadt und die kollektive Wissenskonstruktion

Angesichts des Umfangs und der Komplexität der Aufgaben, die auf die Gesellschaft zukommen, sind Stadträte, also kleinere Gruppen von delegierten Bürgern überfordert. Es müssen Verfahren eingeübt werden, die möglichst viele vorhandene Ressourcen aus der Bevölkerung mobilisieren und dauerhaft einbinden. Diese Mobilisierung könnte sich an der Architektur des Gehirns orientieren, zumindest in groben Zügen. Bereits jetzt werden ausgefeilte Bürgerbeteiligungsmodelle erprobt, die rasche und intensive Interaktionen zwischen den Bürgern auslösen. Auch in Ingolstadt wurde damit begonnen. Die ersten Beteiligungen, beispielsweise zum Georgianum, waren noch nicht überzeugend, weil viele Bürgervorschläge nicht berücksichtigt wurden. Die Beteiligung zum Bau der Kammerspiele war bereits wesentlich effektiver. Wir sind also auf einem guten Weg. Dennoch sind uns andere Bundesländer und andere Städte voraus und haben feste Beteiligungsstrukturen, beispielsweise Baden-Württemberg mit einer Staatsrätin im Kabinettsrang oder Potsdam mit einem Bürgerrat und einem Büro für Bürgerbeteiligung. In diesen Städten wird Beteiligung auf allen Ebenen zur Selbstverständlichkeit. Das Wissen der Bürger über die Probleme und Erfolge der Stadt wird stark erhöht sowie ihre Kompetenz und Motivation, sich an der Entwicklung des Gemeinwesens zu beteiligen. Untersuchungen zeigen, dass eine wesentliche Glücksquelle in der Verwirklichung gemeinsamer, umfangreicher Projekte liegt, die über den Einzelnen hinausreichen und auf die Zukunft bezogen sind. Lasst uns Ingolstadt zum Gehirn machen!

Learning by teaching: Conceptualization as a source of happiness

Hier die PdF-Datei:

Learning by teaching: Conceptualization as a source of happiness

„Konzeptualisierung“ in verständlicher Sprache

Eine Gruppe von Fachleuten haben meinen Artikel „Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle“ gelesen und wollen diesen Text vielen Menschen zugänglich machen. Daher haben sie beschlossen, den Artikel in „verständliche Sprache“ zu übersetzen.

Dieser Abschnitt wurde von Simon Wilhelm Kolbe übertragen.

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2.6 Konzeptualisierung

Die Abläufe und die Verarbeitung von Informationen im Gehirn ist mit guten Gefühlen verbunden. Mit dem sogenannten Flow, das ist ein Gefühl von großem Glück und Konzentration bei einer bestimmten Tätigkeit, wird man vor allem bei der Konzeptualisierung belohnt. Konzeptualisierung bedeutet, dass man in seinen Gedanken bestimmte Muster erstellen kann, die umfangreiche Informationen vereinfachen, verständlich und umsetzbar machen. So ein Prozess heißt Komplexitätsreduktion. Komplexitätsreduktion ist schwere Arbeit für das Gehirn, weil man sehr viele Informationen vereinfachen und sortieren muss. Mit der Komplexitätsreduktion möchte man möglichst viele Menschen erreichen: Zum Beispiel weil sie keine Zeit haben so viele Informationen zu lesen. Oder weil sie die Informationen gar nicht haben. Oder weil sie die Informationen nicht verstehen können. Die Komplexität von einem Thema zu reduzieren fühlt sich sehr gut an. Man wird nämlich mit einen Flow belohnt. Wenn man Informationen verarbeitet hat man ein Gefühl von Kontrolle. Wenn man aber Konzeptualisierung betreibt, dann hat man viel bessere Kontrolle. Diese Kontrolle fördert und erhält das Leben von einem Menschen. Je länger und je mehr man konzeptualisieren kann desto besser.

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4. Eigenes Forschen in Projekten macht glücklich

Jean Pol hat herausgefunden, dass   Projekte sich sehr gut eignen, um gut forschen und lernen zu können und dass es sogar glücklich macht. Projekte sind große Forscheraufträge zu einem Thema. Die Menschen, die etwas zu diesem Thema wissen wollen, sind die Forschergruppe. Beim gemeinsamen Forschen zu einem Thema werden viele Bedürfnisse befriedigt, weil die Forscher selber entscheiden, was, wieviel und wie sie lernen wollen und wie sie mit dem neuen Wissen Ideen umsetzen können.  Anders als im normalen Unterricht macht das Erledigen von Aufgaben in Projekten als eigener Forscher den Menschen Spaß und sie wollen immer mehr wissen und mehr eigene Ideen umsetzen. Es macht Menschen glücklich, wenn sie merken wie viel sie in einem Projekt gelernt haben, welche Wirkungen ihre Ideen hatten und  wie viel Spaß sie dabei hatten.

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Die „Gehirnmetapher“ in verständlicher Sprache

Eine Gruppe von Fachleuten haben meinen Artikel „Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle“ gelesen und wollen diesen Text vielen Menschen zugänglich machen. Daher haben sie beschlossen, den Artikel in „verständliche Sprache“ zu übersetzen. Ein wichtiges Konzept in dem Text ist die „Gehirnmetapher“.

Folgende Passage wurde von Sylva Jürgensen (Flensburg) übersetzt.

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5.Weltweites Forschen ist möglich

Viele Menschen nutzen heute das Internet und sind mit vielen anderen Menschen in Kontakt. Im Internet kann ich Menschen überall auf der Welt immer wieder sehr schnell erreichen. Jean-Pol vergleicht das Internet daher mit einem Riesengehirn. Bevor Menschen handeln, haben sie eine Idee. Diese Idee besteht aus vielen Gedanken und diese Gedanken bestehen aus vielen Kontakten von Nervenzellen in unserem Gehirn. Diese Zellen heißen Neurone. Jean Pol sagt, dass Menschen im Riesengehirn Internet eigentlich so gut zusammenarbeiten können wie diese Neurone damit es viele neue gemeinsame Ideen gibt. Damit das Riesengehirn Internet wie unser Gehirn funktionieren kann, hat Jean-Pol sich lustige Regeln für Neuronen ausgedacht.

  1. Neuronen sind anderen gegenüber offen und sagen was sie denken.
  2. Neuronen geben ihr Wissen weiter und nehmen sich selbst nicht so wichtig.
  3. Neuronen haben keine Angst etwas falsch zu machen, daher reagieren sie schnell.
  4. Wenn Neuronen einen Kontakt haben, antworten sie sehr schnell.
  5. Neuronen versuchen immer wieder in Kontakt zu sein mit anderen Neuronen.
  6. Neuronen sind nicht beleidigt, wenn ein anderes Neuron eine andere Meinung hat.
  7. Neuronen machen ihr Projekt zu Ende.
  8. Wenn sehr viele Neuronen gleichzeitig in Kontakt sind, ist es schwierig klare gemeinsame Ideen zu haben. Vielleicht gibt es auch eine kleine Verwirrung, das stört die Neuronen nicht. Sie machen weiter bis sie sich sicher sind.
  9. Wenn sehr viele Neuronen in Kontakt sind, wissen sie, dass alle das gleiche Recht haben ihre Meinung so zu sagen, dass kein anderes Neuron dadurch verletzt oder verärgert wird.
  10. Man muss mit dem Riesengehirn Internet sehr vorsichtig umgehen. Es macht solchen Spaß in Kontakt zu sein und gemeinsam Ideen zu haben, dass es süchtig und krankmachen kann, wenn Neurone zu viel Kontakt haben. Daher muss man sich kontrollieren und Grenzen setzen, wann und wieviel Kontakt man hat.

Jean Pol möchte gern mit anderen Menschen zusammen größere Projekte machen, dafür sucht er im Internet Partner. Um diese zu finden, braucht er viel Geduld. Wenn du wie er im Internet die richtigen Partner für deine Projekte finden möchtest, gibt er dir folgenden Rat:

  1. Zeige in deinem Profil viele spannende Informationen über dich. Je mehr man von dir weiß, desto mehr Menschen können eine Gemeinsamkeit mit dir für ein Projekt entdecken.
  2. Biete Projekte an, die die Menschen Freude machen, dabei zu sein. Bei den Projekten von Jean Pol mögen Menschen gern mitmachen. Seine Angebote erfüllen die Bedürfnisse von Menschen dazuzugehören und auch anerkannt zu sein. Es fühlt sich gut an, weil man mit eigenen Ideen zur Verbesserung der Welt beitragen kann.
  3. Nimm zu vielen Menschen immer wieder Kontakt auf,sonst bemerkt dich niemand. Wenn es für jemand zu viel Kontakt ist und es ihn nervt, ist er kein guter Partner für dich.
  4. Wenn jemand sich über deinen Kontakt freut, zeige ihm, dass du dich für ihn interessierst. Vielleicht hat er „Schätze“ für dich. Finde heraus, welche es sind.
  5. Antworte schnell auf die Kontakte, sei für die Menschen da. Enttäusche die Menschen nicht, die dir ihre Zeit schenken. Im Internet können Kontakte schnell wieder verloren gehen, wenn du nicht reagierst. Zeige deinen Partnern, dass sie dir wichtig sind.
  6. Zeige deinen anderen Kontakten deine Partner im Internet. Jean Pol nennt das „Stell sie auf die Bühne“.  So können alle sie gut sehen. Bringe deine Partner miteinander in Kontakt und zeige den anderen welche Schätze sie haben. Jean Pol sagt dazu „Vernetzen“, weil so jeder mit jedem in Kontakt kommen kann.
  7. Überlege dir spannende Ziele. Achte darauf, dass  sie erreicht werden. Bleib an deinen Zielen und deinen Partnern dran. Wenn viele Partner mitmachen, ist es wichtig, dass du ihnen immer wieder deine Ideen  mitteilst, bis dein Ziel erreicht ist.

(…)

Menschenbild 01.01.18

Konzeptualisierung als Glücksquelle

Einleitung

Politik dient dem Glück des Menschen. Um dieser Aufgabe nachzukommen braucht man ein konsensfähiges, universell gültiges Menschenbild. Ein solches lässt sich auf der Grundlage der Bedürfnisforschung, der Glücksforschung und der Gehirnforschung aufstellen.

1.Glück: Grundbedürfnisse, Kontrolle, Flow

Die Literatur über Glück ist nicht zu überblicken (Bormans 2011). Man kann Glück als dauerhafter Zustand emotionalen Wohlbefindens definieren, wobei Schwankungen nach unten und nach oben bestehen. Die emotionale Befindlichkeit wird durch die Befriedigung von Bedürfnissen und deren physiologischen Korrelate (z.B. Ausschüttung von Dopamin, Oxytocin, Adrenalin) gesteuert. Im positiven Bereich ragen unter bestimmten Bedingungen intensive Flow-Erlebnisse (Csikszentmihalyi 1999)  heraus, die länger anhalten können.  Möchte man Menschen Glücksgefühle vermitteln, so ist es günstig, wenn man sie in Situationen versetzt, die Flow induzieren.

2.Die Grundbedürfnisse nach Maslow

Bedürfnispyramide

Sinn/Transzendenz
Selbstverwirklichung
Soziale Anerkennung
Soziale Beziehungen
Sicherheit
Physiologische Bedürfnisse

Das Maslowsche Modell (Maslow 1981) ist breit rezipiert und muss nicht hier diskutiert werden. Es fasst die Bedürfnisse zusammen, die Menschen zum Handeln bewegen. Gelingt es ihnen, ein akzeptables Niveau an Befriedigung zu erreichen, so stellt sich ein relativ stabiles Zufriedenheitsgefühl ein. Maslow unterscheidet mehrere Stufen von Bedürfnissen, ausgehend von den physiologisch-biologischen, deren Befriedigung zur Lebenserhaltung unerlässlich ist, über das Bedürfnis nach Sicherheit, nach sozialen Einbindung und Anerkennung, nach Selbstverwirklichung hinauf bis zum Bedürfnis nach Sinn bzw. Transzendenz.

3.Ergänzungen von Martin

3.1  Das Bedürfnis nach Kontrolle

Die Emotionsforschung weist auf die Bedeutung des Kontrollgefühls hin (Österreich 1981, 24ff). Dörner (1983, 433) stellt fest: „Ein wesentliches Merkmal von Emotionen scheint uns zu sein, dass sie Reaktionen auf Erfahrungen des Kontrollverlustes, des Wiedergewinns von Kontrolle, des Habens bzw. des Nichthabens von Kontrolle sind. (…) U.E. erzeugt Kontrollverlust Emotionen wie Angst, Schreck oder Furcht. Wiedergewinn der Kontrolle erzeugt Emotionen wie Stolz, Triumph, Freude.“ In der Alltagssprache bedeutet Kontrolle „die Situation im Griff haben“. Genau betrachtet ist Kontrolle existentiell im Sinne der Lebenserhaltung. Dauerhafter Verlust von Kontrolle führt zum Tod. Das Kontrollgefühl signalisiert, dass man in der Lage ist, das eigene Leben zu erhalten. Und das Leben zu erhalten ist das Ziel jeder Aktivität und jeder Handlung.

Auf diesem Hintergrund fällt auf, dass alle von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse sich einem alles einschließenden Bedürfnis unterordnen lassen, dem nach Kontrolle. Tatsächlich entsprechen die physiologischen Bedürfnisse der Aufgabe, das Individuum durch Pflege und Zufuhr von Energie funktionstüchtig zu erhalten. Dies beginnt mit dem Zähneputzen, setzt sich mit dem Frühstück fort und erstreckt sich auf alle Aktivitäten, die der Gesundheit zugutekommen.  Bezüglich der zu den physiologischen Bedürfnissen zählenden Sexualität, so zielt sie nicht auf die Lebenserhaltung des Individuums ab sondern um die der Art. Die physiologischen Bedürfnisse signalisieren also, dass Handlungsbedarf auf der Ebene des Organismus besteht und dass dessen Funktionstüchtigkeit unter Kontrolle behalten werden muss. Auf der nächsten Stufe, dem Bedürfnis nach Sicherheit, geht es ebenfalls um Kontrolle: das Individuum fühlt sich wohl, wenn es nicht bedroht wird und seinen Lebensraum unter Kontrolle hält. Das Bedürfnis nach sozialer Einbindung entspricht der Kontrolle auf der sozialen Ebene. Wenn der Mensch in einem sozialen Netz eingebunden ist, verfügt er über mehr Ressourcen, um sein Lebensfeld „im Griff zu behalten“. Dies gilt entsprechend für das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Wird der Mensch anerkannt, so verstärkt es sein Selbstbewusstsein und sein Gefühl der Kontrolle. Auf der nächsten Stufe wird die Ebene der Defizitbedürfnisse verlassen. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung ist ein Expansionsbedürfnis.  Hier geht es nicht mehr darum, die Kontrolle zu erhalten, sondern die Kontrolle auszudehnen: wenn man Begabungen verspürt, beispielsweise eine musikalische, dann drängt es einen, die entsprechenden Fähigkeiten auszubauen und das – umfangreiche – Feld der Musik zu erobern, „in den Griff zu bekommen“. Dasselbe gilt für sportliche Aktivitäten, für die Aneignung von Wissen, für die Entdeckung von fremden Ländern. Auf diese Weise wird die kognitive und emotionale Landkarte ausgedehnt. Man „kontrolliert“ immer mehr Bereiche der Welt. Schließlich lässt sich das Bedürfnis nach Sinn ebenfalls unter den Oberbegriff „Kontrolle“ subsumieren. Der Mensch ist bestrebt sein Leben auch kognitiv zu überschauen und zu verstehen. Er möchte wissen, was ihn antreibt, er möchte Begründungen für seine Erfolge oder Misserfolge entdecken und Kausalitäten erkennen. Religion und Philosophien halten Sinnangebote bereit, die dem Menschen ein Kontrollgefühl und damit Sicherheit vermitteln. Nicht nur für das Leben, sondern auch über den Tod hinaus.

3.2. Informationsverarbeitung und Kontrolle

Die Informationsverarbeitung ist nicht das Ziel, sondern nur Mittel. Ohne die permanente Verarbeitung der aus dem Umfeld strömenden Informationen wäre der Organismus sehr schnell von der Umwelt abgekoppelt und nicht mehr lebensfähig. Es muss für permanente kognitive Kontrolle des Umfeldes gesorgt werden.

In seiner Untersuchung über Motivation (Portele 1975) konzentriert sich Portele über die positiven Gefühle, die die Verarbeitung von Informationen auf der neuronalen Ebene auslösen. Voraussetzung ist, dass das Gehirn mit adäquaten Stimuli versorgt wird:

„1. Organismen versuchen, Überaktivation zu vermeiden oder zu reduzieren. Unteraktivation versuchen sie zu erhöhen. Sie streben insofern ein Optimum an Aktivation an. (…)

  1. Um das Optimum an Aktivation zu erhalten, muss der Organismus dauernd neue Stimuli aufnehmen, denn die von einem Stimulus ausgelöste Aktivation verringert sich durch Adaptation. (…) Der Dauerzustand, der angestrebt wird, ist der Verarbeitungsprozess, das dauernde Reduzieren der Abweichung, das Herstellen von immer wieder neuer Konsistenz. (…)“

 (Portele 1975, 235 f.)

Es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten. Allerdings nicht jede Information. Es bedarf einer bestimmten Beschaffenheit der Stimuli:

  • Quantität : nicht zu hoch und nicht zu niedrig (um Überforderung bzw Unterforderung zu vermeiden)
  • Komplexität: nicht zu komplex und nicht zu einfach
  • Tempo: nicht zu schnell und nicht zu langsam

Um optimale Aktivation und somit Motivation zu erreichen, müssen die Lerner die Möglichkeit bekommen:

  • sich ungesteuert und ungehindert Stimuli zuzuwenden;
  • Informationen vorfinden, die zu permanenter Verarbeitung anregen.

3.3 Exploratives Verhalten und Flow

Es besteht der Drang, die kognitive Kontrolle zur Lebensgestaltung nicht nur zu erhalten sondern auch auszudehnen. Es werden weitere Handlungsfelder gesucht und kognitiv durchdrungen. Dies gilt für den Raum, aber auch für die Zeit. Man möchte andere Länder kennen aber auch andere, vergangene Epochen und auch in die Zukunft blicken. Diese Haltung sollte im Unterricht unterstützt werden. Dörner (1983, 331 ff.) untersucht die Merkmale erfolgreicher Problemlöser und hebt ihre explorative Haltung hervor.  Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten, kognitiven Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Felder anzugehen,  also sich erneut explorativ zu verhalten.

Exploratives Verhalten muss belohnt werden. Das mit explorativem Verhalten im Erfolgsfall erreichte Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem von Csikszentmihalyi (1999)  beschriebenen Flow-Effekt.  Aus seiner Sicht  ist Flow ein Gefühl des Fließens, des Aufgehens in einer Handlung. Die Voraussetzung sind folgende:

  • Unbekannte Felder betreten, Neues entdecken;
  • Situationen mit offenem Ausgang, für die man die Verantwortung trägt;
  • Problem lösen, hohe Anforderungen bewältigen;
  • Ausschöpfen der eigenen Ressourcen;
  • Gefühl der Selbstentgrenzung;
  • Kontrolle über das eigene Handeln und das Umfeld.

Im Prinzip kann jede anspruchsvolle explorative Aktivität zu Flow führen. Sportarten wie Segeln oder Reiten weisen die Merkmale auf, die Flow induzieren. Unterricht halten, Vorträge, Workshops sind meist mit Flow verbunden, wenn man die Kontrolle über den Prozess behält.

3.4 Instrumente zur kognitiven Kontrolle liefern

Die Bedürfnisforschung mit der Bedürfnispyramide und die Neurowissenschaften mit den Erkenntnissen über die Informationsverarbeitung stellen nützliche Denkwerkzeuge zur Verfügung. Sie liefern Erklärungsmodelle für die Funktionsweise von Menschen und Menschengruppen. Diese kognitiven Instrumente werden nicht nur den Lehrer/innen, sondern auch den Schüler/innen zur Verfügung gestellt. Zur Ergänzung werden systemtheoretische Elemente hinzugefügt.

3.4.1 Systeme im Spannungsfeld von Antinomien

Mit der Systemtheorie kann ein weiteres, heuristisch fruchtbares Analysemodell angeboten werden.  So zeigen Beobachtungen aus der Biologie, der Physik und der Psychologie, dass  Entitäten ihr innersystemisches Gleichgewicht dadurch halten, dass sie die Balance zwischen Integration und Differenzierung permanent herstellen. Systeme sind kontinuierlich zentripetalen und zentrifugalen Kräften ausgesetzt und müssen zu ihrer Erhaltung mit großem Energieaufwand dafür sorgen, dass keine von beiden Kräften die Oberhand gewinnt (siehe auch das Gesetz der Entropie).  Sind die zentripetalen Kräfte stärker, implodiert das System. Im gegensätzlichen Fall löst sich das System auf. Diese Erkenntnis kann man auf Menschen und Menschengruppen anwenden. Menschen bewegen sich im Spannungsverhältnis zwischen antinomischen Bedürfnissen.

Antinomische Bedürfnisstruktur

Kontrolle Unbestimmtheit
Ordnung Chaos
Klarheit Unschärfe
Einfachheit Komplexität
Integration Differenzierung
Gesellschaft Individuum
Zwang Freiheit
Konkretion Abstraktion
Linearität Nicht-Linearität
Zentralisierung Dezentralisierung

Menschen sehnen sich bewusst nach Ordnung, Klarheit, Einfachheit… Aber sehr schnell werden ihnen solche Strukturen langweilig. Der Bauplan der Natur sieht vor, dass Lebewesen permanent trainieren, Unbestimmtheit, Chaos, Komplexität und Unklarheit zu reduzieren. Menschen sind so konstruiert, dass sie Chaos, Unbestimmtheit und Komplexität aufsuchen, um daraus Ordnung, Klarheit und Einfachheit zu schaffen. Den Zustand, den sie zur Lebenserhaltung immer wieder herstellen müssen, ist das Gleichgewicht zwischen beiden Bedürfnistendenzen. Die Belohnung für diese Anstrengungen sind Flow-Gefühle. Dass ein Gleichgewicht zwischen den beiden Bedürfnistendenzen nie definitiv erreicht wird, bewirkt dass der Mensch sich permanent bemühen muss, die Balance zu halten. Kaum sind  wir in einer Gruppe integriert, schon achten wir auf unsere Individualität und möchten nicht assimiliert werden. Wir verlangen nach Freiheit. Kaum lässt man uns viel Freiheit, schon verlangen wir nach klaren Linien und  etwas mehr Druck. Kaum wird dieser Druck ausgeübt, schon wünschen wir mehr Freiheit. Dies gilt für alle Dimensionen. Politische Parteien sprechen unterschiedliche Bedürfnistendenzen an. So adressieren konservative Parteien das Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung. Progressive Parteien dagegen wenden sich an Menschengruppen, die Neuerungen und Veränderungen positiv bewerten und bereit sind, Unbestimmtheit auszuhalten. Dies zu wissen ist sehr bedeutsam, denn es gibt uns die Möglichkeit zu analysieren, aus welchem Grund wir uns in bestimmten Situationen unwohl fühlen und die vorhandene Struktur verändern wollen. Viel wichtiger noch ist es, weil wir unsere Mitmenschen besser verstehen und in Gruppen, die wir führen, auf dem Hintergrund ihrer aktuellen Bedürfnislage handeln können. Für jeden einzelnen ist der gewünschte Grad an Freiheit bzw. Führung abhängig von der aktuellen Situation. Es ist nicht möglich, in einer Gruppe von Menschen jedem Individuum den Grad an Freiheit bzw. Führung zu bieten, der es zu einem gegebenen Zeitpunkt zufriedenstellt.

3.4.2 Dialektisches Denken

Das Spannungsverhältnis zwischen Ordnung und Chaos, zwischen zentripetalen und zentrifugalen Kräften, zwischen Integration und Differenzierung, zwischen Rationalismus und Empirismus, zwischen „Geist“ und Materie wird in der Philosophie erkannt. In diesem Zusammenhang besonders fruchtbar ist die von Hegel  am Beispiel der Geschichte ausgeführte Dialektik.  Tatsächlich scheint sich Entwicklung  in der Dynamik von These, Antithese und Synthese zu entfalten. Bezogen auf die Alltagsbewältigung bedeutet es, dass jeder Gedanke, jede Handlung zu einem Gegengedanken bzw. einer Gegenhandlung führt. Dieser Gegengendanke ist zu begrüßen, denn er löst eine Reflexion aus, die, wenn eine effektive Strategie eingesetzt wird, in einer Synthese aufgehoben wird.  Dialektisches Denken führt permanent zu einer Integration scheinbar widersprüchlicher Positionen, die sich auf einer (höheren) Ausgleichlinie vereinen und weiterentwickeln. Gerade für politisch Handelnde kann diese Erkenntnis sehr fruchtbar sein, denn sie ermöglicht ein gemeinsames Angehen von Problemen über Parteien hinweg.

3.5.Konzeptualisierung

Auf der mentalen Ebene ist zwar Informationsverarbeitung mit positiven Gefühlen verbunden. Mit Flow belohnt wird allerdings vor allem die Konzeptualisierung. Unter Konzeptualisierung ist die Erstellung von kognitiven Schemata zu verstehen, die umfangreiche Informationen zu kompakten, handlungsmotivierenden Modellen bündeln. Beispielsweise Überblicke über die Geschichte der französischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, die Geschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart usw. Solche Überblicke zu erstellen bedeutet eine intensive Arbeit der Komplexitätsreduktion.  Auf dem Hintergrund großer intellektueller Anstrengung wird ein hochkomplexer Stoff so reduziert und komprimiert, dass er Adressaten ansprechend vermitteln werden kann. Dieser Komplexitätsreduktionsprozess in der Vorbereitungsphase wird mit Flow belohnt.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Informationsverarbeitung zwar einen Beitrag zur Kontrolle liefert, aber die umfassende, lebenserhaltende und lebensförderliche Kontrolle lässt sich stabil erst durch permanente Konzeptualisierung erreichen.

4.Denken und Glück aus Sicht der Philosophie

Charakteristisch für die griechische Antike ist die eudämonistische Haltung, die sich später bei den Utilitaristen, insbesondere bei Stuart Mill wiederfindet. Die Befriedigung von Bedürfnissen wird als Quelle des Glücks hervorgehoben,  wobei unterschieden wird zwischen niedrigeren und höheren Genüssen. Die wertvolleren Freuden werden dem Bereich des Denkens zugeordnet.

Stellvertretend für diese Einstellung sei Aristoteles aus der „Nikomachischen Ethik“ zitiert (Aristoteles, 2010, S.17): „Wer aber denkend tätig ist und dies in sich pflegt, mag sich nicht nur der besten Verfassung erfreuen, sondern auch von der Gottheit am meisten geliebt werden. Denn wenn die Götter, wie man glaubt, um unsere menschlichen Dinge irgendwelche Fürsorge haben, so darf man annehmen, dass sie an dem besten und ihnen verwandtesten Freude haben – und das ist unser Geist – und dass sie denjenigen, die dies am meisten lieben und hochachten, mit Gutem vergelten, weil sie  für das, was ihnen lieb ist, Sorge tragen und recht und edel handeln. Es ist aber unverkennbar, dass dies alles vorzüglich bei dem Weisen zu finden ist. Also wird er von der Gottheit am meisten geliebt; wenn aber dies, so muss er auch der Glückseligste sein. So wäre der Weise auch aus diesem Grund der Glücklichste.“

5.Projekt als glückgenerierende Struktur

Auf der Suche nach Aufgabenprofilen, die permanent Konzeptualisierung verlangen, hohe Potenziale zur Befriedigung der Grundbedürfnisse enthalten und gleichzeitig Flow-Gefühle dauerhaft induzieren stößt man rasch auf die Projektstruktur.

6.Die Globalisierung und die Ausdehnung der Konzeptualisierungsräume

Hier bietet sich an, das Internet metaphorisch als Makrohirn zu definieren und zu erkennen, dass die Menschen aufgrund der neuen Kommunikationsmöglichkeiten weltweit in raschen und stabilen Interaktionen treten können, wie dies Milliarden von Neuronen im Gehirn tun. Wie Gedanken im Gehirn auf der Grundlage von Neuronen-Interaktionen emergieren, so können Menschen in die Architektur neuronaler Netze eintreten, gemeinsam konzeptualisieren und Wissen konstruieren. Dazu müssen die Akteure sich „wie Neurone“ verhalten. Martin (2011a) hat dafür in leicht ironischer Form Gebote aufgestellt:

So sollte man sich als Neuron verhalten

  1. Neuronen sind offen und transparent
  2. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  3. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  4. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  5. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  6. Neuronen sind nicht beleidigt
  7. Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  8. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  9. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

10.ACHTUNG, HOHE SUCHTGEFAHR: das Neuronenverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden!

Die empfohlenen Neuronen-Verhaltensweisen beziehen sich auf das Individuum in einfachen Interaktionen. Für die Durchführung von Internetprojekten werden umfassendere Aktivitäten und Initiativen verlangt (Martin 2011b):

Basisregeln für Internet-Projekte

Was ich im Netz suche, sind Mitstreiter, Leute, die ich andocken kann, um mit ihnen langfristige Projekte durchzuführen. Hier zählt also Nachhaltigkeit, Ausdauer und Zähigkeit. Um in der virtuellen Welt Mitstreiter für meine Projekte zu gewinnen, beachte ich folgende Regeln:

  1. Mach dich transparent: liefere in deinem Profil möglichst viele, für den Benutzer spannende Informationen über dich. Je mehr Informationen du über dich gibst, desto größer die Chance, dass jemand einen Ansatzpunkt zur Zusammenarbeit entdeckt. Angst vor Missbrauch der Angaben ist meistens unbegründet. No risk, no fun!
  2. Biete motivierende Projekte an: Was mich persönlich angeht, so stütze ich mich auf die Beschreibung der Grundbedürfnisse von Maslow. Meine Angebote sprechen das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung, nach Selbstverwirklichung aber vor allem nach Sinn, weil nur dieses langfristig tragfähig ist: wir wollen die Welt verbessern!
  3. Kontaktiere viele Leute: Wenn du Mitstreiter suchst, muss du Leute ansprechen, auch wenn du auf manche penetrant wirken kannst. Wenn du dich nicht rührst, wird dich niemand beachten. Wenn jemand dich penetrant findet, wäre er sowieso kein guter Arbeitspartner für dich.
  4. Wenn jemand auf deine Angebote positiv reagiert, pflege ihn: Zeige ihm, dass du dich für ihn interessierst. Als möglicher Partner besitzt er bestimmt “Ressourcen”, die für die Zusammenarbeit wertvoll sind. Diese Fähigkeiten musst du entdecken.
  5. Antworte stets zügig (Reaktionsgeschwindigkeit), sei präsent und zuverlässig: Enttäusche die Menschen nicht, die Energie und Zeit für dich investieren. Im Netz sind Menschen und Beziehungen sehr volatil, du aber willst mehr mit den Menschen tun! Du hast was mit den Leuten vor! Das müssen sie spüren!
  6. Stelle deine Partner auf eine Bühne und vernetze sie: Wenn du mit Leuten langfristig zusammenarbeiten willst, solltest du sie miteinander verbinden. Zeige, was sie können, führe ihnen Aufmerksamkeitsströme zu, indem du sie in Sammelmails erwähnst und auf ihre Arbeit hinweist.
  7. Überlege dir immer wieder spannende Projektziele und achte darauf, dass diese Ziele auch erreicht werden. Das ist zwar auch im RL wichtig, aber im virtuellen Raum noch viel mehr, weil – wie bereits festgestellt – die Beziehungen im Netz besonders volatil sind. Beteiligungsinitiativen verlangen, dass der Initiator immer wieder Impulse einbringt. Bis zum Schluss.

Diese Verhaltensweisen bilden das, was ich Netzsensibilität nenne (Martin, 2009). Sie müssen automatisiert werden, wenn man im neuen Paradigma erfolgreich arbeiten will. Wer im traditionellen Wissenschaftssystem sozialisiert wurde, hat dies nicht gelernt.

7.Konzeptualisierung als Grundbedürfnis und Menschenrecht.

Die Glücksforschung (Bornmans 2011) führt zu der Erkenntnis, dass, wenn man Abstand nimmt von philosophischen und metaphysischen Spekulationen, das menschliche Glück von der Befriedigung der von Maslow aufgelisteten Grundbedürfnisse abhängt. Allerdings wird bei Maslow das Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung) nicht aufgeführt. Das liegt daran, dass die Neurowissenschaften erst in den letzten Dekaden die Funktionsweise des Gehirns ins Bewusstsein gerückt  haben. Sollte dies tatsächlich zutreffen, so müssten die Menschenrechte neu formuliert werden. Die Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 verfasst und unterlag anderen Prämissen als sie heute vorherrschen. Die Terminologie bleibt philosophisch und religiös geprägt, was an den unscharfen Begriffen zu erkennen ist. So ist das zentrale Konzept der Würde unbestimmt, eröffnet für unzählige Deutungen Raum und ist kaum operationalisierbar. Dies trifft auch zu für andere Kernbegriffe der aktuellen Menschenrechte wie Brüderlichkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit.

Ein Bezug auf die Grundbedürfnisse eröffnet andere Möglichkeiten für eine Umsetzung im Alltag und in der Gesetzgebung.  Wenn eine Glücksbedingung des Menschen in der Reflexion und der Partizipation an der kollektiven Reflexion über die Zukunft der Menschheit besteht (Martin 2009), so müsste diese Tätigkeit an prominenter Stelle in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen.

Hier Martins Vorschlag (unter jedem Abschnitt stehen die Nummern der Artikel aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die sich inhaltlich an den jeweiligen Text anbinden lassen):

Präambel:Glück
Ziel aller Maßnahmen weltweit ist die Schaffung von Strukturen (wirtschaftlichen, politischen, ethischen), die für ein Mehr an Entfaltung für die Natur und an Glück für alle Lebewesen sorgen. Die nachfolgenden Artikel bilden dazu Voraussetzungen.

Allg. Erklärung der Menschenrecht: entfällt

Artikel 1: Denken

Zentrales Grundbedürfnis des Menschen ist das Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung).
Es müssen Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen Zugang zu Informationen und zur Möglichkeit der Konzeptualisierung erhalten. Denken setzt die Realisierung der Artikel 2 bis 6 voraus.

Allg. Erklärung: Artikel 18, 19, 26, 27

Artikel 2: Gesundheit

Alle Maßnahmen werden weltweit getroffen, damit Lebewesen ihre physiologischen Bedürfnisse (z.B. Schlaf, Hunger, Sexualität) befriedigen können. Mit der Natur als Reservoir wird sorgfältig und schonend umgegangen.

Allg. Erklärung: Artikel 24, 25

Artikel 3: Sicherheit

Es wird weltweit angestrebt, Strukturen zu schaffen, die ein Maximum an Sicherheit für alle Lebewesen sorgen. Mit der Natur wird auch in diesem Zusammenhang schonend umgegangen.

Allg. Erklärung: Artikel 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 17, 22, 28

Artikel 4: Soziale Einbindung

Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen sich in einem sozial stützenden Umfeld bewegen können. Es sollen Strukturen geschaffen werden, die Selbstverwirklichung sozial unterstützen.

Allg. Erklärung: Artikel  1,  16, 20, 22, 25, 26, 27

Artikel 5: Selbstverwirklichung und Partizipation

Es ist weltweit dafür zu sorgen, dass Lebewesen alle ihre Potenziale zur Entfaltung bringen können. Dabei ist schonend mit der Natur umzugehen. Die Entfaltung des Einzelnen kann nur im Rahmen der ihn umgebenden Strukturen erfolgen. Es muss die Möglichkeit bestehen, Einfluss auf diese Strukturen zu nehmen, also teilzunehmen. Die Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass möglichst viele ihre intellektuellen, emotionalen und materiellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen.

Allg. Erklärung: Artikel 12, 13, 17, 18, 19, 20, 21, 23, 24, 25, 26, 27

Artikel 6: Sinn

Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen ihr Leben als sinnvoll und befriedigend empfinden können.

Allg. Erklärung: entfällt

Ein Vorteil dieser Neuformulierung der Menschenrechte besteht in ihrer Operationalisierbarkeit. Während „die Menschenwürde“ oder die „Freiheit“ wegen ihrer Abstraktheit schwer direkt einklagbar sind, lässt sich das „Recht auf gute Denkbedingungen“ leichter konkretisieren. So wird ein Inhaftierter, der keinen Zugang zu Informationen erhält, dem keine Arbeitsgruppe zu ihn interessierenden Themen angeboten wird, dem geistig unterfordernde Routinearbeiten abverlangt werden auf sein Recht auf Konzeptualisierung bestehen können. Dies gilt für eine große Anzahl von Berufstätigen, die  keine intellektuelle Herausforderung an ihrem Arbeitsplatz erleben. Wenn die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung zum Menschenrecht  erhoben wird, so verlangt es eine neue Organisation der Gesellschaft, mit dem Ziel, alle Denkkapazitäten der Menschheit weltweit zu mobilisieren, damit wir die aufkommenden Probleme lösen und eine bessere Welt schaffen.

Literatur

Aristoteles (2010). Das Glück des Philosophen. In: Michel, S. (Hrsg.) (2010). Glück. Ein philosophischer Streifzug. Frankfurt am Main: Fischer Verlag. S.9-17

Berger, L., Grzega,J., Spannagel, C. (Hrsg.) (2011). Lernen durch Lehren im Fokus. Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten.Berlin: Epubli

Bormans, L. (Hrsg.) (2011). Glück.The Worldbook of Hapiness. Köln: Dumont

Csikszentmihalyi, M. (1999). Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen. Stuttgart: Klett-Cotta

Dörner, D. (Hrsg.) (1983): Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Bern: Huber

Martin, J.-P. (2009): Lernziel Partizipation und Netzsensibilität. In: Oebel G. (2009) (Hrsg.). S.115-127

Martin J.-P. (2011a). Wie verhalten sich Neuronen?  In: Lutz Berger et al. (2011), S.31-33

Martin J.-P. (2011b). Basisregeln für Internetprojekte. In: Lutz Berger et al. (2011), S.35-37

Maslow, A. (1981). Motivation und Persönlichkeit. Hamburg: Rowohlt

Oebel G. (2009) (Hrsg.): LdL – Lernen durch Lehren goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik und kulturspezifische Lerntraditionen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

Oesterreich, R. (1981) Handlungsregulation und Kontrolle. München: Urban & Schwarzenberg.

Portele, G. (1975): Lernen und Motivation. Weinheim und Basel: Beltz

 

Zusatzmaterialien

Handout

Menschenbild („Glücksmodell“) Mai 2017

  1. Kontrolle als übergeordnetes Bedürfnis (nach Martin 1994)
  2. Bedürfnispyramide nach Maslow (1954)
Sinn/Transzendenz
Selbstverwirklichung
Soziale Anerkennung
Soziale Beziehungen
Sicherheit
Physiologische Bedürfnisse

„Glücklich“ macht der Prozess!

  1. Informationsverarbeitung als Grundbedürfnis (nach Martin, 2009, 2011)

– Konzeptualisierung als Glücksquelle (Martin, 2017)

  1. Instrumente kognitiver Kontrolle (nach Martin, 1994)

Um die eigenen und fremden Bedürfnisse besser zur erkennen, sollte man wissen, dass Menschen folgende antinomische Bedürfnisstruktur aufweisen:

  1. Antinomische Bedürfnisstruktur (führt zur dialektischen Bewegung)
Kontrolle Unbestimmtheit
Ordnung Chaos
Klarheit Unschärfe
Einfachheit Komplexität
Integration Differenzierung
Gesellschaft Individuum
Zwang Freiheit
Konkretion Abstraktion
Linearität Nicht-Linearität
Zentralisierung Dezentralisierung
  1. Empathie (Kontrolle durch Wechsel der Perspektive)

 

III. Verhaltensempfehlungen

  1. Ausdehnung des Kontrollfeldes: Merkmale erfolgreicher Problemlöser (nach Dörner, 1983)
  • Exploratives Verhalten
  • Reichhaltige kognitive Landkarte
  • Heuristische Kompetenz
  • Selbstsicherheit
  • Exploratives Verhalten
  •  usw.

=> Flow-Effekt als Belohnung für exploratives Verhalten und Gewinnung von Kontrolle (nach Csikszentmyhalyi, 2000)

(Gefühl des Fließens, Gefühl des Aufgehens in der Handlung)

  1. Unbekannte Felder betreten, Neues entdecken;
  2. Situationen mit offenem Ausgang, für die man die Verantwortung trägt;
  3. Problem lösen, hohe Anforderungen bewältigen;
  4. Ausschöpfen der eigenen Ressourcen;
  5. Gefühl der Selbstentgrenzung;
  6. Kontrolle über das eigene Handeln und das Umfeld.
  1. Wie man sich als Neuron verhalten soll (nach Martin, 2011)
  2. Neuronen sind offen und transparent
  3. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  4. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  5. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  6. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  7. Neuronen sind nicht beleidigt
  8. Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  9. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  10. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

10.ACHTUNG, HOHE SUCHTGEFAHR: das Neuronenverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden!

Text zur Erläuterung

 1.1. Kontrollkompetenz, exploratives Verhalten und Problemlösekompetenz:

In der Psychologie wird die Kontrolle als zentrale Dimension menschlichen Erlebens betrachtet (Dörner 1983). Sie vermittelt der handelnden Person das Gefühl, dass sie das „Handlungsfeld im Griff“ hat und auftretende Schwierigkeiten meistern kann. Damit die Schüler Geläufigkeit beim Meistern unbekannter Situationen gewinnen, ist es günstig, wenn bei ihnen eine explorative Haltung systematisch aufgebaut wird. Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Nun besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem explorativen Verhalten eines Menschen und seiner Problemlösefähigkeit. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten, kognitiven Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Bereiche anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten. Wodurch bringt man aber Menschen dazu, sich explorativ zu verhalten?

1.2. Flow-Erlebnisse als Handlungsmotivation

Grundsätzlich lässt sich nur dann ein exploratives Verhalten aufbauen, wenn die damit verbundenen

Handlungen einen Belohnungswert besitzen. In Untersuchungen über intrinsische Motivation wurde ein Phänomen herausgearbeitet, das eine große Erklärungskraft besitzt. Es handelt sich um den Flow-Effekt, wonach gewisse Aktivitäten ein hohes Potential an intrinsischer Befriedigung enthalten (Csikszentmihalyi 1999). Das Erlebnis selbst wird als einheitliches Fließen beschrieben, ein Fließen von einem Augenblick zum anderen, wobei eine Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein geschieht, ein völliges Aufgehen in der Aktivität bis zur Selbstvergessenheit, ohne aber die Kontrolle über die Aktivität zu verlieren. Die Bedingungen, die zum Hervorbringen solcher Gefühle erfüllt werden müssen, sind folgende:

􀂾 die Nähe zu kreativem Entdecken und Explorieren: etwas Neues entwerfen oder entdecken,

einen unbekannten Ort oder Bereich erkunden

􀂾 ein Problem lösen, Anforderungen bewältigen, Schwierigkeiten lösen

􀂾 Erfahrungen machen, deren Ausgang offen ist und der vom Ausübenden bestimmt werden

kann

􀂾 Hinausgehen über das Erreichte und Bekannte, ein Gefühl der Selbstentgrenzung erleben

􀂾 das Ausschöpfen der Fähigkeiten, persönliches Können.

􀂾 klare Handlungsanforderungen und eindeutige Rückmeldungen über die Handlung

􀂾 ein Gefühl der Kontrolle über die Handlung und die Umwelt

Beim Entstehen des Flow-Erlebnisses spielt also die Kontrolle eine entscheidende Rolle.

 

1.3. Die Grundbedürfnisse und das Spannungsfeld zwischen antinomischen

Bedürfnistendenzen

Um die Operationalisierbarkeit des hier dargestellten anthropologischen Modells zu erhöhen, muss noch ein weiterer Baustein eingeführt werden. Wenn man erfährt, dass der Mensch nach Kontrolle strebt, dann stellt sich die Frage, wie er sich selbst kontrollieren kann. Dazu muss er wissen, nach welchen inneren Gesetzmäßigkeiten er selbst „funktioniert“. Wie „funktioniert“ der Mensch also als System? Welche Bedürfnisse hat er und wie befriedigt er sie. Als nützlich hat sich zum Verständnis menschlicher Funktionsweise die Bedürfnispyramide von Maslow (Maslow 1981) erwiesen. Maslow postuliert eine Ebene der physiologischen Grundbedürfnisse (Hunger, Schlaf, Sexualität), auf einer höheren Stufe siedelt er das Sicherheitsbedürfnis an, auf der nächsten Stufe das Anschlussbedürfnis und das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, auf der nächsthöheren das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und schließlich das Bedürfnis nach Transzendenz, also danach, seinem Leben einen Sinn zu geben. Eine Analyse dieser Grundbedürfnisse deckt auf, dass sich alle von Maslow aufgelisteten Bedürfnisse unter die Oberkategorie „Kontrollbedürfnis“ einordnen lassen: die physiologischen Bedürfnisse entsprechen der Selbsterhaltung und der Arterhaltung, also der Kontrolle über die eigene Existenz, das Bedürfnis nach Sicherheit ist mit dem Bedürfnis nach Kontrolle gleichzusetzen, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und nach Gruppenzugehörigkeit entspricht dem Wunsch nach sozialem Schutz, also ebenfalls nach Kontrolle, und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entspricht dem Drang, die eigene Kontrolle auf unterschiedliche

Felder auszudehnen, also die Kontrollfelder zu erweitern. Das Bedürfnis nach Transzendenz schließlich entspricht dem Wunsch nach kognitiver Kontrolle über das eigene Leben: Warum lebe ich, was passiert nach dem Tod? Das zweite wesentliche Instrument zum Verständnis menschlicher Funktionsweise liefert die Systemtheorie. Systeme – auch Menschen – bewegen sich im Spannungsfeld zwischen antinomischen Bedürfnistendenzen:

􀂾 zwischen Integration – jeder möchte beispielsweise zu einer Gruppe gehören – und Differenzierung

– jeder möchte auch als Individuum betrachtet werden,

􀂾 zwischen Einfachheit – bei einfachen Aufgaben ist das Kontrollgefühl sehr hoch – und

Komplexität

– jeder möchte auch komplexe Aufgaben lösen,

􀂾 zwischen Chaos und Ordnung,

􀂾 zwischen Freiheit und Zwang,

􀂾 zwischen Klarheit und Unbestimmtheit usw.

Jede Störung des Gleichgewichts leitet eine Handlung ein, die eine Wiederherstellung des

Gleichgewichtszustandes zum Ziele hat. Da das Leben stets voranschreitet, wird das Gleichgewicht stets gestört, und der Mensch ist ständig zum Handeln gezwungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig zum Verständnis von Menschen. Denn kaum gibt man ihnen beispielsweise Freiheit, schon wünschen sie sich mehr „Druck“, kaum gibt man Ihnen etwas mehr Zwang, schon wünschen sie mehr Freiheit. Dies gilt für alle anderen Antinomien. Wenn man sich als Mensch verstehen will, wenn man mit Menschen umgeht und sie anleiten will, muss man wissen, dass sie als Systeme nie im Gleichgewicht sind. Psychologisch übersetzt heißt es, dass sie nie zufrieden sein können, denn die Befriedigung eines Bedürfnisses enthält potenziell die Nichtbefriedigung des gegenteiligen. Der Einblick in die Grundbedürfnisse des Menschen und in die antinomische Struktur von Bedürfnistendenzen erleichtert das Verständnis menschlichen Handelns und erhöht die Kontrollkompetenz des Einzelnen im Umgang mit sich selbst und mit anderen Mensche

 

6 zentrale Begriffe im Rahmen des Glücksmodells

  1. Kontrolle (alles im Griff haben)
    Kontrolle bedeutet, „die Situation im Griff haben“. Genau betrachtet ist Kontrolle existentiell im Sinne der Lebenserhaltung. Dauerhafter Verlust von Kontrolle führt zum Tod. Das Kontrollgefühl signalisiert, dass man in der Lage ist, das eigene Leben zu erhalten. Und das Leben zu erhalten ist das Ziel jeder Aktivität und jeder Handlung. Alles im Griff haben wird mit einem starken Glücksgefühl belohnt.
  2. Exploratives Verhalten (Komfortzone verlassen)
    Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Exploratives Verhalten muss belohnt werden. Das mit explorativem Verhalten erreichte Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem Flow-Effekt (Gefühl des Fließens, des Aufgehens in einer Handlung).
  3. Antinomien (Gegensätze): wir sind nie zufrieden
    Menschen sehnen sich bewusst nach Ordnung, Klarheit, Einfachheit… Aber sehr schnell werden ihnen solche Strukturen langweilig. Der Bauplan der Natur sieht vor, dass Lebewesen permanent trainieren, Unbestimmtheit, Chaos, Komplexität und Unklarheit zu vermindern. Menschen sind so gestaltet, dass sie Chaos, Unbestimmtheit und Komplexität aufsuchen, um daraus Ordnung, Klarheit und Einfachheit zu schaffen. Den Zustand, den sie zur Lebenserhaltung immer wieder herstellen müssen, ist das Gleichgewicht zwischen beiden Bedürfnistendenzen. Die Belohnung für diese Anstrengungen sind Flow-Gefühle.
  4. Informationsverarbeitung und Kontrolle
    Ohne die ständige Verarbeitung der aus dem Umfeld strömenden Informationen wäre der Organismus sehr schnell von der Umwelt abgekoppelt und nicht mehr lebensfähig. Es muss für ununterbrochene kognitive (gedankliche) Kontrolle des Umfeldes gesorgt werden. Deshalb muss Informationsverarbeitung auch mit „Kicks“ belohnt werden.
  5. Konzeptualisierung (Denken)
    Auf der Ebene des Gehirns ist zwar Informationsverarbeitung mit positiven Gefühlen verbunden. Mit Flow (andauernde Kicks) belohnt wird allerdings vor allem die Konzeptualisierung (intensiv denken und Pläne entwickeln). Unter Konzeptualisierung ist die Erstellung von kognitiven Schemata (Pläne im Kopf) zu verstehen, die umfangreiche Informationen zu kompakten, handlungsmotivierenden Modellen bündeln (wenn man einen Plan entwickelt hat, freut man sich darauf, ihn durchzuführen).
  6. Dialektisches Denken (Gegensätze zusammenfügen)

Jeder Gedanke, jede Handlung führt zu einem Gegengedanken bzw. einer Gegenhandlung. Dieser Gegengendanke ist zu begrüßen, denn er löst eine Reflexion aus, die, wenn eine effektive Strategie eingesetzt wird, in einer Synthese aufgehoben wird. Dialektisches Denken führt permanent zu einer Integration scheinbar widersprüchlicher Positionen, die sich auf einer (höheren) Ausgleichlinie vereinen und weiterentwickeln. Gerade für politisch Handelnde kann diese Erkenntnis sehr fruchtbar sein, denn sie ermöglicht ein gemeinsames Angehen von Problemen über Parteien hinweg. Und Gegensätze zusammenfügen wird mit Glücksgefühlen belohnt.

Strukturempfehlungen: Projekt als glückgenerierende Struktur

Auf der Suche nach Aufgabenprofilen, die permanent Konzeptualisierung verlangen, hohe Potenziale zur Befriedigung der Grundbedürfnisse enthalten und gleichzeitig Flow-Gefühle dauerhaft induzieren stößt man rasch auf die Projektstruktur. Im Projekt sind alle Bedingungen erfüllt, die förderlich für die Befriedigung der Grundbedürfnisse sind: soziale Einbindung, soziale Anerkennung, Selbstverwirklichung und Sinn.

Siehe: „Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle“ (2018)

6 zentrale Begriffe im Rahmen meines Glücksmodells

1. Kontrolle (alles im Griff haben)
Kontrolle bedeutet, „die Situation im Griff haben“. Genau betrachtet ist Kontrolle existentiell im Sinne der Lebenserhaltung. Dauerhafter Verlust von Kontrolle führt zum Tod. Das Kontrollgefühl signalisiert, dass man in der Lage ist, das eigene Leben zu erhalten. Und das Leben zu erhalten ist das Ziel jeder Aktivität und jeder Handlung. Alles im Griff haben wird mit einem starken Glücksgefühl belohnt.

2. Exploratives Verhalten (Komfortzone verlassen)
Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Exploratives Verhalten muss belohnt werden. Das mit explorativem Verhalten erreichte Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem Flow-Effekt (Gefühl des Fließens, des Aufgehens in einer Handlung).

3. Antinomien (Gegensätze): wir sind nie zufrieden
Menschen sehnen sich bewusst nach Ordnung, Klarheit, Einfachheit… Aber sehr schnell werden ihnen solche Strukturen langweilig. Der Bauplan der Natur sieht vor, dass Lebewesen permanent trainieren, Unbestimmtheit, Chaos, Komplexität und Unklarheit zu vermindern. Menschen sind so gestaltet, dass sie Chaos, Unbestimmtheit und Komplexität aufsuchen, um daraus Ordnung, Klarheit und Einfachheit zu schaffen. Den Zustand, den sie zur Lebenserhaltung immer wieder herstellen müssen, ist das Gleichgewicht zwischen beiden Bedürfnistendenzen. Die Belohnung für diese Anstrengungen sind Flow-Gefühle.

4. Informationsverarbeitung und Kontrolle
Ohne die ständige Verarbeitung der aus dem Umfeld strömenden Informationen wäre der Organismus sehr schnell von der Umwelt abgekoppelt und nicht mehr lebensfähig. Es muss für ununterbrochene kognitive (gedankliche) Kontrolle des Umfeldes gesorgt werden. Deshalb muss Informationsverarbeitung auch mit „Kicks“ belohnt werden.

5. Konzeptualisierung (Denken)
Auf der Ebene des Gehirns ist zwar Informationsverarbeitung mit positiven Gefühlen verbunden. Mit Flow (andauernde Kicks) belohnt wird allerdings vor allem die Konzeptualisierung (intensiv denken und Pläne entwickeln). Unter Konzeptualisierung ist die Erstellung von kognitiven Schemata (Pläne im Kopf) zu verstehen, die umfangreiche Informationen zu kompakten, handlungsmotivierenden Modellen bündeln (wenn man einen Plan entwickelt hat, freut man sich darauf, ihn durchzuführen).

6.  Dialektisches Denken (Gegensätze zusammenfügen)

Jeder Gedanke, jede Handlung führt zu einem Gegengedanken bzw. einer Gegenhandlung. Dieser Gegengendanke ist zu begrüßen, denn er löst eine Reflexion aus, die, wenn eine effektive Strategie eingesetzt wird, in einer Synthese aufgehoben wird. Dialektisches Denken führt permanent zu einer Integration scheinbar widersprüchlicher Positionen, die sich auf einer (höheren) Ausgleichlinie vereinen und weiterentwickeln. Gerade für politisch Handelnde kann diese Erkenntnis sehr fruchtbar sein, denn sie ermöglicht ein gemeinsames Angehen von Problemen über Parteien hinweg. Und Gegensätze zusammenfügen wird mit Glücksgefühlen belohnt.

Strukturempfehlungen: Projekt als glückgenerierende Struktur

Auf der Suche nach Aufgabenprofilen, die permanent Konzeptualisierung verlangen, hohe Potenziale zur Befriedigung der Grundbedürfnisse enthalten und gleichzeitig Flow-Gefühle dauerhaft induzieren stößt man rasch auf die Projektstruktur. Im Projekt sind alle Bedingungen erfüllt, die förderlich für die Befriedigung der Grundbedürfnisse sind: soziale Einbindung, soziale Anerkennung, Selbstverwirklichung und Sinn.

Siehe: „Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle“ (2018)