Aus dem Blog von Adriano Montefusco: „Kinder lernen (auch) von Kindern“

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8. Kinder lernen (auch) von Kindern

Wenn wir uns anschauen, wie sich Lernen im Alltag vollzieht, stellen wir fest, dass Lernprozesse oft altersübergreifend stattfinden (in beide Richtungen). Es liegt in der Natur der Sache, dass wir Dinge, die wir lernen wollen, häufig von Menschen lernen, die diese Dinge schon können oder zumindest Erfahrungen mit ihnen gesammelt haben. Altersübergreifende Klassen tragen diesem Umstand Rechnung und verunmöglichen von vornherein einen stark ent-individualisierten Unterricht. Damit will ich aber nicht einem falsch verstandenen „Lernen durch Lehren“-Ansatz (LdL) das Wort reden. Wir alle haben schon die Erfahrung gemacht, dass uns unser eigenes Verständnis oder Missverständnis einer Sache erst klar wird, wenn wir den Sachverhalt anderen vermitteln müssen. Auch wenn es um prozedurales Wissen geht, um automatisierte Abläufe oder um umfassende Handlungskompetenzen, machen wir oft erstaunliche Entdeckungen, wenn wir in die Lage kommen, diese Abläufe und Fähigkeiten zur Sprache bringen zu müssen oder sie anderen verständlich vorzeigen zu wollen. So bestechend dieser ‚Lernen durch Lehren‘-Ansatz ist, so problematisch kann seine Umsetzung werden, nämlich dann, wenn das „Lehren“ wieder auf einem überkommenen Verständnis dessen basiert, was Bildung zu sein hat. Wenn Lernende einfach zu kleinen Dozenten werden ist die Chance gross, dass (im besten Fall) nur die Schüler·innen in der Lehrerrolle davon profitieren, etwas vermitteln zu müssen. Überhaupt ist der Anspruch des „Vermittelns“ voraussetzungsreich. Er geht von einem unidirektionalen Verständnis aus, wie sich Lernen vollzieht: von A nach B und selten wechselseitig. In diesem sicherlich falschen Verständnis, das z. B. Jean-Pol Martin, der Begründer des Ansatzes so gerade nicht vertritt, spielt es dann auch keine Rolle, ob eine ausgebildete Lehrperson oder ein Lernender in die Vermittlungsrolle schlüpft. Liest man die neueren Publikationen von Jean-Pol Martin aufmerksam, versteht man, dass es im LdL-Ansatz weniger darum geht, dass Lernende Inhalte präsentieren, dozieren oder eben „vermitteln“, sondern dass jeder Lernende sich als Lernmedium verstehen lernt, anhand dessen andere – beobachtend, imitierend, aber auch ihn übertreffend oder in Abgrenzung von seinen Lösungswegen eigene Handlungsprozeduren entwickelnd – weiterkommen. Zeitgemässer Unterricht schafft Lernumgebungen, in denen sich Lernende gegenseitig beim Lernen beobachten, ergänzen, korrigieren können, in dem sie „quasi-neuronale“ Lernnetzwerke bilden, die auch über den Rahmen der schulischen Veranstaltungen hinaus bedeutsam sein können und kollaborativ (virtuell und real, digital und analog) an Lerngegenständen arbeiten, deren Auswahl sie zumindest mitbestimmen, immer häufiger aber auch selbst bestimmen können. Im LdL-Ansatz liegt der Fokus weniger auf Vermittlungs- als auf Aneingnungsstrategien, die noch dazu ko-konstruktiv und vernetzend erfolgen sollen. Eine solche Lernumgebung hat viel mit den Sozialformen des Lernens zu tun, aber eben auch mit den räumlichen und mitunter technischen Gegebenheiten (was kann Marc von Susanne lernen, wenn er den ganzen Tag nur hinter ihr sitzen muss?).

Der ganz Artikel (11.2019):   Zeit für zeitgemäße Bildung

Isabelle Le Bourhis mit SchülerInnen im Ministerium – Treffen mit Minister Michael Piazolo

Aus Facebook:

 

18 Std.

Es ist vollbracht!
Isabelle Schuhladen Le Bourhis war mit ihrer Schülergruppe im Kultusministerium und hat den Minister, Herrn Michael Piazolo, getroffen!

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Isabelle Schuhladen Le Bourhis an Lernen durch Lehren

Glänzender Tag
Herr Piazolo kennt jetzt LdL!🤩🤗💡👍

  • Michael Piazolo Unbedingt so weiterarbeiten. Wenn es den Schülerinnen und Schülern gefällt, sie etwas selbstständig dazulernen und noch der Lehrplan erfüllt wird, ist es doch prima. Mir hat es jedenfalls hat die Begegnung Spaß gemacht.
  • Jean-Pol Martin Michael Piazolo Super, dass Sie so reagieren! Immer wieder wurde die Methode vom Ministerium wahrgenommen und unterstützt. Zuletzt sehr kräftig unter Frau Hohlmeier. Mit Ihnen könnte sie wieder einen Hype in Bayern erleben. Sie ist weltweit sehr etabliert und mit meinem Namen eng verbunden. Ein Alleinstellungsmerkmal auch für Bayern!
  • Isabelle Schuhladen Le Bourhis Im Ministerium wurde uns ausführlich erklärt, wie das Kultusministerium arbeitet, wer da mitarbeitet, wie Entscheidungen getroffen werden… wie Anschlussprüfungen entstehen, die aktuellen Themen im Bildungsbereich…

LdL: Deep Thinking dank Peter Ringeisen!

Prezi: LdL in Theorie und Praxis (2016)

Grundzüge des Unterrichtsprinzips „Lernen durch Lehren (LdL)“ nach Prof. Jean-Pol Martin a. d. Grundlage s. Aufsatzes „‚Weltverbesserungskompetenz‘ als Lernziel?“ (2002), konkretisiert an Beispielen aus eigenem Unterricht, Fortbildung Neu-Ulm (2016)

WyspianKęty_metoda LdL_cz1 Finde ich super!!!

Juli 2015. Peter Ringeisen sagt:

Ergebnis einer Befragung in meiner 5., 8. und 9. Klassen: Was hat euch in diesem Schuljahr im Unterricht gefallen?
„Dass wir LdL gemacht haben.“ (bei allen drei Klassen in den Top 3, zwei davon auf Platz 1)

Permanente Stoffentrümpelung als Aufgabe der Didaktik.

Immer schon war ich der Meinung, die Aufgabe der Didaktik sei nicht, die fachwissenschaftlichen Inhalte für die Schule zu transformieren, sondern die Schule zu schützen, gegen eben diese Zumutung. Herauspicken, was aus den Fachwissenschaften brauchbar für die Lebensbewältigung sei und immer wieder aus den Schulinhalten entfernen, was Belastung, aber keinen Gewinn für die Lebensbewältigung sei. Und, wenn noch dazu Zeit und Energie bleibt, die Bearbeitung von lebensrelevanten Inhalten durch die Wissenschaft einzufordern, falls diese dazu in der Lage ist.

In diesem Sinne gebe ich einen Blogeintrag von Marc Schakinnis wieder, der mir in diese Richtung zu weisen scheint:

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Aber mit dem Zeitbegriff für Bildungsprozesse angestaubten und lebensweltfremden Unterrichtsstoff zu verteidigen ist mir deutlich zu einfach. Wissen vermehrt sich rasant, die Gesellschaft entwickelt sich ständig weiter, entsprechend muss sich auch der Unterrichtsstoff in der Schule entwickeln. Natürlich spiel der Zeitbegriff dabei eine Rolle, denn trotz dieser Expansion des Wissens steht den Schülern ja nicht mehr Zeit zum Lernen zur Verfügung, der Zeitbegriff wächst ja nicht mit. Die Rahmenpläne für Unterrichtsstoff zu entwickeln und die individuelle Stoffauswahl des Unterrichts durch die Lehrenden ist daher heutzutage eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Genau wie die wichtige Aufgabe den Schülern spannenden Lehrstoff anzubieten. Wenn Schüler sich angeregt und motiviert mit dem Ihnen angebotenen Stoff beschäftigen, dann setzen sie Denkprozesse in Gange bei denen sie sich automatisch die Zeit nehmen um Gelerntes auch verarbeiten zu können. Auf keine Fall dürfen wir Langeweile im Unterricht künstlich erzeugen und langweiligen Unterricht auch noch mit dem Hinweis auf Zeit oder gar Privilegien der Schüler apologetisieren.

Durch die sehr großen Klassenverbände wird sich bei einzelnen Schülern automatisch in Phasen immer wieder Langeweile oder Desinteresse einstellen. Diese Schüler gilt es aber wieder in die Diskussion des Unterrichts zurückzuholen und nicht ihrer Langeweile zu überlassen. Wie man spannenden Stoff auswählt lässt sich im Blog von Prof. Jean-Pol Matin hier nachlesen. Zeit die Bildung braucht kann man weder verordnen noch planen. Sich die Zeit nehmen Bildungsprozesse zu verarbeiten bedingt aber vorher ein intensives auseinandersetzen mit den entsprechenden Prozessen. Das kann durch spannenden Unterricht und vor allem durch schüleraktivierenden Unterricht wie der Unterrichtsmethode Lernen durch lehren erreicht werden. (…) Hier der ganze Blogeintrag von Marc Schakinnis.

Aus dem Kompendium Deutschdidaktik (Koblenz).

Quelle

Aus der Einleitung:

„Aufgrund der stetigen Weiterentwicklung der Fachdidaktik, eines sich verändernden (Ausbildungs-)Bedarfs oder sicherlich nicht auszuschließender Unzulänglichkeiten sollte das Kompendium als etwas Veränderbares oder zu Ergänzendes betrachtet werden. Insbesondere das sechste Kapitel („Öffnung des Deutschunterrichts“) darf als eine „Baustelle“ betrachtet werden, die beispielsweise durch Beiträge zum Stationenlernen, zur Projektarbeit oder zur Individualisierung/ Binnendifferenzierung abgeschlossen werden könnte.
Volker Vogt  (Fachleiter Deutsch am Staatlichen Studienseminar Koblenz)“

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6 Öffnung des Deutschunterrichts
6.1 LDL-Didaktik – Lernen durch Lehren im Deutschunterricht
I LDL als Kritik an ‚konventionellen‘ Konzepten
Lernen erfolge hier, so die Vertreter des LDL Konzepts, insgesamt/ tendenziell
– oberflächlich, nicht effektiv, nicht nachhaltig/ verinnerlichend
– nicht vernetzend/ fächerverbindend, Überblick herstellend
– nicht individualisierend (auf unterschiedliche Lerntypen ausgerichtet)
– fördere Basiskompetenzen nicht angemessen: soziale (Kooperation, Kommunikation), methodische, Problemlösung
– stehe Selbstregulierung, autonomem Lernen im Weg
– sei nicht ganzheitlich
Das LDL-Konzept grenzt sich ab von einem
– instruktionistischem Ansatz (frontal, lehrerzentriert; zwar fachadäquat/ fachintensiv, strukturiert, im Lerntempo höher, aber nicht reagierend auf Anforderungen des individuellen Lernens)
– handlungsorientiertem Lernen, Klippert’schem Methodenlernen, trotz konzeptioneller Nähe aufgrund der Vielschichtigkeit (fachliche, methodische, soziale affektive Ziele)
II Aspekte einer Definition
– konsequent schülerorientierter Lehr-Lern-Prozess
– Verantwortung abtreten
– Information transformieren, aufbereiten, vermitteln statt Aufnahme von Information
– Phasenmodell: Initiierung (thematische Hinführung) – Organisation – Recherche, Auswertung, Entwurf – Präsentation – Reflexion/ Feedback – Benotung
– Propädeutik, Schlüsselkompetenzen entwickeln
III Lehrerrolle im LDL-Unterricht
– Manager, Helfer, Organisator
– Vorstrukturierer
– Bewerter der Gruppenarbeit, Präsentation, Produkte
– Eingreifen bei Gefahr eines Qualitäts-/ Ertrags-/ Ausrichtungsverlustes in Aufberei-tungs- und/ oder Präsentationsphase
IV Didaktische Begründungen
– LDL entwickelt Schlüsselkompetenzen/ ist kompetenzorientiert und ganzheitlich ausgerichtet:
– methodisch (Präsentation, Dokumentation, Sicherung, Moderation, Aufgaben …)
– sozial (Kommunikation, Kooperation, Teamfähigkeit)
– affektive Zugänge
– Lese-/ Textkompetenz
– Problemlösungskompetenz, strategisches Wissen
– Meta-/ Methodenreflexion
– Sekundärtugenden
– Verantwortungsbewusstsein
– LDL verbindet Fächer
– LDL erhöht Chancen auf individualisierten Unterricht (Lerntempo, Lerntyp, Neigung, Zugang)
– LDL vermittelt Kontrollgefühl (Fachgegenstand, Prozess …)
– LDL fördert explorative Haltung ((Bereitschaft, sich auf Situationen/ Inhalte einzulassen, die in hohem Maße von Unbestimmtheit gekennzeichnet sind)
V Kritik am LDL-Konzept
Unterricht nach LDL-Didaktik/ Prinzipien,
– läuft Gefahr, den Fachgegenstand unangemessen zu verkürzen und zu Oberflächlichkeit zu verleiten (Differenzierungs- und Strukturverluste als Folge)
– verhindert eine auf Vergleich setzende Beurteilung einer individuellen Leistung und macht es trittbrettfahrenden Schülerinnen und Schüler leicht
– bedingt einen in Anbetracht des Ertrages unangemessenen Vorbereitungsaufwand durch die Lehrerin/ den Lehrer
– ist nur für bestimmte Themen des DU geeignet, also nicht universell einsetzbar
– erfordert in der Umsetzung einen zeitlichen Aufwand, der die Behandlung weiterer wichtiger Themen des DU verhindert
– bedingt dem Konzept widersprechende Eingriffe der Lehrerin/ des Lehrers in die Planung und Präsentation bei fachlich falscher/ unpräziser, vom Thema abweichender, unstrukturierter Vermittlung
– überfordert die Gruppen; Schülerinnen und Schüler sind keine Methodiker bzw. Didaktiker, die in der Lage sind, stringente Lehr-Lern-Prozesse zu organisieren bzw. durchzuführen
– ist nur für Fächer geeignet, die über mindestens drei Unterrichtsstunden pro Woche verfügen
– hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die/ der Unterrichtende Leistungsver-mögen und Sozialgefüge exakt einschätzen kann
– ermöglicht insbesondere bei problematischer methodischer und didaktischer Aufbereitung nur den Präsentierenden, kaum aber der restlichen Lernenden einen Lernerfolg
– lässt außer Acht, dass für den Lernerfolg vorauszusetzende Kompetenzen (Lese-/ Textverstehen, Strategien zur Problemlösung, explorative Haltung …) oft noch nicht weit genug entwickelt sind
– wertet den Lehrerberuf ab
– muss ohne ein Konzept auskommen, wie die für den Erfolg des LDL-Ansatzes vorauszusetzenden Basiskompetenzen angelegt werden sollen!
VI Literatur
– Kelchner, R./Martin, J.-P.: Lernen durch Lehren. In: Timm, J.-P. (Hg.): Englisch lernen und lehren – Didaktik des Englischunterrichts. Cornelsen, 1998, S. 211-219.
– Martin, J.-P.: Lernen durch Lehren – ein modernes Unterrichtskonzept. In: Schulverwaltung Bayern. Carl Link-Verlag, 23. Jahrgang, März 2000, Nr. 3, S. 105-110.
– Becker, C.: Lernen durch Lehren als Unterrichtskonzept. In: Deutschmagazin, 6/2005, S. 1-16.
– Martin, J.-P.: Weltverbesserungskompetenz als Lernziel. In: Pädagogisches Handeln – Wis-senschaft und Praxis im Dialog, 6. Jahrgang 2002, Heft 1, S. 71-76.
http://www.ldl.de
– Martin, J.-P.: Warum LdL, 2002, S. 1-10.
– Becker, C.: Die Qualität von Schuhen bewerte ich danach, ob ich in ihnen gut laufen kann – Benotungsstrategien