LdL: Tribute to Reinhard Kahl!

Schade, dass Leute wie Hüther nie konkrete Methoden nennen. LdL ist inzwischen so bekannt, dass er oder auch andere fernsehpräsente Personen, auf LdL hinweisen könnten. Es ist zwar hilfreich, immer wieder dieselben Forderungen (beispielsweise als Gehirnforscher) zu stellen, aber viel besser wäre es, auf die Methoden hinzuweisen, die diese Forderungen schon lange erfüllen. Der einzige bekannte Publizist, der immer wieder auf LdL hingewiesen hat, ist Reinhard Kahl (es empfiehlt sich auch, die Kommentare zu lesen – es werden alle kritischen Fragen gestellt und beantwortet). Man könnte den Eindruck gewinnen: alles schon mal gewesen!
http://www.zeit.de/online/2008/43/schueler-lehrer

Man lernt am meisten, wenn man sein Wissen anderen erklärt. Warum wird in Schulen kaum danach gehandelt? Vierter Teil einer Spurensuche im Bildungstal.

Learning by teaching (aus: „Treibhäuser der Zukunft“, 2004)

Damit ich einen raschen Zugriff bekomme, parke ich den Auszug „Learning by teaching“ aus „Treibhäuser der Zukunft“ (2004) schon mal hier ein:

Leidensdruck als Erkenntnismotor

Resume Am meisten wird unter Leidensdruck konzeptualisiert. In der Schulpraxis wird mehr innoviert als an der Universität, denn in der Schule ist das Leiden größer.  Die Didaktiker sollen diese Innovationen aufdecken und bekannt machen.

1. Innovationen aus der Praxis werden von der Uni ignoriert

In der Schule muss jeden Tag innoviert werden. Wenn ein Lehrer seine Schüler drei Monate unterrichtet hat, hat er meist sein Pulver – zumindest methodisch – verschossen. Er muss sich immer was Neues einfallen lassen. Auf LdL kam ich, weil ich darunter litt, dass meine Schüler stumm blieben und ich permanent in Aktion war. Als LdL von den Schülern angnommen und automatisiert war, musste was Neues ran. Ich ließ sie Projekte durchführen, im Unterricht und außerhalb. Das war bald nicht mehr reizvoll genug. Dann ließ ich sie forschen, also empirische Untersuchungen durchführen, meist auf Reisen und in Paris. Sie konstruierten neues Wissen. Aber auch das war nicht genug. Ich ließ sie das von ihnen erstellte Wissen im Rahmen von Workshops auf Fortbildungsveranstaltungen an Französischlehrer vermitteln. Das war alles noch vor dem Aufkommen des Internets.  Die Schüler konnte ich nie satt bekommen. Sie trieben mich immer voran. Unter diesem Leiden musste ich immer wieder Neues erfinden! Seit 1996 verwende ich das Internet intensiv. Das ist ein Ausweg, um den immer gieriger werdenden Schülern neue Handlungsfelder zu eröffnen. Rezipiert wurde das in der Universitären Didaktik kaum.

2. Die Bildungsexpedition

In seinem Film „Treibhäuser der Zukunft“ hat Reinhard Kahl auf viele Innovationen aufmerksam gemacht, die in der Schulpraxis entstanden. Er hat eine Reise durch die Bundesrepublik gemacht, um zu zeigen, dass auch in Deutschland vieles geschieht, unbemerkt von der Universität und der Öffentlichkeit.  Reinhard Kahl ist kein Pädagoge, sondern ein Journalist. Aber jetzt gibt es einen Hochschuldidaktiker, der ebenfalls quer durch unser Land reist und die stillen Helden des Alltags interviewt und bekannt macht.  Das ist Christian Spannagel, unterstützt von Lutz Berger und Melanie Gottschalk sowie eine Reihe von Passionierten, die je nach Parcours zu- oder aussteigen.

3. Leidensdruck auch in der Bildungsexpedition?

Nun hat Christian gestern erwähnt, dass auch die Mitglieder der Bildungsexpedition angesichts des sehr strapaziösen Reisedesings leiden. Gerade weil sie unter harten Bedingungen arbeiten, werden sie viele, relevante Erkenntnisse hervorbringen. Auch Alexander von Humboldt hatte es nicht leicht!

Hier Christians Statement.

FazitEs ist nicht ausgeschlossen, dass interessante Erkenntnisse am Schreibtisch entstehen. Aber es ist fast sicher, dass neue, aufregende Erkenntnisse im Leidensfeld generiert werden.

Kein Synergierausch, und dennoch…

Resume seit vielen Jahren arbeite ich auf einen Synergierausch hin. Gestern waren fast alle Ingredienten beisammen. Fast…

1. Was beisammen war

Zum Synergierausch braucht man: einen geschlossenen Raum (damit Resonanz entsteht), Körper, die ähnliche Basiskomponenten aufweisen und redundante Impulse, damit das Ganze in Schwingung gerät. Ludwigsburg war ein geschlossener Raum, eine große Anzahl von Körpern verfügte über ähnliche Basiskomponenten (gemeinsame Terminologie) und es wurden redundant Impulse eingespeist. Für mich persönlich war dieses Treffen ein Traum: noch nie kamen soviele Menschen zusammen, die mit „meinen“ Denkstrukturen und Metaphern („Gleichnissen“) vertraut sind. Diese Zusammenkunft war das Werk von Christian Spannagel und seinem Studententeam. Joachim Grzegas Vortrag beeindruckte mich schwer aufgrund seiner sehr umfassenden LdL-Erfahrungen und LdL-Konzeptualisierungen (Grundschule, Fachoberschule, Gymnasium, Hauptschule, Uni). Grzega ist nun DER LdL-Spezialist. Ich verzichte darauf, alle Menschen zu nennen, die gestern dabei waren und zu denen ich aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit ein enges persönliches, vor allem intellektuelles Verhältnis habe. Stellvertretend sei Barbara Stockmeier genannt, der ich als Schülerin in der 11.Klasse vor 12 jahren begegnete und die seitdem mit großem Engagement am meinem Denken bleibt und für dessen Verbreitung wirkt.

2. Warum es doch nicht zum Synergierausch kam

Der LdL-Tag in Ludwigsburg war eine Fortbildungsveranstaltung für Lehrer. Es kamen sehr viele Interessierte, die weder mit LdL noch mit der Terminologie vertraut waren. Innerhalb kürzester Zeit musste also a) aufgezeigt werden, dass LdL mehr ist als nur eine schüleraktivierende Methode (damit die Lehrer Sympathie für LdL entwickeln), b) aufgezeigt werden, dass die benutzten Metaphern nur hilfreiche Instrumente zur Verdeutlichung von Vorgängen im Unterricht sind und keine Geheimsprache zur Abgrenzung (damit die Lehrer bereit sind, die Metaphern spielerisch zu verwenden) und c) die ganze Chose mit geeigneten Mitteln (Musik, LdL-Song) zu einem Kuchen zusammenbacken, damit alle Spaß haben und willig sind, sich als Gesamtgruppe emotional (kurzfristig) zu vereinen. Sicherlich wäre der Prozess viel schneller vorangeschritten, wenn alle Anwesenden auch gleichzeitig Kommunikationsfreaks gewesen wären (Educampstimmung).

3. Wir waren dicht davor: Schwellenpotenzial fast erreicht

Im Laufe des Nachmittages schien es, dass die „Neuen“ dem LdL-Konzept und der Neuronen-Terminologie immer mehr abgewannen. Ich denke, dass es nicht viel gebraucht hätte, und wir hätten das Schwellenpotenzial erreicht. Es hätte eine emotionale Integration stattgefunden, mit Aussicht auf Synergierausch.

Fazit Gut präsentiert entfalten LdL und die Neuronen-Terminologie Attraktivität für unsere Lehrer-Kollegen. Das war gestern der Fall in Ludwigsburg. Es fehlte wenig, und ich hätte meinen Synergierausch bekommen. Für mich persönlich war es ohnehin ein Traum!

Und plötzlich emergiert @Cervus! Wow!

Resume Lisa Rosa, Peter Ringeisen, Cervus, Filterraum, Claudia Boerger, Andreas Mertens, und ein paar andere… Alle haben gedrängt: „lass doch die Neuronen-Metapher weg“! Danke Leute, die Botschaft hat mich erreicht!

1. Was ankommt und was nicht…

Als Mensch, der an der Universität sozialisiert wurde und 40 Jahre lang wissenschaftliche Texte verfasst hat, sind mir Konzeptualisierung und Produktion von abstrakten Modellen mit entsprechender Terminologie in Fleisch und Blut übergegangen. Die Wissenschaftssprache ist zu meiner Muttersprache geworden. Paradoxerweise sind die wissenschaftlichen Begriffe sogar emotional geladen:  „Schwellenpotential“ hat für mich mehr Evozierungskraft als „Blumenstrauß“, „Kartoffelpüree“ oder „Geburtstag“.  Und den meisten Wissenschaftlern geht es ähnlich. Will ich mein Publikum verwöhnen, so setze ich einen drauf und spiele mit den Assoziationen und Termini wie ein Kabarettist. Je skurriler, desto lustiger. Besonders das Kleinhirn und das limbische System haben mir es angetan. Nur: warum soll mein Publikum diese Sprache ebenfalls so lustig finden? Trete ich vor Lehrern auf, so wollen sie von mir erfahren, mit welchen Techniken ich Lernfortschritte bei meinen Schülern erreiche. Sie sind wohlwollend und akzeptieren den einen oder anderen Fachbegriff, aber zu viel ist zu viel.

2. Wie ich das endlich kapiert habe

Vorausgeschickt: natürlich sind für mein Denken und Handeln diese abstrakten Schemata und diese Metaphern sehr hilfreich.  Sie liefern mir eine Grammatik, mit der ich meinen Alltag durch den Einsatz des einen oder anderen Schemas bewältige. Aber gleich mit dieser „Grammatik“ im Rahmen eines Vortrages für Lehrer zu beginnen ist unklug. Das habe ich erst definitiv verstanden, als ich massive Hinweise von bloggenden und twitternden Kollegen erhalten habe. Lisa Rosa hielt auf lange Strecken das Thema am Kochen, Peter Ringeisen leitete die Wende ein – ich kenne ihn seit mehreren Jahren als wohlwollenden Begleiter und sein Posting enthielt genau die Argumente, die  zu diesem Zeitpunkt gefragt waren -, Maik Riecken bestätigte dies („zunächst konkrete Unterrichtserfahrungen, dann die Konzeptualisierung“),  Michael Wald betonte, dass die von mir benutzte Begrifflichkeit nur bei Leuten ankommt, die damit vertraut sind, Claudia Boerger bekräftigte die Ansicht, dass die Begriffe abschreckend wirken und eine negative Haltung mir gegenüber induzieren, Apanat baute mich – wie so oft – wieder auf, Andreas Mertens schließlich beschrieb, wie er selbst sein Publikum mit der von ihm vertrauten Terminologie manchmal verfehlt: „Ich tappe auch immer wieder in diese Falle„.

3. Und pötzlich kommt @Cervus

In meinem eigentlichen Vortrag war von Neuron kaum die Rede, den Vortrag kannten aber meine Adressaten nicht. Sie hatten nur den Blogeintrag zur Kenntnis genommen. Ich setzte einen Link auf den Text und Peter Ringeisen las ihn. Er fand ihn sehr gut. Das war eine große Entlastung für mich. Und heute früh nach dem Aufstehen sehe ich in Twitter folgenden Kommentar: „ich emergiere :). les grad den ludwigsburg-vortrag, klingt super! der verzicht auf so manche neuronenmetapher stärkt ihn ungemein.“ Das war @Cervus, den ich zwar followe, mit dem ich bisher aber kaum direkten Kontakt hatte. Und er hatte meinen Vortrag durchstudiert!

Fazit Dank Blogs und Twitter ist es möglich geworden, beim Verfassen von Texten Denkpartner einzubinden, die durch starken Druck radikale Änderungen einleiten.  Eine solche Denkpartnerschaft geht sehr in die Tiefe.

Dieser ganze Neuronen-Quatsch!

Resume Aktionsforschung ist ein sehr mühsamer, obskurer, auf Jahrzehnte angelegter Prozess. Die meisten Begriffe und Konzepte, die Dank Spannagels (+ Studis) und Lutz Bergers Aktivitäten in den Blick einer größeren Öffentlichkeit geraten sind, schlummerten in Tagebüchern, Artikeln und Referendararbeiten. Unbeachtet.

1. LdL und ein Ozean von Veröffentlichungen

Wer einen Blick über LdL-Bibilographie (Grundlagen und Praxis) seit 1982 wirft, wird sich sofort vor Schreck abwenden. Eine Unmenge von Artikeln, Referendararbeiten, Filmen, Tagebüchern von Kollegen, einige Doktorarbeiten und Habilitationsschriften in allen Fächern liegen vor.  Die Neuronen-Metapher bezogen auf den LdL-Unterricht existiert seit spätestens 1996, über das Internet als Gehirn habe ich seit 1998 mehrere Aufsätze verfasst (19982006, 2009). All diese Modelle und Beschreibungen sind irgendwie naheliegend, auf jeden Fall haben sie einen hohen handlungsleitenden Wert. Zwar sind diese Ideen in die Lehrpläne und in die Seminare eingedrungen, aber wirklich vertieft und anhaltend hat sich die breite Schulöffentlichkeit nicht damit befasst.

2. LdL-Hype? Der wievielte?

Jetzt sind wir Zeugen eines LdL-Hypes.  Solche Phasen haben wir immer wieder, konjunturabhängig, erlebt. Beispielsweise als Reinhard Kahl eine Sequenz über LdL drehte im Rahmen seiner Dokumentation über alternative pädagogische Konzepte  („Treibhäuser der Zukunft„).  Oder es kommen plötzlich und meist per Zufall ganz engagierte, jüngere Kollegen auf unsere Gruppe zu, greifen die Ideen auf, entwickeln sie weiter und tragen sie mit Begeisterung in die Öffentlichkeit. Das Ganze erlebt für ein paar Wochen oder ein paar Monate Konjunktur.  Schnell fallen dann Begriffe wie „Missionar, Guru, Egozentriker, Narzist…“.  Auch die Metaphern sollen der Verbreitung im Wege stehen. Ja liebe Leute, sollen wir uns, wenn so eine Phase dran ist, in unseren Schulen und Unis verstecken? Die Impulse werden sich verbreiten, aber die Aufregung wird sich bestimmt wieder legen und wir werden weiter brav und nachhaltig – wie es die Aktionsforschung will – unsere Praxiserfahrungen im Unterricht und in Hochschulveranstaltungen sammeln und theoretisch verarbeiten.

Fazit In bestimmten Konjunkturphasen ist es unvermeidbar, dass einzelne Begriffe in die Öffentlichkeit redundant eingespeist werden. Nur so haben sie eine Chance, dass man sie aufgreift und diskutiert.

Mein wissenschaftliches Credo: poetisch von Lutz Berger beschrieben.

Die Beschreibung ist so schön, sie entspricht sosehr meinem wissenschaftlichen Credo, dass ich sie von Christian Spannagels Blog hierher einkopieren:

Lutz Berger

(…)die theoretische debatte über etwas, das man nicht/kaum kennt, ersetzt nicht das tun. ldl und web 2.0 nähert man sich nur bedingt durch den diskurs, sondern eher durch gelebte praxis, hinfalle, aufstehen und feedback, feedback, feedback.

aber ich will mich da nicht weiter in die nesseln setzen, nur eins noch: begeisterung und freiwillige feldversuche haben nichts, aber auch gar nichts mit sektiererei zu tun.

die gruppe die ich begleitete und die menschen die ich dabei traf, sind vom missionieren himmelweit entfernt. wer da die keule schwingt, bekommt von mir die rote karte und muss zurück auf start!

es ist vielmehr der liebenswerte zug des forschers, des pre-experten und des amateurs (lat. amare, remember?), der rote backen kriegt: schau mal, das klassenzimmer fliegt tatsächlich! in den worten von george soros, experte für prozese in zeiten des ungleichgewichts:

“Ich bin der Archetyp des Amateurs. Ich bin wie ein Stammeshäuptling, der nicht lesen und schreiben kann … Aber es ist eine gute Position, zu früh da zu sein. Da zu sein, bevor die Profis, die Experten alles an sich gerissen haben.

Ich bin ein Pre-Experte. Und ich befinde mich in keiner schlechten Gesellschaft, denn viele große Entdeckungen des 19. Jahrhunderts wurden von Amateuren vollbracht. Als die Entdeckungen da waren, dann erst kamen die Professionellen, die richtigen Experten. Ich liebe diese frühe Phase, die Phase der ursprünglichen Entdeckungen. In dieser Zeit ist der Wettbewerb sehrt gering und man kann mit wenigen Mitteln sehr große Erfolge erzielen.”

und jetzt: hitzefrei!

Lutz Berger