Jean-Pol Martins Blog

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Jens Eichert: „Es geht nicht nur um das Wissen. Es geht vor allem um das Verstehen.“


Vielleicht beantwortet dieser Artikel die Frage, warum Konflikte so oft nicht gelöst werden können.

Beispielsituation:

In einer Wohnanlage bedroht ein 16jähriger Jugendlicher lautstark einen gleichaltrigen Jugendlichen mit einem Brotmesser. Eine 17jährige Jugendliche steht hilflos und verängstigt daneben und weint. Nachbarn schimpfen und beschweren sich über den Lärm. Die Wohnung ist verwüstet – es riecht leicht nach Cannabis. Zwischendurch reagieren die beteiligten Personen immer wieder auf eingehenden Anrufe oder Nachrichten auf ihren Smartphones.

Stell dir nun einmal vor, du kommst in diese Situation und möchtest handeln. Was machst du? Gar nicht so einfach, oder? Polizei rufen und bis dahin Ruhe bewahren und in Sicherheit gehen? Was ist, wenn du einen der Jugendlichen kennst oder sogar als Betreuer für ihn oder sie zuständig bist? Vielleicht dauert es auch zu lange, bis die Polizei eintrifft, oder sie kommt gar nicht? Wirst du ernst genommen von irgendjemanden?  Viele Fragen und Unsicherheiten.

Warum ich der Meinung bin, dass ich diese Situation entscheidend anders einschätze als die meisten anderen Menschen? Weil ich grundsätzlich der Auffassung bin, dass jeder Mensch in der Lage ist, einen entscheidenden Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. In diesem Fall behaupte ich selbstbewusst, dass ich durch die Verinnerlichung und praktische Anwendung der Neuen Menschenrechte etwas gesellschaftlich Relevantes verstanden habe.

Diesen wertvollen Wissensschatz möchte ich gerne mit so vielen Menschen wie möglich teilen und versuche mich so kurz und verständlich wie möglich zu halten.

In Konflikten haben die beteiligten Personen oder Gruppen oft unterschiedliche Betrachtungswinkel. Zudem trägt jeder Menschen seine eigene Biografie in sich. Allein die Tagesform kann entscheidend für die Ursache oder den Ausgang einer Konfliktsituation sein. Ein unvorhersehbarer Trigger ist vielleicht der Grund. Viele Faktoren also, die man eigentlich berücksichtigen müsste, um einen Konflikt angemessen und fair einschätzen und schlichten zu können. So ein Vorhaben scheitert oft schon beim herkömmlichen Gedanken daran.

Hier kommt jetzt meine These ins Spiel, die ich u.a. aus meinen Erfahrungen als pädagogischer Begleiter in der Kinder- und Jugendhilfe und Vater von zwei Kindern aufstelle:

Prof. Dr. Jean-Pol Martin höchstpersönlich übermittelte mir über viele Monate hinweg in teils emotional und fachlich herausfordernden Sessions sein Wissen um die von ihm verfassten Neuen Menschenrechte mit ihren sechs Artikeln der Grundbedürfnisse 1.Denken, 2.Gesundheit, 3.Sicherheit, 4.Soziale Einbindung, 5.Selbstverwircklichung & Partizipation, 6.Sinn.

Mir war zwar von Beginn an klar, dass die Inhalte von großer Bedeutung waren. Zu spüren begann ich es aber erst vor einigen Wochen. Seitdem nutze ich jeden Tag mindestens einmal die NMR, um mein Stresslevel zu senken oder komplexe Situationen besser einschätzen und darauf reagieren zu können.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich seitdem immer die Kontrolle behalte und handlungsfähig bleibe – auch in Hochstresssituationen. Ich verstehe mich und meine körpereigenen Reaktionen besser zu deuten und bin in der Lage, auch die Verhaltensweisen anderer angemessener einschätzen und darauf reagieren zu können. Was nicht bedeutet, dass die Arbeit dadurch weniger anspruchsvoll geworden ist – ganz im Gegenteil. Sie ist komplexer geworden, jedoch einfacher zu verstehen.  Ich erkläre das nachfolgend.

Was ist der Unterschied?

In Situationen der Überforderung haben Menschen in der Regel das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben. Viele suchen dann den Fehler bei sich oder anderen. Doch das führt nicht zur Lösung des Problems, und damit bin ich bei meinem Satz aus der Überschrift „Es geht nicht nur um das Wissen. Es geht vor allem um das Verstehen.“

Selbst wenn ich mir die Sichtweisen aller beteiligten Personen meines Beispiels von oben einhole, habe ich einen entscheidenden Faktor ganz sicher nicht berücksichtigt – und der macht den entscheidenden Unterschied.

Den Faktor der befriedigten und besonders der unbefriedigten Grundbedürfnisse.

Die meisten Menschen würden vermutlich folgende Bewertung der Situation vornehmen:

Jugendlicher mit Messer = primäre Täterfigur

Bedrohter Jugendlicher = primäre Opferfigur

17jährige = sekundäre Opferfigur

Nachbarn = passive Opferfiguren

Bestärkende Faktoren der Einschätzung:

Zustand der Wohnung, offensichtlicher Drogenkonsum, Wohnungsumfeld

Psychische Einflüsse der Einschätzung:

Bedrohliche Lage, Angst um das eigene Leben, Angst um das vermeintliche Opfer, Unübersichtlichkeit der Situation durch viele verschiedene Akteure und Faktoren, ggf. Unerfahrenheit, ggf. Erwartungshaltung von außen, wenn eine verantwortliche Betreuungsposition besteht

Nun die Einschätzung auf Basis der Neuen Menschenrechte:

(Wichtig bei dieser Einschätzung: Keine Bewertung von Personen. Es geht zunächst nur um das Verstehen und nicht um die Lösung des Konfliktes. Der Einfachheit halber formuliere ich die Einschätzung als Fließtext.)

Bei allen Beteiligten ist in dieser Situation das Bedürfnis nach Sicherheit (Artikel 3) in unterschiedlichem Ausmaß defizitär und sie reagieren entsprechend unterschiedlich darauf. Ein weiterer Einfluss ist das Bedürfnis nach sozialer Einbindung (Artikel 4). Die Störung in ihrem gewohnten Lebensumfeld sorgt für Unruhe bei den Bewohnern. Die Jugendlichen sind in ihrer mittlerer Phase der Adoleszenz und ganz sicher auf der Suche nach Halt, Geborgenheit und dem Sinn (Artikel 6) in ihrem Leben. Bei dem bedrohten Jugendlichen und der 17jährigen spielt auch das Bedürfnis nach Gesundheit (Artikel 2) eine Rolle, welches sowohl die psychische als auch die physiologische Gesundheit einschließt. Für viele oft nicht nachvollziehbar, ist auch der Konsum von Drogen eine Befriedigung des Gesundheitsbedürfnisses – obgleich uns selbstverständlich bewusst ist, dass diese Form der Bedürfnisbefriedung keine sinnvolle und schon gar nicht gesundheitsfördernde Lösung ist. Doch wir bewerten nicht. Wir möchten verstehen.

Würde ich nun in so eine Situation kommen, würde ich mich hauptsächlich auf das Bedürfnis von Artikel 3 konzentrieren. Denn die Sicherheit spielt bei allen Beteiligten eine prägnante Rolle.

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt:

Wenn sich eines der sechs Grundbedürfnisse über längere Zeit auf einem sehr niedrigen Befriedigungsniveau befindet oder kurzfristig lebensbedrohlich ist, ist eine herkömmliche Vorgehensweise diesem Menschen gegenüber nicht möglich. Der Überlebenskampf in diesem Bedürfnis wirkt sich auf alle anderen Bedürfnisse aus. Wenn ich das verstehe und es in dem Moment erkenne, behalte ich die Kontrolle über mein eigenes Bedürfnis nach Denken (Artikel 1) und Sicherheit und bleibe handlungs- und entscheidungsfähig. Mein Wissen und meine erarbeitete Kompetenz geben mir Sicherheit und befriedigen nachhaltig mein Grundbedürfnis nach Selbstverwirklichung und Partizipation. Mein Handeln ergibt auch dann einen Sinn, wenn es für NMR-Unwissende in der Situation nicht nachvollziehbar ist. Mein Handeln wird jedoch Einfluss auf ihre Reaktionen haben, weil ich in dem Moment auf ihre Bedürfnisse eingehe und nicht auf ihr Handeln.

Zusammengefasst:

Egal wie komplex, emotional und herausfordernd eine Situation ist, ich bleibe handlungsfähig, weil ich mich im ersten Schritt automatisch auf die Lage der befriedigten oder unbefriedigten Grundbedürfnisse fokussiere. Ich bewerte nicht und denke nicht lösungsorientiert. Somit bin ich für keinen der beteiligten Menschen in dem Moment ein Feindbild. Erst, wenn ich mit der Einschätzung fertig bin, werde ich aktiv. Dieser Prozess dauert mittlerweile nur noch 20-30 Sekunden. In dieser Zeit baue ich durch meine passive Anwesenheit und Gelassenheit eine Beziehung zu den Menschen auf. Sie nehmen mich meist als Kompetenz wahr, weil ich die Kontrolle behalte und ihnen die nötige Sicherheit gebe.

Menschen in unkontrollierten Positionen benötigen Halt. Ich wirke dann als zentripetale Kraft und bekomme dadurch die nötige Aufmerksamkeit. Sie fühlen sich zu mir hingezogen, statt sich zentrifugal von mir abweisen zu wollen. Es spielt keine Rolle, ob es die vermeintliche Opfer- oder Täterperson ist. Durch die ausschließliche Einwirkung auf die Grundbedürfnisse nehme ich der Situation die Anspannung und Energie und baue die notwendige Beziehung auf. Außerdem schütze ich mich durchweg selbst, weil ich emotional distanziert auf den Vorfall reagiere.

Tiefgreifendere Gespräch kann ich auch später führen, denn diese Form der nachhaltigen Beziehungsarbeit ist in einer Hochstress-Situation ohnehin nicht möglich.

Sollte es dennoch einmal zu keiner Beruhigung oder sogar zu einer weiteren Eskalation der Lage kommen, bin ich mir meiner Selbst bewusst, dass ich mein Möglichstes getan habe. Ich laufe nicht Gefahr einer akuten Stressreaktion meines Körper ausgesetzt zu werden (Hyperarousal) und kann die Verantwortlichkeit auch immer bei den beteiligten Personen lassen.


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