IN-direkt (22.12.21): Neue Menschenrechte

IN-direkt: Seite 14

IN-direkt: Seite 14

Jens Eichert: Was wir von den Ameisen lernen können…

Was wir von den Ameisen lernen können und was das mit Corona zu tun hat.

– Ein Gedankenanstoß von J.M.Eichert

Die Welt der Ameisen ist faszinierend und hat auf den ersten Blick nur wenig mit unserer Lebensart zu tun. Schaut man aber genauer hin, so kann man viele Gemeinsamkeiten entdecken und vielleicht sogar noch etwas Wertvolles daraus als Erkenntnis ziehen.

Diesen Versuch möchte ich heute machen und damit ein wenig zum Nachdenken anregen.Um von den Fähigkeiten der Ameisen beeindruckt zu sein, ist es gar nicht nötig, all zu tief in die biologischen und anatomischen Grundlagen vorzudringen. Allein der bloße Blick auf einen Ameisenhaufen im Wald, in dem nicht selten eine Kolonie aus hunderttausenden Insekten beheimatet ist, lässt Kinder sowie Erwachsene staunen.

Wie kann es sein, dass so kleine Lebewesen dazu in der Lage sind, derartige Bauwerke zu errichten? Einige der tausenden verschiedenen Arten bauen Systeme über mehrere zehn Quadratmeter in der Fläche und bis zu acht Meter in die Tiefe. Nur ein gut funktionierendes Aufgaben- und Kommunikationssystem kann dazu führen, dass so eine Meisterleistung erstellt und in Betrieb gehalten werden kann.

An dieser Stelle möchte ich die Verbindung zu uns Menschen herstellen, die ein Mischung aus soziokulturellen, philosophischen und sozialen Gedanken sein wird.

Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat sich die Architektur enorm weiterentwickelt. Durch immer neue Baumaterialien sind zum Teil atemberaubende Gebäude oder andere Konstruktionen errichtet worden. Grenzen spielen oft nur hinsichtlich des Geldes eine Rolle. Wir streben von Natur aus danach, das Unmögliche möglich zu machen. Wir wollen entdecken, ausprobieren, forschen, kommunizieren, unsere Umwelt mit allen Sinnen erfassen und verstehen – von klein auf instinktiv. Das ist fantastisch und macht den Menschen so vielschichtig und einzigartig. Diese Freiheit birgt jedoch auch eine große Verantwortung. Oft dringen wir mit unseren Fähigkeiten und der selbst zugesprochenen Freiheit in die Lebensräume anderer Lebewesen und Pflanzen ein. Mit etwas Weitsicht wird dann schnell deutlich, dass wir bei auftretendem Schaden auch unsere eigene Freiheit wieder einschränken.

Ameisen haben im Gegensatz zu uns kein Gehirn, das ihnen die Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten bietet, wie wir es besitzen. Das ist einerseits gut für uns, birgt aus meiner Sicht jedoch einen gewissen Nachteil in Bezug auf die Erhaltung der Art. Ameisen haben sicherlich keine Ehrfurcht vor ihrer Leistung. Aber sie schützen instinktiv ihre Art und nicht nur ihr eigenes Leben. Vielleicht mangelt es uns daran zunehmend?

Menschen gehören wie tausende andere Individuen zu der Gattung der Säugetiere. Genauer gesagt zu den Plazentatieren (Eutheria) zu denen über 90 % der Säugetiere gehören. Beobachtet man die Lebensweisen der Tiere, fällt einem auf, dass die Lebensmodelle im Ablauf eines Zyklus bei den Individuum artübergreifend oft ähnlich sind. Es geht vorwiegend um die Aufzucht der Jungen, Beschaffung von Nahrung, Errichtung einer Behausung (sehr unterschiedlich) und im Kern schlicht darum zu überleben.

Der Überlebensdrang steckt in uns allen. Ob der Wille zur Erhaltung der Art auch bei anderen Säugetieren vorhanden ist, darüber möchte ich nicht spekulieren.

An dieser Stelle kommt mein philosophischer und für die eine oder den anderen möglichweise auch als Provokation empfundener Gedankenimpuls ins Spiel:

Stehen wir vielleicht durch die Pandemie gerade an einem Scheitelpunkt in unserer menschlichen Entwicklung, in der die Bedeutung des einzelnen Individuums, durch die verminderte Fähigkeit instinktiv und kollektiv zu denken, uns zum Verhängnis wird?

Ich will mit meinen Worten keine Angst auslösen oder unnötig in eine ohnehin schon vorhandene Kerbe in unserer sozialen Gesellschaft schlagen. Vielmehr möchten sie zum Nachdenken über den eigenen Horizont hinaus anregen.

Bei all den Annehmlichkeiten und herausragenden Errungenschaften unseres menschlichen Daseins spielen eben doch immer noch Lebensprinzipien eine Rolle, die sich auch nicht mit den modernsten Waffen, der modernsten Medizin und keinem Geld der Welt erschaffen lassen und das sind unter anderem der Gemeinschaftssinn und das dialektische Denken.

Auch wenn Ameisen sich nicht über Sprache verständigen wie wir, so haben sie doch augenscheinlich und wissenschaftlich erwiesen Methoden entwickelt, die sie dazu befähigen als millionenstarker Staat zu wachsen und sogar Flutkatastrophen zu überleben. Dazu gehören chemische Reize über Pheromone oder akustische Klopfsignale, die Ameisen über ihre Beine als Reiz wahrnehmen. Die Methode, die diese Insekten mit uns Menschen jedoch am gemeinsamsten haben, ist die des Verhaltens. Wir Menschen lernen zu einem großen Teil durch die Beobachtung und das Nachahmen vom Verhalten anderer.

Im Umkehrschluss bedeutet es, und das ist auch mit die Kernbotschaft meines Artikels, dass jedes einzelne Individuum durch sein Verhalten ein Transporter oder Multiplikator von Mut, Hoffnung, Idealismus und Zusammenhalt sein kann. Ich kann mich bemühen in meinem Denken auch meine Umwelt stets mit einzubeziehen. Selbst wenn ich ausschließlich mindestens 51 % nur an mich und mein Wohl denke, so bleiben doch immer bis zu 49 % auch für andere übrig. Wenn du das nächste Mal im Wald, im Garten oder in einem Park einen Ameisenhaufen oder eine große Ansammlung dieser Insekten siehst, dann denkst du vielleicht an meine Worte und fühlst es wieder – so ein gewisses Gefühl von Solidarität, Gemeinschaft und kollektivem Überlebenswillen, den uns Ameisen auf ihre Art so eindrucksvoll vorleben.

— Schon mit dem Basiswissen der „Neuen Menschenrechte“ nach Jean-Pol Martin erschließen sich viele Ursachen der gegenwärtigen schwierigen Herausforderungen unserer Gesellschaft und bieten eine sehr gute Grundlage für ein kollektives Umdenken und Neuausrichten.

Quellen:

http://www.fischereimuseum.at/start/ameisen_erwachsene.pdf 12/2021

https://www.planet-schule.de/…/das-saeugetier-im-mensch 12/2021

https://jeanpol.wordpress.com/ 12/2021

NMR-Sammelband: Rezension von Andreas Broszio

Andreas Broszio

“Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt”. Mit diesem Diktum von Maturana im Bewusstsein, möchte ich mich einem besonderen Beobachter und seinen Beobachtungen zuwenden. Das tue ich natürlich auch als Beobachter, und entsprechend perspektivisch und ausschnitthaft sind meine Bemerkungen. 

Meinem Eindruck nach sind viele Diskurse zu maßgeblichen Themen, die den Menschen betreffen, wahlweise durch einen allzu simplen Positivismus oder ein moralisierendes Bestehen auf bestimmte Prinzipien fernab jeder Begründungspflicht charakterisiert. Ein Hin- und Herpendeln zwischen beiden Positionen, zwischen einem “Das ist halt so” und einem “So sollte es sein” kann ohne nennenswerte Erkenntnisgewinne bleiben. Der Diskurs bleibt im Status einer Pro- und Contra-Debatte stecken. Mal streitet man über die Fakten, mal über die wünschenswerte Gestaltung der Gesellschaft, bzw. kleinräumiger Sozialsysteme. Mit seiner Programmatik der “Neuen Menschenrechte” bietet JPM eine Beobachterperspektive, die einen echten Unterschied macht. Er bietet einen Orientierungsrahmen zur Beschreibung, Erklärung und Bewertung menschlichen (Zusammen-)Lebens, der folgendes leistet:

(1) Mit Rekurs auf theoretische Erkenntnisse u.a. aus der Neurowissenschaft ermöglicht dieses Modell die Konzeptionalisierung eines Menschenbildes, das sowohl biologische, psychodynamische als auch kulturell-gesellschaftliche Aspekte des In-der-Welt-Seins in den Blick zu nehmen hilft.

(2) Das hat zur Folge, dass die Komplexität der Reflexion der Frage nach dem “guten Leben” erhöht wird, statt sich in schnell konsensfähigen Kontingenzformeln wie “Würde”, “Gerechtigkeit” usw.. zu erschöpfen, ohne konkrete Implikationen für eine menschengerechte Gestaltung der Lebensumstände.

(3) In allen Paragraphen ist der Fokus auf Strukturen deutlich formuliert. Stets geht es um die Schaffung bzw. Gestaltung von Strukturen. Dabei sind diese Strukturen so beschrieben, dass sie etwas ermöglichen. Denken, Sinn, Sicherheit, Soziale Einbindung etc. – erscheinen in dieser Art der Darstellung als nicht eindeutig determinierbar bzw. zuverlässig herstellbar. Angesichts der Komplexität von Mensch und Gesellschaft wäre das auch naiv. Stattdessen sollen die Strukturen – mit Anthony Giddens könnte man auch sagen: die Regeln und Ressourcen – Möglichkeitsbedingungen sein für die Anerkennung menschlicher Grundbedürfnisse.

(4) Mit diesem gleichermaßen deutlichen und bescheidenen Entwicklungsanspruch öffnen die NMR Diskursräume statt sie zu verengen bzw. zu verschließen. Sie fokussieren zwar Bedürfnisse, dennoch bieten sie Raum für ganz persönliche und individuelle Imaginationen, was genau es für bestimmte Personen oder Personengruppen in einer spezifischen gesellschaftlichen und historischen Situation bedeutet, wenn die Bedürfnisse anerkannt sind. Und auch der Weg dahin ist nicht im Sinne eines reformatorischen Patentrezeptes oder eines revolutionären Masterplans vorgezeichnet. 

(5) Damit erhöhen die NMR das Konfliktpotenzial. Das ist aber bei Komplexitätssteigerung nicht zu verhindern. Gleichzeitig definieren sie aber gewissermaßen höhere Ziele, die es wiederum ermöglichen, unterschiedliche und ggf. sogar zunächst gegenläufige Vorstellungen zu Wegen und spezifischen Zielen auszuhalten und für die gemeinsame Arbeit für eine bessere Welt zu nutzen. 

(Anmerkung JPM: einige Stellen habe ich selbst durch Fettdruck hervorgehobenen)