Zentripetale vs. zentrifugale Kräfte

Systeme bleiben dadurch stabil, dass sich zentripetale und zentrifugale Kräfte im Gleichgewicht halten. Gelingt es nicht, so löst sich das System auf (die zentrifugalen Kräfte sprengen das System) oder es erstickt. Diese Metapher hilft, zahlreiche Phänomene innerhalb der Gesellschaft zu beschreiben.

Innerhalb von Gruppen entstehen explizit oder implizit Hierarchien, die u.a. die Wirkung haben, dass die Gruppe am Leben gehalten wird. Die Führung hat die Aufgabe, die Ziele der Gruppe im Auge zu behalten und die Aktivitäten der Gruppe so zu gestalten, dass die Ziele erreicht werden. Dies gilt für Vereine, für Unternehmen, für Institutionen, für Jugendbanden und für Staaten. Meist ergibt sich, dass die Ziele, die von der Führung verfolgt werden, von denen der einzelnen Gruppenmitglieder tendenziell abweichen. Dies kann daran liegen, dass die Mitglieder per Zufall in die Gruppe gerieten und von Anfang an den Zielen gegenüber ablehnend oder indifferent standen, dies kann auch daran liegen, dass die Ziele der Gruppe, die von der Führung immer wieder an die sich verändernde Situation angepasst wurden, sich allmählich von den Wünschen des Einzelnen entfernt haben. Auf jeden Fall besteht immer eine Situation, die zu einem Gegenüber von zentripetalen und zentrifugalen Kräften führt. Es entwickelt sich ein Prozess, der bewirkt, dass eine Position eine Gegenposition hervorruft, die im Sinne eines Konsenses dialektisch integriert werden muss. In der Regel ist es die Führung, die durch ihre Funktion permanent die Ziele der Gruppe im Fokus behält (Integration), Vorschläge unterbreitet und auf Widerstand stößt, weil die Einzelnen ihre partikularen Ziele verfolgen (Ausdifferenzierung), die nur selten völlig konform mit dem Ziel und Wohl der Gruppe gehen.

Wozu soll man sich explorativ verhalten?

Quelle: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle (2018)

„(…)

2.2.4 Exploratives Verhalten und Flow


Es besteht der Drang, die kognitive Kontrolle zur Lebensgestaltung nicht nur zu erhalten sondern auch auszudehnen. Es werden weitere Handlungsfelder gesucht und kognitiv durchdrungen. Dies gilt für den Raum, aber auch für die Zeit. Man möchte andere Länder kennen aber auch andere, vergangene Epochen und auch in die Zukunft blicken. Diese Haltung sollte im Unterricht unterstützt werden. Dörner (1983, S. 331 ff.) untersucht die Merkmale erfolgreicher Problemlöser und hebt ihre explorative Haltung hervor. Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten, kognitiven Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Felder anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten. Exploratives Verhalten muss belohnt werden. Das mit explorativem Verhalten im Erfolgsfall erreichte Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem von Csikszentmihalyi (1999) beschriebenen Flow-Effekt. Aus seiner Sicht ist Flow ein Gefühl des Fließens, des Aufgehens in einer Handlung. Die Voraussetzung sind folgende:


• Unbekannte Felder betreten, Neues entdecken;
• Situationen mit offenem Ausgang, für die man die Verantwortung trägt;
• Probleme lösen, hohe Anforderungen bewältigen;
• Ausschöpfen der eigenen Ressourcen;
• Gefühl der Selbstentgrenzung;
• Kontrolle über das eigene Handeln und das Umfeld.

Im Prinzip kann jede anspruchsvolle explorative Aktivität zu Flow führen. Sportarten wie Segeln oder Reiten weisen die Merkmale auf, die Flow induzieren. Unterricht halten, Vorträge, Workshops sind meist mit Flow verbunden, wenn man die Kontrolle über den Prozess behält. (…)“

Ergänzungen zu Maslow

Sollen weltweit Strukturen geschaffen werden, die für die Entfaltung und das Glück der Menschen förderlich sind, so müssen sie folgende Kriterien erfüllen:

Ausgangspunkt: Neue Menschenrechte (Kärtchen – Punkte 2 bis 6 von Maslow inspiriert)

Ergänzungen:

1. Sie müssen Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung (Denken) in hohem Maße fördern, insbesondere durch Partizipation und Bürgerbeteiligung.

2. Sie müssen den kontinuierlichen Aufbau von Kontrolle ermöglichen.

3. Sie müssen exploratives Verhalten und den Ausbau von kognitiven Landkarten fördern.

4. Sie müssen dialektisches Denken anregen und notwendig machen.

Quelle: Neubegründung und Reformulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte S. 123 (2020)

Nicole Kern: Was bedeuten die NMR für jugendliche „Systemsprenger“?

In: Simon W. Kolbe, Jean-Pol Martin, Margret Ruep (Hrsg): Neue Menschenrechte? Bestandsaufnahme eines bedürfnisorientierten Handlungsansatzes. Gabriele Schäfer Verlag. Herne. 2020. (149-171), 2020

NMR. Artikel 1. Das Recht auf Denken

Christoph Anrich zum Begriff der Kontrolle im Zusammenhang mit den Neuen Menschenrechten

„Wir müssen die Kontrolle über die Bedürfnisse der Menschen erhalten, denn sonst diktiert der Strukturwandel, wie wir leben. Das wäre kein Problem, wenn der Maßstab stimmen würde. Die Neuen Menschenrechte bieten ein sinnvolles Fundament, auf dem die Wandlungen innerhalb der digitalen Transformation besser gelingen. Damit Sicherheit und Gesundheit, demzufolge auch Lebensfreude erfahren werden können, müssen wir die verschiedenen Sichtweisen stimmig gewichten. Diese Kontrolle hilft, um Prioritäten nachvollziehbar zu erklären. Darüber müssen wir reden und schreiben. In allen Lebenswelten benötigen wir eine Orientierung, um klug entscheiden zu können. Es ist gegenwärtig bedeutsam, dass die Chancen von stimmigen Konzepten die Menschen ermutigen, das Sinnvolle zu tun.“

LdL/NMR-Theorie für Fortgeschrittene

Hier ist die Grundaustattung für die Gründung von autonomen, vernetzten Gruppen mit dem Ziel einer breiten, bottom-up Transformation der Gesellschaft.

Aufsätze

1.“Weltverbesserungskompetenz“ als Lernziel? (2002)

2.Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität (2009)

3.Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle (2018)

4.Neubegründung und Reformulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (2020)

5. Neue Menschenrechte: Artikel 1 – Das Recht auf Denken (2021)

Terminologie (bei Bedarf)

LdL-Glossar

Das LdL/NMR-Team

Akteur*innen

Materialien

  1. Neue Menschenrechte: Leporello
  2. Kärtchen:

Simon Kolbe zu den Neuen Menschenrechten

Simon Kolbe wird von Alfred Zedelmaier interviewt:

Aus: Podcast: Bedürfnisorientierung und inklusive Kompetenzen beim Lernen

Zu den Neuen Menschenrechten:

„(…) Gerade wenn man diese Bedürfnisdiskurse anschaut, es ist schon seit Jahrzehnten, dass man immer wieder in der Entwicklungspsychologie und in anderen Sozialwissenschaften sagt, es gibt mehr oder minder unterscheidbare Bedürfnisse des Menschen, und wir würden alle viel besser daran tun, wenn wir uns an den Bedürfnissen orientieren würden. Und nix anderes ist auch das Projekt der Neuen Menschenrechte von Jean-Pol Martin. Mit der Besonderheit, dass er sogar es noch gewagt hat, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte diesen Bedürfnissen zuzordnen. Was sicherlich von Menschenrechtlern, die sich wissenschaftlich damit beschäftigen, als frech oder als provokant wahrgenommen wird, was eigentlich gar nicht sein muss, weil es kein Ansatz ist, der sagt, so jetzt müssen die Menschenrechte weg und wir machen jetzt mein Projekt, sondern Martin sagt, wenn wir uns bedürfnisorientiert ausrichten und das umsetzen, dann können wir automatisch menschenrechtsorientiert arbeiten. Das ist ein sinnvoller Ansatz, weil wenn wir menschenrecht orientiert arbeiten, dann kommen wir immer an die Grenze, dass wir ein komplexes System auf sprachlicher, juristischer Ebene an Menschenrechten haben, die unwahrscheinlich wichtig sind, aber die nicht von jedem verstanden werden, und nicht immer parat liegen, bei jeder Handlung. Und deswegen ist dieser Ansatz, an Bedürfnissen orientiert zu arbeiten, einfach viel pragmatischer (…).“

Das LdL/NMR-Team

Theorie-Basisartikel:

Jean-Pol Martin: Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle (2018)

LdL/NMR-Theorie für Fortgeschrittene

Akteur*innen

(Alphabetische Reihenfolge)

Christoph Anrich: Geschäftsführer Previlance

  1. Lernen durch Lehren
  2. Lernen durch Lehren in Verbindung mit den Menschenrechten
  3. Zum Begriff der Kontrolle
  4. 1. Podcast von Alfred Zedelmaier
  5. 2.Podcast von Alfred Zedelmaier

Nicole Kern: Sozialpädagogin – Jugendexpertin – NMR-Expertin

  1. Podcast von Alfred Zedelmaier
  2. Angebot: Vortrag „Selbstsorge“
  3. Angebot: Modul „Was Top-down mit uns anstellt“

Simon Wilhelm Kolbe: Sozialpädagoge – Inklusion – NMR-Theoriebildung

  1. Podcast von Alfred Zedelmaier

Isabelle Schuhladen Le Bourhis: Realschullehrerin – LdL-Expertin

  1. Podcast von Alfred Zedelmaier
  2. Angebot: Vorstellung von Lernen durch Lehren (LdL)

Benjamin Weiss: Historiker – Linguist – NMR-Theoriebildung

Christoph Anrich: Lernen durch Lehren in Verbindung mit den Neuen Menschrechten

© Christoph Anrich 08. März 2021

Die große Stärke von LdL ist das Gesamtkonzept, bei dem alle bedeutenden methodischen Möglichkeiten sich integrieren lassen. Das ist eben kein Konzept zusätzlich, sondern eine Lern- und Lehrmethode, die gleichzeitig eine Lehr- und Lernmethode ist, die neurowissenschaftlich das Lernen optimiert. Lernen wird interessant, weckt die Lust an den Inhalten und macht Spaß. Unter diesen Voraussetzungen lernt das Gehirn am besten. Das Denken wird nicht als schwer und sperrig erlebt, sondern als exploratives Erlebnis. Es gibt mir Mut und macht Freude. Durch die vielen kleinen Lernerfolge steigert sich die eigene Zufriedenheit und die intrinsische Motivation. Die Energie verliert sich nicht durch unnötiges Disziplinieren oder durch anstrengendes irgendwie „Durchhalten müssen“. Im Gegenteil, der Lernende erfährt sich als erfolgreichen Lehrenden. Das gibt Kraft und triggert das Belohnungssystem im Gehirn.
Für mich ist jedoch die Kombination von LdL mit den Bedürfnissen des Menschen der wertvollste Zugewinn. Beim Lernprozesse wird auf die natürlichste Weise gedacht. Die Komplexitätsreduktion ermöglicht die angemessenen Portionen der Lerninhalte, je nach Alter, Dauer der Gruppenarbeit und Schwierigkeit. Dabei kann, muss und soll sich jeder mit der eigenen Persönlichkeit kreativ einbringen. Das eigene Potential wird im Lerninhalt jedes Mal neu veredelt. Durch die Partizipation entfalten sich Grundprinzipen, die wir im Zusammenleben und bei sozialen Strukturen benötigen. Jeder bringt auf eigene Weise einen bedeutenden Beitrag für die Gemeinschaft.
Diese Einbindung in die Kleingruppe und anschließend in die gesamte Lerngruppe vermittelt grundlegende Fähig- und Fertigkeiten wie die Kommunikation, Empathie, die nonverbale Kommunikation, die Erkenntnis, dass es unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen an ein Thema gibt. LdL stärkt die eigene Persönlichkeit. Die Teilnehmer erwerben Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl und erleben jedes Mal den Sinn bei wertvollen Einheiten, beim emotionalen, attraktiven Erlernen und Durchdenken. Gestärkt, mutig und farbig bunt, aber zielorientiert werden Inhalte erforscht, greifbar und zum Erlebnis. Durch die Methodenvielfalt sind Kopf, Herz und Hand, je nach Lerntyp unterschiedlich ausgeprägt, aber immer als Ganzes, vorhanden.
Die Lerngruppen müssen ihre Freiräume nutzen, aber auch ziel- und sinnorientiert ein Thema nicht nur streifen, sondern in der Tiefe erforschen, bearbeiten und ergründen, um eine gute Lösung zu finden. Die Summation der Erkenntnisse wird zunehmend ein Gesamtkonzept (Konzeptualisierung, Orientierungs- und Verfügungswissen). Dabei wird erfahren, mein Mut wird belohnt. Ich bin Teil der Lösung. Ich verstehe sowohl die zugrundeliegende Problematik als auch die gemeinsam erarbeitete (Teil-)Lösung. Diese Fähigkeiten führen zu mündigen Persönlichkeiten, die weder Radikalisierung noch Gewalt nötig haben, um Konflikte und die Herausforderungen des Lebens zu meistern.
In der Tat muss und kann man in diesen Lern-Prozess zentrale Fragen einbinden. Wie bleibe ich gesund? Wie erhalten wir die Umwelt? Alles zusammen sind gute
Voraussetzungen, um glücklich zu leben. Keine Garantie, aber sehr gute Start- und Rahmenbedingungen.
Ich könnte wohl am Stück ein kleines Buch über LdL in Verbindung mit NMR schreiben, weil ich selbst von beiden Konzepten überzeugt bin. Würde man LdL mit NMR sinnvoller verbinden, wären wir in der Lage, soziale und bedeutende Fragen des Zusammenlebens besser zu beantworten. Der Umweltschutz und die Gesundheit wären nicht Aufgaben einer kleinen Gruppe, die belächelt oder bewundert wird. Statt Spaltung wäre ein gemeinsames Interesse an der Umwelt und Gesundheit selbstverständlich. Gute Voraussetzungen, um mit mehr Verantwortung mit körperlichen, psychischen-mentalen und sozialen Wohlbefinden glücklicher sich selbst und alle anderen zu erleben.
Das ist in knappen Sätzen, woran ich arbeite. In meinen Fort- und Weiterbildungen mit erwachsenen Menschen, aber auch bei der Umsetzung des „Neuen Menschenrechts“ Gesundheit.
Beste Grüße aus Tübingen
Christoph Anrich