DER SPIEGEL (Juli 2002): „Gerne vergleicht er seine Klasse mit einem Gehirn“.

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Guten Morgen, liebe Zahlen

Von Thimm, Katja

Jeder Lernvorgang verändert das Gehirn. Hirnforscher helfen inzwischen den Pädagogen bei der Entwicklung neuer Lernstrategien. Die zentrale Botschaft der Neurodidaktiker: Kinder können schon sehr früh auch komplexe Dinge lernen, wenn sie ihnen nur bunt und alltagsnah präsentiert werden.

„Lernen durch Lehren“:

„(…) Wie also muss Unterricht aussehen, damit sich das Gehirn der Schüler möglichst effizient vernetzt? Ein Beispiel aus der niederbayerischen Provinz: Dort setzt Jean-Pol Martin seine pubertierenden Zöglinge von der ersten Französischstunde an einem Intensivkurs aus. Am Willibald-Gymnasium im katholischen Eichstätt verteilt der Franzose, der auch an der benachbarten Universität lehrt, erst einmal Zettel mit höflichen Floskeln: Merci, s“il vous plaît, c“est très gentil. „Die Voraussetzung für Lernen ist Höflichkeit und gegenseitiger Respekt“, erklärt Martin dazu. „Jeder möchte angenommen werden.“

Dann wird der Klassenraum zur Bühne, Lehrer Martin zum Schauspieler. Mal tönt er drohend laut, mal freundlich leise – doch immer französisch. Seine Hand fuhrwerkt dabei immer wieder im dunkel gelockten Haar. Das Publikum blickt anfangs unsicher, versteht kein Wort. Doch irgendwann begreift ein Schüler: Zweifelnd geht er nach vorn – und unterrichtet nun seinerseits, was er verstanden hat.

Von diesem Moment an sind die Rollen im Klassenraum neu verteilt: „Lernen durch Lehren“ heißt die Methode, bei der in jeder Stunde ein anderer Schüler den Lehrer vertritt. Martin verteilt am Anfang des Monats den Lehrstoff, er korrigiert schriftliche Arbeiten und überwacht den Unterricht. Den Rest erledigen die Schüler.

Theater, Puppenspiel, traditionelle Tafelschaubilder: Erlaubt ist alles, solange kein deutsches Wort fällt. Der Unterricht verläuft friedfertig wie ein Pilgertreffen. Keiner motzt, keiner mimt den Clown: „Wir wollen da vorn später schließlich auch nicht als Deppen stehen.“ „Die Schüler erfahren, dass sie auf andere Menschen angewiesen sind“, sagt der Lehrer. Gern vergleicht er seine Klasse mit einem Gehirn: „Die sollen lernen, ihr Wissen untereinander zu vernetzen. Nur so können sie sich einen Weg durchs Leben bahnen.“

Seine Schüler, allesamt keine Wunderkinder, finden das Lehrerspiel zwar reichlich vorbereitungsintensiv, doch sie werden für ihre Mühe belohnt: Nach nur 18 Monaten Unterricht stellten sie ihr Projekt während einer Klassenreise in der P rovence hundert französischen Lehrern vor. „Incroyable – unglaublich!“, staunten die, als sie Martins Klasse parlieren hörten.

Instinktsicher beherzigt Martin viele jener Empfehlungen, die sich auch aus den Erkenntnissen der Hirnforscher ergeben. „Wir haben keine Angst, Fehler zu machen“, sagt etwa der 16-jährige Severin. „Martin korrigiert uns wie nebenbei.“ Neurologisch betrachtet kann den Eichstätter Gymnasiasten nichts Besseres passieren: Reiten Pädagogen zu sehr auf Fehlern herum, festigen sich durch die Wiederholung manchmal genau die unerwünschten Synapsen-Verbindungen. (…)

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