High Noon in Ingolstadt!

Groteske Fehleinschätzung

„High Noon“ hat das Wort: Die Napoleon-Ausstellung bringt das Neue Schloss endlich wieder in den Fokus – Doch Ingolstadt hätte lieber die Landesausstellung „500 Jahre Reinheitsgebot“ gehabt

Von Jean-Pol Martin

Nicht unser OB Christian Lösel verkündet das Ereignis, das nach langer Ignoranz einen wesentlichen Aspekt unserer Ingolstädter Geschichte ins Zentrum der Aufmerksamkeit weit über Bayern hinaus bringen wird: Die Ausstellung „Napoleon und Bayern“. Nein, das tut Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte. Die Ingolstädter selbst hätten lieber die Landesausstellung „500 Jahre Reinheitsgebot“ erhalten. Wie kommt es zu dieser grotesken Fehleinschätzung?

Fragt man Menschen auf der Straße, auch gebildete Ingolstädter, was sie mit unserer Stadt verbinden, fällt ihnen sofort Audi ein. Die meisten fügen noch den FC 04 als Glanzstück dazu. Und mehr kommt nicht. Selbst aus Stadträten und sonstigen Amtsträgern ist nicht viel mehr herauszuholen. Und genau da liegt das Problem. Die Unwissenheit der Stadtväter und Stadtmütter bewirkt, dass sie die ideellen Ressourcen unseres Lebensraumes nicht erkennen und nicht nützen.

„Diese Ausstellung hat eine internationale Dimension. Napoleon ist eine Figur der Weltgeschichte. Wir suchen für unsere Landesaustellungen immer den authentischen Ort. Ingolstadt hat für die Napoleonische Zeit große Bedeutung, liegt an einer wichtigen Durchzugsstraße, ist ein historisches Monument. Im Bayerischen Armeemuseum hat man eine Wahnsinnssammlung für die Napoleonische Epoche. Hinzu kommt, dass das Neue Schloss ein ganz wichtiges Haus für Bayern ist und mit der Landesaustellung bringen wir das Schloss und das Armeemuseum endlich wieder in den Fokus!“.

Herr Loibl kommt nach Ingolstadt und erklärt uns, warum unsere Geschichte so spannend und wichtig ist! Und natürlich dehnt er seine Ausführungen nicht auf die anderen, wirklich bedeutsamen Gebäude unserer Stadt aus, das Münster und vor allem die Hohe Schule. In der Hohen Schule konzentrierte sich zwischen 1472 und 1800 – also 328 Jahre – die intellektuelle Elite Bayerns. Denn in Ingolstadt befand sich die einzige bayerische Universität. Humanismus, Reformation, Gegenreformation, Aufklärung, für alle geistesgeschichtlichen Bewegungen war Ingolstadt der Brennpunkt. Schade, dass die meisten Ingolstädter Bürger das nicht wissen. Die Identifikation mit dem Ort, an dem man lebt, ist eine wesentliche Dimension für das Wohlbefinden eines Menschen. Bedauerlich, dass man ihm diese Möglichkeit vorenthält!

Die Landesausstellung bietet einen hervorragenden Anlass, dieses Versäumnis zu beheben. Durch den Impuls von außen könnte die Stadtverwaltung motiviert werden, unsere Geschichte durch entsprechende Gestaltung der Altstadt lesbar zu machen. Bauliche Zeugnisse sollten wieder zur vollen Geltung gebracht werden, wie beispielsweise das sogenannte Fellermeyerhaus, eigentlich ein Barockpalais aus der Zeit der Aufklärung, in dem der berühmte Chirurg Leveling gewohnt hat, und das zur Zeit in direkter Nähe des Neuen Schlosses dem Verfall preisgegeben wird.

Vor allem aber sollte man diese Gelegenheit nutzen, um im Georgianum ein Haus der Ingolstädter Geistesgeschichte einzurichten. Unsere „Initiative Georgianum“ hat dazu ausführliche Vorschläge gemacht, die bisher von der Stadtverwaltung nicht wahrgenommen wurden.

Ja, danke Herr Loibl! Es ist nicht ausgeschlossen, dass unsere Bürgervertreter und Vertreterinnen durch Sie wachgeküsst werden. Immerhin wird im Gegensatz zur Napoleonischen Zeit heute geküsst, nicht mehr vergewaltigt.

***

Sie fühlen sich verlassen, von allen guten Geistern. Abfinden aber wollen sie sich damit nicht. Paul Schönhuber, Jean-Pol Martin, Klaus Staffel und Joachim Hägel, vier streitbare Ingolstädter Geister, die es aus ernüchternder Erfahrung leid sind, die Politik sich selbst zu überlassen. Sie haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die sich den Namen „High Noon“ gegeben hat. In Anlehnung an den gleichnamigen Western mit Gary Cooper. In Vronis Ratschhaus treffen sie sich regelmäßig, in dieser Zentrale des bürgerlichen Widerstandes, um zu diskutieren, sich gemeinsam zu ärgern über manche lokalpolitische Entwicklung. Vor allem aber, um sich zu Wort zu melden zu allem, was aus ihrer Sicht falsch läuft in dieser Stadt.

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