Ingolstadts Bedeutung für die Geistesgeschichte (Führung). 90 Minuten.

Dazu: Bericht von Michael Schmatloch

Weiterführende Artikel:

Ingolstadt: 550 Jahre Innovationen.

Ansprache: Gegen das Kongresshotel!

Erläuterungen vor dem Stadtrundgang

Austeilen

1. Geschichte Ingolstadt
9.Jh. 806 Ingolstadt als Königshof von Karl dem Großen erwähnt.
13 Jh. 1250 Stadtrechte
14 Jh. 1392 IN wird Hauptstadt von Bayern-Ingolstadt (Stephan Kneissel)
15 Jh. 1413-1447 Ludwig der Gebartete (Bruder von Isabeau de Bavière)
Neues Schloss – Münster – Pfründnerhaus
1447 IN geht an Bayern-Landshut
1472 Hohe Schule Bayerische Universität bis 1800 (328 Jahre)
16 Jh Humanismus: Aventin, Apian
1520: Reformation – Gegenreformation: Johannes Eck
1537: Landesfestung (für 400 Jahre)
1549: Jesuitenkolleg in IN (Petrus Canisius)
17 Jh Jesuiten als Wissenschaftler: Christoph Scheiner
Jesuitentheater
1632 Gustav Adolph belagert die Stadt
1654-1662 Weiterer Ausbau der Festung
18 Jh 1746-1773 Der Aufklärer Ickstatt in IN
19 Jh 1800 Uni wird nach Landshut verlegt
Festung wird auf Napoleons Geheiß zerstört
Bevölkerung von 8000 auf 4600 reduziert
1828 Ludwig I bestimmt IN als Ort der Landesfestung
Industrialisierung: Rüstungsbetriebe – Königlich Bayerische Geschützgießerei
20 Jh 1918 Kriegsindustrie umgewidmet: Spinnereimaschinenbau
1945 Union-AG richtet Ersatzlager ein (von Zwickau/Chemitz/Zschopau) nach IN verlagert
1949 Aus Chemnitz kommt Schubert und Salzer (Spinnereimaschinen)
1960 Erdölindustrie: 3 Raffinerien werden in IN angesiedelt: Bayernoil, Petroplus, Shell, Esso
2. Stadtrundgang
(im Rathaus holen)

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1.
9.Jh: 806
Erste urkundliche Erwähnung von Ingolstadt in der Reichsteilungsurkunde Karls des Großen. Karl legte eine Dreiteilung fest: sein Sohn Ludwig erhält den westlichen Teil; den mittleren Teil inklusive Bayern wird Pippin zugesprochen, bis auf Ingolstadt und Lauterhofen. Beide Ortschaften soll Karl zusammen mit dem östlichen Teil des Reiches erhalten. Dass Ingolstadt explizit genannt wird, zeigt das die an der Donau gelegene Ortschaft schon damals von Bedeutung war.

2.
13. Jh: 1250
Ingolstadt erhält Stadtrechte. Es dürfen Münzen geprägt, Märkte gehalten werden und die Stadt darf eine Umwallung bauen. Die bayerischen Herzöge haben in diesem Zeitraum eine Reihe von Städten gegründet, die für sie Stabilität sicherten. Die Städte hatten eine gewisse Autonomie, sie waren aber über die Stadtpfleger direkt dem Herzog untergeordnet.

3.
14.Jh: 1392
Angesichts der Schwierigkeiten, die sich unter den Herzögen ergaben, gemeinsam Bayern zu regieren, wurde das Land unter den Söhnen von Stephan II dreigeteilt: Johann erhielt Bayern-München, Friedrich bekam Bayern-Landshut und Stephan III (der Kneissel) wurde Herzog in Bayern-Ingolstadt. Ingolstadt war also Hauptstadt eines eigenständigen Landes.

Bayern nach der Dreiteilung 1392

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4.
15.Jh. 1413-1447
Stephan III der Kneissel hatte zwei Kinder, Elisabeth und Ludwig. Da die Familie der Wittelsbacher weitverzweigt und anerkannt in Europa war, wünschte sich die französische Krone eine Vermählung des Kronprinzen mit Elisabeth, der Ingolstädterin. So wurde Elisabeth Königin von Frankreich, dem damaligen mächtigsten Land in Europa. Sie wechselte ihren Namen und wurde fortan Isabeau de Bavière genannt. Sehr bald verfiel ihr Mann, Charles VI, in geistiger Umnachtung, so dass Isabeau die Rolle der Regentin übernehmen musste. Ihr Bruder Ludwig (später „der Gebartete“) kam nach Paris und hielt sich lange am französischen Hof. Schnell baute er sich ein Vermögen auf. Als sein Vater Stephan der Kneissel verstarb, kam Ludwig zurück nach Ingolstadt und residierte, wie sein Vater, im damaligen Schloss, heute Herzogskasten.

Isabeau de Bavière

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Ludwig der Gebartete

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5.
15.Jh. 1413-1447
Bereits Stephan der Kneissel hatte angestrebt, in einer repräsentativeren Residenz zu wohnen als im Herzogskasten. Er plante ein großes Schloss im Osten der Stadt (Nr. 8 auf dem Plan). Als Ludwig nach dem Tod seines Vaters in Ingolstadt residieren musste, kam ihm, dem „Bruder der Königin von Frankreich“, der Herzogskasten erst recht unter seiner Würde als Herzog eines Landes vor. Entsprechend prächtig sollte das neue Schloss werden. Ferner war er, wie alle Menschen im Mittelalter, sehr um das Wohl seiner Seele nach dem Tod besorgt. Gegenüber dem Schloss, auf der anderen Seite der Stadt, also im Westen sollte eine Kirche gebaut werden, die zugleich als Grabkirche der entstehenden Dynastie „Bayern-Ingolstadt“ dienen sollte (Nr. 18 auf dem Plan). Und für das Heil seiner Seele sollten Menschen Tag und Nacht beten. Um diese Personen, sogenannte Pfründner, unterzubringen, musste ein großes Haus gebaut werden, das Pfründnerhaus (Nr. 24 auf dem Plan).

Das neue Schloss

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Das Münster

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6.
15.Jh. 1413-1447
Ludwig, der aus Paris kam, wo es im Gegensatz zu Bayern Mode war, einen Bart zu tragen, trug eben einen solchen und wurde „Ludwig der Gebartete“ genannt. Er war ein streitsüchtiger Mensch und kämpfte sein Leben lang mit seinen Vettern um sein Territorium zu erweitern und zu vereinheitlichen. Tatsächlich war Bayern-Ingolstadt im Vergleich zu Bayern-Landshut und Bayern-München zersplittert und schwer zu regieren und zu verteidigen. Er neigte wie viele andere Herrscher zum Größenwahn. Diese Eigenschaft allerdings führt derartige Persönlichkeiten dazu, dass sie „Großes“ leisten (natürlich auf Kosten der Bevölkerung, aber immerhin). Ludwig der Gebartete entwickelte überdimensionierte Pläne für die Grablege seiner Familie und ließ das Münster so ausbauen, dass am Ende 1.000 Personen für seine Seele in der Kirche beten sollten. Auf jeden Fall waren sowohl das Schloss als auch das Münster großartige Gebäude, die zusammen mit dem Pfründnerhaus (später Hohe Schule) das Bild der Stadt bis heute prägen. Ludwig zerstritt sich mit seinem Sohn Ludwig VIII (der Bucklige), den er zugunsten seines unehelichen Sohnes Wieland von Freyberg faktisch enterbte. Ludwig der Bucklige starb kurz vor seinem Vater ohne Erbe. Nach der Herrschaft von drei Herzögen in Bayern-Ingolstadt konnte diese Linie nicht verfolgt werden. Das Land wurde zu Bayern-Landshut zusammengefügt. Bayern-Ingolstadt hatte 50 Jahre Bestand gehabt und diese 50 Jahren waren entscheidend für Ingolstadt, bis heute.

7.
15.Jh.
1472: Gründung der Universität
Im Zuge des Humanismus wandten die Menschen ihren Blick vom Himmel ab und richteten ihn auf die reale Welt. Nicht mehr die Bibel war die einzige Quelle der Wahrheit, sondern man befasste sich mit der Natur aus wissenschaftlicher Sicht. Für die Herzöge war es wichtig, Fachleute auszubilden, die in der Lage waren, Messungen vorzunehmen, juristische Texte zu verfassen, ein Land zu verwalten. Die Herrscher waren aus ökonomischer Sicht daran interessiert, ihr Territorium optimal auszunutzen. Es entstanden an vielen Orten Universitäten, um entsprechende Leute zu qualifizieren. Ingolstadt stand nun unter der Herrschaft der Landshuter Herzöge. Ludwig der Reiche ergriff die Initiative, für sein Land, wozu nun auch Ingolstadt gehörte (als Nebenhauptstadt), eine Universität zu gründen. In Ingolstadt stand das Pfründnerhaus, das ursprünglich für die Beter eingerichtet wurde, leer. Die Universität wurde dort untergebracht im Jahre 1472. Es war die erste und einzige Universität in Bayern 328 Jahre lang, bis 1800. 1800 wurde die Universität von Ingolstadt nach Landshut verlegt.

Die Hohe Schule

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8.
Die Konsequenz der Gründung der einzigen bayerischen Universität in Ingolstadt:
328 Jahre lang war Ingolstadt der Ort, an dem Professoren in Bayern forschten und ihr Wissen ihren Studenten weitergaben. Hier lebten also die großen Geister ihrer Zeit. Dies gilt für den Humanismus, mit Apian und Aventin, für die Gegenreformation mit Johannes Eck und später den Jesuiten, dies gilt auch für die Aufklärung mit Ickstatt und Weishaupt. Die Kinder der Herzöge und des hohen Adels wurden nach Ingolstadt geschickt, um dort erzogen und ausgebildet zu werden. Im Humanismus waren es Wilhelm IV und Albrecht V, in der Gegenreformation Maximilian I (zusammen mit dem künftigen Kaiser von Österreich Ferdinand II), im 18. Jahrhundert Karl Albrecht und Max III Joseph. Hier kam also die Elite des Landes zusammen. In Ingolstadt entstanden kontinuierlich geistige Innovationen und es wirkten viele Menschen, die ihre intellektuellen, religiösen und politischen Aktivitäten regelrecht besessen betrieben. Das bringt eine Stadt permanent voran!

9.
16. Jh.
Die Zeit der Renaissance, des Humanismus und der Reformation.
In Ingolstadt wirkten große Naturwissenschaftler wie die Astronomen und Geographen Peter und Philipp Apian. Peter Apian war auch Buchdrucker. Der Historiker Aventin verfasste eine umfangreiche und sehr gut dokumentierte Geschichte von Bayern. Diese Wissenschaftler wurden von den Herzögen Wilhelm IV und Albrecht V beauftragt und gefördert. Im Zuge des Humanismus wurde vieles kritisch geprüft, auch die Religion und die Kirche. So entstand auch die Reformation, von Luther eingeleitet. Bald reagierten die Herzöge und Bayern wurde zu einem Bollwerk der Gegenreformation. Herausragende Persönlichkeit im Kampf gegen Martin Luther war Johannes Eck (1486-1534).

Johannes Eck

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Nach dem Tod von Johannes Eck entstand eine „theologische“ Lücke, die geschlossen werden musste. Herzog Wilhelm IV wandte sich an den Papst Paul III mit der Bitte, Mitglieder des neugegründeten Jesuitenordens nach Ingolstadt zu berufen. Tatsächlich kam Petrus Canesius zusammen mit zwei Ordensbrüdern 1549 an die Hohe Schule mit dem Ziel, die Universität zum Zentrum der innerkirchlichen Erneuerung und zum Ausgangspunkt für den Gegenstoß wider den Protestantismus zu machen. Sie verlangten nach dem Bau eines angemessenen Kollegiengebäudes, das vom Nachfolger des Herzogs, Albrecht V. abgeschlossen wurde. 200 Jahre lang sollte die Ingolstädter Jesuitenniederlassung die Pflanzschule des Ordens für ganz Deutschland werden. Von Ingolstadt aus wurden Missionaren in die ganze Welt gesendet, beispielsweise an den Hof des Chinesischen Kaisers, wo sie hochgestellte Positionen bekleideten. Ein Jesuit, Ferdinand Orban, baute eine sehr umfangreiche Sammlung von Gemälden, wissenschaftlichen Geräten und sonstigen Kuriositäten auf, die weltweite Bekanntheit erlangte.

Jesuitenkolleg

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10.

17.Jh.

Die wichtigste Herrscherfigur in Bayern in der ersten Hälfte des 17. Jh. war Maximilian I, der als zentraler Akteur auf der Seite der Gegenreformation im dreißigjährigen Krieg 1623 zur Kurwürde gelangte. Er war in Ingolstadt von den Jesuiten ausgebildet worden zusammen mit seinem Vetter, dem späteren Kaiser Ferdinand II. Beide wurden von ihren Lehrern eindringlich ermahnt, als Fürsten die katholische Causa mit aller Kraft zu fördern und den Protestantismus zu bekämpfen. Diese Haltung war von einem gewissen Fanatismus geprägt.

Maximilian I

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11.

18.Jh. Die Aufklärung

In der zweiten Hälfte des 17.Jh. war auf dem Hintergrund des dreißigjährigen Krieges das Niveau an der Ingolstädter Universität außerordentlich gesunken. Bereits der Kurfürst Max Emanuel (1662-1726) war bestrebt, die Universität durch Einrichtung eines naturwissenschaftlichen Instituts auf die Bedürfnisse eines modernen Staates einzustimmen. 1746 wurde durch den Kurfürst Max III Joseph der Jurist und Aufklärer Adam Freiherr von Ickstatt an die Ingolstädter Universität berufen mit der Aufgabe, die Lerninhalte zu reformieren. So führte Ickstatt die Kameralwissenschaft ein (Wirtschaftswissenschaften) und er etablierte die Realschulen in Bayern. Ickstatt war Pate von Adam Weishaupt, der später den radikalaufklärerischen Illuminatenorden gründete. 1800 wird auf dem Hintergrund der napoleonischen Kriege die Festung Ingolstadt geschleift und die Universität nach Landshut verlegt. Ingolstadt verliert das Alleinstellungsmerkmal „einzige Universität in Bayern“, das die Stadt 328 Jahre lang geprägt hat.

Adam Freiherr von Ickstatt

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12.

19., 20. und 21. Jh.

Nach dem Verlust der Universität wird die Stadt sehr bald wieder belebt. Schon 1804 gibt es Bestrebungen von Seiten der bayerischen Regierung, Ingolstadt zur Landesfestung in Bayern aufzubauen. Die Neuerrichtung der Festung begann 1828 unter König Ludwig I. Architekten, Ingenieure, Offiziere kamen in großen Zahlen nach Ingolstadt so dass ein gesellschaftliches, kulturelles Leben entstehen konnte. Hochschulen und universitäre Einrichtungen gab es erst wieder nach dem zweiten Weltkrieg, als die Katholische Universität Eichstätt 1989 die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Ingolstadt einrichtete. Heute beherbergt die Stadt über die Wiwi-Fakultät hinaus eine sehr innovative Technische Fachhochschule. Somit hat Ingolstadt an ihre jahrhundertelange wissenschaftliche Tradition wiederangeknüpft.

Die Hochschule Ingolstadt

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Stationen des Stadtrundganges

1. Ausgangspunkt Paradeplatz:

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Wir stehen vor dem Gebäude, das repräsentativ für das Mittelalter ist, dem Neuen Schloss. Während unserer Stadtbegehung werden wir uns am Münster noch einmal mit dem Mittelalter befassen. Das Standbild auf dem Brunnen, dort, stellt Ludwig den Bayern dar, der erste Wittelsbacher, der die Kaiserwürde bekleidet hat. Nun gehen wir durch die Ludwigstraße durch. Die Straße hieß zunächst Schlossgasse, bis zur Umbenennung in „Ludwigstraße“ als der Sohn vom König Max I, der Kronprinz Ludwig, künftiger Ludwig I, Prinzessin Therese heiratete. Aus demselben Anlass erhielt die Theresienstraße ihren Namen. In der Ludwigstraße sind wir hauptsächlich mit der Aufklärung konfrontiert, denn wir werden die Häuser von zwei Professoren aus dem 18. Jahrhundert näher betrachten, zunächst das Haus (Barockpalais), in dem der berühmte Arzt Leveling gelebt hat, heute Fellermeyerhaus. Das zweite Haus, gegen Ende der Ludwigstraße ist das Haus von Ickstatt.

2. Das Barockpalais (Leveling-Haus) heute Fellermeyerhaus

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Heute sog. „Fellermeyerhaus“, seit 15 Jahren leer und dem Verfall preisgegeben.

3. Das Ickstatt-Haus

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Ickstatt wurde vom Kurfürsten Max III Joseph nach Ingolstadt berufen, um die wissenschaftlich heruntergekommene Universität im Sinne der Aufklärung zu reformieren und modernisieren. Ickstatt war eine  weitgereiste Persönlichkeit, bereits als junger Mensch hatte er in verschiedenen Ländern studiert, z.B. in Paris, London und den Niederlanden. Nach der Promotion lehrte er als Professor der Rechte an der Universität Würzburg deutsches Staatsrecht, Natur- und Völkerrecht. Ickstatt erwarb sich in dieser Zeit einen Ruf als führender Staatsrechtslehrer des katholischen Deutschlands. In Ingolstadt gab er den Juristen mehr Gewicht, auf Kosten der hier sehr breit etablierten Jesuiten. Er führte die Kameralwissenschaften ein (Betriebswirtschaft) und im Schulsystem die Realschule. Er war Pate von Adam Weishaupt, dem späteren Begründer der Illuminaten.

4. Die Theresienstraße

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Den Namen trägt die Straße seit der Vermählung des Kronprinzen Ludwig, später Ludwig I, mit Therese von Sachsen-Hilburghausen. Bei der Begehung betone ich stets, wie stark die Geschichte unserer Stadt mit der Universität verbunden ist. Die meisten Häuser waren im 17. und 18. Jahrhundert von Professoren bewohnt. Das kann man sehr gut den Teilnehmern der Führung zeigen, denn an dem meisten Häusern sind entsprechende Schilder angebracht.

Dieses Haus ist etwas Besonderes, denn im Hinterhof stand der Versammlungssaal der Illuminaten, später durch die Synagoge ersetzt.

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ST-Synagoge

Die Illuminaten waren ein Geheimbund von radikalen Aufklärern, die eine Diktatur der Vernunft einführen wollten, mit einer klaren Hierarchie. An der Spitze stand Professor Adam Weishaupt, der Begründer des Ordens, der nur 9 Jahre Bestand hatte, aber bis zu 2400 Mitglieder zählte, darunter Goethe, Herder, den Herzog von Gotha und den Grafen von Montgelas. Im Gegensatz zu den Rosenkreuzern, die konservativ waren und den Freimaurern, die eine gemäßigte Linie vertraten, standen die Illuminaten „Links“ und waren bekennende Atheisten.

5. Das Münster

Nachdem wir uns mit der Ludwigstraße und der Theresienstraße epochenmäßig im 17. und 18. Jahrhundert (Aufklärung: Naturwissenschaften, Jura) bewegt haben, gehen wir in Richtung Münster und kehren also zurück zum Mittelalter. Wir erinnern uns, dass wir sowohl das Neue Schloss als auch das Münster und die Hohe Schule der Gigantomanie von Ludwig dem Gebarteten verdanken. Am Ende wollte er, dass 1000 Leute Tag und Nacht im Münster für das Heil seiner Seele und das seiner Dynastie bete. Im Ost-Chor sollte ein gigantisches Mausoleum als Grablege errichtet werden. Die Vorlage zu diesem Mausoleum sah so aus:

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Finanziert wurden diese Ausgaben durch das Vermögen, das Ludwig der Gebartete in Frankreich als Bruder der Königin angesammelt hatte, hauptsächlich in Form von Juwelen, Reliquienschreinen und sonstigen Kostbarkeiten, u.a.

Die Gnad:

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Und das Goldene Rössl:

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In der Schatzkammer sind Juwelen und Reliquienschreine aus der Zeit von Ludwig dem Gebarteten zu bewundern:

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Das Mausoleum mit der Grablege für Ludwig den Gebarteten und seine Familie wurden schließlich nicht errichtet. Entgegen seinen grandiosen Vorstellungen wurde Ludwig nicht im Münster begraben. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn Ludwig dem Buckligen starb der Gebartete in Gefangenschaft in Burghausen. In Ingolstadt ist seitlich zum Altar eine Gruft angebracht, in der Stefan III der Kneissel und Ludwig der Bucklige begraben sind. Da im Mittelalter die Gebeine von hochgestellten Persönlichkeiten Reliquiencharakter hatten, wurden auch die Körperteile der Herzoglichen Familienmitglieder verteilt. Die Herzen der Wittelsbacher wurden in Altötting aufbewahrt, die Gebeine in der Regel in der Münchner Michaelskirche und die Eingeweide an diversen Orten. So sind im Münster die Eingeweide von Maximilian dem I. in einem Memorial enthalten:

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Bemerkenswert in Bezug auf Maximilian I ist, dass er an der Universität Ingolstadt zusammen mit seinem Vetter Ferdinand, dem künftigen Österreichischer Kaiser von Jesuiten erzogen und unterrichtet wurde und zwar ganz im Geiste der Gegenreformation. Als Herzog und Fürst war man verpflichtet, die Katholizität gegen die Protestanten mit allen Mitteln zu verteidigen und durchzusetzen. Maximilian wurde zusammen mit Ferdinand später Hauptakteure des 30 jährigen Krieges und bekämpften die Protestanten nicht ohne Fanatismus. Man kann die Hypothese wagen, dass ohne die Ingolstädter Universität und den Einfluss der Jesuiten der 30 jährige Krieg eine andere Form angenommen hätte. In diesem Zusammenhang errang Maximilian I die Kurwürde für Bayern.

Und hier ist die Gruft der Ingolstädter Wittelsbacher im Münster:

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Kurt Scheuerer: „Eine Bronzetafel König Maximilians II. vom Jahr 1851 im Chor der Pfarrkirche erinnert daran, dass die Gebeine Stephans III. und Ludwigs VIII. sowie das Herz der Anna von Bourbon in der Gruft aufbewahrt werden. Herz und Eingeweide des 1503 in Ingolstadt gestorbenen Herzog Georgs von Bayern-Landshut wie auch die Eingeweide Kurfürst Maximilians I. sind ebenfalls dort bestattet.

Albrecht V mit seiner Familie auf dem Bild des Hochaltars:

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Albrecht V. wollte wie sein Vater Bayern definitiv als Bollwerk der Gegenreformation etablieren. Er war ein Renaissancemensch, der in München die Residenz ausbaute, beispielsweise das Antiquarium einrichten ließ und die Bibliothek. Er förderte nicht nur die Kunst sondern auch die Wissenschaft, beispielsweise Apian, und ließ Modelle seiner fünf wichtigsten Städte, darunter auch Ingolstadt, von Sandner erstellen. Die Bilder am Hochaltar wurden anlässlich des 100. Jubiläum der Gründung der Universität Ingolstadt von Mielich gemalt. Hier sieht man die herzogliche Familie zentral dargestellt, als Demonstration des herzoglichen Willens, die Gegenreformation ganz zum Sieg zu verhelfen.

Katharina von Alexandria

Auf der hinteren Seite des Hochaltars ist dieses Gemälde zu sehen. Hier wird sehr deutlich, wie zentral die Universität und die Professorenschaft für Ingolstadt und dessen Kirche (Universitätskirche) war. Katharina von Alexandrien soll fünfzig heidnische Gelehrte zum christlichen Glauben bekehrt haben. Hier wird klar, dass in der Renaissance der Glaube über die Vernunft gesetzt wird. Diese Frage (Priorität des Glaubens oder der Vernunft) hat sich bis heute als Thema erhalten.

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Foto: Kurt Scheuerer

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Kurt Scheuerer: „Während der Herzog und seine „lieben Getreuen“, wie Rektor Georg Graf von Montfort, Kanzler Simon Eck, Bürgermeister Georg Schober und Superintendent Friedrich Staphylus, der Märtyrerin Katharina ganz nah sind oder im Vordergrund stehen, müssen sich beispielsweise die Luther-Sympathisanten Johannes Aventin, Leonhard Fuchs und Philipp Apian mit Randplätzen auf der Galerie begnügen. Vermutlich stellte Mielich bildliche Nähe oder Distanz zum Glauben bewusst her.

In der ersten Kapelle links vom Altar ist ein Epitaph mit dem Porträt von Johannes Eck angebracht. Johannes Eck wurde im Münster begraben:

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Die Grabsteine von Professoren zeigen, wie sehr diese Kirche von der Universität und der Professorenschaft geprägt war, was für die Stadt überhaupt gilt!

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Professor Maidinger:

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Nachdem die Dominanz von Professoren und Universität im Münster einprägsam gezeigt wurde, begibt man sich über das Nord-Tor in Angesicht des früheren Jesuitenareals.

6. Das Jesuitenviertel

So sah es aus im 17.Jh.

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Heute ist nur noch das Konvikt zu sehen, das Gebäude am unteren Teil des Bildes. Alle anderen Bauten wurden abgerissen als im 19.Jh. Bauflächen für die Errichtung von Kasernen benötigt wurden. Dies gilt auch für die Kirche, die rechts zu sehen ist und auf deren Turm Christoph Scheiner seine Himmelsbeobachtungen anstellte.

So sieht das ehemalige Jesuitenareal heute aus:

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Es bleibt nur noch das Konvikt erhalten (weißes Gebäude rechts) und der Orbansaal. Orban war ein Jesuit, der sehr umfangreiche Sammlungen zusammengestellt hat, insbesondere indem er Ordensbrüder, die als Missionare in der ganzen Welt verteilt waren, gebeten hat, ihm Kunstgegenstände, wissenschaftliche Geräte, Kuriositäten zu schicken oder mitzubringen. Für seine Sammlungen wurde eigens ein Gebäude erbaut, das hier in der Mitte zu sehen ist (weiß). Alle Backsteinbauten, die hier zu sehen sind, stammen aus dem 19.Jh., aus der Zeit der Errichtung der Landesfestung durch Ludwig I.

Das Haus von Johannes Eck:

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Das Pfarrhaus, in dem Johannes Eck verstorben ist (eigentlich ist er an einem anderen Ort gestorben, aber auf dem Haus ist ein entsprechendes – falsches – Schild angebracht).

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7. Die Hohe Schule

Nun begeben wir uns am Münster entlang in Richtung Hohe Schule, die etwa 500 m südlich steht. Das Bild zeigt die nördliche Hausfront, die früher auch das Eingangsportal enthielt. Heute befindet sich die Tür auf der Westseite.

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Oberhalb des Eingangsportals ist ein Fresko zu sehen, das das Epitaph des Professors Permetter abbildet, das wir bereits im Münster betrachten konnten.

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Wir beenden den Stadtrundgang, indem wir in das Gebäude eintreten, die Treppe hochgehen und folgendem Fresko begegnen:

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Es zeigt die Ankunft der Jesuiten unter der Leitung von Petrus Canisius 1549. Man sieht deutlich, dass die Professoren (linke Seite) dem Eingriff der Jesuiten mit Argwohn begegnen.

Ende des geistesgeschichtlichen Stadtrundganges.

Weitere Artikel:

Ingolstadt: 550 Jahre Innovationen.

Ansprache: Gegen das Kongresshotel!

6 Antworten

  1. Ein sehr interessanter Artikel bitte mehr davon. Ich habe ihn regelrecht verschlungen. Vielen Dank für die Mühe!

  2. Vielen Dank! Freut mich sehr!

  3. […] 1. Präsentation und Verbreitung des Wissens übe die Geistesgeschichte seit 806 […]

  4. […] wie sie entstanden ist und welche Identität sie im Laufe der Jahrhundterte entwickelt hat? Dazu: “90 Minuten, um Ingolstadt zu verstehen” (90 […]

  5. […] Fokus auf Peter Schnell Eigenschaften: Bürgernähe, hoher Arbeitseinsatz, Durchsetzungskraft, Entscheidungsstark, Vorausschauend Fazit: Die Geschichte von Ingolstadt bietet eine große Anzahl von herausragenden Persönlichkeiten, die ihren Stempel auch im Stadtbild hinterlassen haben. Sie waren nicht nur für Ingolstadt sondern auch für Bayern und Deutschland von Bedeutung, durch die unterschiedlichen Epochen der Geistesgeschichte durch.  Ein großes Reservoire an Identifikationsfiguren! Detailliertere Ausführungen zur Ingolstädter Geschichte: https://jeanpol.wordpress.com/2015/02/09/ingolstadts-bedeutung-fur-die-geistesgeschichte/ […]

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