Neuentdeckt: bericht über den LdL-workshop 2006 in kurume (japan).

Bericht von der Zweiten DaF-Werkstatt Westjapan in Kurume

In Kurume (Kyûshû) fand vom 27.-29. Oktober 2006 die Zweite DaF-Werkstatt Westjapan statt zum Thema „Aus dem unterrichtlichen Tiefschlaf aufwecken – Die Methode „Lernen durch Lehren (LdL)“, vertreten durch den Gast von der Universität Eichstätt, Professor Jean-Pol Martin. Organisiert wurde dieses durch den DAAD geförderte Seminar von Guido Oebel, Stefan Buchenberger und Till Weber, Letzterer schon Mit-Initiator der Ersten DaF-Werkstatt im Dezember 2003 auf Okinawa. Aufgrund der terminlichen Kollision mit einem Ballonfahrer-Treffen und dem Besuch des Tennos in Saga war die DaF-Werkstatt an die Universität Kurume verlegt worden, wo vor Ort die gastgebenden Professoren Shimehashi Nobuo und Shimamura Kenichi die reibungslose Organisation unterstützten.

Die praxisorientierte Fortbildung war dafür ausgelegt, dass je zur Hälfte deutschsprachige und japanische Hochschullehrende teilnehmen. Jede/r war aufgerufen, sich mit einem 20-minütigen Vortrag oder einer Tischausstellung zu beteiligen (1: s. Download). In abwechselnden, zeitlich und thematisch ausbalancierten Blöcken präsentierten die Teilnehmenden an zwei Arbeitstagen überzeugende und gut durchdachte Unterrichtsvorschläge, mit denen sie ihre Lernenden zum Teil bereits mit LdL-nahen Arbeitsweisen „aus dem Tiefschlaf wecken“. (Teilnehmerstimme D: „… sehr gut organisiert, gute und sinnvolle Programmgestaltung und optimaler Tagungsaufbau“)

Der dynamische Gastreferent Jean-Pol Martin erläuterte die Methode LdL, wobei er uns Teilnehmende in die Lernerrolle versetzte und durch Partner- bzw. Gruppenarbeiten mobilisierte. Indem er uns bildhaft mit einem Gehirn verglich, dessen Neuronen interagieren, demonstrierte Martin das grundlegende Prinzip „Lerner-Aktivierung“ schon mit der Vorstellungsrunde, die durch unsere recht gegensätzlichen Standpunkte in Bezug auf LdL zu einer lebhaften Diskussion führte, während sich der Dozent zurückhielt. Die anschließende erste LdL-Demonstration, bei der anstatt eines Lehrers zwei „Lerner-Lehrer“ (aus der Gruppe der Teilnehmenden) ohne Vorbereitung die Einführung eines Französisch-Textes übernahmen, überzeugte uns zunächst jedoch nicht. Sie vermittelte zwar eines der LdL-Prinzipien, nämlich immer mindestens zu zweit zu arbeiten, um sich auszutauschen und sicherer zu fühlen, doch das allgemeine Urteil war, dass LdL wohl kaum ad hoc bei unserer japanischen Klientel eingesetzt werden könne.

Am zweiten Tag ließ uns Jean-Pol Martin – der sich selbst als „Weltverbesserer“ sieht, diese Aufgabe aber jedem andern ebenso zuschreibt – an seiner Vision teilhaben, Menschen und ihr Wissen mit Hilfe des Internet zusammenzuführen, um so Lösungen für die Probleme der Welt zu finden. Ein erster Schritt dazu sei die Nutzung der Wikiversity (2: s. Link), die auch Nichtakademikern weltweit die Möglichkeit biete, ihr Wissensreservoir zu erweitern, und die Martins Schülern u. a. als Plattform für ein Schulprojekt des Leistungskurses Französisch dient.

Als Nächstes stellte uns Jean-Pol Martin theoretische Überlegungen zu LdL auf anthropologischer Basis vor, deren Grundannahme ist, dass jeder Mensch ein intrinsisches Bedürfnis nach Wissen habe. LdL befriedige diese natürliche Wissbegierde (3: mehr zur LdL-Theorie s. Link). Martin betonte das Konzept der Empathie: sich in einen anderen Menschen hineinzudenken, was für den Lehrenden bedeutet, die Ressourcen seiner Studierenden zu erkennen („Was können sie, was schaffen sie?“) und diese kreativen Potentiale für den Unterricht zu nutzen.

Dementsprechend gab er uns anschließend mit einem ausgefeilten Konzept Gelegenheit, die LdL-Methode in der Lernerrolle praktisch zu erfahren und dabei unsere eigenes Potential einzusetzen. Jeweils drei bis vier Kollegen entwarfen in Gruppenarbeit eine Einführung in ein selbst gewähltes Wissensgebiet und instruierten eine andere Gruppe, die wiederum das für sie neue Thema in lernerzentrierter Weise für eine Unterrichtseinheit im Plenum didaktisierte. Z. B. führte eine Gruppe von Chinesisch-„Profis“ eine andere Gruppe in die chinesische Sprache ein; im Gegenzug erhielt sie von dieser „Lernergruppe“ Einblick in die Besonderheiten japanischer Bestattungen aus ethnologischer Sicht. Dem Miniunterricht der jeweiligen Gruppen war als „Spezialist“ ein Mitglied der Ursprungsgruppe zugeordnet, das den Unterricht beobachtete und nötigenfalls bei Fehlern als Souffleur oder den Ablauf korrigierend einsprang, so wie es auch im LdL-Unterricht geschieht. Währenddessen behielt Jean-Pol Martin als Supervisor beide Parteien im Auge und griff berichtigend ein. Mit klar nachvollziehbaren Argumenten kommentierte er unsere Lehrproben und baute dabei auf unsere Einsicht. Diese praxisbezogene Weiterbildung stützte die „Werkstatt“-Atmosphäre und hinterließ bleibende Eindrücke:

  • Teilnehmerstimme D: „Am besten haben mir die Unterrichtssequenzen gefallen. Ich habe viel dabei gelernt, vor allem aus dem, was alles nicht geklappt hat – und das war mehr, als ich erwartet hätte. Spannend auch, mal wieder in die Schülerposition geworfen zu werden. Zu sehen, wie schwierig z. B. Gruppenarbeit ist! (Einer setzt sich durch, die anderen geben nach, der Schwächste wird ignoriert.) Das war mir eine Lehre für den Unterricht. Woher sollen Studenten, die so etwas nie geübt haben, das plötzlich können, wenn es uns Lehrern auch schwer fällt. Ich will mir überlegen, wie man Gruppenarbeit lernen/üben kann.“
  • Teilnehmerstimme J: „Herr Prof. Martin hat mir viele neue Anregungen gegeben. Sein großes Vertrauen in die Lernenden ist mir am meisten aufgefallen. Aber manchmal hatte ich das komische Gefühl, dass ich wieder in die Schule geschickt und stark kontrolliert werden würde. Das Gefühl habe ich bisher nie erlebt.“

Martin wies mehrfach darauf hin, nicht den fragend-entwickelnden Unterrichtsstil einzusetzen, der beabsichtigt, möglichst schnell das Ziel des Lehrenden zu bedienen. Vielmehr solle „ressourcen-orientiert“ z. B. auf Antworten von Lernenden aus dem Plenum mit Rückfragen wie „Was meinst du damit?“ oder „Kannst du das deutlicher sagen?“ reagiert werden. Dies kann die Entwicklung für alle Teilnehmer transparent machen und eine kollektive Reflexion begünstigen, bei der die Lernenden zunächst selbst Antworten finden und erst zuletzt den/die „Fachmann/frau“ konsultieren.

  • Teilnehmerstimme J: „Letztes Mal, als ich auf Okinawa an der DaF-Werkstatt teilgenommen habe, wurde kein Gastprofessor eingeladen. Dabei haben viele Kolleginnen/Kollegen ununterbrochen ein Referat gehalten. Ich hätte beinahe den roten Faden verloren. Dieses Mal war mir das Zentralthema viel deutlicher. Denn Herr Prof. Martin hat den Workshop geleitet und die Initiative ergriffen. Ich fand es sinnvoll, dass wir uns auf das Thema ‚Lernen durch Lehren‘ konzentriert haben.“

Jean-Pol Martin, ein inspirierender Redner und Lehrer, stellte uns mit seinem großen Enthusiasmus Lösungsmöglichkeiten zur Motivierung von Studierenden bereit. Seine Versicherung, deutsche Schüler seien auch nicht viel anders als japanische, wären lustlos oder maulten, ließ uns etwas von unserer pessimistischen Haltung gegenüber der Motivierung japanischer Lerner abrücken, bei der wir viel zu schnell vergessen, dass lustvolles Lernen auch in Deutschland meist Utopie ist.

Von deutscher Seite wurde bedauert, dass die japanischen KollegInnen nicht oft zu Wort gekommen seien. Das war schade, denn ein zufriedenstellender LdL-Unterricht in Deutsch-Anfängergruppen ist ohne ausreichende japanische Sprachkenntnisse des Lehrenden kaum durchführbar, und daher bietet LdL besonders japanischen Muttersprachlern vielversprechende Aussichten. Doch klingt hier noch Skepsis an:

  • Teilnehmerstimme J: „Erstens: Es war schön, dass ich die Gelegenheit bekommen habe, viel auf Deutsch über das interessante Thema zu hören und zu sprechen, weil ich in Kyûshûu nicht so viele Chancen dazu habe. Deswegen war es für mich zugleich anstrengend, mich lange darauf zu konzentrieren. Zweitens: ‚LDL‘ ist mir ganz neu. Die Diskussion nach den drei Probeunterrichten war für mich sehr interessant. Warum ist Professor Martin so sicher, dass er keine Kontrolle vor dem Unterricht braucht?“

Dazu antwortete Herr Martin in einem Blog am 31.10.2006 (4: s. Link):

  • „Ich kann während des Unterrichts jederzeit intervenieren, je weniger ich über den Ablauf weiß, desto weniger besteht die Gefahr, dass ich die Schüler störe.“

Tatsächlich wurde die Übertragbarkeit von LdL auf Japan hinsichtlich der „Kontrolle“ des Lehrenden kontrovers beurteilt. Besonders für Lehrende, die im Unterricht weniger auf einen soliden, zukunftsgerichteten Spracherwerb hinarbeiten können, sondern häufig in überfüllten Klassen mit Studierenden konfrontiert sind, von denen nur ein kleiner Teil Deutsch über den einjährigen Wahlpflichtkurs hinaus lernt, stellt sich die Frage nach der praktischen Durchführbarkeit von LdL. Meiner eigenen mehrjährigen LdL-Erfahrung in Anfängerklassen mit jeweils bis zu 60 Teilnehmenden nach bewährt sich LdL, wenn die Studierenden, deren Lernstrategien seit ihrer Schulzeit nur auf das Bestehen der nächsten Prüfung ausgerichtet sind, in Gruppen zusammenarbeiten und intensiv vom Lehrenden beraten werden, damit sie Ideen für einen dem jeweiligen Thema angepassten, lerneraktivierenden Unterricht entwickeln können (5).

  • Teilnehmerstimme D: „Ich glaube nicht, dass LdL in Japan nicht funktioniert, im Gegenteil, ich denke, es ist der Weg aus der Misere und unbedingt notwendig für unsere Studierenden.“

Die Schlussdiskussion reflektierte die essenziellen Punkte des Seminars: (1) Wir haben Einblick in die Techniken von LdL und das Lehrerverhalten bekommen. (2) Es ist notwendig, die Methode LdL von der Person Jean-Pol Martin zu trennen, um frei mit ihr arbeiten zu können. (3) Die Botschaft beherzigen, den Optimismus zu bewahren, unsere Lerner nicht zu unterschätzen und verstärkt ihre Ressourcen zu nutzen. (4) Dabei jedoch die Methode LdL durch „Tatamisierung“ an das Lernerprofil anpassen. (5) Wir organisieren uns! Fazit: Wir richten ein Forum für den Austausch über LdL in Japan im Internet ein (6: schon geschehen, s. Link).
Wir hoffen, dass der Impuls, den uns Jean-Pol Martin durch die Vorstellung von LdL in Japan gegeben hat, den Unterricht nachhaltig bereichern kann, und dass es eine Zukunft für die DaF-Werkstatt gibt, ein Format, das sich zum Ziel gesetzt hat, deutschsprachige und japanische Lehrende in Westjapan zusammenzubringen, um gemeinsam an der praxisorientierten Weiterentwicklung des Deutschunterrichts zu arbeiten.

  • Teilnehmerstimme J: „Ich freue mich auf die 3. DaF-Werkstatt. Wann, wo und welches Thema? Ich bin schon gespannt und neugierig darauf. Auf jeden Fall wird die gute Atmosphäre des Workshops immer so bleiben. Das ist mir am wichtigsten. Sonst hätten wir keine Chance mehr, einen Meinungs- und Informationsaustausch zu machen.“

Anmerkungen:
1: Zusammenfassung der Vorträge und Tischausstellungen
2: http://de.wikiversity.org/
3: http://www.zum.de/wiki/index.php/Benutzer:Jeanpol/Fortbildungen/Materialien
4: http://www.zum.de/Foren/ldl/archiv/a627.html
5: Balmus, Petra 2005: Frontal oder autonom? – Neue Erfahrungen für Lehrende und Lernende durch Umkehrung der Rollen im DaF-Unterricht. Germanistische Studien (Nishinihon Doitsu Bungaku) 17 (Hg.: Japanische Gesellschaft für Germanistik – Westjapan). 45-57.
6: http://www.zum.de/wiki/index.php/Lernen_durch_Lehren/Fortbildung/DaF

Petra Balmus (mit Unterstützung deutscher und japanischer Teilnehmer), petbal(at)web.de

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2 Antworten

  1. […] Hier ein sehr ausführlicher bericht von einem workshop in kurume (japan) 2006. […]

  2. […] Umfangreicher Bericht über Workshop in Japan nach demselben Muster. […]

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