Ruhmraum und Raumruhm.

Resume Vor langer zeit habe ich angefangen, mich mit der frage zu befassen, warum menschen nach macht und ruhm streben, das aber nicht zugeben.

1. Ausgangspunkt

Im november 2008 beschrieb ich, dass politiker, unternehmer und auch kollegen an der universität zwar stets damit befasst waren, ihre macht zu vergrößern, dass sie dies aber nie zugaben. Sie behaupteten immer, sie seien NUR an der „sache“ interessiert, würden sogar nachteile in kauf nehmen, um der Stadt bzw den mitarbeitern oder den studenten zu dienen. Alle anderen würden zwar tatsächlich nach der puren macht streben, sie aber nicht. Den blogeintrag betitelte ich „Warnung vor selbstidealisierung„. Meine these war, dass macht und ruhm glückschancen eröffnen und man solle sich offen zu diesen zielen bekennen. Solange die gesellschaft vom ehrgeiz der besagten profitierte, sei alles in ordnung. Zu behaupten, man wolle weder macht noch ruhm sei entweder unredlich, oder noch schlimmer: naiv. Ab diesem zeitpunkt verkündete ich ungeniert, ich wolle berühmt werden. Wer mich kennt weiß, dass ich gerne begriffe benutze, die provozieren (oder eher „perturbieren“). Es prägt sich bei den zuhörer/lesern ein und mich belustigt die empörung und das befremden. Es bringt aufmerksamkeit und so kann ich die dahinter stehende theorie erläutern. So beispielsweise mit Christian Spannagel: Auch er war zunächst etwas irritiert, dann amüsiert.

2. Befriedigung des bedürfnisses nach informationsverarbeitung.

Wie ich in meinem blogeintrag von 2008 ausführte, hilft macht dazu, die meisten grundbedürfnisse zu befriedigen. Eines aber ganz besonders, nämlich das grundbedürfnis nach informationsverarbeitung. Letzteres habe ich – soweit ich den überblick habe – selbst „entdeckt“.  Menschen, vor allem aber ihr Gehirn, haben einen drang nach informationen. Sie wollen relevante, komplexe, dynamik fördernde, lebensentscheidende informationen verarbeiten. Das gehirn ist so konstruiert, dass es nach informationen lechzt. Macht und „ruhm“ bewirken, dass viele menschen den kontakt suchen und interessante informationen liefern, die bearbeitet werden müssen, meist auch zu konzeptualisierungen führen und der entsprechende prozess wird mit flow belohnt.

3. „Ruhmräume“ und die funktionsweise des gehirns.

Vor kurzem fiel mir auf, dass man eine analogie finden kann zwischen der struktur des gehirns und der art und weise, wie man sich in der welt peu à peu „ruhmräume“ eröffnet und miteinander verbindet. Wie die meisten menschen auch bin ich aktiv in diversen gruppierungen, in denen ich versuche mich verdient zu machen und – wenn es möglich ist – eine gewisse anerkennung zu erreichen. Das ist mir in meinem berufsleben im feld „schule/uni“ gelungen. Diesen bereich nenne ich den „ruhmraum bildung“. In ingolstadt bin ich in verschiedenen projekten involviert und jedes dieser projekte ist ein „ruhmraum“, der zunächst von den anderen getrennt ist. Es gibt den ruhmraum „philosophie im alter“, den ruhmraum „grüne“, den ruhmraum „disco“, usw… Diese ruhmräume liefern allerdings nur „raumruhm“. Will ich die einzelne ruhmräume zu einem einzigen großen vereinen, muss ich sie vernetzen. Das kann man sehr gut beispielsweise in facebook. Wenn es mir gelingt, die beiden ruhmräume „ingolstadt“ und „bildung“ zusammenzuführen, beispielsweise im rahmen eines Moocs, dann habe ich einen sehr umfangreichen ruhmraum, der au hohem niveau breit emergiert. Und mein übergeordnetes ziel ist: kampf der langeweile. In allen diesen räumen wird intensiv information verarbeitet und nach meiner definition glück generiert. Und nun zur struktur des gehirns: das nervensystem besteht aus neuronen, die sich zu neuronalen netzen verbinden, diese wiederum zu größeren ensembles usw… In jedem neuronenensemble entwickelt sich ein anliegen: das für die bauchschmerzen zuständige neuronenensemble (analog: ruhmraum „bauch“) versucht seine botschaft durchzusetzen. Der cortex, der mit vielen anderen aufgaben befasst ist, beachtet zunächst die botschaft „bauchschmerzen“ nicht. Erst durch viel aktivität und durch alliancen mit anderen ensembles im organismus gelingst es der neuronengruppe (verbindung von ruhmräumen) endlich die aufmerksamkeit des cortexes auf sich zu ziehen. Die bauchschmerzbotschaft wird, nach einem ausdruck von Daniel C. Dennet, „berühmt im hirn“.

Fazit: auch diesmal fand Christian Spannagel meine neue begriffliche schöpfung amüsant. Für mich hat sich diese „konzeptualisierung“ also gelohnt!:-)