LdL im SPIEGEL (2002):

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Guten Morgen liebe Zahlen (SPIEGEL 01.08.2002)

Wie also muss Unterricht aussehen, damit sich das Gehirn der Schüler möglichst effizient vernetzt? Ein Beispiel aus der niederbayerischen Provinz: Dort setzt Jean-Pol Martin seine pubertierenden Zöglinge von der ersten Französischstunde an einem Intensivkurs aus. Am Willibald-Gymnasium im katholischen Eichstätt verteilt der Franzose, der auch an der benachbarten Universität lehrt, erst einmal Zettel mit höflichen Floskeln: Merci, s“il vous plaît, c“est très gentil. „Die Voraussetzung für Lernen ist Höflichkeit und gegenseitiger Respekt“, erklärt Martin dazu. „Jeder möchte angenommen werden.“

Dann wird der Klassenraum zur Bühne, Lehrer Martin zum Schauspieler. Mal tönt er drohend laut, mal freundlich leise – doch immer französisch. Seine Hand fuhrwerkt dabei immer wieder im dunkel gelockten Haar. Das Publikum blickt anfangs unsicher, versteht kein Wort. Doch irgendwann begreift ein Schüler: Zweifelnd geht er nach vorn – und unterrichtet nun seinerseits, was er verstanden hat.

Von diesem Moment an sind die Rollen im Klassenraum neu verteilt: „Lernen durch Lehren“ heißt die Methode, bei der in jeder Stunde ein anderer Schüler den Lehrer vertritt. Martin verteilt am Anfang des Monats den Lehrstoff, er korrigiert schriftliche Arbeiten und überwacht den Unterricht. Den Rest erledigen die Schüler.

Theater, Puppenspiel, traditionelle Tafelschaubilder: Erlaubt ist alles, solange kein deutsches Wort fällt. Der Unterricht verläuft friedfertig wie ein Pilgertreffen. Keiner motzt, keiner mimt den Clown: „Wir wollen da vorn später schließlich auch nicht als Deppen stehen.“ „Die Schüler erfahren, dass sie auf andere Menschen angewiesen sind“, sagt der Lehrer. Gern vergleicht er seine Klasse mit einem Gehirn: „Die sollen lernen, ihr Wissen untereinander zu vernetzen. Nur so können sie sich einen Weg durchs Leben bahnen.“

Seine Schüler, allesamt keine Wunderkinder, finden das Lehrerspiel zwar reichlich vorbereitungsintensiv, doch sie werden für ihre Mühe belohnt: Nach nur 18 Monaten Unterricht stellten sie ihr Projekt während einer Klassenreise in der P rovence hundert französischen Lehrern vor. „Incroyable – unglaublich!“, staunten die, als sie Martins Klasse parlieren hörten.

Instinktsicher beherzigt Martin viele jener Empfehlungen, die sich auch aus den Erkenntnissen der Hirnforscher ergeben. „Wir haben keine Angst, Fehler zu machen“, sagt etwa der 16-jährige Severin. „Martin korrigiert uns wie nebenbei.“ Neurologisch betrachtet kann den Eichstätter Gymnasiasten nichts Besseres passieren: Reiten Pädagogen zu sehr auf Fehlern herum, festigen sich durch die Wiederholung manchmal genau die unerwünschten Synapsen-Verbindungen.

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2 Antworten

  1. Ich habe den ganzen Artikel im Spiegel gelesen. Es kommt selten vor, dass ich so lange Texte am Bildschirm lese.

    Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass wenn man mal anfängt, dir zuzuhören (aktuell Intervews Educamp 14) , sich auf deine Beiträge und Videos zu Themen wie Infoverarbeitung, Flow, Emergenz, Konzeptualisierung Glück und vielem mehr einzulassen , dann kommt man irgendwie nicht mehr zur „Ruhe“ und ich erinnere mich stets aufs neue an die Aussage von Kristina Lucius, dass man bei dir geistigen Sprengstoff findet. Ja, den findet man immer wieder neu, vorausgesetzt, man lässt die enthaltenen Informationen zu. Darum geht es mir hier.

    Educamp 2014, Intervew mit Christian Spannagel: Wie wird der Mensch glücklich….. Du nennst dabei Informationsverarbeitung als wichtige Voraussetzung, die Menschen glücklich macht rsp. machen kann. Da pflichte ich dir 100 Pro zu. „Informationsverarbeitung“ als Einstieg zu einem Prozess, der dann fast zwangsläufig eine Eigendynamik entwickeln muss: Infoverarbeitung – flow – Emergenz – Konzeptualisierung und dem, ich nenn es für mich „in diesem Prozess glücklich unterwegs sein“. Bei dem Begriff Inforverarbeitung bleib ich stets hängen. Für mich gibt es noch ein „Davor“, nämlich das „Zulassen von Information“.

    Wenn ich versuche dein Konzept auf unsere Gesellschaft zu übertragen, dann stell ich immer wieder fest, dass ganz viele Leute gar nicht an wichtigen und für alle von uns relevanten Informationen interessiert sind. Beispiel Klimaveränderung, Umweltverschmutzung u.a.m. Dabei ginge es ja nicht nur um das oft dargelegte Horroszenarium aus Boulevardpresse und TV. Oft werden sogar wichtige Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung aufgezeigt. Also hervorragende Informationen/Themen mit hervorragenden Inhalten. Diese erreichen einen Grossteil der Menschen aber gar nicht. Irgendwie hängt man ab, sobald es schwierig oder unbequem wird. In einer Schulklasse, in einer Gruppe, mit der du arbeitest, hast du eine Möglichkeit, die Leute zu erreichen, sie kommen zu deinen Kursen, weil sie Interesse haben. Schüler müssen wenigstens mal ein Examen machen 🙂 Aber das darf ja nicht der einzige Grund sein, sie zur Informationsverarbeitung zu animieren.

    Ich erinnere mich an meine Arbeit als Erziehungs- und Familienberaterin. Wir veranstalteten regelmässig kostenlose Abendkurse für Eltern von pubertierenden Jugendlichen. Den Kurs besucht haben Eltern, die sowieso grosse Fähigkeiten hatten zu reflektieren und sich auch ohne Kursbesuch mit dem Thema auseinander setzten. Im Fokus hatten wir jeweils aber genau die anderen, aber die kamen nicht. Na ja, damit muss man zurechtkommen.

    Deine Konzepte und LdL, liefern immer wieder guten Gesprächsstoff beim Zusammensein mit Freunden. Dafür hier wieder mal herzlichen Dank.

  2. Hat dies auf Rödigen bei Jena in Thüringen rebloggt und kommentierte:
    Leider weiss ich nicht so genau, wo das jetzt landet 🙂

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