Identitätskonstruktion. Mein lebenstheoretischer Ansatz im Jahre 1962:

Aus gegebenem Anlass (meine Enkelin hat mich gefragt, welche Idole ich als Jugendlicher hatte und ich bin auf folgenden Auszug aus meiner Biographie gestoßen):

Aus welchen Bausteinen setzten sich meine Wertorientierungen im Jahr 1962 zusammen? Die Grundstruktur war, wie für viele meiner Zeitgenossen, mittelalterlich und romantisch. Das Bild eines körperlich starken Helden, der Mut zeigt, Gefahren mit physischer Gewalt trotzt und ansonsten seine Belohnung in der Hingabe eines sehr hübschen Mädchen findet. Die Frauen selbst werden in zwei Gruppen eingeteilt: die bereits erwähnte „fille facile“ zum Vergnügen nach dem Kampf, mit der zynisch umgegangen wird, und die Schwester, Mutter oder künftige Frau, Verkörperungen der Reinheit. Dieser Held ahnt, dass es „höhere“ Ziele im Leben gibt, weiß aber nicht welche oder reduziert diese auf die Wahrung der Reinheit von Schwester, Mutter und Frau. Das nennt er seine Ehre. Roland, der Neffe von Karl dem Großen ist so einer, Westernhelden sind ebenfalls so gestrickt, Hauptfiguren von amerikanischen Krimis entsprechen diesem Muster, und tapfere Fallschirmjägeroffiziere ebenfalls (dass sie gekonnt folterten, wusste ich damals nicht, und das hätte mich wahrscheinlich nicht weiter gestört). Extrem einfache Sinnsysteme für extrem einfache Geister. Absolute Machos. Das war die Grundstruktur meines theoretischen Lebensansatzes damals. Aber nicht nur, und das macht die Sache komplizierter. Wie viele andere, vielleicht sogar mehr als andere, hatte ich mit fünfzehn angefangen, viel zu lesen, auch klassische und moderne Romane und Philosophen. Ich hatte mich in endlosen Gesprächen mit meinem Freund über seine jüdischen Wurzeln vertieft, mit meinem Vater redete ich über seine politischen Aktivitäten in der Jugend. Ich las auch umfangreiche Essays über Geschichte, Psychologie und Soziologie. All das war aber noch nicht virulent genug, um sich an der Oberfläche zu zeigen und sich auf der Ebene meiner Werte richtig durchzusetzen. Das war in tieferen Schichten abgelagert, es inkubierte und es sollten noch fast zehn Jahre vergehen, bis dieses Substrat aufgrund günstiger Umstände sich Bahn verschaffen und endgültig durchsetzen konnte. Bis dahin war es allerdings noch ein langer Weg.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: