Anita zu meiner Online-Vorlesung als Glücksquelle!:-)

Anita, am 13. Februar 2014 um 14:39 sagte: 

(…) Nebst all dem lese ich aber auch immer wieder deine Texte/Vorlesungen mit Hochgenuss. Begriffe wie „Inkubationszeit“ „Emergenz“ „Flow“ „Konzeptualisierung“ drängen sich immer wieder in mein Bewusstsein und werden laufend mit neuen Inhalten gefüllt. Auch das macht glücklich. Fast bin ich geneigt zu sagen, man braucht wenig um glücklich zu sein. Damit würde ich aber deine Arbeiten abwerten. Sie sind nämlich wirklich nicht „wenig“. (Was braucht man um glücklich zu sein war ja unlängst ein Thema in deinem Blog?).

Was Petra Kleine zu meiner Art sagt, Ingolstadt zu lesen.

Petra Kleine

Lieber Jean-Pol, warum ist deine Idee so interessant mal ganz unabhängig von der konkreten Nutzung des Georgianums), denn Geschichtsforschung gibt es in Ingolstadt ja wirklich gute und viele. ich denke, Du bietest eine Lesart an, ein Bild von Ingolstadt, das uns gefällt. natürlich haben sich auch andere damit befasst, wie Ingolstadt zu lese und zu erklären sein könnte, wie die Mentalität, der Spirit, die Identität der Stadt sein könnte. Es gab vor Jahre beim Kunstverein mal ein Stadtforum, mit tollen Leuten, die viel gedacht, hinterfragt, geforscht haben. Die haben Ingolstadt etwa so „gelesen“. – sehr verkürzt. Ingolstadt hat eine starke militärische Geschichte, es galt immer als besonders standhaft, wehrhaft. Es habe sehr lange Zeit kaum Bürgertum hier gegeben, doch viele hochrangige Militärs, die das kulturelle und gesellschaftliches Leben mit bestimmt hätten. Es gab wenig forsches Unternehmertum, wenig Expansion nach draußen, außerhalb der Stadtmauern – die Schanzer eben. IN war auch kein besonders starkes Handelszentrum. Kurz: viel nach innen entwickelt, Abwehr nach außen, vergleichsweise wenig Austausch an Handelsgütern (und Ideen). Denken der Einwohner entweder Handwerk und Dienstleistung für die Nahversorgung oder vom Militär geprägt. Dies ist eine Lesart, die sehr viel weniger innovativen Geist und Wissensdrang transportiert als DEIN Ingolstadt der Geisteswissenschaften und Forschung.
Beide IN-Bilder gibt es natürlich und sie sind in unserem kollektiven Gedächtnis präsent. Eine Frage ist, ist dieser kulturelle und wissenschaftlich Tatendrang und der Geist der Diskussion und harten Auseinandersetzung (mit Neudenkenden) mit der Landesuniversität verschwunden und wurde von der militärischen Tradition überlagert, oder wirken BEIDE heut in Ingolstadt. Kann es gelingen, durch Interpretation und Förderung (zB durch einen solchen Geschichtsraum im Stadtmuseum/Georgianum) auch diesen Geist der Argumentation und des Disputes, der Innovation mehr ins heutige IN zurückzuholen –
UND: wie gehen wir mit den schwierigen Seiten dieser wissenschaftlichen Hochzeit um? Ich kann mich erinnern, dass es ein IN-Geschichtsbuch-Projekt gab (vor etwa 10 J.): die Geschichte der Frauen. Ein Buch über Ingolstädterinnen, das von Frauen geschrieben wurde und rasend schnell vergriffen war. Darin auch Argula von Grumbach, eine gebildete Frau, die in IN für die Reformation gestritten hat und von den Universitären ignoriert wurde. Sie hat letztlich Beachtung erfahren, aber auch viel Leid ….

Georgianum: warum wir ein Haus der Geistesgeschichte brauchen.

Im Ingolstädter Wahlkampf wird von Veronika Peters, der Kandidatin der SPD und neben dem CSU-Kandidaten aussichtsreichste Bewerberin auf das Oberbürgermeisteramt der Stadtregierung vorgeworfen, sie vernachlässige die Seele der Stadt. Ein Blick ins Netz (Wikipedia) liefert folgendes Definitionselement zum Begriff „Seele“ „(…) Träger des Lebens eines Individuums und seiner durch die Zeit hindurch beständigen Identität“. Und in der Tat: wer Ingolstädter Bürger oder Besucher nach der Identität der Stadt fragt, erhält sofort die Antwort „Audi“! Ist Audi die Seele der Stadt? Wurde Ingolstadt im Dezember 1945 geboren, als das „Zentral Depot für Auto Union Ersatzteile“ gegründet wurde? Sind Ersatzteile der Ursprung unseres Denkens und Fühlens, unseres Sinnes für Kontinuität, Kohärenz und Sinn? Wenn nicht, wo können wir der Seele von Ingolstadt begegnen? Da und dort liest man Namen wie Apian oder Scheiner, Johannes Eck oder Ickstatt… Sind diese Leute, die offensichtlich bekannte Persönlichkeiten und Denker waren, erst nach 1945 hierher gezogen? Wo kann man sie treffen? Sich über sie informieren?  Um glücklich zu sein, brauchen Menschen bekanntlich materielle Güter wie Essen, Wohnung, Kleidung. Darüber hinaus soziale Kontakte. Sie müssen sich selbst verwirklichen können. Was sie aber vor allem brauchen, ist Sinn!  Als Ingolstädter Bürger schaffe ich mir natürlich meinen individuellen Sinn, zusammen mit meiner Familie. Aber ich lebe in einer Stadt. Auch die Stadt schafft, ob sie es weiß oder nicht, ob sie es will oder nicht, Sinn für ihre Bürger. Woher kommt Ingolstadt? Was ist Ingolstadt heute? Und wohin steuert Ingolstadt in der Zukunft?

Zur ersten Frage: woher kommt Ingolstadt? Wir brauchen einen Ort, der uns rasch, übersichtlich und dynamisierend eine Antwort liefert. Die Denker, die hier gelebt haben, waren Optimisten, Abenteurer des Geistes, Abenteurer überhaupt (unsere Jesuiten waren hochgeachtete Berater am Hof des Kaisers in Peking). Wo kann ich diese Denker treffen? Wo kann ich mich von ihnen inspirieren, anregen, motivieren lassen?

Wir brauchen einen Ort, und dieser Ort muss das Georgianum sein!