Ansprache: gegen das Kongresshotel!

Diese Ansprache werde ich am Freitag, den 6. September auf dem Rathausplatz halten.

Mein Name ist Jean-Pol Martin.

Ich rede hier als Bürger der Stadt, ohne Amt und lediglich ausgestattet – wie ich hoffe – mit gesundem Menschenverstand.

Jede Stadt versucht, ihre Wichtigkeit historisch zu belegen und alle glanzvollen Zeugnisse der Vergangenheit prominent zu plazieren. Es ist nun mal so, dass Ingolstadt in Deutschland und teilweise auch in Europa eine intellektuell hevorgehobene Rolle gespielt hat.

1472 wurde in Ingolstadt die erste Bayerische Universität gegründet. Sie zählte  zusammen mit Wien und Prag zu den bedeutendsten Universitäten im deutschsprachigen Raum. Bis 1800, also 328 Jahre lang blieb sie die einzige Universität in Bayern. Der intellektuelle Einfluss unserer Stadt in Deutschland und Europa lässt sich kaum angemessen würdigen.

Sie war zunächst ein Zentrum des Humanismus, dann der Gegenreformation und später der Aufklärung. Sie hat also die drei zentralen geistigen Strömungen in der Geschichte Europas entscheidend mitgeprägt:  Es war Fortschritt durch Innovation!

Wo in unserer Stadt ist dies ablesbar?

Die Identifikation der Bürger mit einer Stadt wird dadurch gefördert, dass Zeugnisse der Vergangenheit an exponierten Orten präsentiert werden.

Wer kennt Conrad Celtis? Wo steht ein Standbild dieses Gelehrten, der maßgeblich an der Verbreitung des Humanismus  beteiligt war?

Wo steht ein Standbild von Johannes Eck, den ich persönlich gar nicht mag, aber der als Speerspitze der Gegenreformation Luther hart bekämpfte und von ihm als „die Sau von Ingolstadt“ tituliert wurde?

Aber ich bin guter Dinge. Das Phänomen wurde erkannt und viele Zeugnisse der Vergangenheit werden renoviert und präsentiert, beispielsweise die Statue des Grafen von Solms am Kavalier Hepp.

Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Ingolstädter Geschichte ist das Schloss. Erst als Ingolstadt zur Hauptstadt eines selbständigen Staates wurde, waren die Herzöge bestrebt,  die Stadt entsprechend repräsentativ zu gestalten. Es musste ein tolles Schloss her. Damals das tollste in Bayern.  Es musste auch eine tolle Kirche her – das Münster – damit Menschen für das Heil des Herzogs beten konnten. Für die Betbrüder wurde das Pfründnerhaus gebaut. Kurz danach,  wurde in diesem Gebäude die Universität eingerichtet.

Und die ganze Wissenschaftsgechichte nahm ihren Lauf.  Bis 1800.

Eine zeitlang herrschte das Militär hier in Ingolstadt und die glänzende Vergangenheit geriet aus dem Blick.

Heute aber, mit dem Einzug der Hochschulen besinnt man sich wieder auf die eigentliche Mission unserer Stadt: Wissenschaft und Innovation.

Und dank der renovierten Altstadt, der Donau und der vielen Grünflächen, widmet man sich auch der Schönheit.

Was das Gießereigelände angeht:

Die Geschichte findet man in Gestalt des Kavalier Dallwigk, der gebaut wurde, als Ingolstadt unter Ludwig dem I.  wieder zur Landesfestung wurde. Dieses Gebäude erhält durch die Aufnahme des Donaumuseums eine kulturelle Aufgabe.

Die Geschichte findet man auch in Gestalt der Gießereihalle,  die an das Industriezeitalter  Ende des 19. Jahrhunderts erinnert. Auch sie erhält eine kulturelle Bestimmung als Museum für Konkrete Kunst.

Die Geschichte schließlich weist den Weg in die Zukunft, indem die wissenschaftliche Tradition aufgegriffen wird und Universität und Hochschule rasant ausgebaut werden.

Alle Gebäude kommen aber nur zur Geltung, wenn sie sichtbar werden. Dazu brauchen sie um sich herum ausreichend freie Flächen. Es werden Tausende Studenten und Dozenten und Hunderte von Museumsbesuchern und Bürgern auf diesem Areal verkehren. Sie wollen Kultur und Schönheit  genießen.

Das bedeutet freier Blick: auf die Gebäude innerhalb des Areals, auf die Donau, auf den Klenzepark und auf das Schloss.

Wo soll noch Platz für ein Kongresszentrum und ein Hotel übrig bleiben?

Und wer hat schon Lust, sich abgeschnitten von  Grün, Licht und Weite in einem Labyrinth von Bauten zu bewegen?

Unsere Geschichte, unsere Stadt haben das nicht verdient!

2 Antworten

  1. […] b) Ansprache gegen das Kongresshotel […]

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