Es gibt ein Leben nach dem Tod.

Resume Selbst Menschen, die an keiner Transzendenz orientiert sind, wünschen, dass sie nach dem Tod in der Erinnerung ihrer Mitmenschen bleiben. Dabei könnte es ihnen gleichgültig sein, denn sie existieren dann nicht mehr. Woher kommt dieser Wunsch nach Präsenz über den Tod hinaus?

1. Der Blick des Anderen

Vorweg: meine Ausführungen stützen sich nicht auf tiefenpsychologische oder psychoanalytische Texte. Sie entsprechen dem gesunden Menschenverstand. Ausgelöst wurden sie durch einen Blogeintrag von Christian Spannagel.

Unsere Identität entwickeln wir in permanenter Einbeziehung des Anderen. Wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen und an der Konstruktion unseres aktuellen und künftigen Ichs arbeiten, brauchen wir als Korrektiv zu unserer Subjektperspektive eine Aussensicht. Das beschreibt auch Hegel in seinem Stufenmodells des „An-Sich-Seins“ (der Geist steht außerhalb von Raum und Zeit), „Anders-Seins“ (der Geist begibt sich in die Welt) und schließlich „An-und-für-Sich-Seins“ (der Geist kehrt zurück unter Integration seiner Erfahrung in der Welt).  Wie dem auch sei: von der Geburt an wird die Außenperspektive zur Ich-Konstruktion herangezogen. Besonders im Hinblick auf die Gestaltung der eigenen Zukunft ist der Blick des Anderen wichtig. Wenn ich dies und jenes tue, wie werden die anderen reagieren?

2. Ich-Kohärenz und Lebenserhaltung

Ist diese Konstruktion, Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Identität so wichtig? Das Ich ist das Instrument, mit dem wir unsere aktuellen und künftigen Handlungen koordinieren. Wir haben ein grosses Interesse daran, dass dieses Ich stabil und kohärent bleibt, damit wir zuverlässig die nächsten Schritte in unserem Leben planen können. Das ist eine Frage der Lebenserhaltung.  Und der Blick des Anderen ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität selbst. Wir haben ihn sosehr verinnerlicht, dass wir gar nicht mehr daran denken, dass es so ist. Wenn wir uns beispielsweise in der Früh waschen und anziehen, ist uns nicht klar, dass bereits in diesen ersten Schritten die anderen gemeint sind. Ich suche mir eine Hose aus dem Schrank nicht für mich sondern für die Anderen. Der Blick der Anderen ist also ein konstitutiver Teil meiner Identität.

3. Der Blick der Anderen existiert unabhängig von meiner Existenz

Der Blick der Anderen ist nicht nur konstitutiver Teil meiner Identität sondern er ist gleichzeitig exteriorisiert. Er existiert, auch wenn ich nicht da bin. Ich habe ein großes Interesse daran, dass dieser exteriorisierte Teil meiner Identität positiv und stabil bleibt, denn er sichert mein eigenes Bestehen. Wenn man das Ich aufteilt in Vergangenheit-Ich, Gegenwart-Ich und Zukunft-Ich, dann gilt unsere ganze Anstrengung der Gestaltung des Zukunft-Ichs. Das ist auch der Grund, warum die Konzeptualisierung eine so große Rolle in unserem Leben spielt. Und selbstverständlich ist der Blick des Anderen auch in der Zukunft von größter Bedeutung. Der Wunsch, auch nach dem Tod in der Erinnerung der Anderen zu bleiben, entpricht also dem Bedürfnis, im Sinne der Lebenserhaltung den Teil unserer Identität zu retten, der eine so wichtige Rolle in unserem Leben gespielt hat, der verinnerlichte Blick des Anderen.  Und da man gerne in positiver Erinnerung bleibt, freut man sich, wenn man berühmt ist (vgl. Spannagels Blogeintrag!:-))

Fazit Es kann uns auch als nicht transzendental Orientierte nicht gleichgültig sein, welches Bild wir nach dem Tod hinterlassen…